Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö
Chapter 12
Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm er selten oder niemals an.
Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht anzusehen und eine Pfeife zu rauchen -- noch lieber eine Zigarre; aber die war ihm noch zu stark.
Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.
-- Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein und sie empfangen.
Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die fremden Herren zu empfangen.
In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern, damit man als ordentliche Leute ankomme.
Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war, lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe, die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben.
Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen, war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.
-- Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine.
Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam vor, das die Inselbauern nicht verstanden.
Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach.
-- Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu Brot werden!
-- Bravo!
Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter Lachen und Lärm befingerten.
-- Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.
Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen.
-- Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen Sie und frühstücken Sie mit uns!
Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die Einladung ernst gemeint sei.
Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm.
Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.
Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen, deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen; Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte sterben mögen.
Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn, daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in Arm mit dem Luxus gehe.
Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.
Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand vom Tische auf.
Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte zu kommen.
In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen.
-- Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man getrunken hatte.
Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen, stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der Einzahlung sagte man nur, sie sollten »+pö a pö+« geschehen und +à conto+.
Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser. Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.
Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen, die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen.
Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch zwischen den Knien.
Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein richtiger Professor.
Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen, Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!
Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft, deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in Tabakswolken und frohe Aussichten ein.
* * * * *
Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam. Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können.
Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht, um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde.
Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.
Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze; tranken und schlugen sich mit den Knechten.
Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.
Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte, mußte man sich Kognak halten.
Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher.
Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte.
Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen; deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört, abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein.
Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es, wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er angefahren kam.
Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten. Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die Öde, die dort herrschte.
Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten.
-- Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.
-- Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber dieses Mal ging's nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für ihn auf der Post liegen.
Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete, die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der Gesellschaft und Carlsson erledigt.
-- Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich zufrieden geben.
Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es fortzuschaffen.
Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes und eines ehrenvollen Titels beraubt.
Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit einer Gebärde einen großen Strich durch alles.
-- Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu verlieren.
Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit, um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.
Ehe man sich's versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.
Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte; die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die andern.
Siebentes Kapitel
Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht, aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles
Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen, was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen; und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen. Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin, flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge: wohin er auch ging, immer sah er sie.
Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen, die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen; wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und tränte.
Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb trockenen Schnee vor sich her.
In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.
-- Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.
-- Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.
Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.
Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.
Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.
-- Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.
Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und ging auch hinaus.
Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte. Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen; etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das Leben aus ihr scheuchte.
Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht sehen.
Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.
Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren Stelle im Hag gezogen.
Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal, ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub, daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte.
Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete.
Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber setzte.
Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch.
Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät; auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.
Dann kam sie zu einem Zauntritt.
Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der Jacke mit der Schafpelzverbrämung.
Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror, als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte, schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber.
Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter, als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte, fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien, damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee aufzusetzen.
Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch unaufhörlich.
Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß.
-- Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.
-- Jetzt bin ich's, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch!
Gustav gehorchte niedergeschlagen.
-- Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.
-- Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann ich nicht mehr sprechen.
Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es ernst war.
-- Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die Gerichtsherren kommen.
-- Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd.
-- Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber nicht mehr; und kannst du's auslösen, so tu es! Gott sei mit dir, Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest. Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.
Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber zuversichtlich.
-- Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem Doktor schicken.
-- Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der Wand.
Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.
-- Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche vorlesen?
-- Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete.
Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden sie später schon mit einander abmachen.
Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland unterbrochen.
* * * * *
Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander. Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe.
Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.
Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an, holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär.