Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 20

Chapter 203,599 wordsPublic domain

»Weißt Du, was ich möchte, Liebster?« sagte sie mit funkelnden Augen. »Einen Panzer anthun und mit Dir ins Gefecht reiten. Einen leichten Speer kann ich allenfalls auch schwingen, und fangen sollten sie mich nicht, denn einen so schnellfüßigen Renner wie meine Daphne giebt es hüben und drüben nicht. Mit lang flatternden Haaren wie eine Walküre wollte ich neben Dir dahinsausen und in der Schlacht den Schild über Dich halten, mein blonder Recke!«

»Und zuletzt mich als gefallenen Helden auf Deinem Rosse, in Deinen Armen nach Walhall zu den Einheriern tragen,« lachte er, »nicht wahr?«

»Nein, nein! Dir den Siegeskranz auf die kampfheiße Stirn drücken,« rief sie begeistert. »Was Du Ahnung nennst, ist mir Glaube und Gewißheit: Du kommst wieder! und mein Lohn und Preis sollen hundert oder tausend sein wie dieser hier,« schloß sie mit einem glühenden Kuß auf seinen Mund.

Die knapp bemessene Zeit, die sich Egenolf zum Verkehr mit der Geliebten jetzt abmüßigen konnte, verging ihnen mit Plaudern und Kosen nur allzuschnell, und er mußte aufbrechen, obwohl ihn Leontine mit Bitten und Schmeicheln noch zu halten suchte. Es war ein langer, leidenschaftlicher Abschied, den sie von ihm nahm, denn im Geheimen war sie weit besorgter um ihn, als sie sich merken lassen wollte, um nicht auch ihm das Herz schwer zu machen.

Nach der St. Ulrichsburg ritt er so schnell zurück, wie es die Beschaffenheit des Weges erlaubte, weil er gewärtig sein mußte, daß ihn sein vielbeschäftigter Vater, der seiner Dienste jetzt häufig bedurfte, schon sehr vermißte.

Graf Maximin hatte nach Egenolfs Meldung von der dreisten Kundschafterei, welche die Rathsamhausen inmitten der gegnerischen Stellungen betrieben, dafür gesorgt, daß die verbündeten Streitkräfte in der Runde näher an einander geschlossen wurden, damit sie jederzeit den beiden Feldhauptleuten zur Verfügung stünden. --

Isinger war in seinem Fahrwasser und entfaltete eine sich abhetzende Geschäftigkeit in der Musterung von Waffen und Kriegsgeräth, und das nicht bloß auf der Hohkönigsburg, sondern auch in den Lagern, wo er eigentlich nichts zu suchen und zu sagen hatte. Er war viel in den Bügeln, tauchte bald hier, bald da plötzlich auf, gab kleine Winke und machte auf zweckdienliche Änderungen und Verbesserungen in mehr oder weniger bescheidener Weise aufmerksam. Es lag in seiner großspurigen Art, dabei wichtig zu thun, als wäre er mit besonderen Vollmachten versehen und mit geheimen Aufträgen betraut.

Als er eines Nachmittags nach Rappoltsweiler geritten kam, fand er die Stadt von Gewappneten zu Roß und zu Fuß überfüllt, die in Bürgerhäusern, zum Theil selbst in der Kirche und im Kloster untergebracht waren. Viele aber blieben bei ihren Pferden, die nicht alle Stallung gefunden hatten und, an Pflöcke gebunden, auf dem Markt oder vor den Thoren standen.

Er fragte nach Hans Loder und mußte ziemlich lange nach ihm suchen, bis er ihn mit dem Lehnsträger eines bei Thannenkirch belegenen Rappoltstein'schen Hofes in einer Herberge beim Weine fand. Der Mann kannte Isinger und lud den Herrn Stallgrafen ein, mitzutrinken, was sich der dem Becher allzeit Gewogene nicht zweimal sagen ließ. »Nehm' ich mit Wohlgefallen und Dank an,« sprach er und setzte sich klirrend und rasselnd zu den Beiden an den Tisch. Er war geharnischt und sah sehr unternehmend und kriegerisch aus, hatte sich den Schnurrbart keck aufgezwirbelt, blickte stolz um sich und sprach in einem lauten, herausfordernden Tone.

»Das schaut hier ringsum wie ein Feldlager aus,« hub er an. »Überall sieht man Stahl und Eisen in der Sonne blitzen, Fähnlein von Reisigen ziehen und Reiter traben oder Wacht halten, als lebten wir schon mitten im Kriege.«

»Wenn's nur erst losginge!« sagte der selbst geharnischte Lehnsmann. »Wir Rappoltstein'schen brennen darauf, den Rathsamhausen mal eins auszuwischen.«

»Wir von der Hohkönigsburg werden uns auch nicht auf faulem Pferde finden lassen, sondern ihnen tüchtig eins über den Kopf schmieren,« schloß sich ihm Isinger an, sein Schwert auf den Boden stoßend. »Seht mal, mit diesem langen Flederwisch kann ich Einem eine Wunde hacken, die man mit einem eichenen Brett und siebenundzwanzig Schloßnägeln zustopfen muß.«

»Na, das ist ein Wort, das unter Brüdern seine zehn Pfund wiegt,« lachte Hans Loder. »Gnade Gott Dem, der in Deine Schmiedefäuste fällt, Ottfried!«

»Ja, da wird Mancher die Schuld der Natur auf der Landstraße bezahlen und ins Gras beißen müssen,« fiel der Lehnsmann ein.

»Wir sind ja unser auch genug mit all unserem Anhang,« sprach Isinger. »In Schlettstadt liegen die Fleckenstein'schen mit großer Macht und in Bergheim das Andlau'sche Volk, Kageneck und Hattstadt kommen von ihren Burgen Ortenberg und Bernstein dazu, und hier in Rappoltsweiler ist vor lauter Gewappneten kaum soviel Platz, daß man ein Roß darauf wenden kann.«

»Das Wetter ist günstig zum Schlagen,« warf Loder ein. »Ihr werdet vor Hitze nicht ersticken in euren Harnischen, heute früh hatte es auf den Wiesen gereift.«

»Ein Vergnügen ist es nicht, jetzt im Freien zu liegen, wenn man mit seinem Gaul das Kieseldaunenbett unterm blauen Himmel theilen muß. Diese Nacht war es fast so kalt wie im Winter, wenn die Bettler vor Frostkribbeln in den Zehen das Vaterunser tanzen,« sagte der Hofbesitzer. »Ja, hab ich nicht Recht?« wandte er sich, als die anderen Beiden lachten, zu den Genossen an den Nebentischen, die gleichfalls lachend ihm zustimmten.

So redeten sie beim Trunk, und Isinger hörte nicht auf, mit seinem Kampfmuth zu prahlen. Dabei hatte er jedoch Hans Loder schon ein paarmal zugeblinzelt und ihn unterm Tisch mit dem Knie angestoßen, bis es der Alte endlich merkte.

»Verstehe schon, Du willst was von mir, Ottfried,« lächelte er.

»Ja, ich habe eine geheime Botschaft an Dich; komm mit!« sprach Isinger.

Sie erhoben sich beide, dankten dem freigebigen Thannenkircher für die Zeche und verließen die Herberge. Draußen sagte Isinger: »Laß uns ins Strengbachthal gehen, denn Du mußt zur Ulrichsburg hinauf.«

»Zur Ulrichsburg? was soll ich da jetzt?«

»Wirst Du gleich erfahren, Hans.«

Als sie durch den Metzgerthurm aus der Stadt hinaus waren und Niemand etwas von ihrer Unterhaltung hören konnte, sprach Isinger gönnerhaft: »Ich habe Dir damals geholfen, Hans, das Wolfsfell vom Grafen Egenolf ins Schlafgemach unserer jungen Gräfin zu schmuggeln, heute verlange ich von Dir einen Gegendienst.«

»Drücke los!« sagte Loder.

Isinger brachte nun sein Anliegen vor und fing an: »Gräfin Leontine ist nicht ohne einige Sorge, daß ihrem Herzallerliebsten im Gefecht etwas zustoßen könnte. Er wird ja in einer guten Eisenhaut stecken, die so leicht keinen Schwerthieb durchläßt, aber zu seiner größeren Sicherheit möchte sie ihm ein Schutzmittel, einen Ta--lis--man, ja, so nannte sie's, -- ich habe mir das sackermentsche Wort dreimal von ihr vorsprechen lassen -- einen Talisman mitgeben. Es ist einer von ihren Handschuhen, die sie an dem Tage getragen hat, als ihr Graf Egenolf zum ersten Mal im Leben begegnet ist. Dieser Handschuh soll die Kraft in sich haben, den Grafen hieb- und stichfest zu machen, sagt sie. Ob sie einen heimlichen Zauber damit vorgenommen hat, weiß ich nicht, aber ich habe fürsichtigerweise und ohne ihr Wissen noch ein bischen nachgeholfen, bin mit dem Handschuh in Sanct Pilt gewesen und habe dort von einem frommen Mönch einen kräftigen Wundsegen darüber sprechen und ihn mit Weihwasser besprengen lassen.«

»Hm!« machte Loder, »und den Handschuh sollst Du oder soll ich dem Grafen Egenolf einhändigen.«

»Nein, nicht einhändigen, das hätte die junge Gräfin selber thun können. Er muß ihn während der ganzen Fehde stets bei sich tragen, ohne daß er es weiß, sonst wirkt der -- Talisman nicht,« erwiederte Isinger. »Gräfin Leontine meint, daß Du auf der Ulrichsburg jederzeit freien Zutritt hast, und läßt Dich daher bitten, dafür zu sorgen, daß der Handschuh verhohlen in Graf Egenolfs Harnisch oder Helm oder Sattel befestigt wird. Verstehst Du?«

»Ja, aber im Helm oder Harnisch würde er des Dinges doch ansichtig werden, wenn er sich wappnet. Da wird's das Beste sein, ich lasse den Handschuh inwendig in das Futter seines Sattels nähen, das kann er nicht merken. Aber ohne den Sattelmeister bring ich das nicht fertig.«

»O der kann's ja wissen, wenn's nur der Graf selber nicht erfährt.«

»Nein, nein! der Sattelmeister hält dicht; gieb den Handschuh her, ich nehm's auf mich.«

»Ich habe ihn im Wams; schnalle mir mal hier an der Seite den Harnisch auf, dann kann ich ihn herauslangen.«

Loder that dies, und Isinger übergab ihm den Handschuh. Es war der von der rechten Hand und aus feinem, weichem Rehleder. Während Loder dann mit dem Wiederzuschnallen von Isingers Harnisch beschäftigt war, sahen sie einen Spielmann mehr laufend als gehend dahertrotten. Als er den Pfeiferkönig erkannte, winkte er ihm mit beiden Armen fuchtelnd zu, als hätte er eine große Neuigkeit zu melden, und kam nun wirklich angelaufen.

»Was giebt's, Rodewig?« fragte Loder, »bist ja ganz außer Athem.«

»Sie kommen, sie kommen, sie sind schon unterwegs!« keuchte der Spielmann.

»Wer? die Rathsamhausen?«

»Ja, die Rathsamhausen und die Müllenheim, die Dürkheim'schen und was weiß ich, wer alles noch. Heute Mittag sind sie ausgerückt aus Ottrott und Oberehnheim und wo sie sich gesammelt hatten und gelegen haben. Aber sie können sich nur langsam vorwärts bewegen, weil sie schweres Rüstwerk bei sich haben, Tarrasbüchsen und Wurfzeug, das nicht rasch fahren kann, und Fußvolk ist ja auch viel dabei,« berichtete Rodewig.

»Woher weißt Du das Alles?« fragte Isinger.

»Aus dritter Hand erst, von Pfeiferbrüdern, aber von sicheren Leuten. Einer hat's dem Andern mit größter Schnelligkeit zugetragen, und ich will das Abendmahl darauf nehmen, daß es wahr ist,« erwiederte der Kundschafter.

»Dann mach nur, daß Du zu unserem Grafen hinaufkommst mit Deiner Nachricht,« sagte Loder, »ich folge Dir auf dem Fuße nach; hier rechts geht es hoch.«

»Ich weiß, ich weiß,« versetzte Rodewig und schlug sich eilends in den Wald hinein.

»Du mußt Dich auch sputen, Hans, daß der Handschuh noch in den Sattel kommt,« sprach Isinger. »Ich trabe nach der Hohkönigsburg zurück und werde in Rappoltsweiler und durch die Eisenreiter unterwegs die Meldung schleunigst weitergehen. Nach meiner Rechnung kann es morgen früh oder morgen Vormittag zum Hauen kommen.«

»Die Rechnung wird stimmen,« nickte Loder. »Fahrwohl, Ottfried, und Gott behüte Dich!«

»Ich werde in der Schlacht meinen Mann stehen, Hans!« rief Isinger und schlug sich mit der Faust auf die gepanzerte Heldenbrust.

Sie trennten sich, und Jeder ging hurtig seines Weges.

XXVI.

Die Nachricht vom Aufbruch der Rathsamhausen'schen Streitmacht war nach den nächsten Burgen und überallhin, wo reisiges Volk lagerte, am Abend noch verbreitet worden, und in der Nacht brachte ein anderer Fahrender noch die Kunde, daß der Feind von Eichhofen auf Thannweiler zöge. Graf Wilhelm von Rappoltstein behielt also Recht mit seiner Vermuthung, daß der Zusammenstoß im Weilerthal stattfinden würde.

Zur Ausführung seines im Kriegsrath entworfenen Schlachtplanes thaten die Verbündeten nun das, was jedem als besondere Aufgabe zugewiesen war. In der Morgenfrühe rückten die Thiersteiner über Kinzheim nach Kestenholz, wo Fleckenstein, von Schlettstadt kommend, sich ihnen anschloß und sich über Scherweiler auch Kageneck und Hattstadt mit ihnen vereinigten. Diese vier stattlichen Haufen besetzten unter Fleckensteins Befehl den Ausgang des Weilerthales, gingen aber nicht weiter vor, um den Rappoltsteinern Zeit zu lassen, die Mündung des Leberthales in das Weilerthal zu erreichen, kurz nachdem der Feind diesen Punkt überschritten hatte.

Fleckenstein mußte hier, sehr gegen seinen und seiner Gefährten Wunsch, wohl eine Stunde lang unthätig halten, ehe ihm die zum Kundschaften ausgesandten Reiter das Vorrücken des Feindes meldeten, aber mit seiner Ungeduld wuchs auch seine Hoffnung, daß die Rappoltsteiner, durch diese Verzögerung begünstigt, rechtzeitig auf dem Kampfplatz erscheinen würden.

Das Thal war, sich seinem Ausgang ins Flachland nähernd, sehr breit und bot mit seinen ebenen Feldern und Wiesen Raum genug zur Entwickelung eines größeren Gefechts, dessen Beginn, nachdem sich die beiden Heerhaufen erblickt hatten, nun endlich zu gewärtigen war.

Schon von fern erkannte Fleckenstein, daß der Feind seine Reiterei als erstes Treffen vor dem Fußvolk führte, während er selber seine Mannschaft in einem einzigen Treffen aufgestellt hatte, das Fußvolk in der Mitte und die Reiterei auf beiden Flügeln, eine Anordnung, die ihm bei seinem nun erfolgenden Angriff sehr zu Statten kommen sollte.

Als sie sich nahe genug waren, stürmten die beiderseitigen Reiterschaaren gegen einander an, und die Rathsamhausen'schen wurden von den Fleckenstein'schen wie von zwei Armen umfaßt, so daß sie sich nach rechts und links wehren mußten.

Es war ein harter Anprall, den sie zu bestehen hatten, aber sie hielten ihn aus und waren nicht zum Weichen zu bringen. Die Ritter suchten die Ritter in diesem Reiterkampfe, der sich immer hitziger entspann und das Thal mit lautem Getöse von Eisenklirren, Rufen, Schnauben und Stampfen erfüllte. Nun kam auch das Fußvolk heran, und es entstand ein heftiges Scharmützel zwischen ihm und den Berittenen; alle regelrechte Schlachtordnung war aufgelöst, man schlug und stach wild auf einander los, und Blut floß auf beiden Seiten reichlich.

Burkhard spähte rachgierig nach Oswald von Thierstein aus, um sich tödtlich mit ihm zu messen, konnte ihn aber nicht entdecken, weil er sich an anderer Stelle mit Jost von Müllenheim herumschlug, bis ihm Johann von Kageneck zu Hilfe kam, so daß Müllenheim weichen mußte. Isinger hielt sich soviel wie möglich an seines Herren Seite, ward aber mehrmals von ihm abgedrängt und gerieth zuweilen in mißliche Lage, aus der er sich jedoch stets tapfer wieder heraushieb.

Das hin und her wogende Gefecht kam allmählich zum Stehen, begann sogar für die Fleckenstein'schen eine üble Wendung zu nehmen, weil diese, ohne die Rappoltsteiner, der Rathsamhausen'schen Macht nicht gewachsen waren. Plötzlich aber lichteten sich deren Reihen. Hinter ihnen erhob sich ein verworrenes Geschrei, und gleich darauf drang deutlich vernehmbar Waffenlärm daher, ein Zeichen, daß jetzt auch dort gekämpft wurde. Die Rappoltsteiner waren dem Feinde in den Rücken gefallen und griffen mit frischen Kräften in das Gefecht ein, das nun eine ganz andere Gestalt annahm und sich an zwei Stellen des Thales zugleich entfaltete. Burkhard erkannte sofort, wessen Werk diese wohlberechnete Taktik war, und jagte, eine Schaar der Seinigen mit sich fortreißend, auf die Rappoltsteiner zu.

In dem nun entstehenden, sich über einen weiten Raum ausdehnenden Getümmel begegneten sich Egenolf und Bruno und wechselten, Jeder den Anderen erkennend, eine Anzahl mustergültiger Fechterhiebe, die alle mit geschickter Deckung aufgefangen wurden. Dann nickten sie sich lachend zu und stoben auf Gegner los, die sie nicht schonen wollten. Nun konnten sie doch sagen, daß sie heldenhaft mit einander gekämpft hätten.

Burkhard bemühte sich, Alle, die ihm gefolgt waren, zu einem entschiedenen Angriff oder geschlossenen Widerstande zu sammeln, was ihm aber in dem wirren Durcheinander nicht glückte. Er konnte nur mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl beherzter Draufgänger ein paar verzweifelte Vorstöße unternehmen, die aber stets zurückgewiesen wurden, so daß er sich nun auf verstreute Einzelgefechte beschränkte, wo er die Gelegenheit dazu ersah. Schmasman wollte er vermeiden wie dieser ihn, weil keiner von beiden sein Schwert mit dem Blute des alten Freundes färben wollte. Aber auf Wilhelm von Rappoltstein hatte er es in seinem Grimm über dessen gelungene Umgehung und verderbenbringenden Überfall desto böswilliger abgesehen. Wüthend rannte er ihn an, als er ihn erblickte, und zwischen beiden entspann sich ein erbitterter Zweikampf, aus dem Graf Wilhelm endlich als Sieger hervorging. Ein gewaltiger Schwerthieb des Letzteren durchschlug das Riemenzeug an Burkhards Panzer und drang, das Schlüsselbein brechend, ihm tief in die linke Schulter, sodaß Burkhard im Sattel wankte und kampfunfähig vom Pferde zu Boden sank.

Die Rathsamhausen'schen, von vorn und von hinten zugleich bedrängt, wurden überwältigt, zersprengt, in die Flucht getrieben, Verwundete und Todte auf dem Schlachtfelde zurücklassend. Der Kampf war zu Ende, und der ihn heraufbeschworen hatte, blieb als Gefangener in den Händen der Sieger.

Man nahm ihm den Harnisch ab und öffnete das Wams, um seine stark blutende Wunde nothdürftig zu verbinden, was Isinger mit Geschick vollbrachte. Weit mehr aber als diese Wunde schmerzte den Trotzigen die erlittene Niederlage. Er warf einen langen Blick auf Schmasman, wie wenn er sagen wollte: Hättest Du mir Wort gehalten, was Du gelobt hattest! Dann lag er, von Bruno gestützt, ganz still und gab auf keine Frage mehr Antwort. Wie innerlich gebrochen stierte er halb finster, halb träumerisch ins Leere, als wäre sein Geist mit etwas weit Abliegendem, Geheimnißvollem beschäftigt, das ihn der Gegenwart entrückte.

Für ihn selbst und seine Freunde war die Gefangennahme Burkhards ein geradezu vernichtender Schlag, für die Thierstein'schen Verbündeten dagegen ein Gewinn von so großer Bedeutung, daß er ihnen die herben Verluste, die auch sie erlitten hatten, vollständig aufwog.

Unter den wenigen Gefangenen ritterlichen Standes befand sich auch Jost von Müllenheim, der statt zu fliehen so lange bis aufs Äußerste gekämpft hatte, bis er, unentrinnbar umzingelt und leicht verwundet, sich ergeben mußte. Schmasman berieth nun mit den beiden siegreichen Feldhauptleuten, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Sie waren alle drei abgesessen und standen etwas entfernt von der Gruppe, die den am Boden liegenden Burkhard umringte.

Graf Wilhelm von Rappoltstein drang darauf, Müllenheim nach Hohrappoltstein zu bringen und dort so lange einzusperren, bis mit sämmtlichen Besiegten Abrechnung gehalten und Friede geschlossen war.

Diesem Vorschlage trat auch Friedrich von Fleckenstein bei, indem er seine Zustimmung damit begründete, daß man schneller zum Friedensschluß gelangen würde, wenn man die beiden bedeutendsten und gefährlichsten Gegner in Haft nähme, denn daß Burkhard, der Anstifter und unablässige Hetzer der Fehde, festgesetzt werden mußte, war außer Frage.

Schmasman aber widersprach der Einlegung des mächtigen Schloßherren von Girbaden, darauf hinweisend, daß Müllenheim der Einzige wäre, der bei Burkhard zuweilen Gehör fände und deßhalb bei den Verhandlungen mit dem Störrigen als Vermittler wirken könnte. Nur sein ritterliches Selbstgefühl, das sich gegen die Ansprüche des Grafen Thierstein kräftig auflehnte, und seine Anhänglichkeit an Burkhard hätten ihn vermocht, sich an der Fehde zu betheiligen und des Freundes ehrgeizigen Plänen Vorschub und Beistand zu leisten. Daß er nun auch gegen die Rappoltsteiner kämpfen mußte, wäre nicht sein Wunsch und Wille, sondern die natürliche Folge der inzwischen eingetretenen Ereignisse gewesen, welche die Rappoltsteiner zu Verbündeten Thiersteins gemacht hatten.

Das Alles hielt Schmasman den beiden Anderen in nachdrücklicher Weise vor und setzte es durch, daß wie die übrigen Gefangenen, sammt Burkhards Sohn Bruno, auch Müllenheim freigelassen und ihm nicht einmal Rüstung, Waffen und Pferd abgenommen wurde.

Bis auf Bruno, der seinen schwer verwundeten Vater noch nicht verlassen wollte, verabschiedeten sie sich alle von Burkhard, dem sie Worte des Trostes, einige von ihnen auch solche der Hoffnung auf einen günstigen Fortgang der Fehde zuflüsterten, und folgten dann ihren geschlagenen Genossen das Weilerthal hinauf nach.

Bevor Müllenheim abritt, zog ihn Schmasman, der den äußerlich Derben und Rauhen als einen rechtschaffenen, klugen und besonnenen Mann schätzte, noch in ein längeres Gespräch ohne Zeugen. Er verständigte ihn, da jener zu seinem größten Erstaunen noch gar nichts davon wußte, über seinen mit Oswald von Thierstein geschlossenen Vertrag, den er Burkhard brieflich und seinen Verbündeten mündlich mitgetheilt hätte und der von den letzteren allseitig gutgeheißen worden wäre. Müllenheim billigte die getroffenen Vereinbarungen durchweg als die auch ihm willkommene, beste Schlichtung des leidigen Streites. »Hätt' ich das nur früher gewußt!« rief er aus, »Burkhard hat mir kein Wort davon gesagt, aber jetzt weiß ich auch, was ich zu thun habe.«

Dann schüttelten sie sich die Hände und schieden von einander, nun nicht mehr Feinde. Müllenheim schwang sich in den Sattel und trabte den Seinigen nach.

Für Burkhard wurde auf dem Untergestell eines eroberten Wurfgeschützes, auf dem er gefahren werden konnte, ein Lager hergerichtet, und Niemand erhob Widerspruch gegen das Verlangen des Grafen Oswald von Thierstein, ihn unter Isingers Obhut auf die Hohkönigsburg zu bringen. Als Burkhard dies hörte, flog ein unwilliges Zucken über sein Gesicht. Auf die Hohkönigsburg sollte er! Das war von Allem das Schwerste, was er bei seinem tiefen Falle zu tragen hatte, doch er schwieg.

Bruno richtete an den Grafen Oswald die Frage: »Wollt Ihr mir gestatten, Herr Graf, meinen Vater bis auf die Hohkönigsburg zu begleiten?«

»Sehr gern, Jungherr Bruno!« erwiederte Graf Oswald, »und ein Reitender soll sogleich den Klosterarzt von St. Pilt aufs Schloß bestellen.«

»Ich danke Euch, Herr Graf!« sagte Bruno. »Nachdem ich meinen Vater hinaufgebracht, werde ich heimreiten, um meine Mutter zu beruhigen.«

Als sich der Zug mit dem Verwundeten unter Bedeckung von Reisigen in Bewegung setzte, trat Egenolf noch an Bruno heran und sprach leise zu ihm: »Ich werde thun, was ich kann, Bruno, daß die alte Freundschaft unserer Väter wieder lebendig werde.« Ein stummer Handdruck Bruno's dankte ihm.

XXVII.

Beinahe Mittag war es geworden, als die Entscheidung in dem heißen Kampfe gefallen war, und nach einer kurzen Ruhe verabschiedeten sich, ihres Sieges froh, die ritterlichen Streiter herzlich von einander, um mit ihren Schaaren abzurücken, jeder heim nach seiner Burg. Doch wurden, auch von den Besiegten, Mannschaften auf dem Schlachtfelde zurückgelassen, die gegen die zahlreichen Verwundeten und Todten, zu welchen letzteren auf Thierstein'scher Seite ein jüngerer Bruder Hermanns von Hattstadt und auf Rathsamhausen'scher ein Zorn von Bulach gehörte, die Pflichten der Menschlichkeit erfüllen sollten.

Die das traurige Geschäft zu besorgen hatten, stießen dabei auch auf einen Gefallenen, der in Ansehung seiner mangelhaften Ausrüstung und Bewaffnung wie seiner Jugend nicht zu den Kämpfenden gehört haben konnte. Er trug keinen Panzer über dem Wams, aber eine rostige, zu große Blechhaube auf dem Kopfe, und ein kleines, altes Schwert hing ihm am Gürtel. Er lag auf dem Rücken in einer Lache Blut, das sich aus einer klaffenden Halswunde ergossen hatte. Sie standen vor dem Entseelten, betrachteten seine schlanke Gestalt und sein hübsches, noch ganz bartloses Gesicht, und es jammerte sie des armen Gesellen, den hier ein früher Tod ereilt hatte.

Die ihn gefunden hatten, waren zwei reisige Knechte aus Rappoltsweiler, und der eine sprach zum anderen: »Weißt Du, Merten, wie der aussieht? -- wie ein Zwillingsbruder von Haschop, unserer Zigeunerin.«

»Genau so!« fuhr Merten aus seinen Gedanken auf, »ich wollt' es eben auch schon sagen. Aber Haschop hat keinen Bruder, und jetzt bin ich meiner Sache sicher, daß sie es selber ist.«

»Ich glaub's wahrhaftig auch,« sagte der Erste wieder, »mein Gott! wie kommt die hierher?«

Sie nahmen die Blechhaube von dem etwas zur Seite geneigten Kopfe, und da quoll üppiges, schwarzes Frauenhaar hervor, so daß ihnen kein Zweifel mehr blieb, wen sie vor sich hatten.