Part 5
Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr bei Kunersdorf gefallen war, er hätte die Müllerin sehen und den Sommer besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das tanzende Rad, die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten, sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretär des Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen besten Jahren und sang Kriegslieder: _ihm_ hätte es damals nichts genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den Garten, die Sonne und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit -- auch in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren, und wahrscheinlich ist's ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen -- Anakreon soll's auch so gemacht haben.
Der jungen Müllerin sah man's nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in ein Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band auf der Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem jähen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übrig geblieben. Und so war's in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein hineinzwinkern; für die Jugend wollte es sich nicht schicken -- das Leben war kurz und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!
Die junge Müllerin sang: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud!« sie sang:
»Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narzissen und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide.
Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es vordem gesungen:
»Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich an ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten; Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz vom Lustgeschrei Der Schaf' und ihrer Hirten, --
und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das Loblied des Sommers ein; der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er -- Herr der Mühle an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes Wasser: wer je Übles von ihr gesprochen hatte, der mochte die Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.
Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der Nixe nicht gewesen wären.
Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:
»Die unverdrossne Bienenschar Fleugt hin und her, sucht hier und dar Sich edle Honigspeise!«
jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und schüttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den Kopf.
»Drei Schritte vom Leibe!« rief die junge Frau, mit beiden Händen abwehrend. »Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Groß-Förste hat seinen Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du staubig Müllergespenst!«
Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die Suppe; aber er griff doch zu und lachte:
»Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?«
»Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei brennt an, und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!«
Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.
»Und ich fange dich doch, mein Schatz!« rief der junge Meister.
»Jawohl -- ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde --
Lieschen, mein Engel, meine Herzenstrompet', Meine Pauke, Standarte und meine Musket',
-- dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein, nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu fegen und zu bürsten. Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!«
Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen Fenster, und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches Lächeln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:
»Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da durch dieselbigen Wege nachjagte?«
In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der Mühle seine Müllerin --
»Geh aus, mein Herz, und suche Freud In dieser lieben Sommerzeit An deines Gottes Gaben! Schau an der schönen Gärten Zier Und siehe, wie sie mir und dir Sich ausgeschmücket haben!« sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall Laudon an diesem Morgen einander geliefert hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei Augen drüben am andern Ufer der Innerste im Weidendickicht! --
Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus hervorgestiegen sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote, trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen, großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!
Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.
Zu ihren Füßen -- um ihren Fuß! -- regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen -- die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und warten »auf Seelen«; wir wissen das nicht und können nicht darüber nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.
»Du Schelm!« flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden, und -- das war alles um den letzten mutwilligen Schrei, mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte.
Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.
»Du wilder Albrecht -- wenn -- du nun begraben lägest mit den tausend und tausend anderen -- in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der arme Barthold Dörries?!« flüsterte die junge Frau, und in demselbigen Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht; auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch oder aus dem Wasser komme! -- -- --
Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß sich _das_ zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein. Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweiten Mal hören.
Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und wahrhaftig geschrien; -- es war keine Sinnestäuschung gewesen!
»Um Gottes und Jesu willen, was war das?« rief die junge Frau. »Hast du es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte? Albrecht, Albrecht, -- Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich die Stimme noch einmal höre!«
Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte die Zähne zusammen und lachte heiser:
»Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick still; -- diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; -- ich werde ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.«
»Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!«
Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: »Such, such, Laudon!« rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der Sonne; alles -- Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus, wirrte sich ineinander; -- sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn Minuten, die er ausblieb!
Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte.
»Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit leererer Tasche zurück, Liese!« sagte er. »Es ist eine Dummheit und es bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist, einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die Spinnstubenhistorien hineinzubringen.
»Du hast nicht gefunden -- gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!«
Meister Albrecht schüttelte den Kopf.
»Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts zu hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der es darauf ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er heißen, und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch, und ich gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!«
»O Albrecht,« rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, »tue das nicht! denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit Fußangeln fangen; sie will ein Lebendiges --«
»Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle -- was vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen Müller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten zu lassen. Meine Hühner ess' ich selber! Solange mein Vater lebte, habe ich mich freilich genug ducken müssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.«
»Aber dein Vater --«
»Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf über -- da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst, Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem nicht gegen die Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.«
»Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,« sagte weinerlich die junge Frau.
»Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag haben,« sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.
Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und geflüstert:
»O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!«
Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände; die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den Sorgenstuhl --
»Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,« flüsterte der junge Herr und Meister in der Mühle.
»Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,« sagte leise die junge Müllerin zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: »Wenn ihr das Buch von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; -- ich nehme es ihr unter den Händen sanft weg.«
Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie nieder auf die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten Schrei:
»Albrecht? Albrecht! -- Albrecht!« --
Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen -- Weinen und Lachen rundum weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen -- einerlei! Die alte Frau schlief -- schlief ruhig weiter.
Neuntes Kapitel.
Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der _wilde_ Harz. Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur -- Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.
Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Lautenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.
Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.
Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im wilden Walde -- vor der Bluttat und nach derselbigen -- ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad -- seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.
's ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste, oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um ein Beträchtliches schäbiger geworden; -- sie scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe an ihm.
Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem ^F. R. -- Fridericus Rex^ -- aufzuweisen hat -- der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.
Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.
Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn's sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.
Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:
»He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer nicht lassen; -- da ist Er ja wieder! -- Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie's in dem Buche steht: >Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.<«
Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie das folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann auch nach der Richtung.
»Guten Tag, Vater Radebrecker,« sagte der Einarm, militärisch grüßend.
»Guten Tag, mein Söhnchen,« entgegnete der alte Meister. »Der Herr segne deinen Eingang und -- Ausgang.«
»Hm,« meinte der Soldat, »kann Er's denn gar nicht lassen, Er alter Sünder? Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen, der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn je. Will Er denn absolut Pastor in der Hölle werden und von einer glühenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen, Radebrecker?«
»Hm, -- jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.«
»Man sollt's doch nicht für möglich halten!« brummte der Invalide mit einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das Gespräch auf etwas anderes.
Er sagte mit einigem Zögern:
»Da Er's doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach' ich's kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär's auch nur, um mich von ihr malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom Profossen. Wie geht's der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?«
»Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den Wald hineinsingen zu hören.«
Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber legte die Hand hinters Ohr.
»Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?«