Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö
Chapter 9
Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.
-- Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.
Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß aufhob.
-- Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem Rockschoß.
-- Was leckt? fragten alle auf einmal.
-- Das Teerfaß!
-- Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen Bewegungen des Bootes folgte.
-- Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um!
Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam. Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm eine Maulschelle, daß er niederstürzte.
Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn.
-- Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du nicht, daß man im Boot still sitzen muß?
Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom Rockkragen.
-- Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen.
-- Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ...
-- Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt getroffen; sonst antworte ich!
-- Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod.
-- Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett, der gut ist auf frischem.
Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an; in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström, der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen lassen.
Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte.
* * * * *
Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte, nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte Kaffee.
Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht.
Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete; fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte.
Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte, wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich.
Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren.
Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs zwischen die Kobben hindurch.
Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen, und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen. Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste, Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.
Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende Eiderente zu packen.
Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre Norsten an Land.
Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen; auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.
Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte.
Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut, in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch, einen Dreifuß zum Sitzen.
Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam, holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt. Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine Pfeife.
Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die aus Steinen und Reisig gebaut war.
Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen, aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.
Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo niemand ihn sah, niemand ihn hörte.
Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.
Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah, wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter.
Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins Boot sprangen.
Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst, daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam.
-- Bist du's? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.
-- Nein, Sie sind's, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie allein draußen?
-- Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?
-- Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.
-- Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen?
Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte; zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.
-- Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um sie, so bloßgestellt zu werden?
-- Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht erben, solange er darauf sitzt.
-- Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls mitmachen!
-- Daraus wird nichts, da ich's mir einmal in den Kopf gesetzt habe, versicherte Gustav.
Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen Hering zu essen.
-- Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du, meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts.
Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck. Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern.
Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier zu suchen.
Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.
Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen.
-- Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor, der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte.
Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man schlafen.
Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu entgehen.
-- Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst du, Gustav?
-- Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber womit soll man sich die Zeit vertreiben?
-- Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir eine Mariage machen. Du hast wohl keins?
-- Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas abgegriffen war.
Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an. Bald tanzten die Karten.
Die Stunden vergingen.
-- Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch, wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel der Spieler ansetzte.
-- Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat.
-- Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen Erbe genommen wurde.
-- Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür, daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht genug?
Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken zu lassen.
Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei, und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken.
Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren.
* * * * *
Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll, erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte; zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den vorliegenden Fall anwenden ließen.
Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.
Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun war, würden die Umstände schon ergeben.
Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte entscheiden, welche die wirksamere war.
Der Hochzeitstag brach an.
Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen Vorbereitungen.
Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.
Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die Leuchter zu stecken.
Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche.
In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke.
Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften, als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack eines angenehmen Kratzens im Schlunde.
Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich, zweihundert Bierflaschen.
Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu lassen, daß sich etwas in ihnen befand.
In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen Kanoniere gefürchtet hätten.
In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war.
Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.
Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um den Hof.
Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.
Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen. Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke, hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische Anmerkungen zu erheitern.
Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.
Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit, mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen.
-- Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström.
-- Nein, potztausend, so eilig ist's denn doch nicht! antwortete der Bräutigam, ohne verlegen zu werden.
-- Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten konnten. Im Ernst, wie steht's mit der Braut?
-- Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.
Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut. Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor sei ein grundgelehrter Mann.
Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur Gustav noch, um anfangen zu können.
-- Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur Scheune.
Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.
-- Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson.
-- Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es merkte.
-- Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert; und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte!
-- Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck, auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder sollen wir warten?
Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.
So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden sollte, wurde um so sichtbarer.
So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige knirschte und die Schüsse knallten.
Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte, mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte.
Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem brüsseler Teppich bedeckt waren.
Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.
-- Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!
Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke hingen:
-- Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch nicht gekommen, so kommt er auch nicht.
Dann begann er:
-- Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ...