Part 7
Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats. Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte; aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte sie da mit ihrer Beute.
Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen, hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen wollten.
So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in die Ebene hinaus.
Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen, kriegte jedoch, so viel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen, schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen vollkommenen Haushalt einrichten können.
Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt. Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften Müller und Müllerin nicht; -- sie hatten vorsorglich eine solche bereits auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder Besuch -- unerwarteter Besuch -- ein Gast, der jetzt zum dritten Male eingekehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe wieder erscheinen wolle; -- um aber zu taufen, mußte doch erst das Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.
Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen, aus dem Gefängnis zu Wildemann.
»Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!« ächzte er, vor dem erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf die Bank fallend. --
Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich plötzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich gehaltenen Stube präsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so außer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.
Mit ^Bonjour^ und ^Serviteur^ kam der Korporal diesmal nicht herein, und Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Müllersleute auch fürs erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, griffen sie um so werktätiger zu. Der Meister faßte den erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn bequemer zurecht. Die junge Frau schürte hastig das Feuer im Ofen, und die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrücker und dem Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darüber.
Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die Hochzeit überlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kübel warmen Wassers und warmen Tüchern, und dann -- brachte der Müller Albrecht Bodenhagen seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.
Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.
So schwach und hinfällig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von seinen Abenteuern erzählt, und der Meister Bodenhagen mußte sich oftmals tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu können. Wenn wir ihm Wort um Wort folgen wollten, so dürften wir manches zu verzeichnen haben, was die schwärzeste Tinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden würde, auf daß die liebe Freundin ihn auch ohne Mühe auffinde, vorauslese oder ihn gar ausschreibe.
Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitäler die Hülle und Fülle auf deutschem Boden. Der dritte schlesische Krieg wußte dafür zu sorgen und war nicht blöde, zuzugreifen und Kirchen und Rathäuser zu nehmen, wo die Räumlichkeiten nicht sonst ausreichten. In Torgau und um Torgau her in den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag's augenblicklich, das heißt seit dem dritten November, wieder einmal recht voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mühle leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprüche und ernstgemeinten Herzenswünsche, die ihnen da zugesendet wurden.
Wir begnügen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir können einen Eid darauf ablegen, daß sich alles so verhielt, wie der Einarm dem früheren Kameraden erzählte, während die junge Frau drunten das Hauswesen versorgte.
»Ich hätte es schon wissen können, wie's mir ergehen würde, als mir der Feldscherer in Minden den Laufpaß schrieb,« seufzte der Invalide. »Aber als ich im Februar hier die Kameradschaft grüßte, hing mir der Himmel doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie müßten mir doch auf mein Heldentum ein Weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause gekommen mit meinem leeren Ärmel nach Grund, und ich bin richtig zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzügen der Könige in der Bibel und des Generals Julius Cäsar. Aber es geschah mir schon recht: weshalb ließ ich den Feldscherer gewähren und mir den Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natürlich auf die letztgewohnte Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund möchte ich den Hals umdrehen; aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! -- Musketier Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ändern ist's nicht mehr; Sein Buschmüller dreht sich im Winde, wie der Wind will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich's nicht täte -- he?! -- Philister über dir! sie hatten uns alle fest, und ich saß an seinem Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie kamen uns wie der Hackelberg über den Hals und nahmen uns allesamt mit und ließen selbst die Doris nicht zurück, um das Haus zu hüten. Paarweise ging's zwischen den Büchsen und Musketen ins Prison, und die Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich auch jetzo hier liege und alle Vier von mir strecke. So machte ich mir wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenkost zwischen vier dichten Wänden war immer noch nahrhafter und wärmer als Eicheln, Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wäre mir doch beinahe zu teuer zu stehen gekommen, daß ich mich auf meine Unschuld zu feste verließ. Auf grünem Felde, und wenn ich den Feind dreißigtausend Mann stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fußvolk, Reitern und Geschütz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grünen Tisch ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich's der jungen Frau verzählen würde, was da von wegen der Buschmühle zur Sprache kam, so würde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und Vergißmeinnicht träumen. Da lob' ich mir ein Kriegsgericht, damit geht's doch wenigstens rasch: marsch zurück in Reih und Glied oder marsch vor die neun Flintenläufe oder zwischen die Spießruten! So ging's zu Wildemann nicht. Da mußten sie alles zu Papier haben und das meiste doppelt und dreifach, und was wir um unsere Sünden und -- unsere Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem gesündigt. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber hätte sie sich wohl nicht freigelacht, dazu mußte sie die Reserven ins Feuer rufen, und, Musketier Bodenhagen, bei Gott -- sie fliegt frei und kann Ihm jeden Augenblick die Hand auf die Türklinke legen. Der anderen hängen sechs wie die Krammetsvögel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und -- Seine Doris, sitze Er still, Kamerad! -- die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine Ahnung habe, wer von der Jägerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und Fräulein den Angeber spielen. In der Buschmühle haben wir leider Gottes auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne Lüge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt' ich um dein arm, lieb, jung Weib, du wärest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht Bodenhagen!« -- --
Der Müller saß in seinem reinlichen weißen Müllerhabit am Bette des guten Kameraden, des tapferen und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und kühnes Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Müller sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen genannt haben könne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem Kriege von dem alten Adam an ihm übrig gelassen hatten, das hatte Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Groß-Förste gründlich ihm vom Rocke abgebürstet.
Nachdem der Korporal erzählt hatte, sprach oder stotterte der Musketier seinerseits ein Langes und Breites über die Innerste, die Buschmühle, Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg- und weltmüde Kamerad hörte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit zu Zeit ein beifällig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der Müller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder im Dom, noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden haben würde. Mit beiden Armen umfaßte er zuletzt den treuen Freund und seinen wackeren Unteroffizier und rief:
»Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich's. Was mein seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen; aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab' ich doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe, was die anderen taten, und ein Mehreres prätendiert selbst unser Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan --«
Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere fuhr fort:
»Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand, wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die Zeiten still sind, dann erfahren sie's wohl niemals und werden achtzig Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und _die_ Nasen rümpfen. Ich aber wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.«
»Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste schreien kann,« murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:
»Ja!«
Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen, und der Korporal brummte:
»Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff aber den Laudon ab -- den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heute weiß ich noch nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab' ich fürs erste genug gehabt im Turme zu Wildemann.«
Zwölftes Kapitel.
Am fünfzehnten Dezember war der Korporal in die Mühle eingerückt, aber am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Füßen, ohne sich an die Wand lehnen zu müssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu danken; denn selten war ein königlich preußischer einarmiger Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand aus Grund von dem Müller Bodenhagen und seiner Frau Liese.
»Ich wollte, mein Mütterchen könnte vom Himmel aus observieren, was Sie, junge Frau, an ihrem Jungen tut,« sagte der Kriegsmann jeden Tag wenigstens ein halb Dutzend Male mit möglichst fester und mannhafter Stimme. »Wissen aber möchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr dafür wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?«
»Vorlieb soll Er nehmen, Korporal,« sagte dann die Müllerin. »Warte Er aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.«
»Dieses glaube ich, ohne daß Sie es beschwört, Lieschen; denn daß man eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob's vor tausend Jahren Mode gewesen wäre. Der König und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und Schweden haben solches Pläsier gründlich abgeschafft, und selbst in den Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein leerer Ärmel es zuwege bringt, daß ich noch einmal die Festtagsglocken läuten höre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den französischen König Louis und bedanke mich noch gar schön für seine sakermentsche Kanonenkugel bei Minden. Übrigens ändert sich das Wetter wiederum. Der nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal ärger als gestern.« -- --
Das Wetter änderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein Wort über die Innerste zu sagen.
Wenn nämlich der junge Müller vorhin meinte, daß er am liebsten mit seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im Wasser wohnen möchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfüllung gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf den Hof und überschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mühle. Noch eine Spanne höher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister Albrecht große Sorge darob.
Gegen Groß-Förste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt war die Not ebenso groß wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landläufige und, genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, -- Holland in Not!
Den ganzen Zwanzigsten über wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht und seine beiden Knappen -- er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk getan -- legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptsächlicher Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.
Die Innerste zog sich wieder zurück von dem Hause, aus den Stallungen, vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden allgemach wieder frei. In der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine leichte Eisdecke über den Fluß, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis, wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein Kind, ein kleines Mädchen von Groß-Förste herüber, bestellte einen schönen Gruß und brachte die Botschaft, daß die Leute von Papenbergs Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein und für sich nach seinem Pläsier und Gusto feiern.
»Wir sind zu drei mit den Mägden und den Gesellen uns auch genug, Jochen,« sagte der Müller, und der Korporal meinte: »Mir ist's recht.«
Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es »murxte« etwas in ihm; was das sei, wußte er freilich selber nicht. Still und nachdenklich, doch nicht unfröhlich schlich er umher, und am Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians große Bilderbibel vom Schranke und saß fast den ganzen Tag darüber.
Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit über die Schulter, und dann sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschütteln in die klaren, freundlichen Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmütig: »So wunderlich kurios ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.«
»Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad,« meinte die Müllerin. »Er hat die alten Bilder eben lange nicht umgeblättert. Wenn ich Zeit hätte, wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und die Propheten und die ausländischen Kamele und Palmenbäume besehen. Als Mädchen hab' ich mir in diesen Tagen immer ein Stündchen dazu übergespart. Es ist so heimelig, wenn's draußen so kalt ist und in der Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehört alles zueinander und --«
»Sakerment!« schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend, »und kein Mensch sollt's für möglich halten, daß der Broglio heute noch in Kassel sich verschanzt hält! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so darüber reden wie ich, der ich verstümmelt aus dem Kriegsleben komme und alle großen Bataillen des Königs Fritz und des Prinzen Ferdinand mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mühle und zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich plötzlich finden hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll mir dran rühren -- beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand heiße!«
Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebührlichen Aufregung und dem Fluchen und Räsonnieren ihres Gastes zurückgefahren.
»Nehme Sie es nicht übel, Lieschen. Ich wollte, ich könnte deutlicher sagen, was ich im Sinn und Herzen habe,« seufzte der Korporal. »Aber da draußen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier' ich ihn ganz und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand -- nicht Mann und Weib soll ihn drin verstören, so lange ich's hindern kann.«
»Wie meint Er denn das, Korporal?« fragte die junge Frau scheu; doch plötzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend: »Jesus, Jesus -- es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren Willen nicht gekriegt!«
»Jetzt gibt Sie mir eine Nuß zum Knacken, Frau Meisterin!«
»Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen Ohren sie schreien hören, so wahr ich lebe!«
»Pu-u-uh!« machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen wie in früheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem Oktoberabend in Radebreckers Mühle aussah, um vergnüglich sein zu können.
»Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis,« brummte er und fügte sonderbar mürrisch hinzu: »Übrigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.«
»Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran!« rief die Müllerin; dann aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war wieder allein.
»Wunderlich, wunderlich, wunderlich!« murmelte er, eine der Bildtafeln in der großen Bibel umschlagend. »Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld verzählen hören, daß auch der König Fridericus solcherlei Anwandlungen habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen kann man sich auch darauf nicht.« -- --
Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weißer Sand frisch gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als er die Blumentöpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rückte. Als die Dämmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fünf Uhr saß er still mit dem Müller -- seinem früheren Musketier -- auf der Ofenbank und blickte durch die Dämmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen hatte. Die junge Frau vernahm man in der Küche, und jetzt legte der Einarm dem Kameraden fast zärtlich die Hand aufs Knie und sagte:
»Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist's mir Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen hätten wir anderen uns schon längst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt's von deinesgleichen am mehrsten auf Erden -- der Herrgott hat's so eingerichtet, und er muß Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergnügt mit deinem Weibe und kümmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie mir nichts weiter zu wünschen, als daß der Christabend zu Ende gehe, wie er jetzo angefangen hat.«