Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 2
Als Graf Oswald das Gespräch mit Schmasman beenden mußte, war des Letzteren erster Gedanke: wie mag wohl die Begrüßung zwischen Oswald und Burkhard ausgefallen sein? Schade, daß ich nicht früher kam, um dabei Zeuge und nöthigenfalls Vermittler sein zu können! Und er ging, um seinen alten Freund und Waffenbruder aus mancher kleinen und größeren Fehde aufzusuchen. Die Gemächer durchschreitend ward er bald hier, bald da von einem Bekannten angehalten, der ihm die Hand entgegenstreckte, und unterließ auch nicht, die Damen zu begrüßen, an denen er vorüberkam. Endlich entdeckte er Burkhard im hintersten Zimmer, in lebhafter Unterhaltung mit Rudolf von Andlau begriffen. Schmasman schüttelte beiden die Hand, hielt aber die Burkhards länger in der seinigen fest und sagte: »Freut mich, daß Du gekommen bist, alter Brummbär!«
»Danken kann ich Dir kaum dafür, daß Du mich dazu beschwatzt hast,« erwiederte Burkhard mit leichtem Stirnrunzeln. »Aber nun bin ich einmal da im Gefolge des gnädigen Herren von der Hohkönigsburg und mache gute Miene zu dem thörichten Spiel hier.«
»Die Miene, die Du machst, könnte immer noch ein wenig besser sein,« meinte Schmasman.
Rudolf von Andlau lachte: »Nehmt Euch mit ihm in Acht, Graf Rappoltstein! er hat heute wieder den rauhen Pelz an und knurrt. Sehet zu, wie Ihr ihn bändigt; ich hab's nicht fertig gebracht und überlasse ihn Euch, um Eurer Frau die Hand zu küssen.«
»Thut das, Andlau! sie wird sich freuen, Euch hier zu sehen,« rief der Graf dem Abgehenden nach.
»Nun, wie war der Willkomm, den Du bei dem Thiersteiner fandest?« fragte Burkhard sofort, als die Beiden, etwas abseits von den übrigen Gästen, mit einander allein standen.
»O -- durchaus höflich und freundlich,« erwiederte Schmasman.
»Na, das dank' ihm der Teufel!« brauste Burkhard auf. »Ist das Alles, was Du darüber zu sagen hast?«
»Freilich, ein wenig herablassend kam mir die Begrüßung vor.«
»Aha!« machte Burkhard, »willst Du wissen, wie es mir vorkommt? Er empfängt seine Gäste wie ein Reichsfürst seine Vasallen empfängt. -- Ja, ja!« fuhr er fort, als Schmasman darauf schwieg, »Du bist wohl eben erst angelangt und hast noch nicht bemerkt, wie hoch der Herr Graf den Kopf trägt, als wollte er über uns Alle hinwegsehen.«
»Er ist noch fremd hier und muß sich erst eingewöhnen unter uns, erst Fühlung mit uns gewinnen. Dabei müssen wir ihm behilflich sein, ihm entgegenkommen.«
»Ach was, entgegenkommen!« rief Burkhard ärgerlich. »Zahm und kirre machen müssen wir ihn und ihm die Zähne zeigen, wenn er sich aufspielen und großthun will. Gieb mal Acht darauf, wie herausfordernd er hier in der strotzenden Pracht, die ihm von Rechts wegen garnicht zukommt, unter seinen Gästen herum stolziert, Huld winkend, Gunst verheißend, Gnade spendend, als hätte er nur zu geben und wir von ihm zu empfangen.«
»Du hast eine vorgefaßte Meinung gegen ihn, zu der Dich nichts berechtigt. Ich möchte Dich an seinem Platze sehen.«
»So hochmüthig wäre ich nicht, Schmasman!«
»Nein, Du Ausbund christlicher Demuth und Duldsamkeit!« lachte Schmasman. »Grob wärst Du, wenn Dir die Nasen Deiner Gäste nicht gefielen. Ruhig! ich kann Dir das sagen, Bruder! aber ich sage Dir auch: habe nur den guten Willen, gieb Dir einmal Mühe, Dich auf einen freundlichen Fuß mit dem Thiersteiner zu stellen, dann wird es schon gehen. Ich prophezeie Dir: je öfter wir uns fortan mit Graf Oswald begegnen, je besser werden wir uns mit ihm verstehen und vertragen, denn er ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Mann von makelloser Ehre.«
»Trage gar kein Verlangen nach öfterem Begegnen.«
»Wird schon von selber kommen; ich verlasse mich auf Dein ehrliches, ritterliches Herz, denn das ist noch das Beste an Dir.«
Burkhard blinzelte den Freund erst etwas zweifelhaft an, dann gab er ihm die Hand und sagte: »Jetzt bringe mich zu Deiner Frau, damit ich auf andere Gedanken komme. Ist das lustige Hexlein, die Imagina, auch hier?«
»Natürlich! und wenn es Einer versteht, Dir den Kopf zurechtzusetzen, so ist sie es.«
»Das weiß ich, darum fragte ich ja.«
»So komm, aber erst zu meiner Frau!«
Sie schoben sich durch die Gruppen der plaudernden Gäste, die nicht müde wurden, die glänzende Einrichtung der Gemächer zu betrachten, die schönen, figurenreichen Teppiche an den Wänden, die geschnitzten Gestühle mit bunten Kissen und Polstern, die großen Öfen mit grünen Kacheln, die messingenen Leuchterkronen, die kunstvollen Glasfenster und mehr dergleichen, was ihre Bewunderung und ihr Begehren erregte, es auf ihren Schlössern auch so haben zu können. Die Mächtigsten und Reichsten unter ihnen, die auch in Behaglichkeit und Bequemlichkeit wohnten, mußten sich wohl oder übel gestehen: so prunkvoll und üppig wie hier sah es bei ihnen zu Hause nicht aus. Während des Wiederaufbaues der Hohkönigsburg hatten sie mit fast ungläubigen Ohren schon Manches von dem Aufwand, der dabei getrieben wurde, gehört und waren daher auf allerlei Neues und Sehenswerthes gefaßt, fanden aber ihre Erwartungen durch das hier, wie Manche meinten, fast prahlerisch zur Schau Gestellte nun doch noch weit übertroffen.
Um in diese kostbar ausgestatteten Räume möglichst würdig mit ihrer äußeren Erscheinung hineinzupassen, hatten Männer wie Frauen ihre auserlesensten Festgewänder angelegt. Da war viel schillernde Farbenpracht zu sehen an den faltigen Kleidern mit langen Schleppen und großgemusterten Röcken, unter denen die spitzen Schnabelschuhe hervorlugten Um die Nacken der Frauen ringelten sich goldene Ketten mit funkelnden Steinen, auf ihren Häuptern glitzerten gold- und silberdurchwirkte Hauben und Gebinde, und frische Blumenkränze krönten die Scheitel der jungen Mädchen. Die älteren Herren trugen dunkelsammtene oder brokatene Röcke, mit Pelz verbrämt oder mit bunten Borten umsäumt, die jüngeren aber kurze, seidene Wämser mit breitem, gesticktem Brustlatz und eng anliegende, gestreifte oder geschachtete Beinkleider, kleine Barette mit Federstutzen auf dem langen, gekräuselten Haar, und am schmelzverzierten Gürtel hing der Dolch in tauschirter Scheide.
Wer von allen Frauen und Jungfrauen hier war die Schönste? Niemand that diese Frage laut, aber Jeder legte sie sich im Stillen vor und beantwortete sie sich mit dem Namen Leontine. Sie war das leibhaftige Bild von Kraft und Gesundheit, mit jedem Liebreiz blühender Jugend geschmückt und von einer bestrickenden Anmuth im Ausdruck ihrer Züge, in Haltung und Bewegung, in ihrem ganzen Wesen.
»Was habt Ihr für prachtvolles, rothblondes Haar!« sprach Imagina, als sie auf ihrem Rundgang durch die Gemächer der Thierstein'schen Tochter begegnete, die mit ihrem Wuchs die schlanke Gestalt der sie Anredenden noch eine halbe Spanne lang überragte.
»Sagt nur getrost feuerrothe Mähne!« lachte Leontine und schüttelte die wallenden Locken, die sich in kein Netz und keine Haube zwingen ließen. »Man muß wohl schon bei meiner Geburt diesen Löwenkopfputz geahnt haben und hat mir darum den Namen Leontine gegeben, der mir oder dem ich die Rechtfertigung nun schuldig war.«
»Die übrigen Attribute sind auch nicht ausgeblieben,« scherzte Imagina und entschlüpfte der Geneckten durch das Gedränge der Gäste, wobei sie dem ihr entgegenkommenden Burkhard fast in die Arme lief.
»Halt, Frauchen Imagina!« rief er, »hier kommt Ihr nicht vorbei, und auf Euch fahnde ich gerade.«
»Auf mich? was wollt Ihr von mir?« entgegnete sie schnippisch.
»Ihr sollt mir das kleine, weiche Pfötchen geben.«
Sie schlug ein: »Da! was nun noch?«
»Weiter nichts; ich hab Euch so lange nicht gesehen; habt Ihr mich auch noch ein bischen lieb?«
»Ich Euch? nein! nicht im Mindesten, hab Euch in meinem Leben noch nicht lieb gehabt.«
»Ach! warum denn nicht?«
»Ihr seid mir zu rauh und stachlicht. Ich möchte nichts im Bösen mit Euch zu schaffen haben.«
»Im Bösen, da habt Ihr Recht; aufrichtig seid Ihr wenigstens, Gräfin Imagina!« sagte Burkhard mit einem stechenden Blick. »Aber es ist ja garnicht Euer Ernst.«
»Mit Euch spaß' ich nicht, denn ich traue Euch nicht, nicht über den Weg trau ich Euch; Ihr seid gefährlich, man muß sich mit Euch hüten und fürsehen, die tiefe Falte da zwischen Euren Brauen --«
»Streicht sie weg, wischt sie mir aus, Imagina!«
»Von der Stirn kann man sie verbannen, aber im Herzen bleibt sie Euch doch. Was habt Ihr wieder heute? Euch bohrt und boßt etwas.«
»Soll ich's Euch sagen? Euch in die kleinen, rosigen Mauseohren flüstern?«
»Wenn Ihr nicht beißen und nicht allzusehr schreien wollt.«
»Könnt Ihr schweigen, Imagina?«
»Ich?! oh! Herr Burkhard!«
»So kommt her! -- Ich gönne dem Thiersteiner die stolze Burg nicht.«
Sie lachte: »Und das soll ein Geheimniß sein? Das weiß ich schon lange.«
»So?« er starrte sie verblüfft an, »woher denn?«
»Von Euch selbst, wenn Ihr's mir auch nicht gesagt habt. Schon als sie noch daran bauten, ärgerte Euch jeder Stein, mit dem sie Mauern und Thürme erhöhten. Ihr solltet Euch so gierigen Neides schämen, Herr Burkhard!«
Er stampfte mit dem Fuß. »Daß Dich das Wetter!« knirschte er. »Sagt das Schmasman auch?«
»Nein, der denkt viel zu gut von Euch.«
»Seht Ihr? der kennt mich.«
»Nein, der kennt Euch leider nicht, aber ich, ich kenne Euch.«
»Und denkt schlecht von mir?«
»Ja! ganz schlecht, grundschlecht, nun wißt Ihr's. Empfehle mich Euer Gnaden!« und fort war sie.
»Racker!« brummte Burkhard, »verflucht schlaue Kröte, und dabei so hübsch, so niederträchtig hübsch!«
Die Gäste waren vollzählig versammelt bis auf Egenolf, nach dem schon Dieser und Jener gefragt hatte. Junker Bruno von Rathsamhausen erhielt auf seine Erkundigung nach dem Freunde von dessen Vater den Bescheid: »Ich wundere mich ebenso wie Du über das lange Ausbleiben meines Sohnes. Er war in den letzten Tagen ganz versessen auf die Jagd, und ich fange allmählich an zu fürchten, daß ihm ein Unfall zugestoßen ist; sonst müßte er schon hier sein.«
»Nein, Herr Graf!« sagte Bruno, »das fürchte ich nicht, dazu ist Egenolf ein zu tüchtiger Waidmann.«
»Hast Recht, Bruno!« erwiederte Schmasman, »also warten wir's ab, bis es ihm gefällt, sich einzustellen.«
Jetzt ertönte der Klang einer Glocke zum Zeichen, daß die Messe, die der Abt von St. Pilt in der Schloßkapelle feiern wollte, ihren Anfang nehmen sollte, und die Gesellschaft schickte sich an, sich in das nahebei belegene Sanctuarium zu begeben. Da jedoch die Kapelle nicht sämmtliche Anwesende aufnehmen konnte, blieben die jüngeren nebst einigen älteren Herren, die sich aus der Feierlichkeit nicht viel machten, in den Gemächern zurück, und bald hörten sie dort den Gesang der Chorherren, dem sie schweigsam und mehr oder weniger andächtig lauschten.
III.
Eine Stunde nach dem Aufbruch der Seinigen von der St. Ulrichsburg stieg auch der junge Graf Egenolf von Rappoltstein dort zu Pferde, um ihnen nach der Hohkönigsburg zu folgen. Seine Jagd war glücklich verlaufen; er hatte einen starken Wolf, dem er in den ausgedehnten Forsten drei Tage lang auf der Spur gewesen war, erlegt, ihn selbst abgehäutet und das Fell einem Kürschner in Rappoltsweiler zur Zubereitung übergeben, war also in frohester Stimmung.
Anfangs, so lange der Weg noch eben war, trabte er scharf zu, bald aber, als er in den Wald kam und es bergan ging, ritt er langsam und überließ sich träumenden Gedanken. Es war eine sehr ergötzliche Erinnerung, die ihn jetzt beschäftigte, die Erinnerung an ein liebliches Abenteuer, das er hier im Walde vor Kurzem erlebt hatte.
Er pirschte eines Morgens auf allerlei Raubzeug und schlich spähend und lauschend durch das Dickicht, als er plötzlich dumpfen Hufschlag zu vernehmen glaubte. Er blieb stehen und horchte, aber jetzt war Alles wieder still. Mit einem Male rief eine helle, zweifellos eine weibliche Stimme: »Sanct Hippolyt!« und siehe da! das Echo antwortete deutlich: »Sanct Hippolyt!« Dann wieder die Stimme in singendem Tone: »Zeig' mir den Weg!« und das Echo wiederholte: »Zeig' mir den Weg!« Die Rufende, der das neckische Spiel offenbar Vergnügen machte: »Den Weg zu Dir!« und das gefällige Echo: »Den Weg zu Dir!« Jetzt rief Egenolf selbst, den Klang der Stimme so gut wie möglich nachahmend: »Wart', ich komme zu Dir!« Alles schwieg, auch das Echo, denn von des Rufers Standpunkt aus konnte es nach den natürlichen Gesetzen des Schalles nicht zu ihm zurücktönen. Nun eilte er durch das Gebüsch in der Richtung, von der aus die Worte erklungen waren, und fand dort mitten im Walde eine junge Dame zu Pferde halten, die er nicht kannte. Sobald sie seiner ansichtig wurde, redete sie ihn, der in schlichtester Jägertracht und mit Spieß und Armbrust bewehrt war, zuerst an indem sie vom Pferde herab sprach: »Ihr kommt zur rechten Zeit, guter Freund! wißt Ihr den Weg nach Sanct Pilt?«
»O ja!« erwiederte er, »aber in dieser Gegend ist er nicht zu finden.«
»So zeigt ihn mir!« befahl sie.
Egenolf sah sich die Reiterin jetzt genauer an. Sie war eine vornehme Erscheinung in geschmackvoller Kleidung, saß sehr gut im Sattel und hielt in der Rechten eine wuchtige Reitgerte; am Gürtel hing ihr ein langes Waidmesser. Sie gefiel ihm ausnehmend, und eben, weil er sie nicht kannte, konnte sie Niemand anders sein, als die junge Gräfin von Thierstein, die er noch nie gesehen hatte, weil sie erst kürzlich mit ihren Eltern nach der Hohkönigsburg gekommen war. Alle anderen adligen Fräulein in der ganzen Umgegend waren ihm von Ansehen bekannt. So war er im Vortheil gegen die ihm vom Zufall Schutzbefohlene; er wußte, wer sie war, aber sie schien seine Abstammung von einem der edelsten Geschlechter des Landes nicht zu ahnen.
»Ihr seid hier falsch, Fräulein! Sanct Pilt liegt dort hinaus,« sprach er. »Euer Pferd muß auf Irrkraut getreten haben; dann verliert man den Weg und verirrt sich.«
»Jägerweisheit!« spottete sie. »Geht voraus und führt!«
Egenolf that wie ihm geheißen und suchte die bequemsten Stellen zum Reiten zwischen den Bäumen aus. Die Reiterin folgte ihm schweigend, denn sie hatte mit dem Lenken ihres Pferdes zu thun. Bald aber rief sie ihren Führer an: »He! Waidmann! Ihr steht wohl im Dienste der Grafen von Rappoltstein?«
Es belustigte ihn, daß sie ihn für einen Jägerknecht hielt, was in Anbetracht seines Äußeren in dem schon etwas abgetragenen Lederkoller mit Kragen und Kappe, deren großer Schirm ihr sein Gesicht vom Sattel aus halb verdeckte, nicht eben zu verwundern war. Und da es ihn reizte, sie in dem Wahne zu lassen, um sich bei seiner bevorstehenden Begegnung mit ihr auf der Hohkönigsburg an ihrer Verlegenheit weiden zu können, gab er ihr, sich zu ihr umwendend, in unterwürfigem Tone zur Antwort: »Zu dienen, Fräulein! ich bin des Herrn Grafen Maximin von Rappoltstein leibeigener Mann.«
»Maximin?« fragte sie, »ich denke, Schmasman heißt er.«
»Ja, so wird er gewöhnlich genannt, das ist dasselbe,« sagte er und schritt nun nicht mehr vor, sondern neben dem Pferde her.
»Soll ein sehr angesehener und holdseliger Herr sein, ein tapferer Ritter, aber von feinsinniger Art und mildem Gemüth, wie ich hörte. Ihr habt es gewiß nicht schlecht bei ihm, wie?«
»Ich kann über die Behandlung nicht klagen; er hält seine Leute gut, und wir dienen ihm gern,« erwiederte der vermeinte gräfliche Gefolgsmann. Um aber dem Gespräch, dessen Fortsetzung in diesem Gleise leicht zu einer Entdeckung seiner wahren Herkunft führen konnte, eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Ihr wollt nach Sanct Pilt?«
»Ja, wohin sonst bringt Ihr mich denn, Rappoltstein'scher Spießträger?« entgegnete sie launig. »Den Abt will ich sprechen.«
»Also hoch zu Rosse zum Beichtstuhl. Das laß ich mir gefallen, ist aber etwas ungewöhnlich.«
»Was geht es Euch an, Jäger!« verwies sie ihn herrisch, »und wer sagt Euch, daß ich beichten will? Sehe ich aus wie eine arme Sünderin, die ein schlechtes Gewissen hat?«
»Nichts für ungut, Fräulein! hab Euch darauf noch nicht angeschaut,« entschuldigte er sich. »Aber,« fuhr er, wie mißbilligend mit dem Kopfe schüttelnd fort, »so ganz allein und einsam hier im tiefen Walde, wo Ihr nicht einmal Bescheid wißt? Es ist hier nicht immer ganz geheuer, und Ihr seid eine verführerisch schöne --, ich wollte sagen,« verbesserte er sich schnell, als ihn ein strenger Blick von ihr traf, »Ihr habt da sehr schöne Steine an Eurem Gürtel.«
»Wollt Ihr mir etwa bange machen? das wird Euch nicht glücken, mein Lieber!« lachte sie. »Ich bin, wie Ihr seht, nicht wehr- und waffenlos und fürchte mich nicht vor Euch, das will ich Euch beweisen.« Und ehe er sich dessen versah, war sie aus dem Sattel zur Erde gesprungen, warf ihm den Zügel ihres Pferdes zu und sagte: »Da! führt meine Daphne! ich will zu Fuß mit Euch wandern.«
Jetzt, als sie ihm zur Seite schritt, merkte er erst recht, wie hoch und kräftig ihre Gestalt war, nur wenig kleiner als er. Sie gingen schweigend dahin im stillen Walde, durch dessen sanft bewegtes Laub die Sonnenstrahlen blitzten, daß auf dem dichten Grün des Bodens goldene Lichter tanzten und flirrten. Die Drosseln und Finken schlugen, und die Bienen summten, und die zwei jungen, blühenden Menschenkinder hingen ihren Gedanken nach, die wohl sehr verschiedenen Inhalts sein mochten.
»Gebt einmal Eure Armbrust her!« gebot jetzt die abgesessene Reiterin. Er reichte sie ihr und beobachtete mit Freuden, wie leicht und sicher sie mit den richtigen Griffen den stählernen Bogen spannte. »Und einen Bolzen!« Dann blickte sie zu den hohen Wipfeln empor. »Nichts zu sehen, und einen Singvogel schieße ich nicht. Was soll ich treffen?«
»Den Mistelbusch dort oben im Wipfel der Birke.«
Sie zielte und schoß. Der Bolzen ging mitten durch die Mistel.
»Gut gemacht!« lobte er, »also Jägerin seid Ihr auch.«
»Ja, -- auch!« sagte sie kurz und gab ihm die Armbrust zurück. »Nun zeigt Ihr Eure Kunst! -- den Tannzapfen dort!«
Er schoß und fehlte.
Da lachte sie: »Nun, Jäger, wenn Ihr den hängenden Tannzapfen nicht trefft, ist wohl flüchtiges Wild ziemlich sicher vor Euch?«
»Der um meinen Arm geschlungene Zügel Eures Pferdes hinderte mich am ruhigen Zielen,« erwiederte er halb ärgerlich, halb beschämt.
»Daphne stand baumstill,« behauptete sie und fragte dann: »Wie weit ist es noch von hier bis Sanct Pilt?«
»Wir werden bald zu einem Wege gelangen, auf dem Ihr traben könnt, und dann seid Ihr in einer Viertelstunde an der Abtei. Aber wie wollt Ihr wieder in den Bügel kommen?«
Ein spöttischer Zug umspielte ihren Mund auf seine sie sehr thöricht dünkende Frage, und ein Lachen verbeißend sprach sie: »Das wird allerdings schwer halten, ich denke, von einem großen Steine kann ich wieder hinaufklettern, meint Ihr nicht?«
»Ja, wenn es nur hier große Steine gäbe!«
»Das ist Eure Sache, einen zu finden; gebt Acht darauf!« erwiederte sie und wandte sich dann seitwärts, um sich eine Glockenblume zu brechen. Sie pflückte sich im Gebüsch allmählich einen ganzen Strauß von Waldblumen zusammen ohne sich um den Leiter ihres Rosses weiter zu kümmern.
Endlich kamen sie zu dem Wege. »Hier ist der Weg,« rief er ihr zu, »von hieraus könnt Ihr nicht mehr fehlen, denn er führt Euch zur Abtei von Sanct Pilt.«
»Ja, der Weg ist gut zum Traben,« sprach sie, »aber wo ist der Stein, von dem ich aufs Pferd steigen könnte?«
Egenolf zuckte die Achseln. Sie stand schon neben dem Pferde. »Soll ich Euch in den Sattel heben?« fragte er.
Sie sah ihn mit flammenden Augen durchdringend an, sagte aber nur kühl und gelassen: »Dazu bin ich Euch zu schwer.«
Er lächelte: »Wollen wir's einmal versuchen?«
Ein hartes »Nein!« war ihre Antwort, -- »das ist Ritterdienst.«
»Allerdings, Ritterdienst!« fuhr er, sich vergessend, auf, besann sich aber schnell und sagte: »Ja so! nun, dann muß der Knecht das Knie beugen, damit die Herrin sich aufschwingt.« Er kniete nieder, sie setzte den Fuß auf sein Knie und war mit behendem Schwunge im Sattel.
»Ich danke Euch,« sprach sie von oben, die Zügel ordnend.
»Wollt Ihr mir eine Gunst erweisen, Fräulein?« fragte er. -- »Schenkt mir eine Blume aus Eurem Strauße.«
»Die habt Ihr verdient, Jägersmann!« sagte sie freundlich, suchte in dem Strauße und reichte ihm ein vierblättriges Kleeblatt: »Hier! möge es Euch Glück bringen! und nun -- Waidmanns Heil!«
»Waidmanns Dank!« erwiederte er.
Sie trabte davon. Er blickte ihr nach, so lange er sie sehen konnte, und sprach dann lachend: »Auf Wiedersehen, schöne Gräfin von Thierstein! Ihr werdet Augen machen, wenn Euch der Jägerknecht oben auf Eurem Schlosse entgegentritt.« Dann schritt er in den Wald hinein. --
An diese Begegnung mußte Egenolf, wie er es seitdem schon so oft gethan hatte, auch jetzt wieder denken, als er nach der Hohkönigsburg zu dem Feste ritt, wo er die verirrte Reiterin zum ersten Male wiedersehen sollte. Wie wird sie ihn empfangen?
Ehe noch die Messe in der Kapelle beendet war, erschien Egenolf auf der Schwelle des Zimmers, von wo er die Anwesenden mit raschem Blick überschaute. Dann schritt er schnurstracks auf Leontine zu, verneigte sich vor ihr und begann: »Graf Egenolf von Rappoltstein bittet für seine Versäumniß um Verzeihung, edle Gräfin von Thierstein; ich habe mich auf der Jagd verspätet.«
»Ihr seid auch jetzt noch willkommen, Herr Graf,« erwiederte sie verbindlich. »Von meinen Eltern werdet Ihr dasselbe hören, sobald sie mit den übrigen Gästen aus der Kapelle zurückkommen.«
Plötzlich weiteten sich ihre Augen und richteten sich mit starrem Blick auf die Brust des vor ihr Stehenden, wo sie ein an sein Wams geheftetes vierblättriges Kleeblatt, schon etwas welk, entdeckt hatte. »Was bedeutet das Vierblatt dort?« fragte sie erregt, ihm nun fest ins Gesicht sehend.
»Das soll mir Glück bringen,« lächelte er. »Ich habe es von einer holdseligen Waldfee, die beim Reiten den Weg verloren, weil ihr Roß auf Irrkraut getreten hatte, wie Jägerweisheit behauptet.«
»Ihr -- Ihr waret der Jäger, der mich auf den Weg nach Sanct Pilt gebracht hat?« sagte sie bestürzt, bis an die Stirnlocken erröthend.
»Ja, der war ich, gnädige Gräfin!«
»O mein Gott! und wie hab ich Euch behandelt!«
»Ganz nach Stand und Gebühr eines Solchen, der ich nach Eurer Schätzung war.«
»Geht Ihr immer in so bescheidener Tracht auf die Pirsch wie neulich?«
»Ich wüßte nicht, warum ich es nicht thun sollte,« erwiederte er.
»Habt Ihr heute etwas getroffen?« fragte sie weiter.
»Einen starken Wolf hab ich erlegt, dem ich drei Tage lang nachgestellt habe und den ich heute durchaus haben wollte,« gab er ihr ruhig zur Antwort.
»Ihr -- einen Wolf geschossen?« sprach sie mit einem ungläubigen Lächeln. »Nun, Waidleute lieben es ja wohl, allerhand Märlein zu erzählen,« fügte sie schalkhaft hinzu.
Er verstand ihre Anspielung auf seinen vor ihren Augen gethanen Fehlschuß, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen und erwiederte: »Aber manchmal sprechen sie auch die Wahrheit.«
»Wirklich? nun so sagt mir doch, warum Ihr Euch dort im Walde mir nicht zu erkennen gegeben habt.«
»Weil ich mir zu gut in der Rolle eines Rappoltstein'schen Knechtes gefiel, dem Ihr erlaubtet, das Knie vor Euch zu beugen, damit Ihr wieder in den Sattel kamet, gnädige Gräfin!«
»Glaubt Ihr im Ernst, Herr Graf, ich wäre nicht auch ohne Eure Hilfe vom Boden aus in den Sattel gekommen, wenn ich gewollt hätte? Mit leichtem Sprunge wäre es gethan gewesen; ich bin geübt darin.«
»Und glaubt Ihr, ich hätte keinen Stein zum Aufsteigen für Euch gefunden, wenn ich einen hätte finden wollen?«
Nun lachten sie beide herzlich, und aus beider Augen blitzte etwas, das nicht aussah wie Haß und Verachtung.
Jetzt kamen die Wirthe mit ihren Gästen aus der Kapelle zurück, und Egenolf hatte, nachdem er sich den Grafen Thierstein und ihren Gemahlinnen vorgestellt und sich bei ihnen wegen seines Ausbleibens entschuldigt hatte, eine Menge Bekannte zu begrüßen, ehe er seinem Freunde Bruno von seinem Pirschgang berichten konnte.