Part 6
»Ich sage auch, daß die Innerste -- die Doris eine feine Stimme hat und sie weit hinausschickt!« schrie der Korporal Jochen Brand. »Ich bin nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten Räuberhöhle. Und an Boten für ihre Wege fehlt's ihr auch nicht; wenn nur der Botenlohn danach wäre!«
»Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal, daß Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am Tische hat für jedermann, von dem man zu Hause -- nichts wissen will, und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist das köstlichste Ding auf Erden und ein gut Gewissen --«
»Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt in der Stube?«
»Wie's Täubchen im Neste; -- und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh' Er nur hinein; ich habe noch hier draußen zu schaffen und komme nach.«
»Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister Radebrecker!« seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und stiefelte mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte vergnüglich in sich hinein.
Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:
»^Bon jour, mademoiselle!^«
»He?« fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.
»Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein' ich. Wir haben manchen Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und was den Damens sonst gefällt.«
»Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,« sagte die Jungfer Radebrecker. »Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit vom Ofen locken kann, so hab' ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad. Bringt Er mir sonst was mit, so komm' Er herein, Jochen, sonst aber bleibe Er draußen.«
Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres Holzschemels sich legend und aß mit einem blutigen Messer in der Hand ein Stück Brot. Das Messer hatte sie aus der Küche mitgebracht, und wenn die kurfürstlich hannöverschen Förster nachgesucht hätten, so würden sie auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote Lebenstropfen an der Klinge hingen.
»Sakerment,« murmelte der Invalide, »am besten paßte sie doch zwischen Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns eingibt, daß wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?«
Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.
»Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen? Aber -- ganz wie es Ihm beliebt.«
Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz, warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:
»Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl kennen mögen.«
»Weshalb?«
»Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan und die alte und die junge Hexe. So ist's, Jungfer Radebrecker, nehme Sie es mir nicht vor ungut.«
Das Mädchen lachte wiederum, -- ganz und gar nicht beleidigt:
»Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?«
Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast grimmig ins Gesicht und antwortete:
»Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh' ich doch nicht wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist's nicht aus eigenem Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen; -- sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst an den Tisch gesetzt, und du -- sitzest hier oben wie eine wilde Königin -- keine zahme hat's mehr nach ihrem Wunsche.«
»So?!« sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:
»Ja! so! -- Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden hat --«
»So?!«
»Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste sich nimmt, wenn's hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm, und -- _so_ spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die Österreicher, der Tottleben und der Lascy; -- wer sich da als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.«
Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin- und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.
»Er ist ein guter Kamerad, Jochen,« sagte sie, »und Er hat ein gutes Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast's eben noch selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich's nicht ändern --«
»Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,« brummte der Korporal, »du weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!«
Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz war.
»Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen spielte, hab' ich's. Was weißt du von mir und ihm? -- Er hat mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr -- ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!«
Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen Erstaunen -- mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des Buschmüllers.
Zehntes Kapitel.
Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist's dann, beim Lampenschein liebe Gesichter -- junge und alte -- um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; -- mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; -- den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.
Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht's auch ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet, geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.
Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.
Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.
Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm, oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.
Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird's sein, daß _wir_ unsere Hand davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an der Innerste, im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt! verjährt! Es ist über das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge sind nachher ausgeführt, und ist damit renommiert worden, und die alte, uralte Entschuldigung, daß der schwache Mensch eben zusehen müsse, wie er sich durch die böse Welt bringe, gilt auch heute noch.
Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als ob er wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein Stündlein später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am Hübichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den Tisch, und über den toten Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit dem Zwerg Hübich lasse sich schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab's neuen Hader, den der Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und acht Mariengroschen, um die es sich handelte, für sich nahm als Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei mächtig unter der Erde wie über der Erde.
Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen, und da hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und Vagabunden des Jahres 1760 reden hören.
Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister Radebrecker, saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber auf der anderen Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der Harzburg bei Wülperode im Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen, aber seine zwei Kühe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden, denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen nicht gekommen.
Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume, und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:
»Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick müßte er ansprechen und sich vermelden!«
»Wer?« fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.
»Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher Witterung jagt er am liebsten.«
Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in der Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:
»Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht in den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen, Böhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen Kürassieren, dem wird's übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und all dem anderen Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze läßt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß ich selber ziehen sehen, ehe ich glaube, daß der besser zu Pferde sitzt als ein Franzos.«
Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter, oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem Einarm gewendet:
»Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.«
»Hoho!« lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt auch wieder ihr Wort dazu.
»Jawohl, hoho, Kamerad!« rief sie. »Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm -- den wilden Jäger meine ich -- begeben hat.«
»Mit Pläsier,« sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht lange bitten und erzählte halb flüsternd:
»Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie. Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen lagen. Am Buchenberge hört er's auch einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor -- er ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg --«
Der Erzähler brach ab und horchte -- käsebleich.
»Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!« lachte der Korporal noch; aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat's einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.
»Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!« rief jetzt über alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie womöglich noch gebieterischer: »^De par le Roy -- sa Majesté Louis Quinze, de France et de Navarre!^« Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder Vernunft in die Kumpanei!
Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei Waffen -- Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch über bessere Waffen -- Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein -- einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen Durchlaucht und großbritannischen Majestät Georg ^Rex^ trotz der fränkischen Besatzung des Landes.
Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel zusammenschnürt.
Elftes Kapitel.