Die Innerste: Erzählung

Part 2

Chapter 23,816 wordsPublic domain

»Das ist das Wort! In meinem Ärgernis hab' ich nach dem Strolchen, dem schwachmütigen Lumpen auch gerufen und es kaum erwarten können, daß es so käme, wie es heute endlich gekommen ist! Ho, wirklich, er ist's, und ganz so, wie ich ihn mir im Traum und Wachen phantasiert habe, der Haas im Marderpelz! Alte, Alte, wenn ich den Schlingel nicht zu genau kennte, so würde er mir wahrhaftig nicht über die Innerste gekommen sein. Das ist der Milchtopf auf dem Feuer -- er kocht über und es stinkt. Du rückst ihn ab von der Glut, und er gibt sich fein zur Ruhe. O, du jammerhafter Wischlappen, was hattest du im Felde beim König Fritz und dem Prinzen Ferdinand zu suchen? Du Großmaul, haben sie dir nach Verdienst den Buckel zerbläut und dich heulend zu Vater und Mutter heimgeschickt? Ich habe es so gewußt, mein Sohn, verlaß dich drauf. Du bist mir nicht als etwas ganz Neues drüben am Wasser aufgegangen; und weil dem so ist -- deshalb -- sei gesegnet dein Eingang!«

Er hatte sein spanisch Sonntagsrohr neben der alten knochigen harten Hand auf dem Tische liegen, und jetzo war er aufgesprungen, und es erhub sich ein Tanz, beinahe noch lustiger und wilder, als er am kommenden ersten August bei Minden zwischen dem Herzog von Braunschweig und dem französischen Marschall Contades aufgeführt werden sollte. Die Mutter Bodenhagen flüchtete sich schreiend in eine Ecke; das Haus- und Mühlengesinde lief entsetzt zu Hauf -- der Meister Christian schlug brav zu und kümmerte sich nicht, wohin er traf. Den wilden Albrecht aber mußte die Schlacht bei Bergen und der darauf folgende Hunger wahrlich tief heruntergebracht haben. Er wehrte sich kaum anders als durch ein ununterbrochen Ausweichen rund um den Tisch herum.

Sie wußten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und bandlosesten Zeit des Siebenjährigen Krieges, immer noch in der richtigen Art und Weise mit den verlausenen Herren Söhnen umzugehen, die Herren Väter. Sie hatten es gelernt von Seiner königlichen Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm dem Ersten, und waren imstande, Seine Majestät König Fritz den Zweiten als glorreiches Exemplum hinzustellen und sich des weiteren und breiteren darüber zu ergehen, daß der das hispanische Rohr selber fühlen müsse, welcher es einmal selber führen und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den französischen König Louis, fühlen lassen wolle.

Drittes Kapitel.

Es war der gutmütige und handfeste Mühlknappe Barthold Dörries aus Dielmissen, der dem zornigen Hausvater endlich den Stab Wehe entrang und den Haussohn vor dem Schicksal errettete, zu fein gemahlen zu werden. Auch das übrige Gesinde sprang endlich zu; dann kam die Mutter und am andern Morgen die ganze umliegende Landschaft zu Worte. Letztere behielt es längere Wochen hindurch über die Vorgänge in der Sarstedter Mühle.

Es gibt nicht wenige Leute, die, wenigstens zu einer gewissen Lebenszeit, einen schlimmen Ruf für besser als gar keinen halten; allein es gehört Charakter dazu, diese Ansicht bis zum Ende festzuhalten, und solche Seelenstärke besitzen freilich nicht alle. Albrecht Bodenhagen besaß sie sicherlich nicht.

Er hatte genug des Ruhmes oder Rufes und gab, wie man das nennt, klein bei; und auch darüber machte die Umgebung dann natürlich wieder ihre Glossen.

Selten sind zu irgendeiner Zeit so viele Kornsäcke nach der Mühle an der Innerste getragen und gefahren worden als in jenen Tagen. Ein jeglicher wollte den verlorenen Sohn sehen, ein jeglicher gern ein Wort mit ihm reden, und manch einer kam zu seinem Zweck zum großen Verdruß des Heimgekehrten, dem beides ein Greuel war, das Vermahnen sowohl als das Beglückwünschen, und der jedem Gevatter und jeder Gevatterin unter dem wachsamen Auge des Herrn Vaters still zu halten hatte. So blühte mit dem Geschwätz das Geschäft, und die Räder drehten sich, und der Laufer drehte sich auch, und die Innerste quirlte lautlos ihr schmutzig Wasser vorbei und nach Sarstedt, um jenseits der Stadt andere Mühlen zu treiben und auf anderer Leute Angelegenheiten tückisch Achtung zu geben. Das geht uns aber nichts an.

An einem Donnerstage war Albrecht nach Hause gekommen, und am Sonnabend kam nach alter fester Sitte der Balbierer von Sarstedt, um dem Meister Christian den Wochenbart abzunehmen. Stumm und mürrisch ließ sich der Alte an der Nase ziehen, drehen und wenden und das Messer gewähren; aber nachdem das glattmachende Werk an ihm vollendet war und er den Schaum abgetrocknet hatte, winkte er dem Sohn auf den Stuhl, und der kriegerische Schnauzbart desselben fiel dem Messer geradeso zum Opfer wie die Wochenstoppeln des Vaters. Der tapfere Kriegsmann ging mit einem ganz anderen Gesicht aus der Prozedur hervor, und die Hausgenossenschaft wie die Umgegend hatten von neuem Grund, sich zu verwundern.

Es war doch etwas an dem Wort des Alten vom Hasen im Marderpelze! Eine gar gutmütige und augenblicklich gar melancholische Menschenvisage kam hinter dem grimmen Bart zum Vorschein. Es fehlte weiter nichts als eine weiße gestrickte Zipfelkappe zu einer weißen Müllerjacke, und als am Sonntagmorgen die Mutter mit Freudentränen im Auge dem Söhnchen beides brachte, und er mit der Kappe über den Ohren zur morgendlichen Biersuppe schlich, da mangelte nichts an der Verwandlung zum Besseren, und die Böswilligsten und Mißtrauischsten mußten zugestehen, daß sie doch wohl an dem »wilden« Bodenhagen sich geirrt haben könnten. Nun fehlte bald wenig, daß der verlorene Sohn durch das halbe Fürstentum Kalenberg und das ganze Fürstentum Hildesheim als ein Muster aufgestellt worden wäre. Entrüstete Väter und betrübte Mütter waren jetzo um so geneigter Beifall zu nicken, als sie vordem den braven Albrecht als schlechtes Exemplum für ihre eigenen wilden Sprößlinge verwünscht hatten. Auch die Jungfern in der Stadt und auf dem Lande guckten auf und hin, und manch ein Mägdelein machte sich ein Geschäft in der Mühle, das ein anderer ebenso gut oder besser hätte ausrichten können.

Am 1. August fiel die Schlacht bei Minden, und am 12. desselbigen Monats die bei Kunersdorf vor, in welcher es dem alten Fritz so herzlich schlecht erging. Nach der letzten Bataille verschwand eines Tages der Knappe Dörries aus der Mühle; er war nach Pattensen auf den Jahrmarkt gezogen, sich einen vergnügten Tag zu machen und eine neue Mütze zu kaufen. Beides soll er zustande gebracht haben, dem Gerüchte nach; aber auf den vergnügten Tag folgte auch eine kreuzlustige Nacht; der gute Barthold ist nicht nach der Mühle zurückgekommen; der Oberst Colignon hatte auch ihn, und schon am 21. November hat ihn bei Maxen ein Stück von einer Haubitzgranate des Feldmarschalls Daun zu den übrigen auf den Boden gelegt. Es war schade um ihn, und der König Friedrich ist nachher auch sehr ergrimmt darob auf den Herrn General von Fink gewesen, hat ihn vor ein Kriegsgericht gestellt und auf die Festung gesetzt, aber den guten Barthold nicht wieder lebendig dadurch gemacht.

Meister Christian Bodenhagen in der Mühle an der Innerste nahm keinen andern an seiner Statt an. Er hatte ja seinen Sohn zurück und konnte ihm aufladen, was ihm beliebte; und Vater, Mutter und Kind waren und blieben allein und feierten Weihnachten im engsten Familienkreise. Man hat diesmal aber nicht gesehen, daß sie einen Tannenbaum mit goldenen Äpfeln und Nüssen behängten und mit Lichtern besteckten. Es wäre auch schade um den Baum gewesen, denn in diesem Jahre schwamm der ganze Torgauer Wald die Elbe hinunter nach Hamburg und durch des Obersten Colignons Werbetaschen so nach und nach in die Taschen von sechzigtausend neuen Rekruten. Und was an gutem Holz in den Lagern von Dresden, Freiberg und Dippoldiswalde in den Brandhütten der Österreicher und Preußen in Rauch aufging während des harten Winters, ist von der gütigen Mutter Natur auch erst lange Zeit nachher ersetzt worden.

Um Weihnachten drehte sich das Rad noch; aber dann kam der Frost, die Innerste wurde zu Eis, und die Mühle stand still. Da hat man Zeit gehabt, allerlei miteinander zu überlegen, und über allerhand Vergnügliches und Zärtliches zu einem festen Beschluß zu kommen. Bald hat man es weit und breit gewußt, daß der Vater Bodenhagen mit großem Nachdruck von dem Sohne verlangt habe, er solle ihm nun auch eine junge Frau ins Haus bringen und zwar schon zu Ostern des kommenden Jahres. Rundum haben die Jungfern aufgehorcht; aber auch nicht wenig die Näschen gerümpfet, als sie zu dem übrigen vernahmen, daß sie keine Stimme bei dem Handel haben sollten, daß derselbige schon so gut wie abgemacht und durch Handschlag zwischen den Eltern besiegelt worden sei; daß der Albrecht ja gesagt habe, ohne sich lange zu zieren und zu besinnen, und daß die Braut zu Groß-Förste sitze und wirklich niemand anderes sei als Lieschen Papenberg, des Brinksitzers Papenberg einzige Tochter!

Das hatten sie nicht erwartet, die Jungfern in der Stadt Sarstedt und sonst im Fürstentum Hildesheim. Nun hatten sie sich zum zweiten Male in dem Albrecht Bodenhagen geirrt, aber voraus zu sehen war's doch gewesen; denn ein Mensch, der so fortlief in die Welt und so wiederkam und so weichmäulig und so weiß, so hammelweiß vom Mehlstaub über die Gartenhecke greinte, dem konnte man alles zutrauen, selbst den schlechtesten Geschmack im Lande, weit über den Deister hinaus und bis tief hinein in die Lüneburger Heide.

So dachten und zischelten die Jungfern hinter den Türen, auf den Dorfgassen, am Brunnen und hinter den Spinnrädern; aber die Eltern dachten anders und nannten den Meister Christian einen Hauptkerl, der es verstehe, einen Windhund an die Leine zu nehmen, und auf die Haus- und Staatsräson fast ebensogut ausgelernt habe wie der preußische König Fritz und sein Herr Vater Friedrich Wilhelm.

Man hat auch das Lieschen gefragt, wie ihr denn eigentlich nun zumute sei? und sie hat den Schürzenzipfel an den Mund genommen und gemeint, das sei eine dumme Frage. Dabei aber hat sie gekichert, und die Fragerin hat auch nichts weiter gewußt, als gleichfalls zu kichern, ist jedoch hingegangen und hat, drei Häuser weiter, erzählt: ihr sei eben eine Gans über den Zaun geflogen, der sei sie nachgelaufen bis auf Papenbergs Hof, und da habe sie sich beinahe vergriffen und das Lieschen dafür am Flügel genommen; solch ein kurios Gegacker sei seit Erschaffung der Welt nicht erlebt worden, und auf die Hochzeit sei das ganze Freikorps des Obersten Bauer geladen, dazu aus Böhmen viele schöne Fräulein; wer aber zu allererst gebeten sei, das sei die Müllerstochter oben im Harz, die auch an der Innerste sitze und tagtäglich ihre Grüße mit dem Wasser herunterschicke, wie der arme Barthold Dörries das ja hundertmal erzählt habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, gelacht mußte Lieschen Papenberg haben: wer das Mädchen lachen sehen wollte, der konnte überhaupt leicht dazu kommen. Es war ein fröhliches Ding von den Kinderschuhen an gewesen, brachte von Natur ein vergnügt geduldig Herz mit zu allem, was die Frauen erleben können auf dieser Erde; die Innerste hüpfte da oben in den Bergen, an ihrem Geburtsorte im Walde nicht unschuldiger, klarer und lieblicher in die Welt hinaus.

Gegen Ende Februars, als es in Schlesien und Sachsen wieder lebendig wurde und überall das Eis aufging, schrie die Innerste im neuen Jahre 1760 zum ersten Male, aber die junge Braut hat sie damals noch nicht schreien hören.

Viertes Kapitel.

Es war ein Sonntag, und die Kirche war überall zu Ende im Lande. Der Tag war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, daß es regne; es war eben ein Tag im Hornung, und man mußte das Wetter nehmen, wie es sich gab. Der junge Müller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den Mägden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage zurück sein. Das Rad war gestellt, und der junge Müller lag faul auf der Bank am Ofen und hörte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel tickte. Die Hauskatze saß zu seinen Füßen auf der Bank und putzte sich über die Ohren; denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Groß- und Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in der Mühle.

Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Träumer auf der Bank die Hand; dann sagte der junge Müller:

»Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben müssen.«

Er gähnte schläfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den Kopf. Da dachte er, daß er nun bald ein junges Weib haben werde, und lächelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das Fenster, um nach dem grauen Gewölk zu sehen, und da mußte er an die Kriegsvölker im Westen und Osten denken, mit denen er's vor einem Jahre noch hatte Frühjahr werden sehen, -- es war ihm, als höre er fern die Trommeln und die Trompeten, und auf einmal die ersten Schüsse von den Vorposten her. Er schüttelte sich, schob von neuem die Hände unter den Hinterkopf und seufzte:

»Uh!« --

Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, daß die Katze erschreckt von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war so still in der Stube, daß man außer dem Picken der Uhr nichts weiter hörte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die Innerste war's eben, die den jungen Müller Albrecht Bodenhagen so jach aufgejagt hatte. Er war in seinen schläfrigen Phantasien, anfangs ohne darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und plötzlich --

Der Hund stand und bellte gegen die Tür, und der Müller sah verstört darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.

»Herein!« rief Albrecht, doch es kostete ihm Mühe, das kleine Wort hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tür --

»^Bon jour!^« sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknöpften Ärmel. »^Bon jour!^ Richt' euch! Na, Musketier, hat Er's so schnell verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hände an die Naht bringen, Musketier Bodenhagen? Ja, ja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht! Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es nützt, mit einem Esel Freundschaft zu schließen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als ich Ihn zum ersten Mal in Reih' und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Pläsier, daß du endlich den Mund zumachst. Ich bin es und -- da bin ich und verhoffe, daß du es für einen Affront genommen hättest, wenn ich heute an deiner Tür vorbeimarschiert wäre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem Strohsack zur Nacht vorlieb: Du weißt, verwöhnen tut unsereinen weder Seine königliche Majestät, noch Seine herzogliche Durchlaucht; aber ein Vivat wirft's doch noch für beide ab; vorzüglich wenn das Getränk danach ist. Gewehr ab! Rührt Euch! Musketier, auf _das_ Wiedersehen hattest du dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die Kirche läutete?«

Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des Meisters Christian. Der junge Müller Bodenhagen stand vor ihm:

»Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und Blut, Jochen?«

»In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegen geblieben ist, Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz; königlich preußischer und kurfürstlich hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das Stück von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und Kamerad, Musketier Bodenhagen.«

Der junge Müller sah sich um. Rechts über die Schulter und links.

»Das ist freilich Sonntagsbesuch, auf den ich mich nicht eingerichtet hatte, Korporal,« stotterte er; aber der Einarm lachte:

»Will's Ihm glauben, Albrecht; aber das muß ich sagen, warm sitzt Er und propre. Ist das das Nest, aus dem Er aufgeflogen ist, um mit uns zu ziehen? Da kann ich es dir freilich nicht verübeln, daß du dich beizeiten wieder aus dem Pulverdampf in den Mehlstaub verzogen hast! Was sieht Er mich so jammerhaft an, Musketier?«

Der junge Müller sah in der Tat den Kriegskameraden ein wenig kläglich und verlegen an. Die Uhr im Winkel hob eben aus und tat ihre zwölf Schläge: lang konnt's nicht mehr dauern, so waren die beiden Alten aus Sarstedt zurück; und was der Alte zu dem verwilderten Gaste mit dem leeren Ärmel sagen würde, das wußte der junge Meister fürs erste noch nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur mit merkwürdiger Deutlichkeit seines eigenen Empfangs zu Hause nach der Rückkehr aus dem Felde und blickte jetzo nach dem Winkel neben der Uhr, aber einen Trost gewährte es nicht, daß das spanische Rohr daselbst nicht an seinem gewohnten Platze lehnte. Der Meister Christian führte es mit sich, würdig war er daran zur Kirche geschritten, und unbedingt brachte er es wieder mit heim; er hielt etwas auf den Stab, den er bereits von seinem Vater ererbt hatte und noch um eine Generation weiter zu geben hoffte.

»Ich sehe dich nicht jammerhaft an, Jochen,« sagte der junge Müller. »Aber mein Vater und meine Mutter --«

»Hoho,« lachte der andere, »steckt's da? Die halten das liebe Söhnchen wohl fest am Bande? Sie haben wohl nicht Lust, es zum zweiten Mal im weiten Felde zu suchen? He, Albrecht, Bruder, da laß du mich nur sorgen; aus dem Quartier geh' ich bis morgen früh nicht. Schaff zu trinken; den Hunger heb' ich mir zu Tisch auf! Nestküchelchen, Füsilier Bodenhagen, Bruderherz, sind wir darum in so erschrecklichen Bataillen gestanden, um uns zu Hause den Suppenlöffel ums Ohr schlagen zu lassen? ^Mordieu^, her mit der Flasche -- schaff einen Schnaps; oder ich hetze deinen eigenen Hund auf dich! wie heißt denn der Köter?«

»Schrei nur nicht so, Jochen. Hierher -- ruhig, Laudon! will er Ruhe halten, Laudon? O Jochen, tu mir die Liebe an --«

»Laudon heißt das Beest? Nenn es Sackville, Kamerad! Feig und niederträchtig genug sieht die Kreatur zu dem Namen aus! Hetz sie nur auf den Zeltkameraden, Bruder Albrecht! He, Sackville! He, Sackville! faß an, pack an, Lord Sackville! Mit meinem leeren Ärmel wehr' ich mich! Siehst du, da verkriecht sich der Kujon unter der Bank, und da -- dort verkriecht sich der Broglio aus der Affäre, und da lieg' ich im Sumpf, und der Arm ist zum Teufel. Sackville, hoho, Sackville, Mylord Sackville! so zieh' ich als ein Invalid mit dem Bettelsack aus dem Feldspital nach Hause, und mein bester Freund fürchtet sich vor der Rute hinterm Spiegel. Pfui, Satan; ich spucke aus und wünsche dir alles Glück bei deinen Mehlsäcken, Albrecht Bodenhagen. Adjes, und wenn du es gar nicht mehr aushalten kannst, laß dich beim Sackville unter die englische Kavallerie anwerben, und deinem Hundevieh tu' ich Abbitte, das ist viel zu gut für den Namen. Gott befohlen, Müller, und die englische Krankheit in deine Knochen!«

Er hatte den Hut aufgestülpt und wollte eben zornig zur Tür hinaus, als sich dieselbe öffnete, das heißt, als sie weiter aufgemacht wurde. Es hatte seit mehreren Minuten bereits jemand da dem Dinge zugehört. Der alte Meister Christian stand auf der Schwelle, und hinter ihm stand angsthaft seine Hausehre und hielt ihn am Rockschoß; es wies sich jedoch sonderbarerweise aus, daß das gar nicht notwendig war.

Der Invalide von Minden rannte an den Meister an und fuhr zurück.

»Wo will Er hin?« fragte der Greis. »Halt da! Daß Er das große Maul gleich allen übrigen aus dem Kriegselend mitbringt, weiß ich schon. Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die Jahre lang allnächtlich ihr Kissen in ihren Tränen wäscht? Die Rute hinterm Spiegel? Ei, ei, führt nicht der König gerade darum den Krieg, um der ganzen Welt zu zeigen, daß die Rute immer noch hinter dem Spiegel stecke? Lege Er Seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der Mühle bis morgen und auch noch einen Tag länger, wenn's Ihm beliebt. Auf den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzuräsonieren das ist _mein_ Junge, und den hab' ich abzurichten! Marsch in die Küche, Mutter, wir haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast mehr. Hänge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad -- da, stell meinen Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen Umständen ein Weiteres wissen.«

Der Korporal schüttelte mit einem eigentümlichen Blick auf den früheren Kriegsgenossen dem Alten die Hand.

»Er ist mein Mann, Müller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich würde Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn's anginge. Mit Seinem Jungen da darf Er natürlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein Unteroffizier gewesen und weiß, wie er traktieret sein muß. Hänge Er auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.«

Der »Junge« tat verdrossen, was ihm geheißen worden war, trieb sich kläglich-mürrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er stützte beide Arme auf den Zaun und sah die mürrische Innerste vorbeifließen.

»O Jemine,« seufzte er, »jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid in mir wüßten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein -- die ganze Welt hunzt an einem herum, und nichts, gar nichts hat es genützet, daß man sein Leben dran setzte, der wilde Albrecht zu heißen. Der Krieg hat mich kaput gemacht -- und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon längst mit sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib --«

Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu bringen, schlich er zurück, fand die Suppe auf dem Tische stehend und den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der übrigen Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund nur zum Essen auf und hörte den Jochen von der Schlacht bei Minden erzählen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von Groß-Förste auf die Mühle zuführte durch die Felder und Wiesen, und auf welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.

Fünftes Kapitel.

»Kerl,« sagte der Korporal Jochen Brand, »nun sage mir mal, was das mit dir ist? Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit meinem Arm ruhig bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus, wie dir's ums Herz ist; es deucht mir, die Marschroute sei mir nur deshalb so vorgeschrieben worden, um dir die Beichte zu hören, als ob ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als ein Hildesheimscher Kanonikus.«

»O Jochen!« seufzte der junge Müller.