Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 5
Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die Kapelle hinein.
Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein, blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.
Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren, und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.
Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor, durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.
Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie, neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.
Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des Gottesdienstes abwarten.
Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen. Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.
Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich, aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe, den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.
VI.
Auf dem Rückwege nach Rappoltsweiler wandelte die Schaar derer, die ihrem Andachtsbedürfniß Genüge gethan, nicht in geordnetem, feierlichem Zuge wie auf dem Herwege, sondern Jedermann ging nach seinem Gefallen, und es ward auch dabei nicht musizirt. Die vom Gottesdienst Kommenden mußten sich an den geduldig Harrenden draußen vorbeidrücken, denn keiner von diesen wollte von hinnen ohne in der Kapelle gewesen zu sein und der Heiligen mit einem Kniefall und einem stillen Gebet seine Verehrung dargebracht zu haben. Das erforderte, weil die Andacht dieser frohgemuthen Menschen, deren Gewissen schwere Sünden nicht belasteten und leichte nicht bekümmerten, eine aufrichtige und herzinnige war, geraume Zeit, und ehe die Letzten dem Altar nahen konnten, langten die zuerst Heimkehrenden schon in Rappoltsweiler an. Der Kampf der beiden Grafen um den Vortritt war, von Augenzeugen den draußen Stehenden berichtet und von Mund zu Mund getragen, bald dem ganzen Spielmannsvolk bekannt geworden, und Alle dankten es laut oder leise ihrem dem Gedränge schon entschlüpften Lehnsherrn, daß er fest geblieben war und, wie sie die Sache auffaßten, damit die Ehre der Bruderschaft gewahrt hatte.
Die Herren und Damen schritten, zu plaudernden Gruppen vereint, wohlgemuth dahin. Sie wollten sich das eigenartige Vergnügen, einem Spielmannsfest beiwohnen zu können, nicht verkümmern lassen, erwähnten des Streites mit keinem Worte und thaten wie auf Verabredung ganz so, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Die Thierstein'schen Damen wurden allerseits mit absichtlicher Auszeichnung behandelt; besonders bestrebten sich Herzelande und Isabella, von Imagina unterstützt, sie den unliebsamen Zwist vergessen zu machen, und anscheinend mit dem besten Erfolge. Auch Schmasman schloß sich ihnen eine Strecke Weges an und entschuldigte bei der Gräfin Margarethe sein übermüthiges Spielmannsvolk wegen des musikalischen Mordspektakels auf dem Herwege mit einigen scherzenden Worten, die gute Aufnahme und freundliche Erwiederung fanden. Egenolf und Bruno wetteiferten mit einander, Leontinen die artigsten Dinge zu sagen und sie zum Lächeln und Lachen zu bringen, was ihnen auch gelang.
Schwieriger war die Lage des Grafen Oswald und die von ihm als Nothwendigkeit erkannte Aufgabe, sich in den heiteren Ton der Anderen hineinzufinden, an ihrer Unterhaltung unbefangen theilzunehmen und, wenn es unbeschadet seiner Ehre geschehen konnte, sich mit Schmasman einigermaßen zu versöhnen. Er fühlte sich, wenn auch nicht äußerlich gemieden, von seinen Standesgenossen im Stich gelassen und konnte sich dem Eindruck nicht verschließen, daß ihm sein entschiedenes Vorgehen von allen verdacht wurde. Seine Freunde Friedrich von Fleckenstein und Hermann von Hattstadt suchten ihn zwar durch Gespräch auf andere Gedanken zu bringen, merkten aber sehr wohl, daß er fort und fort darüber grübelte und wußten nur nicht, ob er auf ein einlenkendes Wettmachen des begangenen Fehlers oder auf eine ihn erforderlich dünkende Vergeltung und Heimzahlung der ihm widerfahrenen Zurückweisung sann. Zu der ihm zugefügten Kränkung kam nun noch die anzügliche Predigt, die stellenweise wie auf ihn gemünzt und so gelautet hatte, als hätte der Prior schon vor der Messe noch schnell von seinem Streit mit Schmasman Mittheilung erhalten und ihm dafür von der Kanzel herab eine Verwarnung oder gar einen Verweis ertheilen wollen. Um nun zu zeigen, daß er sich von den gefallenen Anspielungen keineswegs getroffen fühlte, redete er den mitheimkehrenden Prior höflich an, sagte ihm laut, damit es möglichst Viele hören sollten, Schmeichelhaftes über seine vortreffliche, zu Herzen gehende Predigt und fragte ihn nach der Gründung der Kapelle und der Herkunft des Muttergottesbildes.
Da gesellte sich Schmasman, Oswalds Frage vernehmend und ebenso wie dieser eine Versöhnung wünschend, zu den Beiden und drückte dem Grafen seine Freude über dessen Antheilnahme an der Entstehung der Kapelle aus. Er erzählte ihm, ein Vorfahr von ihm, ein Egenolf von Rappoltstein, hätte zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts das Marienbild aus einem Kreuzzuge mit dem blinden Dogen Dandolo von Venedig mitgebracht und der heiligen Jungfrau zu Ehren das Kirchlein errichtet. Er selber hätte die Absicht, das Innere der Kapelle mit bildlichen Darstellungen aus der heiligen Legende schmücken zu lassen.
Graf Oswald ergriff sofort die Gelegenheit, sich mit Schmasman wieder auf guten Fuß zu stellen. Er lobte dessen frommes Vorhaben und bat um die Vergünstigung, zum Schmucke des alten Gotteshauses auch seinerseits etwas beitragen und zur Erinnerung an seine heutige Anwesenheit bei dem Spielmannsfest, einen Genuß, den er nur Schmasmans gütiger Einladung verdanke, ein paar gemalte Glasfenster für die Kapelle stiften zu dürfen.
Schmasman nahm dieses großmüthige Anerbieten mit Dank an und reichte dem Thiersteiner Grafen die Hand. So war denn durch beiderseitiges Entgegenkommen in ritterlicher Gesinnung und gesellschaftlichem Takt der Friede zwischen ihnen wieder hergestellt und dem Einen wie dem Anderen ein Stein von der Seele herunter.
Wer aber keinen Frieden mit dem Grafen Thierstein schließen wollte, obwohl er noch gar keinen Streit mit ihm gehabt hatte, das war Herr Burkhard von Rathsamhausen. Beim Ausgang aus der Kapelle hatte er Schmasman die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »Das hast Du vorhin gut gemacht, Bruder! Hättest Du nachgegeben und den Thiersteiner vorgelassen, -- ich weiß nicht, was ich dann angefangen hätte, ich glaube, ich wäre vorgesprungen und hätte ihn mit Gewalt zurückgetrieben. Mit ihm hätte ich mich dann auf eigene Faust auseinandergesetzt, zwischen Dir und mir aber hätte ich wie Eberhard der Rauschebart das Tischtuch zerschnitten.«
»Das hättest Du nicht gethan, Alter!« hatte ihm Schmasman lächelnd erwiedert.
»Bei meiner armen Seele, Schmasman, der sich Gott in seiner Gnade dermaleins erbarmen möge! ich hätte es gethan, und ich thue es noch, wenn Du Dir in Deinen Hoheitsrechten jemals das Geringste gegen Den vergiebst,« hatte Burkhard mit drohendem Blicke geschworen. Dann waren sie im Gedränge von einander getrennt worden.
Jetzt ging er an Müllenheims Seite in leisem Gespräch, das damit schloß, daß Burkhard, die geballte Faust schüttelnd, durch die Zähne knirschte: »Ich ruh und raste nicht, bis ich Den von seinem Berge wieder herunter habe; da gehört ein anderer Mann hin.«
»Welchen meinst Du?« fragte Müllenheim.
»Davon ein andermal!« erwiederte Burkhard, »er wird zur Stelle sein, wenn die rechte Zeit dazu gekommen ist.«
Müllenheim schwieg, glaubte aber den anderen Mann, den Burkhard meinte, nicht weit suchen zu müssen. --
Mit einem stark begehrten Erfrischungstrunk nach der Wallfahrt, mit dem Mittagsmahl in gesonderten Kreisen und verschiedenen Wirthschaften und etwas später wieder mit einem Vespertrunk zur Vorbereitung und Anregung für die zu leistenden und entgegenzunehmenden Vorführungen verging die Zeit bis zum Beginn des Hauptvergnügens, der zu einer bekannt gemachten Stunde festgesetzt war.
Auf den Glockenschlag dieser Stunde fing der Trubel an, und das auf die mannichfaltigste Weise. Spielleute, einzeln, zu Paaren und in kleinen Banden, die sich mit einander eingespielt hatten, durchzogen musizirend die Stadt, begegneten sich in den Gassen mit anderen ohne ihr Spiel dabei zu unterbrechen oder blieben vor den Häusern stehen, in deren Thüren sie dankbare Zuhörer fanden. Das Gleiche thaten andere Fahrende, die mit erstaunlichen Kunststücken und Leibesübungen Alt und Jung ergötzten, so daß immerwährend und überall ein geräuschvolles und vielbewegtes Treiben buntgekleideter Gestalten durch einander wogte und wirbelte.
Mittlerweile füllte sich mehr und mehr die mit Laubgehängen und Gewinden geschmückte große Halle, wo die Geübtesten und Geschicktesten der Bruderschaft sich hören und sehen ließen. Der Zutritt in diesen weiten Festraum stand Jedermann offen, aber alle darin Anwesende mußten sich den Weisungen der zwölf Meister fügen, die für Ordnung sorgten, in der Mitte genügenden Platz für die künstlerischen Darbietungen frei hielten und darauf achteten, daß die auf den Bänken sitzenden Herrschaften nicht durch vor ihnen Stehende am Schauen gehindert wurden.
In wechselnder Reihenfolge traten Geiger und Bläser, Lautner und Harfner, Sänger und Tänzer auf und zeigten das Beste, was sie konnten. Beim Kommen und Gehen machten sie ihrem Lehnsherrn und seinen Gästen ihre Verbeugung und wandten sich mit ihrem Spiel stets ihnen, zuweilen aber auch ihrem König Hans Loder zu, der nahe bei Schmasman stand und wie ein glücklicher Vater an seinen wohlgerathenen Kindern seine helle Freude an dem von ihm beherrschten Volke hatte.
Eine Anzahl lobenswerther Vorträge war bereits von Statten gegangen, als ein Spielmann mit einer Laute erschien, auf den Alle, die ihn kannten, besondere Erwartungen setzten. Es war Seppele von Ottrott, jener kunstbewanderte Sänger und durchtriebene Schalksnarr, wie ihn Loder in seinem Gespräch mit Syfritz im Strengbachthale genannt hatte, der sich nun hören lassen wollte. Er war ein Mann von mittler, gelenker Gestalt mit keck dreinschauendem Gesicht, dem Schelmerei und Spottlust um Mund und Augen spielten, als er bei seinem Auftreten den Blick dreist und siegessicher durch die Versammlung schweifen ließ. Dann aber nahmen seine Züge einen ernsten, sinnigen Ausdruck an; der kunstbewanderte Sänger gewann die Oberhand, der nun in die Saiten griff und mit geschultem Wohllaut ein Lied anstimmte.
Im Wasigen, dem alten, Geht's allweil lustig her, Die Spielleut Einkehr halten Und bringen gute Mär. Da sammeln sich Verstreute Zu Hauf, unzählig viel, Wir Fahrenden, wir Leute Mit Sang und Saitenspiel.
Wie mit den schönen Feien Nachtwandelt Frau Haband, Ziehn Tags wir Vogelfreien Dahin, daher im Land. Von Norden doch bis Süden, Vom Belchen bis zum Rhein Gebeut uns Nimmermüden Der Graf von Rappoltstein.
Und wie die Heidenmauer Sich um Odilien schlingt Und felsenfest von Dauer Urväter Grund umringt, So hält auch uns umschlungen Der Eintracht starkes Band, Die Alten und die Jungen, Bundstreu mit Herz und Hand.
Viel Burgen trutzig ragen Im Wasgenwald empor, Wir singen euch die Sagen, Die halbverklungnen, vor. Die Riesen und die Zwerge, Die lauschen unserm Lied, Weingeigerlein im Berge, Die Rebleut in dem Ried.
Und wenn wir oben stünden Zu Straßburg auf dem Thurm, Da wollten wir's verkünden Und blasen wie der Sturm, Daß laut es allerwegen Erschallte weit und breit: Dem Wasgau Heil und Segen Heut und in Ewigkeit!
Als er geendet, fielen sie Alle mit einander singend ein und wiederholten im Chore die zwei letzten Zeilen des Liedes. Dann aber wurde schallender Beifall, den auch Herr Burkhard seinem bei ihm sehr in Gunst stehenden Hörigen nicht versagte, dem Sänger zu Theil, und es schien sich nach Seppele so bald kein Anderer vorwagen zu wollen.
Die dadurch entstehende Pause benutzte das Alter und die Jugend zu freier Bewegung und traulicher Aussprache. Die jungen Herren und Fräulein wandelten auf und ab oder standen in Gruppen umher, und dabei fanden sich wie zufällig Egenolf und Bruno mit den Gräfinnen Imagina, Isabella und Leontine zusammen.
Die beiden Jungherren trachteten wieder sehr danach, sich Leontinens Gewogenheit zu erringen, was der Vielumschwärmten nichts weniger als unangenehm zu sein schien. Sie hatte auch gewiß das Bestreben, den Sonnenschein ihrer Gnade auf beide gleichmäßig zu vertheilen, aber die helleren, wärmeren Strahlen fielen doch auf Egenolf. Sie lieh seinen Worten ein geneigteres Ohr, gab ihm eingehendere Antworten, hatte für ihn einen holderen Blick und ein häufigeres Lächeln als für Bruno, was diesem nicht entging und ihm eine sacht aufsteigende Eifersucht auf den glücklicheren Freund einflößte. Isabella bemühte sich, ihn für diese, Leontinen vielleicht gar nicht bewußte Zurücksetzung gegen ihren Bruder durch doppelte Freundlichkeit zu entschädigen, hatte damit aber nicht den gewünschten Erfolg bei ihm, denn Bruno ließ nicht ab, sich mit seinen Höflichkeiten immer wieder Leontinen zuzuwenden, bei der sie doch nicht die verdiente Würdigung und Erwiederung fanden. Da gab Isabella ihre vergeblichen Versuche, ihn zu trösten und zu fesseln, allmählich auf und wurde schweigsam und in sich gekehrt.
Dieses, für einen feinen Beobachter so unterhaltsame Spiel hatte einen solchen an der Fünften des kleinen Kreises, an Imagina, hier das fünfte Rad am Wagen, wie sie sich selber sagte. Sie hatte sich an den Gesprächen nur mit kurzen, hin und wieder eingestreuten Bemerkungen betheiligt, dafür aber desto schärfer auf das gepaßt, was sich hier vor ihren sehenden Augen immer deutlicher gestaltete und entfaltete, so daß sie in den Herzen der anderen Vier richtig zu lesen glaubte.
Endlich mahnte der älteste Meister durch Klopfen mit seinem Stabe, für eine neue Aufführung Platz zu machen und Ruhe zu halten.
Und nun sollte sich den erwartungsvoll Gespannten ein entzückendes Schauspiel darbieten.
VII.
In der wieder freigewordenen Mitte der Halle standen mit einem Male ohne daß man wußte, wie sie so schnell dahin gekommen waren, ein Zigeuner und ein junges Mädchen, seine Tochter.
Sie waren die Mitglieder einer Bande gewesen, die vor etwa zehn Jahren auf ihren Wanderfahrten auch Rappoltsweiler heimgesucht hatte, waren durch die schwere Krankheit der Gattin des Mannes hier lange festgehalten und nach deren Tode hängen geblieben. Man hatte Mitleid mit dem armen Menschen und seinem halbwüchsigen Mädchen gehabt, sie hier geduldet, und da er ein stiller und geschickter Mann war, der sich mit allerlei Flickarbeit an zerbrochenem Geschirr ehrlich zu ernähren suchte, hatte man ihn, nachdem er sich mit seiner Tochter in der Kirche des heiligen Gregorius hatte taufen lassen, zu der Bruderschaft der Kessler, d. h. der Kupferschmiede und Kesselflicker zugelassen, welche der Herr von Rathsamhausen beschirmte wie der Graf von Rappoltstein die Pfeiferbruderschaft. Und da er ferner ein Meister im Geigenspiel war, fand er auch willige Aufnahme in dem großen Spielmannsbunde. Sie bewohnten eine außerhalb der Stadt einsam im Walde gelegene Hütte. Der Mann war in Ausübung seines Handwerkes viel unterwegs, wobei er wohl seine Geige, aber nicht seine Tochter mitnahm. Diese schweifte wie ein scheues Wild im Walde umher, und man wußte nicht recht, wovon sie in Abwesenheit ihres Vaters lebte, munkelte deßhalb von einem heimlichen Beschützer, der liebevoll für sie sorgen sollte, obwohl man sie außer in der ihres Vaters nie in Begleitung eines Mannes sah und ihr nichts Übeles nachsagen konnte.
Der Mann, Namens Farkas, war mit Haut und Haaren ein echter Zigeuner, und auch seiner Tochter Haschop sah man ihre Abstammung auf den ersten Blick an. Sie war von Antlitz nicht eigentlich schön zu nennen, aber auf der schlanken, geschmeidigen Gestalt, dem braunen Gesicht mit dem üppigen, schwarzen Haar, das sie heute ganz mit Blumen besteckt hatte, den blitzenden Augen und den weißen Zähnen zwischen den rothen Lippen lag ein unsagbarer sinnlicher Reiz und Zauber ausgegossen.
Da standen die Beiden nun. Farkas in seiner Zigeunertracht, hoch aufgereckt, die Geige unter dem Kinn, den Bogen in der Hand, und Haschop in kurzem Kleid und eng anschließendem Mieder über dem blühenden Wuchs, den Oberkörper etwas zurückgebogen, die Arme in die Seiten gestemmt, den linken Fuß vorgestreckt, daß nur die Spitze den Boden berührte, wie ein bronzenes Gebild, von Künstlerhand geformt. Beim ersten Geigenstrich sprang sie an zu einem bacchantischen Tanz. Anfangs hielten sich Melodie und Bewegungen in gemessenem Takt. Die Tänzerin schritt gleichsam zaudernd vor und zurück, verharrte eine Sekunde lang in malerischer Stellung, drehte sich, wand sich mit ruhiger Anmuth und wiegte sich mit leisem Schwanken in den Hüften. Allmählich aber wurden Spiel und Tanz lebhafter und immer lebhafter. Das Mädchen fing an, die Töne der Geige mit dem Tambourin zu begleiten, das sie mit vollendeter Geschicklichkeit handhabte. Da war es, als ob die beiden Instrumente einander anriefen und antworteten, sich mit ihren Klängen verflochten und verschmolzen, zu immer schnellerem, kühnerem Reigen einander hinrissen. Die Geige jubelte und jauchzte in raschen Läufen und Sprüngen, das Tambourin rollte und summte, klingelte und rasselte mit seinen Schellen. Mit gefälliger Rundung in der Haltung der Arme schwang und schlug es Haschop bald in der Rechten, bald in der Linken, bald über dem Haupte, warf es hoch und fing es wieder auf. Dabei ward ihr Tanz immer noch flinker, ausgelassener, wilder. Sie schwebte, flog und flatterte hinüber und herüber, neigte sich, beugte sich, schnellte empor und schüttelte die Locken; auf ihrem Angesicht flackerte ein dämonisches Feuer, aus ihren Augen sprühte eine schwer gezügelte Leidenschaft. Mit allen ihren in weichen Linien ausgeführten Schwenkungen aber überschritt sie niemals die Grenzen der Schönheit und natürlichen Anmuth.
Und seltsam! es war, als ließe die nicht Ermüdende all ihre Künste nur vor Einem spielen unter den Vielen hier, die mit starrer Bewunderung dem sinnberauschenden Tanze der selber tief Erregten folgten. Und dieser Eine war Egenolf, der neben Leontine in der vordersten Reihe stand. Als wäre er der einzig zu Feiernde hier, dem allein zu Ehren und zu Liebe sie sich in ihren verführerischen Bewegungen und Stellungen zeigte, wandte sie sich damit immer nur ihm zu, was ihn in sichtliche Verlegenheit setzte. Wenn ihr Blick dann zufällig Leontinen streifte, so glitt ein spöttischer Ausdruck über ihre Züge, und sie umgaukelte die stolze Gräfin in einer halb neckischen, halb herausfordernden Weise. Sie zog eine Blume aus ihrem Haar, bot sie im Vorüberschwirren Leontinen an, und als diese danach griff, zuckte Haschop schnell zurück und warf sie Egenolf zu. Eine Blume nach der anderen löste sie sich, sie bald Egenolf, bald Schmasman, bald dem Pfeiferkönig zuschleudernd, vom Haupte, wodurch ihr Haar den Halt verlor und nun frei und lang ihr über Schultern und Rücken wallte, daß es sie im Wirbel des Tanzes umflog und umwogte.