Die irdische Unsterblichkeit: Roman
Part 2
»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, und nicht den Einzelnen. Wir müssen alle füreinander büßen, wir werden alle füreinander begnadigt. Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die dich trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern für dich im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott zerreiße die Kette des Geschlechts, die er selber geschmiedet, um ein einzelnes Glied zu verfluchen oder zu segnen?«
»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich beschämt.
Er antwortete schlicht:
»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein, ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider, und wärest du am Rande der Welt.«
»Nimmermehr!«
Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch in seinem Herzen, welche Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte. Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder durch das Leben getaumelt.
»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.
Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu:
»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«
Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus der Tasche und hing sie mir um den Hals.
»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt. Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg. Die Rehkeulen sind im Ränzel, ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in Frieden, Bruder!«
Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres, das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.
Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit mir ins Elend.
Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren, eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut, Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte. Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt, den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde nach; das war all meine karge Freude -- ich kann sie nicht bereuen.
Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen, unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt, die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm, die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe -- Gottes Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen, Menschenangst, Menschenhaß.
Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen.
Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als ob _ein_ Wille uns beherrschte, sahen -- und erstaunten nicht. Die Luft zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen.
Und ich warf sie -- Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln. Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu betrachten, vielleicht -- nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit, Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein Mönch, ein Pilgrim nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und höllischen Flammen in der Brust.
Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust, golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet und geliebt. Der Hafen -- ich wußte nicht einmal, welcher -- war ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf unendlichen Pfaden.
In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt -- Pilger, Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern -- falschen und echten -- ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und Nichtstuern.
Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden, aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden, Templerorden -- alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege. Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, der mit grausiger Offenheit betrieben wurde.
Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und Blühen, fern der wogende Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war -- wie lange dünkte mich diese Zeit vorüber! -- hatten mich die Nöte meines Volkes nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte. Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck verschafften.
Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender Hand begabte, wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her.
Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen. Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das Ziel.
Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle erreichte ich Amalfi, das wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab, mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich Gewand, das zu arbeiten begehrte.
»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior gibt dir, wessen du bedarfst.«
Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen, der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein Boot von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte.
Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die Heimat? -- Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.
Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch, blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen. Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und neigte still den Kopf.
Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt, diese Frau niemals gesehen zu haben, ich dachte nicht eines Herzschlags Länge daran, jene hätte mich als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich den Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen und harrte unruhig, wenn auch ohne Furcht.
Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, vielleicht glaubte er ihr Gemüt vom Abschied verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte leise auf deutsch:
»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«
Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein Marmorbild stand ihr Antlitz in dem nächtigen Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme in der Luft:
»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen Lande?«
Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der Ritter sah verwundert zu mir her und lächelte wohlwollend, möglich, daß er sich von meinem Aussehen keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich recht daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes Bild, als tauche ein Meeresungeheuer aus dem Hafengrund.
»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen, ich bin ein Pilger und walle zum Heiligen Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott allein, denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«
»Ihr seid geistlich -- geweihter Priester?«
»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen Mundes, indes mir das Herz schier die Rippen zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen ihren Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.
Der Ritter nahm das Gespräch auf:
»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein Normanne. Wes Landes seid Ihr?«
»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. Das Abendland ist mir geläufig auf deutsch, französisch und sächsisch. Auch Italienisch lernte ich und schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, Herr, vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten sein. Lohns begehr ich nicht, aber Fahrt und Pflege müßt Ihr zahlen.«
Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, nahm mein leeres Beutelchen aus der Kutte und wendete es um -- ach, ein vergessener Pfennig fiel heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in das Wasser.
»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein des Armen opfere ich den Meeresgöttern, daß sie uns sanft tun.«
Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz aber ward von einer noch tieferen Blässe überzogen, und eine Träne hing an der blonden Wimper.
»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn plötzlich gellten von der Kogge drei Pfiffe, »es ist kein Priester an Bord, und mein Gemahl -- in den Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«
Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes Braue -- ich stand an Deck eines Schiffes, das ruhvoll mit geschwellten Segeln durch die Sternennacht glitt, dem heiligen Ziele zu.
Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler, denen die Heimat, Abenteurer, denen die Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter, Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren aus dem Norden, die mit kalten, gleichgültigen Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten Stirnen Zahlen und Warenballen von einem Ende der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß ich nicht als Herzog reiste -- die Kogge wäre mein gewesen, erfüllt von bechernden Mannen, und nichts wäre geändert, als daß meine Tafel und meine Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah ich Wunder, wohin mein Auge traf.
Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, Beichte hören. Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß ich Gott lästerte, indem ich das selbstgebackene Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello in sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine Furcht, von den Menschen entdeckt, entlarvt, verworfen zu werden. Aber sie knieten alle andächtig um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet am heiligen Wort.
_War_ es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es mir künden. Einen wußte ich, der gläubig war und voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes sündiges Herz.
Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner niedersächsischen Heimat fortgetrieben hatte, erfuhr ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren gelobt und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand mitunter bei mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften in Deutschland, dem verbissenen Ehrgeiz Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein Bruder wurde.
Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter Stimme hinzu:
»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes ein wenig acht; sie hat die Gabe des Fernsehens und quält sich in zweckloser Trauer.«
Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich allein, mit streitendem Gemüt. Beim Nachdenken fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir absichtsvoll entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend und fast erschrocken auf mich richtete. Was ich von ihr wußte, war, daß sie bestimmt niemals meinen Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte verbarg sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir eine dunkle Scheu ein, ich konnte sie nicht bezwingen, als ginge ein Teil ihrer Kümmernis mich selber an.
Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns der Küste von Jerusalem, als der Wind mit einmal schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos in der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der Nacht zu, aber in der Ferne des Himmels hockte ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern einem Rachen mit glühenden, drohenden Zähnen glich.
Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem Munde am Bugspriet und starrte auf die unheimliche Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei, an den Planken klebte und einen unerträglichen Modergeruch ausströmte.
»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« versuchte ich ihn leichten Tons, »mich deucht, ein Wetter kommt herauf.«
»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte sein Gesicht fürchterlich. Er zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, der Schweiß rann ihm über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich mißtrauisch um und packte mich bei der Kutte. Heiser stieß er aus der Kehle:
»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei Vaterunser, und diese guten Bretter stehen mehr als je in Gottes Hand.«
Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes Gesicht wurde hart vor dem nahenden Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine Leute.
»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut. »Weg mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist!«
Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte, drangen gequälte Schreie, unwillig stemmten sich die Leute gegen den Befehl.
»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle geht los, ihr Narren! Wählt, ihr Esel, ob ihr schwitzen oder versaufen wollt!«
Das Deck ward leer, an den Kajüten standen noch einige Kaufherren und zeichneten auf einer Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand am Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des Schiffsherrn, mehr aus Neubegier zu dem Kommenden, denn aus Abneigung gegen den menschenüberfüllten Raum.
Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu werden, aus dem fernen Rachen brach plötzlich eine ungeheure Zunge schräg über den schwülen Himmel, ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß die Kogge wie einen Federball auf schwarzem Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß sie wieder in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen Fugen stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem brodelnden Kessel von Gischt und Schaum und flog wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende Nacht. Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten über die Borde und übertönten das ohnmächtige Wimmern unter den Luken.
Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft mit Seilen an die Masten und an das Ruder gebunden, den barhäuptigen Patron wie den Erzengel des Gerichts über das Heck ragen und nach vorn starren. Auf Menschenstärke war bei diesem Wirbel der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir dem Verderben preisgegeben.
Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich mich an den Borden halten können, ohne ein Seil zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja, dies Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord nicht achtete, schön in seinen unvergleichlichen Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben in Schicksale und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen, vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung, als habe mein Herz gejubelt, und ich glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute, bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist in meiner Brust, wenn die Kronen meiner Wälder im Sturmwind brausen und dröhnen, als -- ja, als ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das donnernde Gewölk.
Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der flammenden Peitsche des Gewitters mit ihrem zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der Himmel meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, das Schiff schien nur Tote zu fahren. Die beiden Masten waren längst über Bord gefegt, zehn, zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue von einer Sturzsee erfaßt wurden, trieben irgendwo in der Nacht.
Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein Stoß, als stießen wir auf Fels, das Schiff barst langsam mitten auseinander, geisterhafte Menschen wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf Deck zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren Blicken über steile Wände in die See, ein einziger Schrei quoll aus der sterbenden Kogge. Ich sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die Finsternis gleiten, mit einem jagenden Gedanken stürzte ich dem Holze nach in den Höllenstrudel. Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende Stöße warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum und hing und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos vor Glück über Todesgründe. Und plötzlich ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine Welle schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen Kopf der Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch über Wasser und bettete ihn auf den Baum.
Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz in einem fort, Gott will mich nicht verlassen!
Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die schlankem kräftigen Formen traten klar hervor.
Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten der lübischen Kogge.