Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 23
Schmasman blickte den vor ihm Stehenden forschend an und sagte dann: »Du willst frei werden, Burkhard, nicht wahr?«
»Ja, Schmasman, ich will frei werden, mag es kosten, was es will!« klang es fest und bestimmt wie ein unwiderruflicher Spruch aus Burkhards Innerstem heraus. »Ich werde irrsinnig im Käfig; lieber todt in der Gruft als lebendig in der Gefangenschaft.«
»Ich wußt' es wohl, mein armer Freund, daß Du es auf die Dauer nicht aushalten würdest,« erwiederte Schmasman, selber ergriffen von dem Ton, in dem der Andere sprach. »Nur die Freiheit ist das Element, worin Du athmen kannst.«
Burkhard nickte: »Setze Dich und höre mich an! ich habe Dir viel zu sagen.«
Als sich beide gegenüber saßen, ward es Burkhard schwer, den Anfang zu machen. Es schien ein Druck auf ihm zu liegen, der ihm die Brust beengte, und aus seinem Blicke sprach eine gewisse Scheu, als zögerte er mit einem geheimnißvollen Geständniß, das er sich erst von der Seele losringen müßte. Endlich begann er, noch immer mit seiner tiefen Erregung kämpfend: »Jost von Müllenheim war bei mir und hat mir gesagt, daß die Fehde aus ist, weil meine Verbündeten nicht mehr gegen euch kämpfen wollen. Damit ist mir, von Allen verlassen, jede Hoffnung genommen, auf andere Weise frei zu werden, als -- als wenn ich mich unterwerfe. So unsagbar schwer es mir auch wird, bin ich doch entschlossen dazu, weil ich muß, denn ich thue es nicht freiwillig. Ich würde meinen Stolz bis zum letzten Athemzuge bewahren und lieber als Besiegter mit Ehren zu Grunde gehen als, vom Tode gezeichnet wie ein Baum im Forste von der Axt des Fällers, um Gnade bitten. Aber etwas Furchtbares, schauerlich Ahnungsvolles drückt mich zu Boden. Nicht ihr, Schmasman, habt mich im Kampf überwunden und bezwungen, das haben dunkle Mächte gethan, gegen die ein Sterblicher nicht aufkommt. Vergeblich haben sie mich gewarnt, vergeblich habe ich ihnen getrotzt, sie blieben die stärkeren und haben meine Kraft gebrochen. Noch keinem Menschen hab' ich es gesagt, Du allein sollst es wissen. -- Schmasman, mir ist in Rathsamhausen die weiße Frau erschienen.«
Schmasman fuhr bei dem zuletzt Vernommenen unwillkürlich auf seinem Stuhle zusammen, unterbrach den Mittheilsamen aber mit keinem Worte, und Burkhard sprach weiter: »In zwei Nächten ist sie zu mir gekommen; kein Traum war es, kein Blendwerk, keine Einbildung; ich lag wach und war klar bei Sinnen. Deutlich hab ich sie beim Dämmerlicht des Mondes im Zimmer aus dem Dunkel hervorkommen sehen. In langem, weißem Gewande, mit marmorbleichem Gesicht und aufgelöstem Haar schwebte sie lautlos, als berührten ihre Füße den Boden nicht, auf mich zu, blieb vor meinem Bette stehen, und mich mit ihren weit geöffneten Todtenaugen starr anblickend erhob sie drohend die Rechte gegen mich, bewegte wie verneinend das Haupt und glitt dann langsam wieder in den Schatten zurück, aus dem sie gekommen war. Sprechen, sie anrufen konnte ich nicht, mir war die Zunge wie gelähmt, und ich rührte mich nicht. Das geschah in der Nacht vor dem Tage, da ich meinen Brief an Dich abschickte. Wohl war ich erschrocken, wohl schwankte ich am Morgen, was ich thun oder lassen sollte, aber mein Grimm und -- ich gesteh's -- meine Gier waren zu groß und gewannen die Oberhand über das Grauen. Ich schlug die mitternächtige Warnung in den Wind und sandte den Boten mit dem Brief an Dich ab.«
Hier machte Burkhard eine Pause, als müßte er Athem schöpfen, und fuhr dann fort: »Zum zweiten Male kam sie in der Nacht vor dem Ausrücken zum Kampfe. Diesmal erschien mir die Gestalt größer, ihr Arm höher gereckt, ihr Blick drohender, sonst war ihr Nahen und Verschwinden genau so wie beim ersten Male. Du kannst Dir wohl denken, Schmasman, daß mich dieser zweite Besuch noch mehr erschütterte als der erste. Allein was sollte ich thun? Die Befehle zum Aufbruch waren ertheilt und Alles bereit. Ich schämte mich vor meinen Bundesgenossen, Alles wieder rückgängig zu machen und damit Furcht und Feigheit zu verrathen, die mir sehr fern lagen, zumal das erste Erscheinen der Grabentstiegenen kein Unglück im Gefolge gehabt hatte. So achtete ich denn auch dieser zweiten Warnung nicht und zog mit unseren gewaffneten Schaaren aus. Aber da ereilte mich das Unheil nun doch, Du weißt ja wie. Und seit ich hier oben gefangen sitze, werde ich die Erinnerung an die beiden Schreckensnächte nicht aus den Gedanken los. Ich habe mit zähem Muth und mannhafter Beherztheit dagegen angekämpft, aber vergeblich; eine innere Stimme flüstert mir beständig zu: hüte dich vor dem dritten Kommen der weißen Frau! sie wird dich suchen, dich bis hierher verfolgen und dich auch hier zu finden wissen; erscheint sie dir zum dritten Male, so bringt sie dir unrettbar Tod und Verderben. Und diese Nacht, Schmasman, diese Nacht hab' ich sie im Traume gesehen, nicht wirklich wie in Rathsamhausen, sondern nur als ein Traumbild. Ich weiß es genau, daß es nur ein Traum war, aber er ist mir ein Wink von oben, daß sie bald selber auch zum dritten Male kommen wird, und dann -- dann ist's um mich geschehn. Denk an den doppelten, tödtlichen Pfeilschuß der zwei Brüder Rathsamhausen, denen sie unmittelbar vorher drei Nächte hinter einander erschienen war. So bin ich ihrem Bann verfallen, mit meiner Kraft am Rande und zu keinem Widerstande mehr fähig. Macht mit mir, was ihr wollt, ich bin zu Allem bereit.«
Er schwieg, lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück und trocknete sich die perlende Stirn.
Schmasman erhob sich und sprach, seine Hand auf des alten Freundes Schulter legend: »Dein Schicksal ist es, Burkhard, das Dich mit Geisterhauch und Grausen wach rüttelt, damit Du seinen Willen thust, ehe es Dich nach seinen unwandelbaren Gesetzen verderben und vernichten muß. Ich lobe Deinen Entschluß, nachzugeben, denn er ist Deine einzige Rettung. Heute hat mir Graf Oswald Vollmacht ertheilt, in seinem Namen mit Dir Frieden zu schließen, wenn Du die einzige Bedingung erfüllst, die er Dir auferlegt.«
Burkhard stand auf und fragte: »Was verlangt Graf Thierstein?«
»Daß Du ihm Urfehde schwörst, weiter nichts. Willst Du das thun?«
Burkhard zuckte, und seine Brust arbeitete heftig. Noch einmal bäumte der alte Trotz sich widerspenstig auf, und die Zunge sträubte sich, das bindende Wort auszusprechen. Dann aber kam es ihm kurz und bündig von den Lippen: »Ja, ich will es thun.«
Schmasman reichte ihm die Hand und sprach: »Nun wird die weiße Frau nicht wiederkommen, Burkhard.«
Burkhard aber seufzte: »Jetzt erst, Schmasman, bin ich überwunden und besiegt. Bis zu diesem Augenblicke war ich es nicht.«
»Und von diesem Augenblick an bist Du frei.«
»Gehe hin zum Grafen Oswald und sage ihm, daß ich den Schwur leisten will.«
»Noch nicht,« erwiederte Schmasman. »Erst noch eine Frage, und gieb mir ehrlich Antwort darauf! Sind wir beide wieder Freunde, wie wir es waren?«
»Wir sind's und wollen's bleiben, Schmasman, komm her!« Er öffnete die Arme, so weit er es mit dem einen, noch ungelenken, konnte, und sie drückten, beide tief bewegt, einander an die Brust.
»Jetzt geh' ich,« sagte Schmasman, »und hole Dir die Freiheit.«
Burkhard war allein und stand am Fenster. Sinnend schaute er hinab auf Berg und Thal, auf Wald und Flur. Dann reckte und streckte er sich wie ein aus langem, erquickendem Schlummer Erwachender, mit neuer Kraft Gestärkter und sprach tief aufathmend zu sich selber: »Frei! frei! aber es brauchte einen starken Ruck, diese Fesseln abzuschütteln.«
Bald kehrte Schmasman zurück, und Oswald kam mit ihm. Ein Zittern ging durch Burkhards Körper, als er den Grafen erblickte.
»Herr von Rathsamhausen,« begann Oswald, »Graf Maximin hat mir eine erfreuliche Botschaft gebracht --«
»Laßt es uns kurz machen, Herr Graf!« unterbrach ihn Burkhard ungeduldig, »ich weiß, was Ihr fordert, und gehe den Pakt ein. Hier stehe ich vor Euch und schwöre bei Gott dem Allwissenden ewige Urfehde. Ich gelobe, Euch niemals wieder anzufeinden, mich niemals an Euch zu rächen, mit Euch Frieden zu halten bis an meines Lebens Ende.«
Oswald erwiederte: »Mit diesem Handschlag nehme ich den Frieden an, den Ihr mir bietet, und auch ich will ihn treulich halten. Ich will vergessen, was Ihr gegen mich im Schilde führtet, als hätt' ich nie davon gewußt. Ihr habt es gebüßt, und mit dem Blute, das Ihr vergossen, ist es gesühnt und ausgelöscht. Herr Burkhard von Rathsamhausen, Ihr seid frei. Ziehet mit Gott, wohin es Euch beliebt. Aber,« fügte er hinzu, Burkhards Rechte auch mit seiner anderen Hand umfassend, »wie ich hier Eure Hand mit meinen Händen umspanne, so möchte ich auch Euch selber noch halten. Gewährt mir eine Bitte! Bleibt noch zwei Tage mein Gast, laßt Eure Gemahlin und Euren Sohn kommen und Ihr, Schmasman, alle die Eurigen, auf daß wir den Frieden hier in Gegenwart der uns liebsten Zeugen mit einem festlichen Trunke besiegeln.«
Burkhard, der Oswalds Worte von dem Vergessenwollen mit finsterer Miene angehört hatte, schaute bei dem Schlusse der Rede betroffen auf, als traute er seinen Ohren nicht. Statt hochmüthiger Herablassung kam ihm aus dem Munde des Grafen ein freundlicher Antrag entgegen, der ihn aufs Höchste überraschte, fast verwirrte. Oswalds Gast sollte er sein, bei seinem bis vor Kurzem noch bitter gehaßten Gegner mit den Seinigen und den Rappoltsteinern fröhlich tafeln und bechern. Wie ein Fest wollte der Graf seine Erlösung feiern. In diesen plötzlichen Wechsel seiner Lage konnte er sich so schnell nicht finden. Er stand wie bestürzt, dachte nach und schüttelte leise das Haupt. »Das ist zuviel verlangt, -- das kann ich nicht,« sprach er halblaut.
»Warum nicht, Burkhard? bleibe hier!« redete ihm Schmasman zu. »Auch wir ertränken dann den Drachen der Zwietracht, der den Weg von Rathsamhausen nach Rappoltstein versperrte.«
Burkhard schwankte noch immer, und es ward ihm sehr schwer, sich zu entschließen. Aber Oswalds versöhnliche Ansprache war ihm doch zu Herzen gedrungen und hatte dort mit ihrem warmen, zutraulichen Ton einen lebendigen Widerhall erweckt. Die großen Aufregungen der letzten Tage und Nächte, die wie Stürme über ihn dahingebraust waren, hatten ein Wunder an ihm gethan und eine entschiedene Wandlung seines Sinnes bewirkt. Nun reichte er dem Thiersteiner wieder die Hand, die er ihm schon entzogen hatte, und sagte mit einer nicht zu verbergenden inneren Bewegung: »Es geschehe nach Eurem Wunsch und Willen, Herr Graf! Ihr habt mich in wahrhaft ritterlicher Haft gehalten, werdet es mir aber nachfühlen, daß ich glücklich bin, frei zu werden, und in meiner Freude darüber gelingt es mir auch vielleicht, an Eurem Tische mit den Frohen froh zu sein. Schickt hin nach Ottrott und laßt sie kommen.«
»Das war wohlgesprochen, Herr Burkhard!« erwiederte Oswald, »Herni soll reiten, daß die Funken stieben. Morgen Mittag müssen sie hier sein.«
»Von den Meinigen soll keiner fehlen, ich bringe sie alle mit,« rief Schmasman in Freuden.
»Und nun kommt zu meiner Frau!« sprach Oswald, nahm Burkhards Arm und führte selber seinen Gefangenen hinaus in die Freiheit.
XXXI.
Das Wiedersehen Burkhards mit Denen, die sich heute zum Friedensmahl auf der Hohkönigsburg versammelten, hatte anfänglich etwas Bedrückendes für ihn. Waren sie doch Alle, mit Ausnahme von Gattin und Sohn, seine Gegner gewesen und wußten, daß er dem Grafen Oswald hatte Urfehde schwören müssen. Er schämte sich seiner Demüthigung, wie er bei sich selber sein Nachgeben nannte, das doch nach fehderechtlicher Auffassung durchaus nichts Ehrenrühriges hatte. Daher waren Alle bestrebt, ihm über seine Befangenheit möglichst schnell hinwegzuhelfen, am meisten Graf Oswald, der in seiner Freude, ihn los zu werden und fortan Ruh und Frieden vor ihm zu haben, all seine Liebenswürdigkeit und ritterliche Gastfreundschaft aufbot, ihn in eine behagliche Stimmung zu versetzen.
Stephania umfing ihren Gemahl mit gerührter Zärtlichkeit, seelensfroh, ihn frei und genesen wiederzuhaben, hoffentlich auch geheilt von der ehrgeizigen Eroberungssucht, die ihm Feinde auf den Hals gezogen und ihn in Gefahr und Noth gestürzt hatte. Sie hoffte das nur, sprach es aber nicht aus. Dann ging sie auf Herzelande zu und schloß auch diese in die Arme, ihr zuraunend, wie glücklich sie wäre, daß nun Alles wieder in Rück und Schick zwischen ihnen sei, worin ihr Herzelande aufrichtig beistimmte.
Allmählich ward es Burkhard freier und sicherer zu Muthe, und als ihm Wilhelm von Rappoltstein die Hand reichte, sagte er schon ganz heiter: »Schlägst eine wackere Klinge, Wilhelm! das war ein Meisterhieb, schwer abzufangen; ich werde ihn mir merken und nächstens einmal anwenden.«
»Was? nächstens anwenden? Er denkt schon wieder an kämpfen und fechten,« lachte Imagina, die daneben stand. »Jetzt sitzt Ihr erst einmal ein paar Wochen still, Herr Burkhard, ehe Ihr wieder eine neue Fehde anfangt!«
Das war, außer Burkhards eigenem Bekenntniß gegenüber Wilhelm, die einzige Anspielung auf das jüngst Vergangene, die heute fiel. Aber er nahm sie gut auf und antwortete: »Ihr seid auch Eine, die nicht Frieden halten kann, immer kampflustig zum Angriff mit der stichelnden Zunge.«
»Das ist die Lanze der Frauen,« sprach Imagina, »und es muß ein sehr dickes Fell sein, durch das sie nicht eindränge.«
»Ach Gott ja! mich habt Ihr schon viel zu tief ins Herz getroffen.«
»Aber sie kann auch die Wunden heilen, die sie schlägt,« lächelte Imagina. »Heute gefallt ihr mir, Herr Burkhard. Ihr steigt in meiner Gunst und Gnade.«
»Verwöhnt mich nur nicht!« erwiederte er lachend.
Auch mit allen Anderen wechselte er freundliche Worte und fand sich dadurch bald in den angeschlagenen Ton einer fröhlichen Eintracht zwanglos hinein. Er schien heut ein ganz anderer Mensch zu sein, in welchem man den widerhaarigen, streitlustigen Muckebold gar nicht wiedererkannte, als hätten die reinigenden Gewitter der gemachten Erfahrungen eine rauhe, stachlichte Schale von ihm abgestreift, so daß der von einem schweren Drucke befreite gute Kern, der darin steckte, zu Tage kam.
Im Speisesaal waren die Plätze klug und geschickt vertheilt, indem, was feindlich gegen einander gewesen war, jetzt in bunter Reihe friedlich bei einander saß. Sicherlich war es Leontinens Praktik, daß sich Bruno und Isabella Seite an Seite und dem Brautpaar gegenüber fanden. Gräfin Margarethe hatte von jedem Prunk und Pomp auf der Tafel Abstand genommen, um der Gasterei unter Vermeidung aller feierlichen Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten mehr die Gestalt und das Wesen eines traulichen Freundschafts- und Familienmahles zu geben. Nur die größten und schönsten Pokale aus dem Thierstein'schen Silberschatz hatte sie für den besten der Weine und für den herzenseinigenden, treuegelobenden Friedenstrunk aufsetzen lassen.
Beim dritten Gange erhob sich Graf Oswald und hieß -- noch nicht den vor ihm stehenden Prachtpokal, sondern einen bescheideneren Becher in der Hand -- seine Gäste mit beredten und warmen Worten willkommen, ohne jedoch die Veranlassung zu ihrem Hiersein zu berühren oder auch nur anzudeuten, und schloß mit dem Wunsche, daß sie ihm recht oft Gelegenheit geben möchten, sie als liebe Gäste an seinem Tische begrüßen zu können.
Graf Wilhelm von Rappoltstein dankte in Aller Namen ihm und der Gräfin Margarethe für ihre Gastfreundschaft und machte in launiger Weise darauf aufmerksam, daß sie beide, er und Oswald, so nahe Nachbarn wären, daß sie sich gegenseitig in die Fenster sehen könnten, was von den anderen Rappoltstein'schen und den Ottrotter Schlössern nicht möglich wäre. Und sintemal es von Hohrappoltstein nach Hohkönigsburg genau so weit wäre wie von Hohkönigsburg nach Hohrappoltstein, so hoffte er, daß die verehrte Familie Thierstein auch recht bald einmal über seine Brücke reiten würde, was ihm Oswald gern versprach.
Nicht lange darauf schien dem Grafen Oswald der rechte Augenblick gekommen, seinem bevorzugten Gaste hier eine überaus freudige Überraschung zu bereiten, deren sich dieser wahrlich heute nicht versah.
Er ging aus dem Saale hinaus und kam wieder zurück, in den hoch erhobenen Händen Burkhards Eule tragend.
Burkhard war sprachlos, als er sie erblickte. Sein Gesicht verklärte sich in einen Freudenschimmer, und seine Augen strahlten und glänzten, als wollten Thränen daraus hervorquellen.
Oswald schritt um den Tisch herum auf ihn zu und sprach: »Ich habe Euch die Eule vom Haupte gestoßen, Herr Burkhard, ich setze sie Euch jetzt wieder auf. Seid gekrönt mit Eurem ehrwürdigen Erbkleinod und tragt es noch recht oft bei frohen Gelagen im Kreise Eurer Freunde!«
Burkhard, die Eule auf dem Kopfe, erhob sich und schüttelte, vergeblich nach Worten des Dankes suchend, dem Grafen beide Hände.
Der ergötzliche und unter den obwaltenden Umständen bedeutsame Vorgang rief lauten Jubel hervor, denn Alle wußten, eine größere Freude als die Wiedererlangung seiner Eule hätte dem über ihren Verlust Untröstlichen nicht widerfahren können.
Burkhard stand noch immer aufrecht, und als sich der Tumult am Tische gelegt hatte, hub er an zu sprechen: »Ich weiß nicht, Graf Oswald, wie ich Euch danken soll, daß Ihr mir wiedergebt, was ich so schmerzlich vermißt habe. Erinnert Euch, was ich sagte, als ich mit der Eule auf dem Kopfe im Rathskeller zu Rappoltsweiler erschien. Ich sagte, daß sie ihrem Träger die Macht und das Recht verliehe, die Wahrheit zu erkunden und zu verkünden und frank und frei auszusprechen, was er denkt und fühlt. Laßt mich das auch heute thun. Aber nicht wieder drohen will ich Euch, nicht mit Euch streiten, denn ich habe Euch Burgfrieden gelobt und bin Euch Dank schuldig. Euer Gefangener war ich, Euer Gast bin ich, und werden möchte ich noch etwas Anderes. Wundert Euch nicht über den raschen Wandel meiner Gesinnung; das kommt Einem an in der Nacht, man weiß nicht wie. Ich will Euch die Wahrheit sagen, denn mit der Eule auf dem Kopfe kann ich nicht heucheln und lügen. Nichts hält mich ab, in diesen Mauern und in dieser Gesellschaft offen und ehrlich zu bekennen, daß ich von einem bösen Wahn befallen war. Er ist für immer entschwunden, wie vom Winde verweht, der um diese Höhe braust und Nebel und Wolken verscheucht. Ihr wünschtet mir vorhin, daß ich diesen alten Hut noch recht oft im Kreise meiner Freunde tragen möchte. In einem solchen Kreise befinde ich mich hier und will Euch künden, was in diesem Augenblicke mein Herz bewegt. Es ist der Wunsch, Euer Freund zu werden, wenn Ihr mich dessen werth haltet und auch der meinige werden wollt. Hier meine Hand! nehmt Ihr sie an, Graf Oswald?«
»Und hier die meine!« rief Oswald aufstehend und in Burkhards Rechte schlagend.
»Darf ich als Dritter auch die meinige dazu legen?« fragte, sich erhebend, Wilhelm von Thierstein.
»Sie ist mir willkommen, Graf Wilhelm!« erwiederte Burkhard und reichte auch ihm die Hand über den Tisch hinüber.
Es war ein fast feierliches Ereigniß, das Allen ans Herz griff, die seine Zeugen waren, und ringsum an der Tafel ward eine Stille, die aber nichts Beklemmendes hatte, sondern sich wie eine segensvolle Weihe der Stunde auf die Gemüther legte.
Burkhard nahm nun die Eule vom Haupte und blickte sich suchend um, wo er sie lassen sollte.
Da sprach die ihm zur Rechten sitzende Gräfin Margarethe: »Wollt Ihr mir erlauben, Herr von Rathsamhausen, Euren zaubermächtigen Federhut einmal näher zu betrachten?«
»Sehr gern, Frau Gräfin!« erwiederte Burkhard verbindlich und reichte ihr die Eule.
»Gebt sie dann weiter! wir kennen sie auch noch nicht,« bat eine der Frauen.
So ging denn die Eule bei den Damen am Tische herum, und die eine und andere machte ihre Bemerkungen über die wunderliche Kopfbedeckung.
»Die Eule ist der Vogel der Weisheit,« sagte Gräfin Katharina, »aber ob es wohl immer weise Worte sind, die von den Herren gesprochen werden, wenn sie beim Weine von Haupt zu Haupte schwebt?«
»Im Wein ist Wahrheit,« rief ihr Gräfin Elisabeth zu, »und wenn unter dem Schutz und Schirm dieses Eulenhutes sich Weisheit und Wahrheit vereint offenbaren, so ist er mehr werth als eine Königskrone.«
Als der Hut an Imagina kam, setzte sie ihn sich auf ihr blondes Köpfchen und sah mit ihrem blühenden, lachenden Antlitz unter dem großäugigen Kauz entzückend aus.
»So!« sprach sie, »jetzt habe _ich_ die Eule auf dem Kopfe, und nun will ich euch Wahrheit und Weisheit zugleich verkünden. Höret mich an! Hier an diesem Tische befinden sich zwei Herzen, die heimlich in Liebe und Sehnsucht für einander schlagen. Das ist die Wahrheit. Weisheit aber wäre es, wenn wir die Sehnsucht der Beiden stillten und sie zu ihres Lebens höchstem Glück zusammengäben.« Sie stand auf und fuhr mit lauter Stimme fort: »Lieber Schwager Maximin von Rappoltstein, ich werbe bei Dir für den Jungherrn Bruno von Rathsamhausen um die Hand Deiner Tochter Isabella.«
Die allgemeine Freude der Gesellschaft war weit größer als ihr Erstaunen über diese Erklärung aus dem Munde Imagina's, die man als eine Vielwissende in Herzensangelegenheiten kannte. Überrascht davon waren nur Burkhard und Stephania, die nun einen hellen Blick zufriedenen Einverständnisses mit einander wechselten.
Schmasman aber erhob sich und sprach: »Bruno und Isabella, ich frage euch: hat Imagina die Wahrheit gesprochen?«
»Ja!« kam es laut von Bruno's und leise von Isabella's Lippen.
Schmasman sprach weiter: »Herzelande, ich frage Dich: hast Du gegen Imagina's Weisheit etwas einzuwenden?«
»Nein, lieber Mann!«
Nun ging Schmasman zu den zwei Liebenden, legte ihre Hände in einander und sagte: »Hier hast Du sie, und hier hast Du ihn! Glückauf Rathsamhausen und Rappoltstein!«
Jauchzende Glückwünsche ergossen sich von allen Seiten auf die unsagbar Beseligten. Egenolf und Leontine stürzten sich förmlich auf das neue Brautpaar, es in die Arme zu schließen.
Auf einmal ertönten feierliche Klänge, und Alles lauschte.
Oben an der Wand des Saales war ein kleiner Altan mit einer Thür, die in die nebenliegende Kapelle und zu den Sitzen führte, auf denen die Familie des Schloßherren dem Gottesdienste beizuwohnen pflegte. Zu diesem Gestühl gelangte man von der Kapelle aus auf einer Wendeltreppe, und aus der offenen Thür dort kamen die Töne, ein liebliches Saitenspiel, von einem sanften Blasen begleitet.
Als die noch Unsichtbaren ihr Stück beendet hatten, rief Graf Oswald hinauf: »Wer seid ihr Spielleute? zeigt euch!«
Da erschienen oben auf dem Altan Hans Loder und Seppele von Ottrott, die Günstlinge der Rappoltstein'schen und Rathsamhausen'schen Familien, und hinter ihnen als Dritter der Thierstein'sche Vertrauensmann, Ottfried Isinger, der die beiden Anderen da hinaufgeführt hatte.
Isinger, der von Herni erfahren hatte, was im Werke war, hatte schnell Hans Loder eingeladen, das oben im Palas stattfindende Versöhnungsfest bei ihm in der Schmiede mitzufeiern. Loder aber hatte durch einen äußerst glücklichen Zufall seinen Freund Seppele mit der Laute getroffen und ihn beredet, mitzukommen, mitzutrinken und den Herrschaften bei der Tafel ein Stücklein aufzuspielen, zu welchem Zwecke er auch seine Trumpete mitgenommen hatte.
Die Gesellschaft unten im Saale rief und winkte den Spielleuten da oben Beifall zu und forderte sie auf, noch eins zum Besten zu geben, was sie, auf dem Altan stehen bleibend, auch thaten.
Nun endlich sollten die großen, schönen Pokale zur Geltung kommen und wurden mit dem edelsten Rappoltsweiler Zahnacker gefüllt.