Die irdische Unsterblichkeit: Roman

Part 3

Chapter 33,736 wordsPublic domain

Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an dem Holze, die Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein, den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger Löwentaler, die zarten Hügel der Brust -- ich ermattete mich mit Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann. Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens. Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte nachlassen.

Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich noch einmal auf, die Blicke flackerten über die Wogen -- ein Segel, seltsam geformt, ein Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es, packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst.

Die Sinne fielen von mir ab.

Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen und versank sogleich in tiefen Schlummer.

Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens, ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir bald: er war der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte, ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er schüttelte verzagt den weißen Kopf.

»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar --« er verschluckte einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust.

»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«

Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben.

»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher Wille. Aber zu dir --«

»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig; ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.«

»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. Du fiebertest und nanntest den Herrn von der Wilze; da erst riefen sie mich. -- Was willst du nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, Freunde, Ordensbrüder? Hier heißt alles Geld, mein Freund, das Heilige Land ist ein einziger Marktplatz.«

»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte am heiligen Grabe zu beten und die Verwundeten zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«

Der von Burgberg seufzte.

»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos im Lande, zu Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? Die Kämpfe ruhen ja! Unsere Führer feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um das Land ziehen, wie den Strick um den Hals eines Schächers.«

Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte sich vor Zorn.

»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, so wollt ich schwören, die Herren und Fürsten verrieten uns an die Heiden. Nur die Narrheit oder der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland -- aber was soll dich das bekümmern! Du bist ja wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können auch Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht gerade gern, denn ich hasse diese verlogene Zunge, darin die Templer ihre Meineide tun. Will dir was sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; beim Hospital, beim Handwerk, in den Wein- und Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen, bloß das Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so tätig. Kannst mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, wenn ihm mit der Hand statt nur mit dem Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von euch Geschorenen in der Welt umher und stehlen ihre Tage. -- Laß dir Zeit mit der Antwort, ruhe, wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, und dann sag mir frei deine Meinung.«

Damit ließ mich der wackere Mann allein, und die Langeweile besuchte mich sicherlich nicht, so voll war mir Kopf und Herz.

Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten war ich jordanaufwärts nach den Besitzungen des Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias unterwegs. Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne anderen Lohn als die tägliche Notdurft; ich konnte gehen, wann ich wollte. Meine Seele schrie nach Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum letzten Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte das Blut in meinen Adern ausgetrocknet. Nichts gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte, da Sein Fuß gewandelt -- aber ach, wo wäre der Mund, der heute die Wechsler und Händler aus seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer Schwindel, schachern Juden, Heiden, Christen in widerlichem Wettbewerb um das, was ihnen die Krone des Lebens heißt: Gold.

Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte nicht beichten, konnte kaum beten. Wie sollte mich ein Menschenwort vom Fluche lösen? Zweifel, schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich von der heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, aber er überflutete und brach die alten Formen und fand kein neues Gefäß, rein und köstlich genug, ihn zu bergen.

In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit wahr, den Menschen fern zu sein. Den Menschen und den Häusern, denn mir schien, es knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den mächtigen Mauern der Kirchen; das Gespenst des Untergangs schritt mit der Frechheit des Lasters dreist und offenbar über die Gassen.

Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte ich, ohne meine Sünden gegen die der anderen abzuwägen. Mir, dem Beichtiger, waren auf dem lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht vor einem unbefangenen Richter teuflischer und gemeiner als meine Tat galten; nicht vor mir. Ich konnte niemanden fürder verdammen.

Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, das Blühen und Wachsen der stummen Geschöpfe, die in meiner Obhut waren, erfüllte mich mit bescheidenem Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die Kette der täglichen Wassereimer über das unersättliche Land und empfand einen demütigen Zwang, Besseres zu leisten als meine Gesellen.

Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen galt, ohne daß es mir damals zum Bewußtsein kam, als hochmütig. Indessen habe ich gelernt, daß die Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht liebt. Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß sie meine Heimat berührt hatten, zeigte ich mich lebendiger und forschte sie vorsichtig nach dem und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes wußte. Als jedoch Saladin stärker gegen das morsche Königreich Jerusalem zu rennen begann und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft wieder kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine Botschaft des Glücks und der Verzweiflung zugleich.

Ich war in meinem Rosengarten -- eine leichte, duftende Freude neben meinen Pflichten -- und versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich ein sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, saftigrote Knospe war eben aufgesprungen und duftete süß und hingegeben in den laulichen Tag. Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister Otfried näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte eine fröhliche Runde französischer Herren meinen Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich die neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und berochen, und einer der Herren sagte mit Lachen:

»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße Blumenkind: nennt sie Aleit von Claraforte.«

Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte mich, suchte mit irrenden Fingern, mußte endlich blutübergossen emportauchen.

»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner Seel!« plauderte der Ritter unbefangen weiter. »Aber leider hat sie für niemanden anders Augen als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog ist ein wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, Mannestum.«

»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich tonlos, fessellosen Zorn im Herzen, und mich selbst zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich niemals viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«

Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes Wesen konnte ihm nicht entgehen. Die anderen hatten des gottlob weniger acht, sie standen bereits entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. Der Ritter erwiderte schier achtlos:

»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt Ihr den Herzog und sein Weib? Wann saht Ihr sie zuletzt?«

Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer mußte ich mich beherrschen! Und noch in diesem Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.

»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr denn zwei Jahren zog ich an Claraforte vorüber in dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat -- die meint Ihr doch? -- durch einen üblen Fall zu Tode gekommen. Der Herzog aber -- doch, Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten -- er hieß der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur die Hälfte alles dessen, was sie ihm nachredeten, wahr ist, so wird sich Satan für diesen Namensbruder bedanken.«

Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen Fant; mich ärgerte die Kunde, ich hielt nicht anders, als daß mein Stellvertreter eine neue Heirat getan haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.

Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd mit der Braue; jetzt wandte er sich gelangweilt ab.

»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich sah Aleit von Montgerrat, mit dem Herzog und ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in Paris -- ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken Schlaf ein feuriges Mal wie von einer Narbe. Und Herzog Robert -- mag er gewesen sein wie immer -- heut ist er einer der vornehmsten und besten Ritter der Christenheit. -- Was ist Euch? Ihr solltet Euch nicht barhäuptig dieser verruchten Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht: die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«

Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen, wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut.

Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln, nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid -- alle dunklen Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seine hervorquellenden Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte -- dieweil mein eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.

Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! Ein Kind war da, ein Erbe -- ein Wählingerblut! Ein Bastard vom Bastard -- Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen Leidenschaft -- oder -- oder wissend und vom guten Tausch beseligt?

Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich, du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit Kebsen und Dirnen, getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug -- zum -- wie sagte der Franzose? -- zum vornehmsten Ritter der Christenheit. Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz.

Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht. Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem heimatlichen Herde liefen.

Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten Lande an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg.

Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu sich und sprach mit hellen Augen:

»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod, und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin stößt auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten dich deine Rosen?«

»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die Seinen auch ohne mich.«

Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an, eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.

Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem Hochsitz und schlug mir auf die Schulter:

»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! Und recht hat er, wenn er einen eisernen Wedel begehrt, das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt in mein Gefolge, Mann!«

Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried vor mir und sah mir tief in die Augen.

»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er leise, »wie dürften wir Gott einen solchen Arm entziehen! Setz dich her, wir vermißten dich schon eine Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um die Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die Sterne. Möchte so auch der Halbmond tun!«

Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen Becher voll feurigen Griechenweins. Ich stürzte ihn, ohne abzusetzen, gierig nach Betäubung.

Otfried sah mich verwundert forschend an, mit dem Finger drohend:

»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes Mönchswesen beiseit. Nie hab ich dich über dem Wein gesehen, und jetzt beschämst du die tapfersten Schläuche.«

»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag spottend ein, »die schöne Frau Aleit!« Und wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, du Elefant! Wart lieber auf Saladins braunes Geziefer, da passen gleich drei Hälse zugleich in deine Klaue.«

Ich schob den Becher schroff zurück und verließ den Raum, wollte allein sein, keine fröhlichen Reden hören, keine lachenden Augen sehen. Ins Schlafgemach ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen eine Decke, wickelte mich ein und legte mich hinter die Gebäude in einen sturmgeschützten Winkel, dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie ein Bachgemurmel drang.

Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen Tiefen auf, Krieg, Schwert und Harnisch verwischten die bunttobenden Leidenschaften zu einem grauen Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte mich sonder Wollen und Wissen in Schlummer.

Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein zerbeulter Helm, ein rostiges Kettenhemd; aber das Schwert war vortrefflich: ein Zweihänder vom alten Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner schwingen mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack geschnürt, die Mönchspapiere trug ich im Beutel auf der Brust, wer weiß, wozu; ich konnte nur noch arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte nach der Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige Land, das Heilige Grab -- es waren bunte Bilder am Wege meiner Rache.

Wir zogen -- ein stattlicher Haufe -- dem Hauptheere zu, schier stündlich vergrößert durch Zuwachs von flüchtendem Landvolk, Christen und auch Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr noch als das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer Herr war, wenigstens was das Leben anging. Saladin preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in den Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen lebten, sahen keinen großen Unterschied und begeisterten sich nicht einseitig. Es waren nicht die Besten.

Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem Riesenstrom gegen die Küste, Karren, Reiter, Fußvolk mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager von Askalon wurden die Böcke von den Schafen geschieden, die Krieger sammelten sich und zogen auf das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, die fiebrige Stille vor dem Sturm begann ihre Folter.

Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im Lager gesucht; jetzt stieß er unversehens zu uns, trotz seines weißen Haares kampfbereit und aufrecht im Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch unter dem Helm, lachte und bot mir vom Pferde die Hand; keiner von uns ahnte, wie bald wir die Rollen tauschen würden.

»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese braunen Teufel austreiben wirst? Heuer kommen die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah ich die Plänkler über den Hügeln und -- horch! Was blasen die Hörner?«

Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln, ein freudiger Schein glitt über sein vergrämtes, gutes Gesicht; kaum daß er Zeit fand, mir zuzunicken, und fort sprengte er in die Reihen der Deutschen Brüder.

Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich -- Angst? Nein, nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung. Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer weiter abgedrängt, zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen Tod.

Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich, mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt. Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte:

»Sieg!«

Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in rasender Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat, Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des Rittes und dachte an keine Müdigkeit.