Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö

Chapter 6

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Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.

-- Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu verteidigen.

Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in den Mund.

-- Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete.

Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.

Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung riß:

-- Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden, wer.

-- Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den Messern!

Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt, nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.

-- Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte von Svinnockar die Schlägerei.

Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den Mädchen zu zeigen.

Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe Bewunderung empfing.

Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen, ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand sehen zu können.

-- Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer Harkerin.

Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte in den Hag, leise wie ein Fuchs.

Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag.

Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere; aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara hinunter.

Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst getanzt, gesungen und geküßt hatte.

Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen; und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter einer Decke.

Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen, gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen.

Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand.

Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein.

Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend, hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen.

Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte.

-- Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ...

Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga zu.

Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um sich dann zu verabschieden.

Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte.

Viertes Kapitel

Es poltert zur Hochzeit; die Alte wird ums Geld genommen

Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu Ende und er war gut gewesen.

-- Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb.

Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur Eröffnung der Oper nach Haus mußte.

Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel -- alles, was man nicht mitnehmen konnte oder für unnötig hielt.

Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem Liebesmarkte entfernte.

Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort ein Dampfer angelegt.

Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort, während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart, seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der Kommandobrücke aus zu:

-- Wirst du endlich das Tau losmachen!

Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber nieder, ehe er die Trosse losbekam.

Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine, strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und schnaubte.

Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!

Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich, gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser, schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden, nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die Luft dunkel.

Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.

Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.

Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm -- er schluckte in der Halsgrube -- sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.

Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel, abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten. Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.

Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte: wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause, Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt, einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht werden!

Konnte er nicht?

Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde, rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte heimwärts.

Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die hatte er noch nie besucht.

Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen, auf dem ein Seezeichen errichtet war.

Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume, Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte, die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser, grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein Bauernknecht ihn hat.

Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl.

* * * * *

Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt.

Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf. Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit, einen Brief zu schreiben.

Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den »Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland gelesen.

-- Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend, und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet. Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich's aufgeschrieben; aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben.

Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng, sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:

-- Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen Stich in meinem Herzen; ist mir's, als habe ich vor Gott und Menschen unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie einem rechten Vater vertraut ...

Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte.

-- Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in der Luft; vielleicht, ehe man sich's versieht, liegt er da wie trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen, der's jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten singen möchte ...

Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:

-- Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet.

Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren, sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen.

Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der Frühling wiederkam.

Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet hatte.

N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als er im vorigen Jahre Soldat war. D. O.

* * * * *

Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen.

Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.

-- Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig.

-- Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen, antwortete Carlsson.

-- Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den Netzen.

Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem Fischhändler zu sprechen.

-- Soso, das wollt Ihr, Carlsson?

-- Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die Schuld haben mag.

Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der Fischhandel führe ihn nach der Stadt.

-- Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor vor?

-- Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen Flaschenkorb hier vergessen ...

-- Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch eine Halbe nehmen, Carlsson?

-- Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte.

Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die Augen.

-- Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte.

-- Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte, wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß.

-- Wollt ihr euch denn heiraten?

-- Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen Stellung umhören.

Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.

-- Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder, vertrockneter Stimme zu sagen.

-- Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut man auch nicht gern um nichts.

Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern.

-- Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?

-- Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara.