Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 21
Es war in der That Haschop, deren einst so liebreizend lachender Mund nun für immer verstummt war. Sie hatte sich, wieder in der männlichen Kleidung, die sie als Kesselflicker getragen, dem Fuhrwesen der Müllenheim'schen angeschlossen, von denen Niemand sie kannte und die sie, ihr wahres Geschlecht nicht ahnend und sie für einen gut gewachsenen, eigentlich schon waffenfähigen Troßbuben haltend, gern bei sich aufgenommen hatten. Sie wollte Zeuge des Kampfes sein, um zu sehen, was dabei das Schicksal Egenolfs sein würde, ob nicht eine feindliche Lanze das vollbrächte, was ihrem Messer mißlungen war. In ihrer Rachsucht und ihrer Unerfahrenheit hatte sie sich sogar der kindischen Hoffnung hingegeben, möglichenfalls mit ihrem kurzen Schwerte zu seinem Verderben beitragen, vielleicht durch Verwundung seines Pferdes Roß und Reiter zum Sturze bringen zu können. Darum hatte sie sich tollkühn in das Gefecht hinein gewagt und war auf der Flucht von den Reitern eingeholt und niedergehauen worden.
Voll Mitleid beschlossen die beiden Knechte, sie in einem Grab allein zu bestatten, hoben sie auf und trugen sie zum nahen Walde. Dort bereiteten sie ihr die letzte Ruhestätte und pflanzten auf den Hügel statt eines Kreuzes einen abgehauenen Baumzweig, dessen Blätter schon welk und braun waren.
Nachdem sie am Grabe knieend ein kurzes Gebet verrichtet hatten, sagte Merten: »Dem Pfeiferkönig müssen wir es melden, wenn wir heimkommen, wen wir hier zum langen Schlaf gebettet haben. Wie wird sie ihn dauern! er hatte die hübsche Schwarzäugige gern.«
»Und der arme Farkas!« sprach der Andere. »Vor zehn Jahren hat er sein Weib begraben, und heute hat er hier sein einziges Kind verloren; nun ist er ganz verlassen und allein.«
»Nicht viel über zwanzig Jahr kann sie geworden sein,« fing Merten wieder an. »Hast Du sie mal tanzen sehen? Die konnte Sprünge machen, sag' ich Dir! Schade, Schade um das schöne, junge Leben! Gott nehme sie in Gnaden zur ewigen Seligkeit auf!«
Das war Haschops Grabrede aus einem einfältigen, treuherzigen Gemüth, das von ihrem Lieben und Leiden, ihren Listen und Tücken nichts wußte.
Egenolf, der die Zigeunerin im Gefecht nicht bemerkt, wenigstens nicht erkannt hatte, erhielt heute keine Kunde mehr von ihrem Tode. Die Grafen von Rappoltstein waren schon weit weg vom Kampfplatze, weil sie vorläufig keinen erneuten Angriff zu befürchten hatten und von einer Verfolgung des geschlagenen Feindes absahen. Sie zogen mit den Ihrigen über Kinzheim, Orschweiler und Bergheim nach Rappoltsweiler und ihren Schlössern, wohin Schmasman einen Reiter mit der Siegesbotschaft vorausgeschickt hatte.
In Rappoltsweiler wurden sie von der gesammten Bevölkerung freudig empfangen und unter glückwünschenden Zurufen durch die Stadt geleitet. Auf der Zugbrücke der St. Ulrichsburg erwartete sie Hans Loder mit seiner Trumpete und blies bei ihrem Nahen eine schmetternde Weise, in die der Thürmer auf dem Bergfried mit seinem Wächterhorn jubelnd einstimmte.
Die Gräfinnen Elisabeth und Imagina waren schon eingetroffen und hatten dafür gesorgt, daß auch ihre Gatten sich der bestaubten Rüstungen entledigen und umkleiden konnten. Als die vier Herren dann erfrischt in den Saal zurückkehrten, setzte Imagina ihrem Schwager Wilhelm einen schnell für ihn gewundenen Eichenkranz aufs Haupt, den Alle, auch Schmasman, dem kriegserfahrenen Bruder, dessen vortrefflichem Plan und Oberbefehl der Sieg zu danken war, von Herzen gönnten.
Bald saß die ganze Familie an der Tafel beim fröhlichen Mahl, an dem auch Hans Loder heute theilnehmen mußte. Die Männer schilderten den aufmerksam zuhörenden Frauen den Gang des Gefechtes, und Graf Wilhelm äußerte ein Wort des Bedauerns, Burkhard mit eigener Hand so schwer verwundet zu haben. »Aber der über unseren Rückenangriff Erboßte,« sprach er, »rannte mich ungestüm an und ließ nicht ab von mir, so daß sich zwischen uns ein Zweikampf auf Leben und Tod entspann, in dem Einer von uns fallen mußte, und da hat das Glück zu meinen Gunsten entschieden.«
»Sagen wir Dein gutes Schwert und Deine überlegene Fechtkunst, Wilhelm,« fiel Schmasman ein. »Übrigens scheint mir seine Wunde nicht lebensgefährlich und wird in der Kur des Pater Eusebius gewiß bald heilen.«
»Auch Bruno und ich haben unsere Fechtkunst gegen einander erprobt,« erzählte nun Egenolf. »Wir trafen uns im Scharmützel und haben eine Jägermesse lang unsere Klingen Schlag auf Schlag regelrecht gekreuzt. Bruno ist im heutigen Kampfe völlig unversehrt geblieben,« schloß er mit einem Blick auf Isabella, für die allein seine Mittheilungen bestimmt waren und die ihrem Bruder dafür mit den Augen dankte.
»Glaubst Du, Schmasman,« begann Gräfin Herzelande, »daß mit dem heutigen Gefecht nun die ganze Fehde, die uns so lange beunruhigt und bedroht hat, abgethan und aus ist?«
»Fast möcht' ich es glauben, weil Burkhard außer Kampf gesetzt ist,« erwiederte Schmasman. »Ohne ihn werden die Übrigen nichts weiter gegen uns oder die Thiersteiner zu unternehmen wagen.«
»Und wenn Burkhard von seiner Verwundung genesen ist?«
»So wird ihn Oswald doch nicht eher aus den Mauern der Hohkönigsburg herauslassen, als bis er ihm Urfehde geschworen hat.«
»Welch ein Hohn des Schicksals!« sagte Gräfin Elisabeth. »Nun sitzt er auf der Hohkönigsburg, aber nicht als ihr Herr und Gebieter, wie er es wollte, sondern als ihr erster Gefangener seit ihrem Wiederaufbau.«
»Willst Du nicht versuchen, zwischen ihm und Oswald Frieden zu stiften und auch zwischen euch beiden die alte Freundschaft wieder herzustellen?« fragte Herzelande.
»Gewiß werde ich das,« erwiederte Schmasman. »Aber ich muß ihm erst Zeit lassen, sich zu besinnen, damit der bittere Groll, den er jetzt noch auf mich hat, anderen, besseren Gefühlen Platz macht; früher ist eine Verständigung mit ihm nicht möglich. Schwieriger wird seine Befriedung mit dem Thiersteiner werden. Wie ich von dessen Bruder Wilhelm gehört habe, verlangt Oswald nichts Geringeres als die Übergabe der beiden Ottrotter Schlösser, wenigstens des Schlosses Rathsamhausen. Ich werde das Meinige thun, ihn zu milderen Bedingungen zu bewegen; ob ich aber damit durchdringe, ist mir noch sehr zweifelhaft. Zunächst werde ich versuchen, mich selber mit ihm auszusöhnen.«
»Herr Graf, ich wüßte wohl ein Mittel, ihn zur Versöhnlichkeit zu stimmen,« sagte Loder.
»Und das wäre?« fragte Schmasman.
»Wenn Ihr ihm seine Eule wiederschaffen könntet, die ihm im Rathskeller abhanden gekommen ist.«
»Da hast Du Recht, Hans!« rief ihm lachend Graf Wilhelm zu. »Wenn Du Burkhards Eule hättest, Schmasman, und sie ihm wiedergäbest, würde er vor Freuden springen und tanzen und wieder Dein dickster Freund sein.«
»Gern wollt' ich ihm dazu verhelfen,« lächelte Schmasman, »aber leider habe ich sie nicht und weiß auch nicht, wo das Unglücksding an dem Abend geblieben ist.«
»Laßt uns ihm doch eine neue, der verloren gegangenen täuschend ähnliche machen,« schlug Gräfin Elisabeth vor. »Einen Waldkauz muß uns Egenolf dazu liefern.«
»Mit dem größten Vergnügen!« erklärte der ritterliche junge Waidmann.
»Nein, das geht nicht, das würde Burkhard sofort merken, und eine noch so geschickt nachgemachte würde ihm die echte, an der so viel fröhliche Erinnerungen haften, nicht ersetzen,« bedeutete Wilhelm seine Gemahlin.
»Er würde sie von uns Rappoltsteinern auch gar nicht annehmen,« fügte Kaspar hinzu. »Ja, wenn es die alte wäre! wer ihm die wiederbringt, erobert sich im Sturme sein Herz damit.«
»Ich möchte ihn wohl einmal sehen mit dem schnurrigen Eulengestell auf seinem weinrothen Rappelkopfe,« lachte Imagina. Doch schnell bereute sie die Worte, als sie einem vorwurfsvollen Blick Isabella's begegnete. War es doch Bruno's Vater, den sie hier vorhatten.
Auch Herzelanden ging der Spaß zu weit. »Ihr spottet hier und macht euch über den Ärmsten in seinem Unglück lustig,« hub sie an. »Ich will es eurer frohen Siegesstimmung zu Gute halten, aber denkt einmal daran, wie traurig es in der nächsten Zeit bei Frau Stephania auf Schloß Rathsamhausen aussehen wird.«
»Unsere Schuld ist es nicht, Herzelande, und der Spott war nicht bös gemeint,« sprach Wilhelm begütigend.
»Na, die Ohren werden ihm wohl auf der Hohkönigsburg geklungen haben,« meinte Schmasman.
Aber Herzelande's Mahnung war bei den Ihrigen doch auf guten Boden gefallen. Sie lenkten das Gespräch auf andere Dinge, bis sie sich zu vorgerückter Stunde trennten, um nach dem schweren Tage, der den Männern Kampf und den Frauen Sorge gebracht hatte, dem sich fühlbar machenden Ruhebedürfniß nachzugeben.
XXVIII.
Zur selbigen Stunde, wo die Familie Rappoltstein auf der St. Ulrichsburg bei Tische saß und den erfochtenen Sieg feierte, waren die vornehmsten der Rathsamhausen'schen Bundesgenossen auf der Frankenburg bei Dietrich von Lützelstein versammelt, der sie auf ihrem Rückzuge aus der verlorenen Schlacht zu einem Imbiß nach den Anstrengungen des Kampfes eingeladen hatte.
Die Meisten von ihnen waren Dank ihrer starken Rüstungen ohne jede, ihrer zwei mit einer nur leichten Verwundung davongekommen, aber ihre Stimmung war eine mißmuthige und bedrückte. Ihre Unterhaltung drehte sich um Einzelheiten des Gefechtes, und einige der Herren machten ihrem abwesenden Befehlshaber Burkhard den Vorwurf, daß er nicht ein paar Reiter zum Kundschaften das Leberthal hinauf gesandt hatte, die ihm das Nahen Rappoltsteins von dieser Seite gemeldet und sie dadurch vor dem sie völlig überraschenden, ihre Niederlage herbeiführenden Rückenangriff des Feindes bewahrt hätten. Philipp von Rathsamhausen entschuldigte seinen Bruder damit, daß dieser kurz vor ihrem Aufbruch von einem Späher die Nachricht erhalten hätte, die Thierstein'schen Verbündeten erwarteten den Anmarsch ihrer Gegner erst in vier oder fünf Tagen.
Auch Henning von Landsberg nahm Burkhard in Schutz und meinte: »Hätten wir von dem Anrücken Rappoltsteins durch das Leberthal Kunde gehabt, so hätten wir ihm die Hälfte unserer Macht entgegenschicken müssen und wären dann Thierstein gegenüber zu schwach gewesen. Burkhard hat recht gethan, unsere Kräfte nicht zu theilen.«
Dietrich von Lützelstein schnitt die weiteren Erörterungen darüber ab mit den Worten: »Laßt uns nicht mehr streiten, Freunde, ob hier ein Fehler gemacht ist oder nicht; sagt lieber, was nun geschehen soll.«
Darauf schwiegen sie zunächst, als wären sie rathlos. Dann redeten Alle zugleich laut durcheinander, aber die Antworten fielen, auch dem Sinne nach, sehr verschieden aus.
»Wir scheinen nicht Alle einerlei Meinung zu sein,« sprach Jost von Müllenheim. »Ich schlage vor, daß Einer nach dem Andern die seinige kund giebt. Fange Du damit an, Dietrich; Du hast die Frage aufgeworfen, und es ist allerdings das Gescheiteste, daß wir gleich hier, wo wir noch beisammen sind, darüber Beschluß fassen.«
Die Anderen waren damit einverstanden, und die kleine Gesellschaft verwandelte sich in einen Kriegsrath, dem sie auch weit ähnlicher sah als einem fröhlichen Zecherkreise, denn die Herren waren alle in ihren Harnischen, nur die Helme hatten sie abgenommen.
Dietrich von Lützelstein hub an: »Leicht ist die Entscheidung nicht, aber ehrlich gestanden bin ich mehr zum Frieden geneigt als zur Fortsetzung des Kampfes.«
»Wir können doch die Schmach nicht auf uns sitzen lassen,« fiel Graf Schaffried von Leiningen unwillig ein.
»Nun, eine Schmach ist es wohl nicht, unvermuthet von zwei Seiten angegriffen, der Übermacht unterlegen zu sein,« sagte Eckbrecht von Dürkheim.
»Gewiß nicht!« stimmte ihm Philipp von Rathsamhausen zu, »auch ich bin nicht für Fortsetzung der Fehde.«
»Wenn das Dein Bruder hörte, Philipp!« hielt ihm Leiningen vor.
»Ich wollte, er wäre hier,« erwiederte Philipp. »Zweifellos würde er mir heftig widersprechen, aber gerade zu seinem Heile wäre es, wenn wir ihn zwingen könnten, die verlorene Sache aufzugeben.«
»Sie ist keine verlorene; wir haben nur Unglück im ersten Gefecht gehabt, und die Scharte läßt sich auswetzen,« sprach Henning von Landsberg.
»Mir aus der Seele gesprochen!« rief Leiningen. »Haben wir darum wochenlang gerüstet, unsere Mannen aufgeboten und den armen Zorn von Bulach todt auf dem Schlachtfelde lassen müssen, um nach dem ersten unglücklichen Gefecht klein beizugeben und um Frieden zu betteln? Ihr schweigt, Müllenheim; -- was ist Eure Meinung?«
»Frieden machen, nichts Anderes,« sagte Müllenheim mit Nachdruck.
»Wie ist es nur möglich, zu so etwas zu rathen!« brauste Leiningen auf. »Müllenheim, -- Ihr! wollt Ihr Burkhard im Stich lassen? Ich trete für ihn ein; er ist und bleibt unser Führer, dem wir die kräftigste Unterstützung schuldig sind, denn er verdient sie um uns.«
»Hört mich an, Graf Schaffried, und ihr Anderen auch,« erwiederte Müllenheim ruhig. »Daß wir die mit so großer Macht vertheidigte Hohkönigsburg nicht stürmen und unsern Freund Burkhard nicht mit Gewalt befreien können, werdet ihr wohl einsehen, oder ist Einer unter euch, der das nicht einsieht?« Sie schwiegen. »Also darin wären wir einig,« fuhr er fort. »Daß unsere Gegner uns auch im Felde überlegen sind, haben wir heute zu unserem Schaden gemerkt. Wie denkt ihr euch nun die Fortsetzung der Fehde? Uns verstärken? noch Bundesgenossen werben, angenommen, daß wir welche finden? Wir haben heute große Verluste erlitten, die nicht so bald zu ersetzen sind.«
»Die da drüben sind auch nicht leer ausgegangen,« warf Henning von Landsberg dazwischen.
»Sicher nicht! wir haben uns tapfer gewehrt. Aber ein geschlagenes Heer ist schwer wieder an den Feind heran zu bringen, und ich fürchte, unsere Leute, wenn sie uns auch, ihrem Lehnseide getreu, Folge leisteten, würden nur widerwillig und unlustig noch einmal in den Kampf gehen und ihre Haut für eine Sache zu Markte tragen, deren Nothwendigkeit und Gerechtigkeit sie nicht verstehen.«
»So muß man ihnen dieses Verständniß klar machen,« sprach Leiningen.
»Könnt Ihr das, Graf Schaffried? ich nicht. Denn nach dem, was ich heut erfahren habe, kann ich unsere Sache nicht mehr für eine gerechte halten.«
»Oho! das ist ja ganz etwas Neues. Auch gegen den Thiersteiner nicht?« riefen Leiningen und Landsberg dem Wortführer zu, und auch Lützelstein schloß sich ihrem Widerspruch an.
»Nein, auch Thierstein gegenüber nicht,« erwiederte Müllenheim. »Was Burkhard, obwohl er genaue Kenntniß davon hatte, uns Allen zu Unrecht verschwiegen hat, das hat mir heute Schmasman offenbart, sein Übereinkommen mit dem Grafen Thierstein, das er in unser Aller Namen mit ihm getroffen hat und das --«
»Wer hat ihm dazu Vollmacht ertheilt?« unterbrach Leiningen den Redner heftig.
-- »und das,« fuhr Müllenheim unbeirrt fort, »für beide Theile so zufriedenstellend ausgefallen ist, daß Schmasmans Freunde, die doch ebenso entschiedene Gegner der Thierstein'schen Ansprüche waren wie wir, sich damit vollkommen einverstanden erklärt und sich Schmasmans Bündniß mit Thierstein angeschlossen haben.«
»Schmasman hat sie wohl dazu beredet, weil sich sein Sohn mit Thiersteins Tochter betraut hat,« bemerkte Henning von Landsberg.
»Das ist nicht die Veranlassung zu dem Bunde, sondern eine Folge davon; vorher kam das Bündniß der Väter und danach erst das Verlöbniß ihrer Kinder zu Stande,« entgegnete Müllenheim. »Wollt ihr die vereinbarten Bedingungen hören?«
»Ein andermal,« sprach Dürkheim. »Wir können Schmasman vertrauen, daß er weder sich selbst noch uns dem Thiersteiner gegenüber das Geringste vergeben hat.«
»Das können wir allerdings,« pflichtete Lützelstein dem Vorredner bei. »Aber warum hat uns Burkhard das verschwiegen?«
»Aus Trotz,« rief Müllenheim, »weil er keinen Ausgleich und keinen Frieden wollte und weil er -- es muß einmal gesagt werden -- weil er die Hohkönigsburg haben wollte.«
»Die Hohkönigsburg? für sich? und wir sollten sie für ihn erobern?« fragten gleichzeitig einige der Herren, höchst betroffen von diesen aufregenden Mittheilungen. Auch die Anderen schüttelten mißbilligend und murrend den Kopf und schwiegen, weil sie das soeben Vernommene mit keinem Worte zu beschönigen wußten.
Müllenheim aber fuhr fort: »Ich hoffe, liebe Herren, ich habe euch Alle überzeugt, daß es das Gerathenste ist, mit unsern Gegnern Frieden zu schließen. Wir können es mit Ehren thun, und sie werden uns dabei auf halbem Wege entgegenkommen. Außerdem ist es das sicherste Mittel, unserem Freunde Burkhard die Freiheit zu verschaffen.«
Als kein Widerspruch dagegen laut wurde, nahm Lützelstein wieder das Wort und sagte: »Du hast Recht, Jost; es bleibt uns nichts Anderes übrig.« Seine Gäste nickten ihm der Reihe nach zu außer Leiningen, der verdrossen dasaß und sich nicht rührte.
»Ich fürchte nur, Burkhard wird sich gegen unsern Beschluß mit aller Gewalt auflehnen, seine Zustimmung verweigern und uns Alle mit einander Abtrünnige schelten,« sagte Landsberg.
»Mag er! fügen muß er sich,« versetzte Müllenheim. »Er allein kann die Fehde nicht weiterführen, und ohne Handfeste giebt ihn Thierstein nicht frei.«
»Wer wird es ihm beibringen?« fragte Dürkheim, »Philipp, Du?«
»Ich? nein! ich richte bei meinem Bruder nichts aus. Das kann nur Müllenheim,« erwiederte Philipp.
»Ich übernehm' es,« erklärte Jost. »Graf Thierstein wird mir eine Unterredung mit seinem Gefangenen nicht verwehren.«
»Ich beneide Euch um diesen Gang nicht, Herr Jost von Müllenheim,« lachte der Dagsburger höhnisch.
»Glaubt Ihr, daß er mir Freude macht, Graf Schaffried? ich trete ihn Euch gern ab, wenn Ihr Lust dazu habt,« entgegnete ihm Müllenheim scharf.
»Auf gute Verrichtung, Jost!« sprach Henning, der einem drohenden Wortstreit zwischen den Beiden durch einen gemeinsamen Trunk vorbeugen und damit zugleich das Zeichen zum Aufbruch geben wollte.
Sie leerten ihre Becher und erhoben sich, mit den Harnischen klirrend und rasselnd, vom Tische, um unten die Rosse zu besteigen und von der Frankenburg abzureiten. --
Burkhard befand sich auf der Hohkönigsburg in einem so bequemen Gewahrsam und genoß einer so vorzüglichen Pflege, wie er sich beides nicht besser wünschen konnte. Pater Eusebius kam täglich, seine Wunde zu behandeln und die Heilung des gebrochenen Schlüsselbeines zu bewirken. Außer diesem aber und seiner Bedienung wollte der langsam Genesende Niemand sehen und hatte sich den ihm zugedachten Besuch des Grafen Oswald entschieden verbeten, man sollte ihn in Ruhe lassen, er wollte allein sein. Mit verbundener Schulter saß er in finsterem Brüten oder schaute sehnsüchtig in das weite Land hinaus, wo die Freiheit winkte und in der Ferne wie ein verführerisch zwinkerndes Auge ein Stück vom Spiegel des Rheines blitzte. Er sah die Wolken am Himmel ziehen und hörte den Wind in den Bäumen rauschen, beständig fürchtend, daß er das nicht lange mehr können, daß man ihn nach Fehderecht bald aus seiner wohnlichen Krankenstube hier in den Thurm werfen und dort elend verkommen lassen würde. Aber die Hoffnung ließ er nicht sinken, daß seine Freunde die größten Anstrengungen zu seiner Befreiung machen würden. Sie würden gewiß nicht still sitzen und müßig bleiben, sondern neue Kräfte sammeln und den Feind wieder und wieder angreifen. Vielleicht glückte es ihnen auch im weiteren Verlauf der Fehde, einen der hervorragendsten Gegner, wo möglich einen Rappoltstein, gefangen zu nehmen, gegen den er dann ausgetauscht werden könnte. Andere Mittel und Wege zu seiner Befreiung als die siegreiche Hilfe seiner Freunde sah er nirgend, denn nun und nimmer würde er sich dazu herbeilassen, sich vor dem Thiersteiner zu demüthigen und wußte daher nicht, wie lange Zeit, wie viele Jahre vielleicht er die Pein der Gefangenschaft zu tragen haben würde, er, der Alles eher ertrug als den Zwang, sich dem Willen eines Anderen fügen zu müssen. --
Nach Verlauf einer Woche wurde ihm der Besuch Schmasmans gemeldet. Aber auch ihn wollte er nicht empfangen. »Nein, nein!« rief er, »ich will ihn nicht, er soll mir nicht vor die Augen kommen.«
Schmasman jedoch, schon dicht vor der nicht ganz geschlossenen Thüre wartend, hörte den unfreundlichen Bescheid und trat auch ohne die ertheilte Erlaubniß mit den Worten ins Zimmer: »Ich lasse mich nicht abweisen, Burkhard. Hier bin ich; hinauswerfen kannst Du mich nicht, mußt hören, was ich Dir zu sagen habe.«
»Was willst Du hier?« fuhr Burkhard auf, »Dich an meinem Unglück weiden? ist ja Dein Werk, Wortbrüchiger, der Du bist!«
»Was ich Dir darauf erwiedern könnte, weißt Du,« entgegnete Schmasman. »Das Mitleid treibt mich her, denn ich meine es gut mit Dir, Burkhard, und verzeihe Dir Alles, was Du mir angethan hast. Also laß uns ruhig und vernünftig mit einander reden.«
»Was sollten wir noch mit einander zu reden haben!«
»Willst Du mir ein paar Fragen beantworten?«
»Das kommt auf die Fragen an.«
»Zunächst gestattest Du wohl, daß ich mich setze,« sagte Schmasman, indem er Burkhard gegenüber, der sich selber nicht von seinem Sitz erhoben hatte, auf einem Stuhle Platz nahm. »Du hast eine Begegnung mit dem Grafen Oswald abgelehnt. Hast Du schon darüber nachgedacht, auf welche Weise Du Deine Freiheit wiedererlangen willst?«
»Wenn ich ausbrechen könnte, thät' ich's; Worte verliere ich darüber nicht.«
»Du hättest doch Oswald nach seinen Bedingungen fragen können.«
»Bedingungen? ich lasse mir von dem Thiersteiner keine Bedingungen stellen,« trotzte Burkhard.
»Er war vor Kurzem bei mir auf der Ulrichsburg; da habe ich gethan, was ich konnte, seine Anfangs sehr hohen Forderungen zu ermäßigen. Es ist mir auch gelungen, und Du mußt nun zufrieden sein mit dem, was ich für Dich erreicht habe.«
»Hast Du den Auftrag, mit mir darüber zu verhandeln?«
»Nein, das nicht.«
»Ich dachte. Thierstein wird ja durch die Heirathsabrede eurer Kinder Dein Herr Bruder. Ich wünsche Dir Glück zu diesem Bruder.«
»Danke!«
»Ihr werdet ja sehen, ihr kurzsichtigen, leichtgläubigen Thoren, was ihr nun erst mit ihm erleben werdet, nachdem ihr ihm in seinem Hochmuth beigestanden und ihn noch darin bestärkt habt. Jetzt wird er euch erst recht den Fuß auf den Nacken setzen, euch seine landvogteiliche Gewalt fühlen lassen und euch ein Recht nach dem anderen über dem Kopfe wegnehmen. Oder fällt bei Deinem geheimen Abkommen mit ihm noch ein ganz besonders werthvolles Privileg für Dich ab, dessen kein Anderer theilhaftig wird?«
»Burkhard!!« -- Schmasman sprang auf, und auch Burkhard erhob sich ungestüm. Mit zornfunkelnden Augen maßen sich die Beiden, die in ihrem Leben manchen Strauß zusammen ausgefochten, manchen Ritt Bügel an Bügel gethan und so manchen, manchen Becher Wein an einem Tische mit einander getrunken hatten. Schmasman kämpfte seine Empörung nieder und sprach mit erzwungener Ruhe: »Ich will die schmählichen Worte, die Dir in Deinem Unverstand eben entschlüpft sind, nicht gehört haben, denn ich bin nicht gekommen, um mich mit Dir zu zanken, sondern um Dir zu rathen und zu helfen.«
»Ich habe Dich noch nicht um Rath und Hilfe ersucht und will Dir nichts zu danken haben,« schnob Burkhard.
»So? aber zur Hohkönigsburg sollte ich Dir verhelfen, die Hohkönigsburg wolltest Du mir zu danken haben, wenn ich sie mit Dir, für Dich gestürmt und erobert hätte.«
»Nun, Du hast es nicht gethan, also kann ich mir den Dank sparen.«
»An etwas Anderes aber möchte ich Dich erinnern.«
»An was? wenn's beliebt,« fragte Burkhard mit umwölkter Stirn.
»An unsere alte Freundschaft, Burkhard!«
»Pah! alte Freundschaft!« sprach ihm Burkhard hohnlachend nach. »Die liegt da unten im Weilerthal begraben und steht nicht wieder auf.«
»Ich hoffe doch, Burkhard!«
»Nein! wenn Du gekommen bist, Todtes zu erwecken, -- das wäre verlorene Mühe.«
»So laß Dich an die Deinigen erinnern zu Hause, wie sie sich grämen werden.«
»Bei Dir werden sie nicht betteln gehen.«
»Burkhard, um Deine Freiheit handelt es sich.«
»Was kümmert Dich meine Freiheit! gebrauche die Deinige und -- geh!«
»Es kostet Dich ein Wort, Burkhard, --«
»Das einzige Wort, das ich Dir zu sagen habe, hast Du eben gehört.« Damit wandte er sich ab und stellte sich, Schmasman den Rücken zukehrend, ans Fenster.