Die Innerste: Erzählung

Part 4

Chapter 43,702 wordsPublic domain

Er sprang hinaus, und ihm nach sprang der junge Müller, dem Jungfer Lieschen Papenberg vergeblich einen kläglichen Bittruf nachschickte. Die übrigen blieben alle sitzen und legten sich von neuem aufs Horchen. Die Braut drückte sich an ihre Mutter, der Vater Papenberg schüttelte den Kopf, der Meister Christian senkte den seinigen finster auf die Brust und schlug die Arme ineinander. Nach zehn Minuten vergeblichen Harrens und Horchens ächzte die alte Müllerin:

»Vater, ich trage es nicht länger! Das Herz will mir vor Angst zerspringen!«

»Laß sie doch,« murmelte der Greis. »Laß sie nur suchen. In meiner Jungheit bin ich auch mal dem Rufen nachgegangen, meinem Vater zum Trotz. Morgen früh -- ja morgen früh soll jedem sein Recht werden; und jetzo, Freundschaft, guckt auf und kümmert euch um nichts. Schenk frisch ein, Mutter, die Innerste wird nicht mehr zum zweiten Male schreien; sie soll morgen früh ihr Recht haben!«

Die letzten Worte hatte der Alte selber mit schreiender Stimme gegen das Fenster hin gerufen, und nun tat er selber einen hastigen, wilden Trunk.

»Guck auf, Lieschen! Gevattersche Papenberg, bringe Sie das Kind wieder zu einem vergnügten Gesicht. Kümmert euch nicht mehr um die Innerste, Freundschaft, ich kenne sie und sie kennt mich, und sie hat nicht im Sinn, uns das Pläsier an diesem Abend zu verstören. Sie will nur ihr Recht haben, und das soll sie auch morgen mit dem Frühesten kriegen.«

»Wenn ich nur meinen Jungen von draußen wieder drin hätte!« seufzte die Mutter Bodenhagen; aber da schnarrte der Alte wiederum höchst verdrießlich:

»Der Junge? Ja, der Junge! Freilich sagt man: was hängen soll, versäuft nicht, und zu meinem Wunder ist der Junge ungehangen von dem Volk nach Hause gekommen. Ach was, Gevatter Papenberg, trinke Er aus und lasse Er nur das Kopfschütteln. Frisch weiter mit dem Pläsier!«

Das »Pläsier« war jedoch, was der Müller an der Innerste auch sagen mochte, verdorben und blieb so, und die Fröhlichkeit des Abends kam nicht wieder in Gang. Dagegen aber kamen von neuem die seltsamen Historien in die Höhe, und ein jeglicher wußte abermals das Seinige zu sagen von der Leine, der Ihme und der Innerste und selten etwas Gutes.

Die beiden Kriegskameraden blieben eine ziemliche Zeit aus; aber nicht einmal den wachsamen Hund Laudon, der mit ihnen auf die Suche und Jagd gesprungen, hörte man anschlagen, als ob er auf etwas Sonderbares gestoßen sei. Am besten wird's sein, wir gehen ihnen jetzo nach; denn wenn sie in der naßkalten Dunkelheit des Abends auch nichts Merkwürdiges fanden, so haben sie doch allerhand Kurioses miteinander geredet; die Jungfern, denen _wir_ erzählen, hören gern von dergleichen, zumal wenn es sie allesamt so genau angeht wie in diesem Fall. Es klingt nämlich durch die Nacht, das Rauschen des Mühlwassers und Wehen des Windes wie ein kurz abgerissenes Stück aus dem alten, alten Liede von der Treue.

Sie standen beide still, nämlich die zwei einstigen Waffenbrüder vor der Tür der Mühle, und ein jeder tat einen langen Atemzug in der feuchten Kühle dieses Februarabends.

»Puh,« meinte der Korporal, »da merkt man erst, aus was für einem Backofen man kommt und was für einen Dunst die gute Freundschaft im Zusammenhocken prästieren kann. Eine Taternhöhle ist ja gar nichts dagegen! -- Nun, Albrecht, steck die Laterne an, ohne eine Laterne kommen wir dem Spuk nicht auf die Sprünge! Sieh, der Sackville ist ja auch vorhanden, den können wir item gut gebrauchen. Such, such und bring, Mylord!«

Der Hund tat ein paar Sprünge um seinen jungen Herrn herum, doch mit dem Suchen gab er sich weiter keine Mühe.

»Du hast nichts vernommen, Jochen?« fragte der Haussohn.

Der Korporal fing an, einen königlich preußischen Kriegsmarsch zu pfeifen, brach nach dem ersten Gesätz ab und erwiderte:

»Dich möcht' ich lieber als alles andere beim Laternenschein besehen, Bodenhagen -- Musketier Bodenhagen! Die Innerste hat wohl nicht geschrien, wie der Alte vermeinte; aber die Doris da oben an der Innerste könnte wohl gelacht haben. Was meinst du, Albrecht?«

Der junge Müller lachte jedenfalls, doch es klang rauh, und die Dunkelheit verhinderte den Korporal, zu sehen, wie sein Kamerad zu dem Lachen die Hand ballte. Die Faust öffnete sich aber wieder, und Jochen Brand fühlte die Hand seines Freundes an seinem gesunden Arme. Der Müller zog ihn weiter von dem Hause weg um das Haus herum, über den Hof, durch den Garten.

»Wer hat Ihm das gesagt; oder hat Er es aus sich selber gesagt? Das mit dem Lachen? Jochen, es ist so; als der Vater sein Wort gerufen hatte und das Frauenzimmer in seinem Schrecken winselte, habe ich ein Lachen gehört. So wahr mir Gott helfe, es hat jemand in der Finsternis vor dem Fenster gelacht, und dabei war ein Knirschen -- da -- so -- hörst du? -- gerade so!«

Diesmal knirschte nichts, als zwei der Eisschollen, die sich auf dem dunklen, schläfrig dahinkriechenden Spiegel der Innerste aneinander rieben, und der Korporal spuckte deshalb erst verächtlich in den Bach hinein, dann aber sprach er ernsthaft genug:

»Musketier Bodenhagen, ich habe vieles erlebt in der Welt, und was am grimmigsten aussah, das wurde manchmal zum größten Spaß. Ich bin mit dem König, volle Feldmusik und fliegende Fahnen vorauf, dem Feldmarschall Daun unter der Nase vorbeimarschiert, und er sah schauderhaft genug herunter von seinem Berge und hinter seinen Schanzen und Kanonen hervor. Ich weiß Bescheid in der Welt, Musketier, und zwischen Morgen und Abend habe ich auch von Ihm genug gesehen und gehört, um zu wissen, wie es mit Ihm steht. Will Er nun einen guten Rat annehmen?«

»Wie von einem leiblichen Bruder!« rief der junge Müller.

»So geh nicht wieder zurück in die Stube, Albrecht.«

»Ach, Jochen, rede deutlich!«

»Bleib draußen! Geh nicht wieder in das Haus zur Freundschaft zurück. Ich habe drei Reichstaler in der Tasche, mehr bin ich in der ganzen weiten Welt nicht wert; aber du sollst die Blechkappen haben und willkommen dazu sein. Da liegt der Mühlensteg über die Innerste; -- spring, lauf und laß dich vor dem Jüngsten Gericht nicht wieder hier sehen. Dieses ist mein Rat, und meine Meinung dazu ist, daß du hier ohne Gnade und Barmherzigkeit kaput gehst. Der Alte ruiniert dich, die Freundschaft ruiniert dich und die Jungfer Papenberg ruiniert dich zu allermeist. Du spielst hier ja doch den wilden Bodenhagen nicht länger, _der_ gute Geruch verdampfte wie der Franzos bei Roßbach. Die Innerste aber holt dich bei guter Gelegenheit einmal wirklich, und die Freundschaft und Verwandtschaft wird dir keine Stange hinhalten, um dich aufs Trockene zu holen. Sie wird nur sagen, daß es ihr leid sei, wenn sie dich mit dem Haken durchs Schilf zieht. Albrecht, Bruder Albrecht, du weißt es selber, daß wir solche wie du zu Tausenden in der Armee haben, und, Bruderherz, es ist doch vergnüglicher, bei Trommeln und Pfeifen, mit Kling und Klang in angenehmer Kameradschaft eingescharrt, als so zu Hause in Güte und Herzlichkeit vom Bösen geholt zu werden. Kerl, geh zum Fritz nach Sachsen, wenn du den Prinzen Ferdinand satt hast. Den Colignon findest du immer noch unterwegs, und er zahlt auch ein immer besser Handgeld. Das ist der eine Weg aus deinem Jammer; der andere aber geht hier am Bache hinauf, immer den Bergen zu. Schleich dich zurück nach der Buschmühle, grüße Doris Radebrecker von mir und bestelle ihr, sie solle dir schon um meinetwillen den Hals nicht umdrehen.«

Mit schluchzender Stimme wimmerte der wilde Bodenhagen:

»Aber da drinnen in der Mühle in der Stube bei Vater und Mutter habe ich ja meinen Schatz, meine junge Braut sitzen?!«

»Jawohl, hinter dem warmen Ofen, und des Herrn Vaters spanisch Rohr hängt ihr über dem Kopfe am Nagel. Kamerad, ich sage dir, nimm dich in acht, daß du die Innerste nicht wirklich und wahrhaftig nach dir schreien hörst, wenn der Pfaff dir das arme Ding erst niet- und nagelfest um den Hals geschmiedet hat. Nun, wie ist's? nimmst du Vernunft an von deinem alten Zeltbruder und Unteroffizier? Greif zu; -- da hast du den Juden Ephraim und den Borussorum Rex dazu dreifach als Reisegeld. Als du zum ersten Male durchgingest, hat dir der Herr Vater wahrlich nicht so viel gutwillig mit auf den Weg gegeben.«

Er hatte sein letztes Besitztum an klingender Münze aus der Tasche geholt und hielt es hin; der andere aber schob die Hand mit dem Gelde mattherzig zurück.

»Dir ist dann nicht zu helfen,« sagte der Korporal Brand mit einem Fluch. »Also sehe ich auch nicht ein, daß wir uns noch länger hier in der Kühle und Feuchte herumtreiben. Laß uns zurück in die Stube. Element, nachher wundert sich Seine königliche Majestät Fritze noch, daß selber ihm manchmal eine Bataille schief abläuft. Kotz Blitz, es ist auch ein Wunder, daß er mit solchen Breiköpfen und Plattfüßen in Reihe und Glied sich doch noch so anständig durch zwei schlesische Kriege bis in diesen dritten hinein durchgeschlagen hat. Marsch zurück unter den Ofen, Sackville! Und meinen leeren Ärmel trag' ich auch noch nicht lange genug, um nicht die Nachtkühle an dem nichtswürdigen Stumpfe zu verspüren!«

Er drehte sich kurz um und ging in das Haus zurück. Strack und munter trat er in die heiße, dampfvolle Stube ein, und dicht auf den Hacken schlich ihm Albrecht nach.

»Herr Meister,« rief der Einarm lachend, »bei der Finsternis da draußen suche Ihm ein anderer Seine nächtlichen Spukmusikanten. Hier der Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge, daß die Innerste so sanft dahinfließt, als hätte sie niemals ein Mühlenrad getrieben oder einem Müller die gute Laune verdorben. Und das muß ich auch sagen, das Gespensterhafteste, was man heute abend zu sehen kriegen kann, sind die Käsegesichter, welche die löbliche und angenehme Vetternschaft allhier durch den Nebel schneidet. Hab' ich recht, Jungfer Papenberg?«

Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht, ihr war's genug, daß sie den Bräutigam heil und ganz von der gefährlichen Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte.

Der alte Müller Bodenhagen sagte aber ruhig:

»Er hat sich eine vergebliche Mühe gemacht, Musjeh. Meine Schuld ist es nicht, Korporal Brand. Das Wasser schreiet wohl, aber sehen läßt sich selten etwas, und das ist auch das Beste.«

Die anwesende Gesellschaft, die trotz allem vollauf genügenden Grauen und Gruseln gehofft hatte, von den beiden mutigen Kriegsleuten noch etwas Grauligeres zu vernehmen, fühlte sich getäuscht, wenngleich niemand dieses zu sagen wagte. Es ist still geblieben, und die Freundschaft von Groß-Förste, die am Nachmittage auf dem Wiesenwege angekommen war, stieg nach einem bedrückten Abschiede auf den Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege. Ebenso die Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen.

Als der junge Müller seine Braut auf den Wagen hob, erschien sie ihm beim Lichte der Laternen merkwürdig bleich, und sie schluchzte auch:

»O Albrecht, ich werde toll, wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal allein sitze und die Innerste schreit!«

»Binde dir selber keine Dummheiten auf und laß dir keine aufbinden!« lachte der Bräutigam, doch klang sein Lachen gar nicht lustig.

Was der Göttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals Jochen Brand gesagt haben würde, können wir leider nicht wissen: seine Ansicht darüber wäre uns aber sicherlich höchst willkommen gewesen.

Siebentes Kapitel.

»Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl bergunter, Meister Müller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker; diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, daß Ihr kein Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den Lerchentriller, und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl, Musketier Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu sehen und zu hören in der Luft -- es sieht mir vielmehr nach einem ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank für eure kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier; und Ihm, Meister Müller, wünsche ich noch ganz apart beiseite, daß Er recht behalte, und daß das, was Er da eben so grausamlich vollführet hat, Ihn und sein Hauswesen vor allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor denen, die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben.«

Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand, und der Meister Christian entgegnete ihm:

»Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl ein wenig feiner hätte vorbringen können. Sonst aber hat Er mir ganz wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, daß mein Junge unter Seinen Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird, so erinnere Er sich, daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch gestellt wird.«

»Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller, Meister Müller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt gesund und munter. Beiläufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen, ohne vor dem Colignon und seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine französische Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. ^Bon jour!^«

Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege, der über die Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte, und der Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf, den Nebeldrücker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem nämlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzählens wert ist.

Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein schwarzes Huhn; weshalb, das weiß man nicht. Bekommt sie ihren Willen nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen Menschen -- ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! -- und zwar noch in dem nämlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.

Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Müller an der Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Träumen gelassen, und nun -- hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den Rekruten, auf welchen er's abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln sehen und kreischen gehört -- die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den Ellbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand zugeflüstert:

»Du! Der König Fritze würde zwar über dieses auf Französisch gelacht haben, doch mir ist's augenblicklich gar nicht lächerlich mehr. Nun ist mir doch wahrhaftig selber, als hätte ich gestern abend ein Geschrei gehört! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, daß du für dein Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg scheinen täte, was sie nicht tut, so würde sie mir diese Narrheit nicht aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behält eben doch seinen Sinn. Merk dir's, Kamerad.«

Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel, und der Meister Christian sagte:

»Ja, ja, Albrecht; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen, so hätt's mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?«

Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurück, und allesamt gingen sie, ein jeglicher an seine Geschäfte. Es gab viele Arbeit in der nächsten Zeit, und das war für alle gut, besonders aber für den Haussohn, denn dem flog's recht häufig um Stirn und Nase, gleich einer lästigen Fliege, die weder zu fangen noch zu verscheuchen war.

Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Leute sich auf die Hochzeit des jungen Müllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden. Zu angesetzter Zeit, als die Welt wieder grün geworden war, fand sie statt, und es wurde eine große Lustbarkeit. Unter den ungeladenen Gästen fanden sich gottlob keine von denen, die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so gern aus den Feldlagern in Westfalen, Schlesien oder Böhmen hergebeten hätten. Die Sonne schien, die Geige schrillte, und der Brummbaß rumpelte dem Siebenjährigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze, und was das allerbeste war: die Innerste hat nicht die Pläsierlichkeit gestört, das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrien. Das war auch für sie, die Innerste, das beste; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wäre an dem Tage für sie auf dem Hofe zu finden gewesen. Groß und klein, jung und alt, waren sie in die Suppentöpfe gewandert -- nicht ein einziges entging dem Messer der Hausmutter.

Und die Männer sagten alle, eine so saubere Braut wie das Lieschen sei im ganzen Fürstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden.

»Ich suche auch gar nicht danach,« sprach der junge Meister, und der alte Meister rieb sich die Hände und murmelte:

»Nun mag es doch noch gehen; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes Hülfe gebracht. Ich habe das Meinige an ihm getan, und wann er jetzo dem Stabe Sanft parieren wird, so tue ich vor Johanni noch ein letztes und gebe das Regimente ganz und gar ab. Der Alten wird's auch so recht sein.«

So reden die Menschen von dem, was sie morgen -- übermorgen -- vor Johanni tun wollen! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mühle; den Brummbaß samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zärtlicher Umarmung, und was den Musikanten anging, im tiefen Schlaf im Graben an der Straße nach Hohen-Hameln, und den alten Müller, den wackern Meister Christian Bodenhagen, in seinem Bette tot gefunden. Der Medikus aus Sarstedt hat ihn, den Meister, nachträglich zur Ader gelassen, jedoch ganz und gar vergeblich.

»Es ist eben, auch nach der Errichtung der Universität Göttingen, immer noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflüssen, Mutter Bodenhagen,« sprach der Doktor zu der in Tränen und Jammer aufgelösten alten Frau. »Zu schnell kann unsereiner nie kommen. Halte Sie sich an den Trost, daß im vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultät der Georgia Augusta nicht mehr ausgerichtet hätte als wie ich.«

Achtes Kapitel.

Auf einer Trommel saß der Held Und dachte seine Schlacht, Den Himmel über sich zum Zelt, Und um sich her die Nacht;

nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als es dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den Liegnitzer Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel der Preußen, und zwei Stunden später war wieder einmal alles ganz anders gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz gewonnen.

Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war, sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch schildert er auch, was nach der Affäre vorging:

»Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits große Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg erfochten, der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte, und alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte. Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der Aufzeichnung so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs; denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alle Verwundeten mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie wollten; selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten, die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb zurück, weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen Marsche war.«

Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der alte Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz befand, sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte, fröhlich in den jungen Tag hinein.

Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig, die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten grünte und blühte und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen wußten so wenig wie die junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen gesagt hätte, würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei gewesen sein. Die Vögel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten, um Petersilie zu pflücken, -- was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?