Die Innerste: Erzählung

Part 8

Chapter 82,340 wordsPublic domain

Vergnügte Weihnachten! Eine Stunde später war die ganze Bewohnerschaft der Mühle um die lichterglänzende Tanne versammelt, und der Korporal Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren Ärmel mit den Zähnen; er hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostüm seines Kameraden und Wirtes stak, so wußte er mit den Knöpfen daran noch nie so gut Bescheid wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner Majestät des Königs Friedrich von Preußen allein übrig geblieben war.

Arm in Arm standen Müller und Müllerin vor dem Tisch mit dem Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mühlknappen hatte seinen Arm um die Hüfte einer der beiden kichernden Mägde der Frau Lieschen Bodenhagen gelegt. Daß der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der Franzosen über Göttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden, kümmerte keinen in der Mühle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die Lichtlein und goldenen Äpfel funkeln, sie knackten ihre Nüsse wie die Eichhörnchen im Neste, und dann saßen sie und sahen die Lichter an ihrem Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen hineinsummten.

»Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau Meisterin!« rief der Korporal fröhlich.

»Das sage ich auch,« sprach die Frau Meisterin.

»Für das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Büchsen geladen an der Wand, Jochen,« meinte der Müller. »Im vorigen Monat, als du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist das Gesindel oft genug an der Tür gewesen. Die Schererei reißt nicht ab.«

Die beiden Mühlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an der Tanne brannte herunter.

»Heidi!« rief der Korporal; und der Müllerin kleine Blechlampe lieferte wieder das einzige Licht für die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die Spinnräder wieder, die Männer schmauchten und tranken und sprachen von allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit »Modestität«, und daß auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.

Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr dicht. Fluß und Land wurden von einer weißen reinlichen Decke überzogen, und nur Gesträuch und Gartenzaun, sowie das Gebüsch am jenseitigen Ufer der Innerste hoben sich schwärzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im Busch kamen die Männer auf ein ander behend Geschöpf im Busch, und wie man das in Schlingen in der Hecke fängt und sich einen billigen Braten im Schlafe schenken läßt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger auf den Mund und rief:

»Haltet die Mäuler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft die ganze Sarstedter Försterei hier, um uns in die Töpfe zu riechen. Sie wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.«

Dabei stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es und schob den Kopf hinaus. Kein Lüftchen rührte sich; das weiße Gewimmel kam wie im leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewölk gestanden.

»Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie's angefangen hat, so werden Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hübsch hoch heben müssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, daß sie sich nicht einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste --«

Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar -- ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht über die Innerste her -- ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte und krachte ein Schuß aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschütterten heftige Schläge die Tür der Mühle, und ein zweiter Schuß schien in das Türschloß abgefeuert worden zu sein. Die nächtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein einziger in der Stube von dem plötzlichen Schrecken aufgerafft hatte. Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.

»Jesus Christus, die Innerste!« jammerte die Müllerin, und die beiden Mägde drückten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst hatte diesmal der Müller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.

»Die Marodebrüder! Ob's mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Büchsen herunter -- Lieschen, unter die Bank -- Courage!«

»Courage!« schrie auch der Korporal, »das Gesindel feg' ich mit der Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk -- da sind sie, und es ist auch nur ein Weihnachtsbesuch!«

Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die Stubentür: »^Bon soir, messieurs!^«

Es waren drei Kerle, die in die Stube drangen; -- Gesindel, wie es sich zwischen den Heeren umtrieb, und wie der Bauer jener Zeit es zu seinem Schrecken und Schauder nur allzu gut seit Jahren kannte! Der Rock des fünfzehnten Ludwig neben der zerfetzten Uniform König Friedrich des Zweiten! Um den dritten Galgenstrick aber zu kostümieren, mußte die ganze Reichsarmee Mann für Mann einen Fetzen hergegeben haben, und es wäre wahrlich ein Kunststück gewesen, aus seiner äußeren Erscheinung her bestimmt abzunehmen, welchem Herrn er zuletzt falsch geschworen hatte.

Was nun in der Mühle vorging, läßt sich schwer nacheinander erzählen. Besinnen und Bedenken war nicht am Ort. Der Meister Müller, den sie einst den tollen Bodenhagen nannten, schoß zuerst, und traf auch. Die Eindringlinge feuerten ihre Pistolen ab.

»^Sacre nom de dieu! En avant les autres!^«

Der Korporal Brand schlug für den Musketier Bodenhagen zu, wie er vordem auf ihn gehauen hatte; und ob den beiden guten Knappen Hans und Fritz würde dem Oberst Colignon das Wasser im Munde zusammengelaufen sein. Es wurde ein Raufen, Heulen, Sakermentieren und Ächzen im Dunkeln, denn der Tisch stürzte um mit der Lampe und der Weihnachtstanne, und die weißen Müllerhabiter hatten jetzo ihr Gutes; es war ihretwegen keine Not, daß Meister, Gesell und Gast aufeinander schlugen. Der Schnee leuchtete ihnen aber auch von draußen.

Sie trieben die Räuber bis auf die, welche zu Boden lagen, in den Hausgang zurück und dann auch wieder aus dem Hause hinaus. Sie konnten nur noch die Kolben gebrauchen, aber sie gebrauchten sie trefflich; daß die Not sie beten lehrte, konnte man gerade nicht behaupten. Die Mühle wehrte sich tapfer, und die Frauenstimme, die so melodisch das Zeichen zum Angriff gegeben hatte und immer von Zeit zu Zeit von neuem in den Lärm des Überfalls klang, wurde immer greller, kreischender, zorniger, giftiger! Die drei armen Weiber, die im Winkel am Ofen in ein zitternd Bündel zusammengeduckt knieten, vergingen am meisten vor dieser Stimme in Schauder und Ohnmacht. Seltsamerweise hatte nächst den Frauen der Korporal Jochen das feinste Ohr für sie; der junge Meister Albrecht Bodenhagen, sein Haus und Weib verteidigend, achtete kaum darauf.

Es ging scharf -- scharf um das Heimwesen des Müllers an der Innerste. Fritz und Ferdinand, Soubise und Broglio waren mit ihren Armaden vertreten unter den dunklen Gestalten, die im Schneegestöber aus dem Weidengebüsch am Fluß vorhuschten, über das Eis glitten und über den Gartenzaun kletterten, um die Mühle und ihre Bewohner in ihre Gewalt zu kriegen; aber der wilde Bodenhagen und sein Haus hielten sich gut. Wenn es ein Glück war, daß die alte Frau diese Nacht nicht erlebte, so war es doch schade, daß der alte Meister Christian sein Söhnchen diesmal nicht bei der Arbeit sehen konnte.

Sie verrammelten die eingestoßene Pforte, sie luden und schossen aus den Fenstern. Sie trafen dann und wann auch, und der einarmige Korporal meinte:

»Wenn sie uns das Dach nicht über den Köpfen anstecken, halten wir uns bei Gott, bis Bürgermeister und Rat aus Sarstedt zum Sukkurs kommen! Courage! Courage! -- Uh, wer stopft die Weiberkehle da?«

Die letzte Frage hatte er zwischen den Zähnen gemurmelt. Dicht unter dem zertrümmerten Fenster, an dem er mit seinem Beile stand, war der schrille Schrei erklungen, und wieder wurden zwei oder drei Schüsse in die Stube hinein abgefeuert. Ein durchdringender Jammerlaut aus dem Ofenwinkel folgte sofort, und der eine der Knappen schoß zurück aus dem Fenster und traf. Die dunklen Gestalten im Garten huschten durcheinander und fluchten deutsch und französisch. Das Weib rief scharf und spöttisch drein: und noch einmal stürzten sich die Angreifer auf die zertrümmerte Haustür, deren Verrammelung von dem Meister Albrecht und seinem zweiten Gesellen in Verzweiflung verteidigt wurde.

»Hans Lages, willst du mit? In dem Dampf hier vergeht einem doch der Atem; -- ich hab's mir versprochen, und so lang' ich lebe, kriegt die Innerste ihren Willen nicht!«

»Hops über, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel!« rief der tapfere Mühlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der beiden Fenster und fielen den nächtlichen Räubern wirklich in den Rücken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie nicht ganz selten in dergleichen Fällen übertraf der Erfolg die Erwartung. Der Schnee fiel stärker denn je; die Marodebrüder hatten mehr als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel über sie. Sie wichen zurück und gerieten, wie das dann gewöhnlich zu geschehen pflegt, ins Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem Windeise des übergetretenen Flusses statt, und da ertönte zum letzten Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis -- das Wasser bekam doch seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise weg trieb eine Weiberleiche abwärts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist jedoch erst im März des nächsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage gekommen.

In Sarstedt wie in Groß-Förste hatte man nun aber allgemach die Überzeugung gewonnen, daß das Flinten- und Büchsenfeuer mitten in der Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Bürgermeister und Bürgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen möglichen Gewaffen und verwunderte sich über die Art, in welcher die Mühle des Meisters Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern müssen. Drei Leichen und fünf mehr oder weniger schwere Verwundete ließen die Marodeurs vor der Mühle zurück, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die männlichen Bewohner der Mühle bluteten sämtlich, doch nur aus leichten Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewußtlos in seinem Blute liegend fand. Ein Messerstoß hatte ihn in die Seite getroffen über der rechten Hüfte, und er kam nur noch einmal zum Bewußtsein, und zwar am folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur Weihnachtsfrühkirche läuteten und das Singen durch die Christenwelt anhub: ^dies est laetitiae^, oder zu deutsch: der Tag, der ist so freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Müller:

»Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; -- es war -- unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut gewesen wie ihr Wort; aber den Stoß hab' ich doch eigentlich nicht von ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gästen der Buschmühle, der's gut mit ihr meinte -- besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber für sie war keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis aufs Messer und was dran hängt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, daß es zu Ende ist.«

Der Müller weinte, und als dann die Müllerin in die Kammer kam, weinte sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

»Adjes, Frau Liese,« sagte der Korporal noch schwächer als zuvor. »Vor der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist's auch nichts; -- es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage über gar nicht mehr drauf gefreut. Gott helf' Euch durch die Zeit; -- König Fritzen geht's auch hart -- vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird auch; -- ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im Reinen. Ein unnützer invalider Vagabond war ich doch, und der beste Kamerad wäre auf die Länge meiner überdrüssig geworden.«

Durch sein Schluchzen wollte der Müller dem Sterbenden noch ein Wort dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding, das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mühle an der Innerste steht heute nicht mehr; aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Nücken und Tücken und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fraß; aber daß sie danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

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[S. 18]: ... aus dem er auch vielleicht augfestiegen sein konnte, zurücksank. ... ... aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurücksank. ...

[S. 18]: ... an den Hut und rief von neuem über die Innerste. ... ... an den Hut und rief von neuem über die Innerste: ...

[S. 19]: ... ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ... ... Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...

[S. 107]: ... gemacht zu haben, und mit der Menge muß es ... ... gemacht zu haben, und mit der Menage muß es ...