Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 4
»Einen Pelz hab ich allerdings mitgebracht, aber der ist für sie selber bestimmt« lachte Loder, griff nach seinem Bündel und begann es mit einer feierlichen Umständlichkeit aufzuschnüren. »Sieh mal hier!« sprach er, als er damit zu Stande gekommen war, »dieses schöne Wolfsfell soll ich ihr als Geschenk vor ihr Bett unter die Füße schaffen, und ich hoffe, Du wirst mir dabei behilflich sein, daß es sicher und unbemerkt in ihren Besitz gelangt, denn es darf sonst Niemand davon wissen.«
»Donner und Hagel! ein mächtiger Kerl!« rief Isinger staunend aus, das Fell lang und breit entfaltend. »Aber was hat denn das zu bedeuten? als wessen Bote kommst Du denn mit dem Prachtstück? -- Ja, das muß ich wissen, wenn ich mich damit beladen soll,« fuhr er fort, als der Andere die Frage nicht auf der Stelle beantwortete.
»Nun denn, unser junger Graf Egenolf schickt es der Gräfin -- wie heißt sie doch gleich?«
»Leontine.«
»Also der Gräfin Leontine; er mag ihr wohl versprochen haben, einen Wolf zu schießen; vielleicht haben sie gar darum gewettet.«
»Und Gräfin Leontine hätte die Wette gewonnen; natürlich! Die gewinnt immer, wenn sie wettet und wagt,« lachte Isinger. »Nun, das geht mich nichts an; Dir zu Liebe nehme ich es auf mich, ihr das Geschenk zu übermitteln, und ich weiß auch schon, wie ich das anfange. Ich werde es der Dimot, ihrer schmucken Gürtelmagd, geben, der ich auch schon Manches zu Gefallen gethan habe; die mag dann zusehen, wie sie es ihrer jungen Herrin heimlich zusteckt oder es ihr ins Schlafzimmer legt.«
»Gut! sage dem schmucken Ehrenwadel, wenn sie das geschickt fertig brächte, wäre sie hiermit zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler von mir eingeladen, da könnte sie einmal tüchtig tanzen. Und Du kommst auch, Ottfried, und bist dort mein Gast.«
»Für unser tanzlustiges Hofkätzchen will ich allenfalls zusagen,« erwiederte Isinger, »aber ich selbst werde hier schwerlich abkommen können. Denn wenn die Herrschaften alle, wie ich schon gehört habe, zu eurem Feste gehen, so ruht allein auf meinen Schultern die Obhut der ganzen Burg mit voller Verantwortung im Großen und im Kleinen,« fügte er wichtigthuend hinzu. Dann nahm er das Wolfsfell, um es wieder in das Tuch zu wickeln.
Aber Loder fiel ihm in den Arm. »Halt! nur Geduld!« und in die Tasche greifend holte er Egenolfs Brief hervor mit den Worten: »Hier habe ich auch noch ein Brieflein an die Gräfin Leontine, das müssen wir dem Wolf in den Rachen stecken.«
»Was? einen Brief? und noch dazu mit rothem Wachs versiegelt?«
»Ja! den Grafen von Rappoltstein ist vom Kaiser das Recht verliehen, mit rothem Wachs siegeln zu dürfen.«
»Ei, ei! da seid ihr ja sehr vornehme Leute,« sprach Isinger und machte große Augen.
»Sind wir auch,« sagte Loder.
»Beim heiligen Eligius, meinem Schutzpatron! das hätt' ich nicht gedacht.«
»Und die Streifjagd im ganzen Wasigen haben wir auch.«
»Und das Pfeiferkönigthum!«
»Und vor Allem das Pfeiferkönigthum!«
Sie lachten beide herzlich, und die Becher klangen fröhlich an einander. Dann steckten sie Egenolfs Brief so zwischen die Wolfszähne, daß er nicht herausfallen konnte, legten das Fell behutsam zusammen und hüllten es in das Linnen. Isinger schenkte, den Rest des Weines ehrlich vertheilend, noch einmal ein, und nachdem sie ausgetrunken, brach Loder auf.
»Also ich hoffe auf Wiedersehen in Rappoltsweiler, Ottfried!« sprach er.
»Wenn's sein kann, gern,« erwiederte Isinger. »Gottbefohlen, Hans! wirst mir alle Zeit willkommen sein auf der Hohkönigsburg.«
»Soweit wäre die Sache ja nun in die richtige Bahn gelenkt; jetzt kommt es nur noch auf die Schlauheit des Ehrenwadels an,« sagte Loder zu sich selber, als er den Berg hinabschritt. »Was wohl am letzten Ende aus der Geschichte werden wird? eine Hochzeit? -- gäbe ein herrliches Paar, die Beiden; na, Glück zu, Kinder! meinen Segen habt ihr.« --
Als spät Abends Gräfin Leontine sich zur Ruhe begeben wollte und mit Dimot, die ihr leuchtete, ihr Schlafgemach betrat, sah sie vor ihrem Bett an Stelle des bisherigen, hie und da schon etwas abgenützten Luchsbalges ein großes Wolfsfell ausgebreitet liegen. »Was ist das?« fragte sie verwundert, »wie kommt das dahin?«
Der sonst nicht so leicht um eine Antwort verlegenen Zofe klopfte schuldbewußt das Herz, und nach einigem Zögern sprach sie schüchtern und kleinlaut: »Da hingelegt hab' ich es, gnädige Gräfin.«
»Das kann ich mir denken, aber woher hast Du es?«
»Der Herr Marschalk hat mir's gegeben.«
»Marschalk! -- Stallmeister ist er, nicht Marschalk,« verbesserte Leontine sie unwillig. »Wie kommt Isinger dazu?«
»Er hat es vom Pfeiferkönig, sagt er.«
Leontine blickte die Zitternde forschend an; ihr schien eine Ahnung aufzudämmern. »Vom Pfeiferkönig? ist das nicht ein König von Rappoltstein'schen Gnaden?«
»Ich glaube, ja,« lächelte Dimot, obwohl ihr bei dem Verhör nicht ganz wohl zu Muthe war. »Fühlt es nur einmal an, gnädige Gräfin! es ist so schön dick und weich,« kam es schon etwas dreister von ihr heraus.
Leontine beugte sich nieder und strich mit der Hand über das dichte, graue Haar. »Du hast Recht, ein prächtiger Pelz! ein Wolf ist es, Dimot!« Dann ging sie, es beschauend, ganz um das Fell herum. »Was hat er denn da im Rachen?« fragte sie.
»Wo, meint Ihr? im Rachen?«
»Thu nur nicht so, als ob Du nichts davon wüßtest! Gieb mal her den Zettel!« befahl Leontine ungeduldig, »oder fürchtest Du, daß Dich der Wolf mit seinen großen, weißen Zähnen noch beißen könnte?«
»Ach nein, gnädige Gräfin!« erwiederte die immer lächelnde Zofe, bückte sich und reichte ihrer Herrin Egenolfs Brieflein, das Leontine hastig nahm, sofort erbrach und zu lesen begann.
Gott sei Dank! dachte Dimot, jetzt ist's überstanden und Alles in Rück und Schick; was nachkommt, habe ich nicht zu verantworten. Sie sah, wie Leontinens Hand, die den Brief hielt, leise bebte und ihre Brust sich rascher hob und senkte.
»Dimot,« fragte Leontine nach dem Lesen, »weiß sonst noch Jemand davon?«
»Keine Menschenseele, gnädige Gräfin!«
»Gut! so schweigst Du auch, wenn auch kein groß Geheimniß dabei ist,« sprach Leontine. »Graf Egenolf von Rappoltstein schickt mir das Fell, weil ich's ihm neulich nicht glauben wollte, daß er einen Wolf geschossen hätte; nun liefert er mir hier den Beweis. Das ist Alles, was in dem Briefe drin steht.«
Die schlaue Zofe lächelte ganz spitzbübisch jetzt und sagte dann mit fast flüsterndem Tone, als hätten die Wände hier Ohren: »Falls sich gnädige Gräfin etwa bei dem Herrn Grafen für das schöne Geschenk bedanken wollten, -- der Weg, auf dem der Wolf hierher gekommen ist, wäre auch für den Dank ganz heimlich und sicher.«
»Wirklich? meinst Du?« lachte Leontine, »nun, den Dank wollen wir uns erst noch überlegen, Dimot. Was für ein Botenbrot hat Dir denn die Schmuggelei eingebracht, wenn Du mir's gestehen willst?«
»Daß ich am Pfeiferfest in Rappoltsweiler tanzen kann, wenn gnädige Gräfin mir Urlaub geben.«
»Den sollst Du haben, Mädchen! ich gehe selber hin und werde Dich mitnehmen,« erwiederte Leontine, »aber --« sie legte den Finger auf den Mund ohne noch ein Wort hinzuzusetzen.
»O gnädigste Gräfin!« lächelte Dimot verschmitzt, »ich ließe mir ja eher --«
»Schon gut! schon gut! jetzt geh und laß mich allein!«
Die Zofe wünschte der Herrin eine geruhsame Nacht und angenehme Träume und verschwand aus dem Gemach.
Leontine las Egenolfs Brief noch einmal und las ihn auch zum dritten Male. Er lautete:
Ein zu jedem Ritter- oder Knechtsdienst bereitwilliger, treu ergebener Waidmann legt der holdseligen Waldfee seine Jagdbeute ehrerbietigst unter die Füße und bittet, ihm in Zukunft Alles aufs Wort zu glauben, was immer auch er früher oder später ihr einmal zu sagen haben möge.
Danach saß sie noch ein Weilchen gedankenvoll auf dem Bett, streichelte, liebkoste förmlich den zottigen, weichen Pelz mit ihren bloßen Füßen, vergrub sie ganz darin. Den Brief aber legte sie unter ihr Kopfkissen. Dann vergegenwärtigte sie sich im Liegen ihre Begegnung mit Egenolf im Walde bis auf alle Einzelnheiten, und mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen versank sie allmählich in das Reich der Träume.
V.
Der große Tag, dem die Spielleute des Wasgaues alljährlich mit Freuden, etliche, die kein reines Gewissen hatten, aber auch nicht ohne Bangen entgegensahen, war herangekommen. Aus allen Himmelsrichtungen, von nah und fern strömten die Fahrenden beiderlei Geschlechts durch die Thore der Stadt Rappoltsweiler herein, um an dem Feste theilzunehmen. Jedes Alter, jede Gattung von weltfreien Künstlern der vielverzweigten Zunft und alle möglichen Instrumente, denen durch Streichen und Blasen, Knipsen und Klimpern, Schwingen und Schlagen Töne entlockt werden konnten, waren in der tausendköpfigen Menge vertreten. Die Ankommenden hatten sich, je nach Mitteln und Geschmack, mit ihren besten Kleidern und Flittern in bunten, grellen, ja schreienden Farben aufgeputzt und trugen an einem blauen Bande um den Hals das Abzeichen der Bruderschaft, eine versilberte Schaumünze mit dem Bilde der heiligen Jungfrau Maria vom Dusenbach. Auffallende Erscheinungen, solche von jugendlicher Schönheit und Anmuth und solche von ungepflegtem, fast wüstem Äußern, anziehende, drollige, abenteuerliche Gestalten waren unter ihnen zu sehen. Aber fröhlich und guter Dinge waren sie Alle sammt und sonders, die am reichsten Geschmückten wie die bettelhaft Dürftigsten, als wüßten sie nichts von des Lebens Drang und Noth und hätten Leid und Sorgen für heute von sich abgeschüttelt oder wie abgetretenes Schuhzeug daheim in ihren Hütten zurückgelassen.
Und Alle schienen sich unter einander zu kennen und begrüßten sich wie Glieder einer einzigen großen Familie, deren zahlreiche, weitläufige Verwandtschaft sich im Jahre nur einmal auf den Ruf ihres würdigen, allverehrten Oberhauptes versammelt, um sich ihrer Zugehörigkeit bewußt zu bleiben und ihre freundlichen Beziehungen unter sich aufzufrischen und aufrecht zu erhalten. Das Händeschütteln und Umarmen, das Lachen und Jauchzen beim Wiedersehen wollte kein Ende nehmen. Der Eine schaute dem Anderen in die Augen und fragte nach seinem Befinden und Ergehen. Harmlose und herausfordernde, kecke und derbe Scherze flogen hin und her, immer gut gemeint und niemals übelgenommen, denn an den Pfeifertagen sollte Eintracht walten; wehe dem, der den Frieden brach oder muthwillig störte!
Wie die zugewanderten Schaaren in der Stadt ein Unterkommen finden wollten, blieb der Umsicht und Spürkraft jedes Einzelnen überlassen, aber die Bürger, die sich allerseits an den Belustigungen des dreitägigen Festes rückhaltlos betheiligten und mit dem alljährlich in Massen wiederkehrenden, sich hier frank und frei tummelnden Spielmannsvolke von Jugend auf bekannt und vertraut waren, nahmen sie gern auf in ihren Häusern und gaben ihnen kostenfreie Herberge unter Dach und Fach, soviel sie vermochten. Die Fahrenden waren auch nicht verwöhnt, begnügten sich mit einem Strohlager auf dem Söller, in Ställen und Schuppen und dankten ihren gütigen Wirthen mit allerhand Kunststücken und munteren Spielmannsweisen. Einige hatten sich, durch Erfahrung gewitzigt, ein zusammengelegtes, leichtes Zelt mitgebracht, das sie in Höfen und Gärten, an der Stadtmauer und wo sonst Platz war, aufschlugen, um mit Weib und Kind, allein oder zu Mehreren darin zu schlafen.
An Räumlichkeiten zu geselligem Aufenthalt fehlte es indessen nicht. Es gab Gastwirthschaften und Weinhäuser, die für geziemende Verpflegung mit Speise und Trank nur eine billige Irte berechneten. Für die Vorträge und Vorführungen der Spielleute und Geschicklichkeitskünstler, soweit sie nicht im Freien stattfanden, war an geeigneter Stelle eine große Halle mit Sitzbänken rings an den Wänden errichtet, die nach dem Feste abgebrochen und im nächsten Jahre wieder aufgebaut wurde. Bei ungünstigem Wetter wurde auch das Gericht darin abgehalten. Den vornehmen Gästen aber, namentlich den älteren Herren diente der mit guten Weinen versorgte Rathskeller als Trinkstube, wo sie unter sich waren und, ihre Frauen, Söhne und Töchter nach deren Belieben den Lustbarkeiten des Festes überlassend, dem Becher wacker zusprachen.
Graf Schmasman, als Ältester der Rappoltsteiner der Lehensherr der Pfeiferbruderschaft, hatte während der drei Tage den Wirth zu spielen, zwar ohne die Kosten tragen zu müssen, doch mit der sich selbst auferlegten Verpflichtung, sich möglichst viel unter sein liebes Spielmannsvolk zu mischen und sich um das Wohl und Wehe seiner Schutzbefohlenen theilnahmsvoll zu bekümmern. Viele von ihnen kannte er und beglückte bald Diesen, bald Jenen mit einer traulichen Ansprache, wobei ihm überall von Alt und Jung die größte Ehrerbietung erwiesen wurde.
Um daneben auch eines vergnüglichen Verkehrs mit Standesgenossen pflegen zu können und zugleich dem Feste durch Betheiligung der ritterlichen Gesellschaft einen erhöhten Glanz zu verleihen, lud er stets einige benachbarte, ihm befreundete Familien dazu ein, die sich das bewegte, geräuschvolle Treiben und die ergötzlichen Gestalten der Fahrenden gern ansahen und, Schmasman in seinem Amt als Wirth unterstützend, die Spielleute durch ein wohlwollendes, freundliches Benehmen ehrten und erfreuten.
So hatte er diesmal die Thierstein mit den bei ihnen auf der Hohkönigsburg zu Gaste weilenden Fleckenstein, die Müllenheim, die Andlau, die Lützelstein von der Frankenburg und die Rathsamhausen geladen, welche letzteren während der Dauer des Festes auch auf der Rappoltstein'schen St. Ulrichsburg wohnten. Außer den Geladenen hatten sich auch noch einige andere ältere und jüngere Herren und Damen unaufgefordert in Rappoltsweiler eingefunden, die in dem Kreise durchweg willkommen geheißen wurden.
Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien, bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.
Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.
Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen, denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt --.« Sie hatte die Stimme am Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen, aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie, bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella nahmen sie sofort für sich in Beschlag.
Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu: »Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau. Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige Besorgniß erweckte.
Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen, die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten, durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als geschmeichelt.
Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen, wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren, sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben, seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine Haltung immer steifer und stolzer.
Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle ordnen solle.
Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte, sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als spönne er einen heimlichen Anschlag.
In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und -- o Lust und Pein! -- Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten, lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur Geltung bringen.
An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes Gehör zum Opfer bringen.
Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.
Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.
Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.
Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache, mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.
Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte, der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den Vortritt.«
Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der Erste unter unseres Gleichen?«
»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen hier den Vorrang habe.«
»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten Rang hier einzunehmen.«
»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten, die Kapelle erst nach mir zu betreten.«
»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in gereiztem Tone.
»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«