Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 3

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Bald meldete der Herold, daß das Festmahl bereit sei, und die Gesellschaft ordnete sich paarweise zum Zuge in den großen Rittersaal, wo zwei lange Tafeln gedeckt standen, mit blinkenden Krystall- und Silbergeräthen besetzt und mit Blumen geschmückt. Der Abt von St. Pilt eröffnete den Reigen mit der Gräfin Margarethe und machte bei Tisch der immer noch schönen Frau von hohem, schlankem Wuchs mit weltmännischer Gewandtheit den Hof, soviel ihm dies sein geistliches Ordenskleid erlaubte. Graf Oswald hatte Gräfin Herzelande und Schmasman die Gemahlin des Grafen Wilhelm von Thierstein zu Tische geführt. Burkhard hatte sich Frau von Müllenheim erkoren, mit der er sich beständig zankte und doch vortrefflich unterhielt, weil sie seiner schnell auflodernden Heftigkeit mit schlagfertigem Witz begegnete. Graf Wilhelm von Rappoltstein hatte Frau Stephania von Rathsamhausen den Arm geboten, und Leontine hatte sich selber Egenolf als Tischherrn gewählt, -- »um Euch zu versöhnen,« sagte sie. Ihnen gegenüber fanden Imagina und Isabella Platz, zwischen denen Bruno saß. Auch die übrigen Gäste reihten sich nach Wahl und Belieben.

Das Mahl verlief in ungetrübter Fröhlichkeit. Die Männer tranken sich fleißig gar edle Tropfen aus prächtigen Pokalen zu, die Frauen lächelten, man plauderte und scherzte und ließ es sich wohl sein an den reichversorgten Tischen der Hohkönigsburg, bis die vorgerückte Stunde zum Aufbruch der Gäste mahnte. Die Meisten hatten keinen langen Weg zu ihren Schlössern und nahmen weiter Wohnende zur Nachtherberge mit sich; auch auf der Hohkönigsburg blieben einige in dazu bereit stehenden Gastzimmern.

»Auf Wiedersehen!« sagte Egenolf, als er Leontinen zum Abschied die Hand küßte, und »Auf Wiedersehen!« antwortete das Echo von ihrem lächelnden Munde.

Als das ältere Thierstein'sche Ehepaar in seinem Schlafgemach allein war, fragte Gräfin Margarethe ihren Gemahl: »Wie bist Du mit dem heutigen Tage zufrieden, Oswald?«

»Nicht übel,« erwiederte der Graf, »obwohl ich Anfangs einige mißvergnügte, um nicht zu sagen mißgünstige Gesichter bemerkte. Nicht alle, Margarethe, die heute hier waren, sind uns hold und freundlich gesinnt; Viele sind gewiß nur aus Neugier gekommen. Aber es war das erste Mal, daß wir uns mit den Leuten sahen; beim nächsten Zusammensein mit ihnen, wenn ich nicht den höflichen Wirth zu machen habe, sondern als Gast mich frei bewegen kann, werde ich schon leichter mit ihnen fertig werden. Am besten haben mir die Rappoltsteiner gefallen; was ist der Schmasman mit seiner würdevollen, hohen Gestalt und seiner vornehmen Erscheinung für ein ritterlicher Mann, außen und innen!«

»Und Gräfin Herzelande für eine kluge, liebenswürdige Frau mit ihren früh gebleichten Haaren! sie ist von Geburt eine Gräfin Fürstenberg,« fügte Margarethe hinzu. »Und Graf Egenolf? was hältst Du von dem?«

»Seines ritterlichen Vaters ritterlicher Sohn,« sagte der Graf. »Auch Graf Wilhelm von Rappoltstein ist ein Mann, den man für voll nehmen muß; er hat etwas Entschlossenes, Kriegerisches an sich, das Einem Achtung einflößt. Das ist ein ganz anderer Schlag als die Rathsamhausen. Der Burkhard ist ein trotziger Gesell; mehr als einmal traf mich aus seinen unstäten Augen ein geradezu feindlicher, drohender Blick.«

»Seine Gattin, Frau Stephania, scheint mir eine liebe, herzensgute Frau zu sein. Ihres Geschlechts ist sie eine Gräfin Leiningen von der Dagsburg, wie ich von Imagina erfahren habe.«

»Du scheinst ja schon ziemlich genau über die Familienverhältnisse hier unterrichtet zu sein,« lachte der Graf. »Imagina, das ist die hübsche Blonde, die so munter plaudern und so silberhell lachen kann, die Gemahlin Kaspars, des jüngsten Rappoltstein? richtig! Übrigens,« fuhr er fort, »hat uns der älteste, Schmasman, zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler eingeladen.«

»Zum Pfeifertag? was ist das?« fragte Margarethe.

»Die fahrenden Leute im ganzen Elsaß,« erklärte ihr Graf Oswald, »haben schon vor mehr als hundert Jahren eine Bruderschaft unter sich geschlossen, die sich vom Hauenstein im Jura bis zum Hagenauer Forst und von den Firsten des Wasigen bis zum Rhein erstreckt. Sie haben ihre eigenen Privilegien und Satzungen, die ihnen Kaiser Karl IV. urkundlich bestätigt hat. Immer der älteste Graf von Rappoltstein ist ihr Schutz- und Lehnsherr, und sie haben einen Pfeiferkönig, der selber Spielmann sein muß und dem sie unterthänig und unbedingt gehorsam sind. Jährlich am Tage von Mariä Geburt -- denn die Jungfrau Maria vom Dusenbach ist ihre Schutzheilige -- feiern sie in Rappoltsweiler ein großes Fest, bei dem sie sich Alle versammeln und auch Gericht über sich halten. Dazu hat Schmasman uns und mehrere unserer heutigen Gäste eingeladen.«

»Du hast doch zugesagt?«

»Selbstverständlich und mit Freuden!« bestätigte Graf Oswald. »Das ist eine gute Gelegenheit, mich dem gemeinen Volke zu zeigen und auch unsern werthen Standesgenossen meinen Rang und meine Stellung etwas deutlicher vor Augen zu führen, als ich dies heute vermochte.«

»Vorsichtig, Oswald!« rieth Gräfin Margarethe, »wir sind noch neu unter ihnen, und Du kennst sie noch zu wenig.«

»Mich kennen sie auch noch nicht; darum sollen sie mich nun ehestens kennen lernen,« erwiederte der Graf gereizt.

Danach sprachen beide kein Wort mehr, denn ein nach den Anstrengungen des Tages wohlverdienter Schlaf schloß ihnen Mund und Augen.

IV.

Es war September geworden, und ein wolkenloser Himmel spannte sich über den Bergen, deren Kuppen und Gipfel sich in der klaren Luft so scharf von dem tiefen Blau abgrenzten, daß oben an ihrem Rande die Laubkronen der einzelnen Bäume, wie einer den anderen um ein Weniges überragte, deutlich zu unterscheiden waren. Da schritten zu später Nachmittagsstunde durch das Thor des alten, hohen Metzgerthurmes in Rappoltsweiler zwei Spielleute und wanderten selbander den Weg in das Strengbachthal hinein, wo zu ihrer Rechten sich braune Felsen erhoben, ihre Ecken und Spalten von kriechendem Eichengesträuch umgrünt und die Vorsprünge hie und da mit einer sturmzerzausten Kiefer bewachsen, die mit klammernden Wurzeln ihren hart erkämpften Stand behauptete.

Der eine der beiden Wanderer war von hohem, starkem Gliederbau, auf dem ein mächtiger Kopf saß mit grauem Langhaar und Langbart und buschigen Brauen über den gutmüthig blickenden Augen. Das war der allem fahrenden Volk im Wasgau gebietende Pfeiferkönig Hans Loder, der Trumpeter. Der Andere war ein alter, treuer Kumpan von ihm, Namens Syfritz, einer der vier Weibel, die des Pfeiferkönigs Helfer und Berather in der Ausübung seiner Machtvollkommenheit und seine Beisitzer im Pfeifergericht waren. Er war von hagerer, aber sehniger Gestalt mit wettergebräuntem, bartlosem Gesicht, das einen entschiedenen und zugleich verschmitzten Ausdruck hatte. Ein Spielwerk, dessen sich der Trumpeter in seiner Königswürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten bediente, hatte keiner von beiden mitgenommen, denn auf Musikmachen zogen sie nicht aus. Syfritz sollte zu der Kapelle am Dusenbach gehen und mit dem Messner die Vorbereitungen zu der nächstens dort stattfindenden kirchlichen Feierlichkeit verabreden, und Loder begleitete ihn nur ein Stück Weges, um ihm die Verhaltungsmaßregeln für den Sakristan noch einmal gehörig einzuschärfen, damit an dem Tage Alles klippte und klappte, weil, wie ihm Graf Schmasman mitgetheilt hatte, dieses Mal mehr adlige Herrschaften als sonst bei dem Fest erscheinen würden.

Im gemächlichen Gehen hatten sie das Nöthige zur Genüge mit einander beredet, und ihr Gespräch hatte sich im Anschluß daran auf einzelne Fälle gelenkt, die zur Entscheidung bei dem am dritten Tage des Festes abzuhaltenden Pfeifergericht vorläufig angemeldet waren. Diese Fälle bestanden zum größten Theil aus Streitigkeiten der Spielleute unter sich, die endgültig ausgetragen werden sollten. Aber es liefen auch stets aus anderen Kreisen Beschwerden über Fahrende wegen verübten Unfugs, zugefügten Schadens, nicht erfüllter Verpflichtungen und mehr dergleichen Vergehungen ein, die Sühne heischten und mit empfindlichen Strafen gebüßt werden mußten.

Bis jetzt waren nur wenig Klagen bei dem Rechtsprechenden und seinen Weibeln anhängig gemacht, denn die meisten wurden erst am Tage des Gerichts erhoben. Über diese wenigen, ihnen schon bekannt gewordenen Fälle hatten die Beiden hier im Strengbachthal ihre Meinungen ausgetauscht, und Loder sagte: »Die Sache mit dem Muffel ist nicht eben schlimm. Er ist ein Speivogel und Nichtsnutz, und seine Prügel hat er als Abschlagszahlung für seinen Schelmenstreich weg; wir dürfen ihm daher die Saiten nicht mehr allzu straff spannen.«

»Überhaupt, wie wollen sie ihm denn beweisen, daß er's mit Willen gethan hat?« stimmte Syfritz ein.

»Das kommt auch noch dazu,« sagte Loder, »und wie mögen sie ihn gereizt und geärgert haben! die anderen Drei sind die besten Brüder auch nicht. Viel mehr gegen den Strich,« fuhr er fort, »geht mir die Geschichte mit dem Seppele, der sein loses Lästermaul nicht halten kann und mit seinem Spottliede wieder demselben Wirthe Schimpf und Schande angehenkt hat. Er ist ein so kunstbewanderter Singer und Spieler, wie wir kaum einen zweiten unter uns haben, aber dabei ein durchtriebener Schalksnarr, und diesmal soll er nicht so leichten Kaufes von der Bank kommen wie bei der vorigen Klage gegen ihn.«

»Wenn er nur nicht geschworener Mann des Herrn von Rathsamhausen wäre!« gab Syfritz seinem Häuptling zu bedenken. »Bei dem gilt Seppele viel und hat einen starken Rückhalt an ihm.«

»Mir ist das keine rothe Bohne werth,« erklärte Loder bestimmt, »darum lasse ich ihn nicht einen Tag weniger im Thurme sitzen.«

Sie waren jetzt an den Weg gelangt, der rechts ansteigend in das enge, schattige Dusenbachthal führte. Hier wollte Loder umkehren, als sie vom Walde her hallende Schritte vernahmen. »Wer kommt da?« frug er.

Syfritz beugte sich vor und spähte durch die Bäume. »Es ist der junge Graf Egenolf von Rappoltstein,« sagte er.

Da blieben sie stehen, bis der Herabkommende nahte.

»Grüß Gott, Hans!« rief Egenolf, sobald er den Pfeiferkönig erkannte. »Zu Dir wollt' ich eben; hast Du ein wenig Zeit für mich?«

»Immer, Herr Graf, Tag und Nacht, nach Eurem Willen und Gefallen,« erwiederte Loder, »und wenn Ihr zur Stadt wollt, so haben wir einen Weg, ich gehe auch zurück.«

»Und, Syfritz, Du?« wandte sich der Graf an diesen.

»Ich muß zur Kapelle, Euer Gnaden,« antwortete der Spielmann.

»So sprich ein Vaterunser für mich mit, ich kann's brauchen,« sagte Egenolf, und dann zu Loder: »Komm, Hans! ich habe einen Auftrag für Dich.«

Die Beiden gingen langsam nach Rappoltsweiler zu, während Syfritz das Dusenbachthal bergan schritt.

Vorerst sprachen sie beide nicht. Loder war zwar gespannt, von welcher Art der Auftrag sein mochte, den der junge Herr für ihn im Anschlag hatte, wartete indessen geduldig, bis dieser damit losdrücken würde. Egenolf aber zögerte mit seiner Eröffnung und schien darüber nachzusinnen, wie er den Alten füglich in sein Vorhaben einweihen sollte. Endlich fing er an: »Hans, Du bist, seit ich denken kann, mein Vertrauter, mein väterlicher Freund und Beschützer gewesen, und ich verdanke Dir viel. Du hast mich auf Deinen Knieen und auf Deinen Schultern reiten lassen, hast mich die Vögel und die Blumen und Kräuter des Waldes kennen gelehrt, mir das Blasen und Fiedeln beigebracht, hast mir manchen guten Rath gegeben, mich von dummen Streichen zurückgehalten oder, wenn ich sie schon begangen hatte, sie wieder wett zu machen gesucht. Heute möchte ich Dich um Deinen Beistand angehen zur Ausführung einer von mir geplanten Überraschung, an deren Gelingen mir sehr viel gelegen ist, die aber -- durchaus verschwiegen und geheim bleiben muß.« Er stockte, als wüßte er nicht weiter oder wagte sich nicht damit heraus.

»Ja, ich muß sie doch aber wissen, wenn ich Euch dabei helfen soll; also faßt Euch ein Herz und sagt's!« ermuthigte ihn der Alte.

»Da hast Du Recht, Du mußt sie wissen, wenn Du mir dabei helfen sollst,« sprach ihm Egenolf nach, »so höre denn! Ich habe neulich einen Wolf geschossen, ein großes, starkes Thier, von dessen Streifen im Forst mir ein Waldhüter gesagt und die Fährte gezeigt hatte. Den habe ich geschossen und die Haut dem Kürschnermeister Güldner in Rappoltsweiler geschickt, daß er sie mir zubereite zu einer Fußdecke, vor's Bett zu legen, verstehst Du! Du verstehst doch?«

»Bis jetzt, ja! aber ich kann nicht rathen, wo Ihr damit hinwollt,« sagte Loder. »Ihr habt auf dem Schlosse schon vor allen Betten Thierfelle liegen, von Hirsch und Reh und Wildsau, von Luchs, Fuchs und Wolf, und nun noch eins --«

»Nichts da!« unterbrach ihn Egenolf, »hier aufs Schloß soll sie nicht; sie ist zum weichen, warmen Teppich für die Füßchen einer jungen Dame, einer sehr schönen jungen Dame ausersehen --«

»Auf der Hohkönigsburg,« platzte Loder heraus.

»Mensch! -- woher weißt Du das?« rief der Graf und war ganz roth geworden.

»Von den Hufspuren Eures Rosses, die ich letzter Zeit des Öfteren auf dem Wege zur Hohkönigsburg fand; das Übrige bläst der Wächter,« sagte Loder. »Ja, ja, ein Frauenhaar zieht stärker als ein hänfen Seil,« fügte er mit listigem Schmunzeln hinzu.

»Bist mir also nachgeschlichen.«

Der Alte schüttelte: »Nein, es war ganz zufällig.«

»So! dann kannst Dir mir wohl zufällig auch den Pelz an die Stelle liefern, für die er bestimmt ist?«

»Gewiß!« sprach Loder, »das bedarf nicht viel Wesens und Kunst. Ich habe auf der Hohkönigsburg einen alten Genossen meiner Jugend, der dort Huf- und Kurschmied ist, wie ich gehört habe. Der wird schon Rath schaffen, wie die Sache anzugreifen ist, daß Euer Wolfsfell der gnädigen jungen Gräfin unbemerkt zu Handen oder vielmehr zu Füßen kommt. Morgen bringe ich's ihm, wenn es der Meister Kürschner fertig hat.«

»Wir gehen jetzt zu ihm, Hans, und fragen,« erwiederte Egenolf eifrig im Jubel seines Herzens, daß Loder bereit und im Stande war, ihm zu helfen. »Sieh mal,« fuhr er, aus seinem Wams ein weißes Tuch hervorziehend, mit frohlockenden Augen fort, »in dieses Linnen mußt Du den Balg hübsch einwickeln, ich hab es selbst aus einer Truhe stibitzt.«

»Aber Graf Egenolf!«

»Macht nichts, Alter! das erfährt meine Mutter gar nicht,« lachte der Glückliche. »Und hier hab ich noch etwas; dies Brieflein, das thust Du dem Wolf in den Rachen zwischen die Fänge, daß es die junge Gräfin dort findet.«

»Hm!« machte Loder, »werden's besorgen.«

»Aber daß es Dein alter Kumpan nur ja recht geschickt anstellt, es ihr richtig in die Hände zu spielen!«

»O der Ottfried Isinger ist ein mit allen Hunden gehetzter Schlaufuchs,« beruhigte Loder den freudig Erregten, »ich kenne ihn von Kindesbeinen an. Er ist seines Herkommens ebenso wie ich ein Spielmannssohn und auch in derselben Stadt mit mir geboren und aufgewachsen, hatte aber keine Lust und keine Anlage zur edlen Musika, weil er kein Gehör hatte. Ihn zog es von früh auf zu den Pferden; er trieb sich soviel er konnte in den Ställen umher, half die Gäule striegeln, füttern und tränken, bald auch in die Schwemme reiten. Dann kam er zu einem Hufschmied in die Lehre, und als er ausgelernt hatte, ging er auf Wanderschaft, und aus dem Hufschmied ward allmählich auch ein Kurschmied. Die Fähigkeit dazu war ihm angeboren, denn seine Mutter gab sich auch mit allerhand Kuren ab, heilte Gebresten an Menschen und Vieh mit Wurzeln, Pilzen und Kräutersäften, konnte das Blut besprechen und stand in dem Geruche, von dergleichen heimlichen Dingen mehr zu wissen, als sie verrathen durfte, aber es war ein einträgliches Geschäft für sie. Der Ottfried mag wohl Manches von ihren verborgenen Künsten geerbt haben, denn er bewährte sich als Kurschmied und hatte Glück mit seiner Behandlung der Rosse. Er hielt sich bald in dieser, bald in jener Stadt auf, hatte auch gute Stellungen auf mehreren Schlössern, blieb aber nirgend lange, denn die Herren wollten ihn viel Weinsaufens halb, mit Ehren zu melden, auf die Dauer nicht um sich haben, weil er zu oft über den Durst trank und dann behauptete, er hätte einen Igel im Leib, der ihn stachelte, wenn er nicht schwömme. Ich verlor den einstigen Trautgesellen für lange Zeit aus den Augen und erfuhr letztlich, daß er schon seit Jahren im steten Dienst der Grafen von Thierstein in Straßburg wäre, die ihm die immerwährende Weinfeuchte ausgetrieben hätten. Sie haben ihn nun mit auf die Hohkönigsburg genommen, wo er einen angesehenen Posten bekleiden soll. Ich war noch nicht oben, habe ihn also noch nicht gesprochen, aber morgen werde ich ihn besuchen und ihm Euer Wolfsfell auf die Seele binden.«

So waren sie in die Stadt gekommen und wußten selber nicht wie. Dort gingen sie zum Kürschner, der das Fell sorglich und sauber zubereitet hatte. Der Wolfskopf, dem funkelnde Glasaugen eingesetzt waren, sperrte den Rachen halb auf und fletschte die Zähne, daß es fast graulich anzusehen war. Egenolf war zufrieden und lohnte den Meister reichlich für seine fleißige Arbeit. Loder hüllte den Balg in das Linnen, und sie verließen damit die Werkstatt des Kürschners.

Draußen auf der Gasse sagte Egenolf: »So, mein alter Hans, nun mache Deine Sache so gut Du kannst; möge Alles nach Wunsch gelingen und glücken!«

»Das walte Gott und unsere liebe Frau!« erwiederte Loder. Dann verabschiedete er sich von dem Grafen und schritt seiner Behausung zu.

Egenolf pfiff sich eine muntere Weise, die er von Loder gelernt hatte, und ging herzensfroh den Weg zur St. Ulrichsburg hinan. --

Seinem Versprechen getreu begab sich Loder am nächsten Morgen mit dem in die Leinwand geschlagenen Wolfsfell zur Hohkönigsburg hinauf und vom Stallhof unterhalb des Löwenthores sogleich in die Schmiede, aus der die Schläge eines Hammers klangen. Es war aber nicht Isinger, sondern ein Knecht, der dort am Amboß schaffte und dem Eintretenden auf seine Frage den Bescheid gab, der Herr Marschalk wäre drüben in den Ställen.

Der Herr Marschalk! also Marschalk läßt er sich titulieren, dachte Loder, und ging in einen der Ställe, dessen Thür grade offen stand.

In dem nur mäßig erhellten Raume fand er den Jugendgenossen damit beschäftigt, mittelst eines mit einer bräunlichen Flüssigkeit durchtränkten Lappens die linke Vorderfessel eines Pferdes zu kühlen. Er rief ihn an: »Ottfried Isinger, kennst Du mich noch? ich bin Loder der Trumpeter.«

Der am Boden Knieende, schnell aufblickend, sagte mit freudigem Tone: »Was? der Pfeiferkönig? vielwillkommen Hans!« und streckte dem Freunde die Hand hin, nachdem er sie am Schweife des Pferdes abgetrocknet hatte. »Hab Dich ja eine Ewigkeit lang nicht gesehen.«

»Ich Dich auch nicht,« erwiederte Loder, »hörte erst kürzlich, daß Du hier oben wärest, und da trieb es mich, Dich einmal aufzusuchen.«

»Recht, recht, Hans!« sprach Isinger. »Wart' einen Augenblick! ich will nur der Stute den Umschlag noch anlegen; sie hat sich gequetscht. Es ist unserer jungen Gräfin ihre, denn die jagt oft ohne Weg und Steg über Stock und Stein.«

Er band den nassen Lappen um den Fuß des Pferdes und erhob sich. »So! nun komm! jetzt bin ich frei und habe Zeit für Dich.«

Er führte den Freund in ein einfaches Gelaß neben der Schmiedewerkstatt, in dem sich nur dürftiger Hausrath, ein Bett, ein grob gezimmerter Tisch und ein paar Schemel befanden. Der Herr Marschalk wohnt recht bescheiden, dachte Loder wieder, als er sich hier umsah. An den Wänden hingen Bündel gedörrter Kräuter, und auf einem Holzgestell reihten sich Töpfe, Flaschen und Büchsen verschiedentlichen, meist nicht sichtbaren Inhalts.

Isinger schickte den Knecht mit der Weisung vom Amboß weg: »Geh, Wighelm, und sieh zu, ob Du uns von der Schaffnerin nicht ein Krüglein Wein besorgen kannst. Sag ihr nur, der Pfeiferkönig wäre bei mir zum Besuch.«

Die Beiden setzten sich und schauten einander prüfend ins Gesicht. »So rabenschwarz wie einst sind Deine Borsten nicht mehr, Ottfried, wenn Du auch noch nicht so ein alter Eisbär bist wie ich,« begann Loder.

»Ja, man wird alt und grau und merkt es nicht, bis es Einem ein guter Freund einmal unter die Nase reibt,« erwiederte Isinger. »Bist aber auch nicht jünger geworden, Hans, seit wir uns zuletzt auf dem Wege nach Sanct Odilien trafen bei dem großen Fest zu Ehren der Herrad von Landsberg, die vor dreihundert Jahren dort im Kloster Äbtissin war. Weißt Du's noch? Wir waren immer an der alten Heidenmauer entlang gewandert, saßen auf ihren riesigen Quadern und ruhten uns aus und hatten einen elenden Durst.«

»Richtig! an der Heidenmauer war es, ich erinnere mich wohl,« sagte Loder, »ach ja! das ist lange her.«

»Hast Dich aber sonst gut gehalten, Hans,« sprach Isinger weiter und klopfte seinem alten Freunde auf die Schulter, »bist mit Deinem reckenhaften Wuchs ein Pfeiferkönig, der sich sehen lassen kann, das muß ich sagen. Gehört habe ich oft von Dir und Deinem Schalten und Walten; im ganzen Wasigen reden sie von Dir, Dein Lob und Preis geht von Mund zu Munde. Sollst ja auch bei den Rappoltsteinern hoch in Gunst und Gnaden stehen.«

»Das thu ich,« nickte Loder, »sie schenken mir groß Vertrauen, und für meinen edlen Schutzherrn und die Seinigen gehe ich durchs Feuer. Und Du? Herr Marschalk nannte Dich der Knecht.«

»So müssen sie mich nennen,« lächelte Isinger selbstgefällig, »damit sie den gehörigen Respekt vor mir haben. Ich bin Stallmeister hier, habe die Rüstkammer unter mir und auch sonst einige Aufsicht in der Burg. Graf Oswald ordnet nichts an ohne mich und meinen Rath.«

»Was Du sagst! und mit Pferdekuriren giebst Du Dich nebenbei auch noch ab, wie ich eben gesehen habe,« bemerkte Loder.

»Ja, die Roßpflege ist nun einmal meine Liebhaberei, und ich bin stolz auf meine Gäule da drüben im Marstall,« versetzte Isinger. »Jetzt kommen mir die reichen Erfahrungen zu Statten, die ich mir auf den adligen Schlössern erworben habe.«

»Das glaub' ich, bist ja viel herumgekommen im Lande, hast gar vielen Herren gedient, aber bei keinem lange ausgehalten, wie die Rede geht,« meinte Loder.

»Was sollt' ich machen? Einer spannte mich dem Andern bald wieder aus mit immer besseren Anerbietungen, denn ich kam in großen Ruf durch die Erfolge, die ich überall aufzuweisen hatte,« flunkerte der seiner Behauptung nach vielbegehrte Kurschmied. »Aber meinem jetzigen gnädigen Grafen lasse ich mich nicht mehr abspenstig machen, denn so gut wie hier habe ich es nirgend gehabt. Siehst Du, da kommt auch schon der Wein, den ich für uns bestellt hatte. Gieb her, Wighelm!« sagte er zu dem mit einem Steinkrug und zwei Zinnbechern zurückkehrenden Knecht, »und nun laß das Hämmern in der Schmiede, damit hier Einer des Anderen Wort hören kann; geh zu Herni, ob er vielleicht Bolzen zu schärfen hat.«

Dann füllte er die Becher, stieß mit seinem alten Freunde an und sagte: »Zum Willkomm, Hans!«

»Allen Dank, Ottfried!« that ihm Loder Bescheid, und sie tranken.

»Du sprachst vorhin von Deiner jungen Gräfin,« nahm Loder das Wort, »sage mal, wie -- wie ist sie denn so im Allgemeinen und im Besonderen?«

»Im Besonderen ist sie ein Mädchen von ausbündiger Schönheit und klug, o sehr klug, und im Allgemeinen haben wir sie Alle gern; ich stehe sehr gut mit ihr,« berichtete Isinger. »Und reiten kann sie Dir, daß es eine Art hat; meine Schule, Hans, meine Schule! solltest sie einmal über einen Graben oder eine Hecke setzen sehen. Aber sie reitet immer allein, will Keinen mitnehmen, nicht einmal mich, hat's freilich auch nicht nöthig, denn Furcht kennt sie nicht.«

»So! hat sie denn auch ein gutes Herz?«

»Ja, das hat sie, das ist ihr nicht abzusprechen, aber weich und weibisch ist sie nicht, ist eine echte Thierstein, die sind Alle nicht von schwächlicher Art.«

»So! hat sich denn noch kein Freier um sie beworben?«

Isinger zuckte mit den Achseln. »Weiß ich nicht; die nimmt auch nicht den Ersten, Besten, hat vielleicht schon Manchen durch den Korb fallen lassen, denn zu jung zum Heirathen ist sie nicht mehr. Hast Du vielleicht Einen für sie in Vorschlag, Hans, und willst Dir einen Kuppelpelz um sie verdienen?«