Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö

Chapter 10

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Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf, ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff! puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an der Tür standen, fingen an zu kichern.

Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam:

-- Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau haben und sie in Lust und Leid lieben willst?

An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke, Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.

-- Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt? brüllte Pastor Nordström wütend.

-- Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen Spektakel?

-- Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von der Zumutung verletzt fühlte.

Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich.

-- Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren wir fort.

Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die Fenster.

-- Das ist das Bier! schrie jemand.

-- Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.

-- Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!

Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann.

Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten, weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke heraus gesprungen waren.

Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu unterdrücken vermochten.

Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch.

Eilig ging's an den Kaffeetisch.

Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen.

Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich's aus seinem Kaffeetopf wohl bekommen.

Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit. Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen, nicht viel.

-- Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.

-- Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.

-- Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.

-- Können nicht! Warum nicht?

-- Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein saures Gesicht.

Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem Bräutigam zuzusetzen.

-- Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast du denn gepredigt?

-- Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.

-- Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen -- damit wandte er sich an die Männer -- habt ihr von jenem Reiseprediger sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie man Kinder macht!

-- Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich abwandten und grinsten.

-- Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!

-- Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt.

Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen.

-- Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.

-- Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson ab.

-- Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht's nichts an, Carlsson! Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir, ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.

Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich:

-- Recht gut!

-- Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen -- er wollte flüstern, aber die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie -- Bauernlümmeln ...

-- Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.

-- Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir nicht tanzen!

-- Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt!

-- Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du Preller?

-- Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst kriegst du Schläge.

Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing er an zu quinkelieren.

-- Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie eine kleine Orgel ...

-- Der Schneider soll das Maul halten! ...

Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.

Da schrie jemand:

-- Gustav ist da!

-- Wo? Wo?

Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.

-- Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht früher, als bis er drinnen ist, hörst du!

Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen auf.

-- Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.

Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.

Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten.

Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen.

Da kommt Clara und ruft:

-- Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!

-- Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!

Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.

-- Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.

-- Gustav natürlich!

Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav. Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse Punsch und Hurrahrufen begrüßen.

Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:

-- Glück auf!

Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte, es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu sehen, wenn er auch spät komme.

-- Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen versteht, der weiß auch, wo er ihn hat.

Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas mit ihm zu trinken.

Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen, Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die Wiesenknarre.

Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden. Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln, Fleischklöße in Hocken.

Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände:

-- Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.

-- Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.

Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.

-- Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht, daß man ohne sie anfängt!

Man rief und suchte, aber keine Antwort.

In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte sich und das Schweigen wurde bedrückend.

-- Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists unschuldige Stimme.

Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte.

-- Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein Bruder -- er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken -- _ein_ Mal in der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.

-- Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ...

-- _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.

Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte einschreiten.

-- Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt!

-- Bist du's, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!

-- Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten sich wohl etwas beeilen!

-- Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!

Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor »gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde gleich kommen.

Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.

Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:

-- Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!

Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in die Höhe und sprach:

-- Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.

Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft, um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.

-- Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der Kälte weicht, und der Schnee -- er sah das weiße Tischtuch sich wie ein großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten -- meine Freunde, wenn der erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt ... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ...

Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken.

-- Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!

Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ.

Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase, steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben schmerzten, als schlügen sie gegen Steine.

Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das Dünnbier!«

Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen nach Dünnbier!

Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst, hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß.

Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor dachte.

Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu tanzen.

Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es.

Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte, daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß allen Groll im Rausch.

Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten, tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der Tanzstube.

Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen entzündet hatten.

Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis auf den Seegrund reichten.

Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste auf und es wurde wieder Nacht.

Da ertönte ein Geschrei in der Küche.

-- Der Glühwein! Der Glühwein!

In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf, während der Spielmann einen Marsch spielte.

-- Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können.

Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger sichern Schritten enterte man die Treppe.

Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden. Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war.

Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen.

Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht wurde.

Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.

Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen hatten sie mitgenommen.

Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten.

Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten Erwartungen übertroffen.

Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf, ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.

-- Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht, daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme sich!

Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!

-- Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!

Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!

-- So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat er an, der Stänker!

Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen, ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas merkte?

-- Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp.

-- Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte Carlsson.

-- Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt!

Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:

-- Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon kriegen!

Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da. Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an den Giebel unter das Fenster des Pastors.

Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen.

Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn leise den Befehl geben:

-- Holen!

Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem Fensterbrett.

-- Hol steif! befahl Rapp.

Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der eines Gehängten.

-- Fieren! befahl Rapp wieder.

Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es nieder über Carlssons Kopf und Schultern.

-- Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte, wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange gekräuselt hatte.

-- Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!

Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.

Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke.

Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:

-- Jetzt sollst du baden, du Halunke!

Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp, den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.

Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim Schlachten.

-- Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und schon herbeieilten.

Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein, daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt war.

-- Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.

-- Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den schreienden Geistlichen.

Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und wehklagte.

-- Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus, sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst, der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!

Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung; sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen.