Die irdische Unsterblichkeit: Roman
Part 4
Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner, sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete es falsch.
Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter.
Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der Heimat sein, und dann --
Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und traf mich mitten auf die Brust.
Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme; rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses Bündel, über einem fremden Sattel lag.
Gott hatte mich ganz verlassen.
Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke, in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen; aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am schwersten zu ertragen ist.
Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien den Kampf völlig aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte, belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem pochte mein abendländisch Herz höher.
Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden, auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute.
Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten Sinne zu beschäftigen und abzulenken.
In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener, schöner Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu meinem höchsten Erstaunen auf deutsch:
»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«
»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!«
Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen bleiben.
Immer noch stand der Emir da und hatte eine Frage auf der Zunge. Endlich hielt es ihn nicht:
»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher Verlegenheit. »Warum fiel mein Speer aus deiner Brust?«
Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das Kettenhemd war zerlöchert und zerschlissen, ich konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, die Münze meines Bruders und errötete bis unter das Haar.
»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.
Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das verbeulte Blech und sprengte an die Spitze seines Zuges. Wir ritten.
Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen Höhen niederreichen und mein Herz berühren, fühlte ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in die Heimat gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und jener armen Mutter, die eine Sommernacht lang meines Vaters Spiel gewesen.
Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen mir in den Bart.
Zweites Buch
Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene Lauben, sangen bunte Vögel -- Wirklichkeit war auf einmal der nie erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte Brot, Lager, Himmel, Sonne.
Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die Sarazenenküche widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen, was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen.
Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes Bild.
»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin deine Striemen betten. Der Herr -- Allah erhalte ihn uns! -- schwang die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« -- er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene Fenster niemals geöffnet wurden -- »da wimmelte ein Ameisenhaufe von Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken Gazelle.«
Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte ergreifend das entvölkerte Lusthaus.
»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort, die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz wie Tau in der Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel, in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen brannten alles klar.«
Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes leuchteten ihre Augen auf mich nieder.
»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine Ausnahme.«
»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn --«
»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«
Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war nichts als Erinnerung.
»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«
Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.
Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte. Und dennoch -- tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.
In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut -- es waren über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.
Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.
Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut! Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren die verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit herannahen -- Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings -- jedoch er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken, leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur die Heidensprache süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung zeigte ihre Herkunft an.
Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern. Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen, daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, indes ich verdurstete.
Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken, hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau -- eine Blütenhochzeit voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder vergessen.
In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder.
Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu, die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als hielte Gott den Atem an. Die Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht, daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang. Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug die Arme um den Hals der Bestie, so mächtig meine Kräfte waren. Es war ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke. Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen, Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb von Sinnen:
»Das Kind! Wo ist das Kind?«
Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet.
»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Der Arzt des Emirs war um mich bemüht, wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es zu drücken.
»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte ihn noch einmal wie aus Fernen:
»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder --«
Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt; Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer waren vom Verband fest aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen fragenden Blick.
»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du verdienst es wahrlich.«
Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand mich sogleich.
»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken, sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert den ganzen Tag von ihrem Riesen.«
Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches Leben aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen -- ach, nur ein Ave lang!
Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen, über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich, den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen, wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte.
Dann endlich kam der siebente Tag.
»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise lächelte verstehend.
»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden es gestatten.«
Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und deutete ihm, den Spiegel zu reichen.
Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.
»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«
Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:
»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«