Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 19
»Schockschwerenoth! das ist eine verteufelte Geschichte,« rief Müllenheim und that zur Stärkung auf den Schrecken einen tiefen Zug von dem Ottrotter, den er vor sich stehen hatte. Dann strich er sich ein paarmal seinen langen Schnurrbart und sagte: »Da wirst Du Dir wohl den Zahn auf die Hohkönigsburg ausziehen lassen müssen.«
»Fällt mir im Traume nicht ein; auf der Hohkönigsburg sollen sie nicht Hochzeit feiern,« fuhr Burkhard auf. »Vorausgesetzt, daß ihr, Du und die Anderen, nicht auch von mir abfallt wie Schmasman, der Verräther,« fügte er mit einem lauernden Blick hinzu.
»Das werden wir nicht, aber eine schwere Sache wird's, Burkhard,« erwiederte Müllenheim ernst und machte ein sehr besorgliches Gesicht dabei.
»Wenn ihr mir Treu und Glauben haltet, hat's keine Noth,« sagte Burkhard beruhigt. »Wie weit seid ihr mit euren Rüstungen?«
»Darum komme ich ja her, Dir darüber zu berichten,« sprach Müllenheim. »Wir sind alle zum Ausrücken bereit und warten nur auf Deinen Ruf. Wo sollen wir uns sammeln?«
»Nun, hier bei uns und in Klingenthal, Ottrott, Sanct Nabor, wo ihr Platz findet. Aber bist Du der Anderen auch wirklich ganz sicher, Jost?« fragte Burkhard noch einmal.
»Wie meiner selbst, Burkhard!« betheuerte Müllenheim. »Hättest mal Deinen Schwager Schaffried von Leiningen, bei dem ich vor zwei Tagen auf der Dagsburg war, und die Drei auf Schloß Landsberg hören sollen, wie sie über den Landvogt herzogen, den uns der Kaiser hier auf den Hals geschickt hat, als hätte er im ganzen deutschen Reiche keinen hochmüthigeren finden können. Sie wußten freilich ebenso wenig wie ich etwas von der Heirathsabrede und dem sich doch wahrscheinlich daraus ergebenden Bündniß zwischen Rappoltstein und Thierstein. Die Beiden zusammen mit ihren Freunden sind sehr stark, Burkhard!« fügte er mit erhobenem Finger warnend hinzu, »und gegen ihre vereinten Kräfte die Hohkönigsburg zu stürmen --«
»Wär' ein hartes Stück Arbeit, willst Du sagen; da hast Du Recht,« fiel Burkhard ein. »Mein Sohn ist ohne mein Wissen vor einiger Zeit einmal oben gewesen. Ich vermuthe, der Hansnarr hat sich dort einen Korb von der Rothen geholt. Bei der Gelegenheit hat ihn Thierstein aus freien Stücken und wahrscheinlich mit bewußter Absicht auf der ganzen Burg herumgeführt und ihm alle Werke gezeigt, die so gewaltig sein sollen, daß sie Bruno für unnehmbar hält.«
»Und doch willst Du sie berennen?«
»Nein, den Gedanken hab' ich aufgegeben. Wir müssen den Thierstein herauslocken und ihn mit seinen Verbündeten zur Feldschlacht zwingen.«
»Wie willst Du das anfangen?«
»Wir fallen in Rappoltstein'sches Gebiet ein und rauben, brennen und sengen so lange, bis sie uns entgegenkommen und sich uns zum offenen Kampfe stellen. Da sind wir ihnen gewachsen, hoff' ich, und haben wir sie geschlagen, so wird die Hohkönigsburg der Siegespreis, ohne den wir das Schwert nicht wieder einstecken,« sprach Burkhard mit einer bewunderungswürdigen Zuversicht.
Müllenheim wiegte nachdenklich das Haupt und sagte: »Es wäre vergeblich, Dir jetzt noch abzurathen, sonst thät' ich's; denn Hoffnung auf gut Gelingen hab' ich nicht, aber Du hast mein Wort, und ich lasse Dich nicht im Stich. Die Unsrigen sind alle wagemuthige Kampfhähne und freuen sich auf die Fehde wie die Mädels auf die Kirchweih, denn es ist ihnen schon viel zu lange Ruh und Frieden im Lande gewesen. Also nur drauf und dran und nicht mehr zögern damit!«
»Ist auch meine Meinung,« stimmte Burkhard zufrieden bei. »Ich will nur noch ein wenig kundschaften lassen, wie weit sie da drüben sind; dann schicke ich euch Allen schnell Botschaft, daß ihr kommen sollt.«
»Gut! laß uns nicht zu lange warten,« sagte Müllenheim und erhob sich. »Für heute lebewohl und auf Wiedersehen in Helm und Harnisch!«
»Wo willst Du von hieraus hin?«
»Heim nach Schloß Girbaden.«
»So begleit' ich Dich bis Klingenthal,« sprach Burkhard. »Ich habe dort in verstecktem Bau ein schlaues Füchslein sitzen, dessen Lichtern und Lauschern ich beim Spüren vertrauen kann.«
Er rief den Diener herbei und befahl ihm, satteln zu lassen. Bald darauf ritten die Beiden von Schloß Rathsamhausen selbander hindann.
XXIV.
Mehrere Tage waren seit der Befreiung Loders vergangen, und noch hatte man im Rappoltstein'schen Lager von den fahrenden Leuten keine anderen Nachrichten über die Absichten der Gegner erhalten, als daß sie eifrig rüsteten und in ihren Burgen und deren nächster Umgebung große Massen reisigen Volks zusammenzogen, die sie jederzeit zu einem geschlossenen Heerhaufen vereinigen konnten.
Das Gleiche war auch auf Seiten der Vertheidiger und Beschützer der Hohkönigsburg geschehen, die nur der Weisungen eines noch nicht gekürten Feldobersten harrten.
Zur Wahl eines solchen und zur Verabredung über die Aufstellung und das gemeinsame Vorgehen der jetzt noch vereinzelten Streitkräfte sollte nun auf der St. Ulrichsburg Kriegsrath gehalten werden, wozu sämmtliche Rappoltstein'sche Verbündete, die Thierstein, Fleckenstein, Andlau, Kageneck und Hattstadt eingeladen waren, und an dem auch Egenolf theilnahm. Sie trafen an dem dazu bestimmten Morgen nach und nach in Rappoltsweiler ein und ritten einzeln, wie sie kamen, das Strengbachthal ein Stück hinauf, bis sie rechtsab in den Weg bogen, der zur Burg empor führte.
Aber nicht unbeobachtet sollten sie dahin gelangen. Im Strengbachthal, dicht am Wege, saß unter den breiten, tief gesenkten Zweigen einer mächtigen Buche ein junger Kesselflicker, mit der Hantirung seines Gewerbes beschäftigt. Die eine Hälfte seines Gesichts war mit einem umgebundenen Tuche verhüllt, das auch sein linkes Auge fast ganz bedeckte, und die andere Hälfte war, wohl durch Berührung mit den unsauberen Händen, stark von Ruß befleckt. In dieser Verunstaltung war von seinen Zügen nicht viel zu erkennen, zumal er eine Mütze mit weit vorstehendem Schirm trug, wahrscheinlich, damit ihn bei der Arbeit die Sonne nicht blendete. Neben ihm am Boden lag ein kleiner Ranzen, einiges Handwerkszeug und eine Rolle Eisendraht, mit dem er einen von langem Gebrauch im Feuer geschwärzten und beschädigten Topf zusammenflickte.
Mit emsigem Fleiß betrieb der Bursche sein Handwerk nicht, denn er band und bastelte nur dann an dem Topfe herum, wenn zufällig Leute des Weges kamen. Sobald sie vorüber waren, ließ er die Hände müßig sinken und spähte mit dem einen freigebliebenen Auge lauernd nach rechts und links. Mit größter Aufmerksamkeit folgte sein glühender Blick den ritterlichen Herren, die zu Pferde an ihm vorüberzogen. Er kannte sie alle, vermied es aber, sie sein Gesicht sehen zu lassen. Hinter ihrem Rücken jedoch nickte er ihnen boshaft lächelnd nach und nannte sich leise die Zahl eines jeden, der wievielte er schon der Reihe nach war.
Jetzt kam Rudolf von Andlau, bemerkte den auf seine Arbeit Gebeugten unter der Buche und rief, sein Pferd anhaltend, ihm zu: »He! Kesselflicker! sind schon mehr Herren hier vorübergeritten?«
»Ja, Herr!« antwortete der Bursche, »sechs, einer nach dem andern, aber kannte sie nicht, bin fremd hier.«
»Schon sechs? dann wäre ich ja der Letzte. Da muß ich mich eilen. Gott helfe Dir von Deinem Zahnweh, armer Gesell!« sprach Andlau und ritt weiter.
Als er ein paar Pferdelängen entfernt war, schob der Bemitleidete das Tuch vom Munde zur Seite, fletschte dem Ritter zwei lückenlose Reihen elfenbeinblanker Zähne nach und kicherte: »Dankt Schöpfer, Herr von Andlau, wenn so gesunde Zähne habt wie ich! -- Also ist Siebenter, drei Grafen Rappoltstein macht zehn, mit Egenolf elf, und zum Ballspiel kommen da oben nicht zusammen. Warte ich, wie lange sie bleiben.«
Auf der St. Ulrichsburg waren die übrigen Herren schon zur Berathung versammelt, hatten aber mit deren Beginn bis zur Ankunft des Letzten gewartet. Graf Oswald von Thierstein war sammt seinem Bruder Wilhelm von Allen aufs Freundlichste empfangen worden, und der ehemalige Zwiespalt war völlig vergessen, denn Alle waren von dem friedlichen Abkommen, das Schmasman in ihrer Aller Namen mit ihm getroffen hatte, genau unterrichtet. Auch Andlau begrüßte ihn jetzt rückhaltlos als Bundesgenossen.
Graf Wilhelm von Rappoltstein übernahm, von den Andern dazu aufgefordert, den Vorsitz im Rathe und hatte vor sich auf dem Tische einen Bogen Papier liegen, auf dem er mit einem Kohlenstift das Gelände, die Berge und Thäler, die Lage der Ortschaften und die Wege zeichnen wollte.
Er begann: »Liebe Herren! unsere Streitkräfte sind, wie ihr Alle wißt, in den benachbarten Städten und Burgen ringsum so vertheilt, daß wir dem zweifellos nahe bevorstehenden feindlichen Angriff überall begegnen können. Schwerlich wird Burkhard daran denken, vor der Hohkönigsburg lagerhaftig zu werden, und ebenso unersprießlich wäre meines Erachtens unserseits die Absicht, die sehr starken Ottrotter Schlösser Rathsamhausen und Lützelburg zu bestürmen; ich wenigstens würde mit aller Entschiedenheit davon abrathen. Bleibt also nur übrig, dem Feinde entgegenzuziehen und ihm die offene Feldschlacht anzubieten. Dabei fragt es sich, auf welchem Wege er herankommen wird. Ich sehe da nur zwei Wege. Entweder kommen die Rathsamhausen mit ihren Verbündeten über Barr, Eichhofen, Dambach, oder sie kommen über Barr, Eichhofen, hinter Ittersweiler um den Ungersberg herum nach Thannweiler und das Weilerthal herab. Seht hier! so meine ich, daß sich auf die eine oder die andere Weise ihr Anmarsch vollführen wird.«
Er zeichnete die Wege auf das Papier, während sich die Anderen über den Tisch beugten und den Weisungen seines Stiftes aufmerksam folgten. Darüber erhoben sich nun eingehende Erörterungen, in denen die von einander abweichenden Meinungen verfochten und begründet wurden.
Graf Wilhelm hielt mit seiner eigenen Ansicht noch zurück und ließ die Anderen streiten ohne sich einzumischen, bis die Minderheit von der Mehrheit überzeugt wurde, daß der zuletzt genannte Weg der wahrscheinlichere wäre, d. h. daß der Feind über Thannweiler durch das Weilerthal anrücken würde.
»Das ist auch meine Meinung,« nahm Graf Wilhelm wieder das Wort, »denn dieser Weg hat vor dem anderen viel voraus. Unsere Kundschafter, die Spielleute, werden uns schnell genug benachrichtigen, und ihre Meldungen werden bestätigen, daß ich Recht habe. In der fast sicheren Voraussetzung also, daß die Rathsamhausen durch das Weilerthal kommen, schlag ich euch folgenden Plan vor. Ihr Thiersteiner geht ihnen durch die Gebirgsschluchten über Kestenholz in das Weilerthal entgegen. Fleckenstein, Kageneck und Hattstadt schließen sich euch zwischen Scherweiler und Kestenholz an, und ihr zusammen haltet den Feind möglichst lange fest, daß er nicht aus dem Thale heraus kann. Wir Rappoltsteiner ziehen mit Andlau durch das Strengbachthal über Markirch in das Leberthal und über Leberau in das Weilerthal und fassen den Feind von hinten. Dann sitzt er zwischen euch und uns eingekeilt in der Mitte, kann weder vor- noch rückwärts und ist rettungslos verloren.«
Diesem Schlachtplane stimmten Alle unter voller Anerkennung seiner gut durchdachten Ausführbarkeit ungetheilt zu und sahen sich schon als Sieger, vorläufig allerdings erst auf dem Papiere, wo ihnen der Führer des Wortes jetzt auch die Angriffswege gezeichnet hatte.
Graf Wilhelm fuhr fort: »Das Wichtigste, liebe Freunde, ist, daß wir den rechten Zeitpunkt nicht verpassen, daß wir nicht zu früh und nicht zu spät ausrücken und uns vom Anmarsch der Rathsamhausen nicht etwan überraschen lassen. Von Deinem Schloß Ortenberg, Kageneck, blickt man in die beiden Thäler tief hinein, und ich wollte wohl sagen, daß von Deinem Thurm uns Allen sichtbare Fahnenzeichen gegeben werden könnten, sobald die Vorhut des Feindes dort bemerkt wird. Aber das genügt mir nicht, dadurch würde zuviel Zeit, uns zu sammeln, verloren gehen. Wir müssen überall auf den Wegen zwischen unseren Lagern berittene Wachtposten in nicht zu weiten Entfernungen von einander aufstellen, die windschnell die Kunde vom Nahen des Feindes zurückbefördern. Ja, ich schlage vor, daß wir Tags über fortwährend unter Waffen und vollständig gerüstet mit unseren Reisigen bleiben, um jeden Augenblick bei der Hand zu sein.«
Auch diese Vorschläge fanden einstimmige Annahme. Dann wurde noch für die Rappoltstein'sche Streitmacht Graf Wilhelm und für die Thierstein'sche Friedrich von Fleckenstein zum Oberbefehlshaber ernannt.
Damit war der Kriegsrath zu Ende. Die Herren wollten nach einer flüchtigen Begrüßung der Rappoltstein'schen Damen die St. Ulrichsburg sofort wieder verlassen, um in den nöthigen Anordnungen nur ja nichts zu versäumen, und Schmasman versuchte unter diesen Umständen auch nicht, seine Gäste und Bundesgenossen länger bei sich zu halten. So ritten sie denn mitsammen ab. --
Der junge Kesselflicker lag noch immer auf der Lauer am Wege, aber jetzt ohne auch nur zum Schein noch zu arbeiten und an einer anderen Stelle als vorher, höher hinauf im Walde und mehr durch Gesträuch gedeckt, wo er weniger gesehen werden und besser hören konnte, was die zurückkehrenden Herren etwa unter einander reden würden.
Als sie an ihm vorüber kamen, hörte er Hermann von Hattstadt zu dem neben ihm reitenden Johann von Kageneck sagen: »Ich glaube nicht, daß sie vor vier, fünf Tagen kommen.« Kageneck antwortete: »So denk' ich auch, und es ist ganz in meinem Sinne, daß wir ihnen entgegenziehen und ihnen die Feldschlacht bieten.« Mehr konnte der Lauscher vor dem Schnauben und Hufgetrappel der Pferde nicht verstehen.
Sobald die Reiter außer Sicht waren, sprach er zu sich: »Also vier Tage dünken die sich noch sicher. Nun Beine in die Hand nehmen und laufen, laufen, daß ihnen schon in zwei Tagen auf Hals kommen.« Eine gute Weile blieb er in seinem Versteck noch liegen; dann kroch er, den beschädigten Topf wegwerfend, daraus hervor und wollte sich auf den Heimweg machen.
Da hörte er den Berg herunterkommende Schritte. Er lugte behutsam um einen Baumstamm und erkannte in dem Nahenden zu seinem Schrecken den Grafen Egenolf. Was jetzt thun? fliehen oder bleiben? Zwei Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf, wie dieses unerwünschte Wiedersehen enden konnte, und rasch entschlossen ging er dem allein Daherwandelnden entgegen.
Als beide zusammentrafen, redete der bergan Steigende mit soviel wie möglich verstellter Sprechweise den Herabkommenden an und fragte: »Verzeiht, Herr! geht es hier hinauf zur Ulrichsburg?«
Egenolf, in seinen Gedanken mit weit abliegenden Dingen beschäftigt, gab, ohne sich den Frager recht anzusehen, kurz zur Antwort: »Ja; was willst Du dort?«
»Armer Kesselflicker findet da vielleicht Arbeit.«
Egenolf lachte: »Auf der Ulrichsburg werden wohl Kessel und Töpfe zerbeult und zerbrochen, aber nicht wieder geflickt.«
»Will's doch versuchen, Herr. Ist's noch weit hinauf zur Burg? bin müde, möchte dort oben ruhen und rasten.«
Dem Grafen klang aus der Stimme des jungen Kesselflickers etwas ins Ohr, das ihn seltsam berührte wie eine fern auftauchende Erinnerung. »Wo kommst Du her?« frug er, den halb Vermummten nun aufmerksamer betrachtend.
»Habe keine Heimstatt, Herr, muß wandern und wandern, mein Brod zu verdienen.«
Immer mehr fühlte sich Egenolf von dieser Stimme betroffen, und gespannt frug er: »Bursch, wo haben wir uns schon gesehen?«
Da riß der Gesell die Mütze vom Kopf und das Tuch vom Gesicht, wischte sich damit schnell den Ruß von der Wange und lachte: »Kennt mich Graf Egenolf jetzt?«
Egenolf starrte den ihm keck Gegenüberstehenden eine Sekunde lang sprachlos an, bis er zornbebend losbrach: »Haschop! -- Du -- Du wagst es, meine Wege zu kreuzen?«
»Haschop wagt es,« sprach das verkleidete Mädchen zutraulich.
»Weißt Du nicht, Unglückliche, daß ich Dir den Tod geschworen habe, wo ich Dich finde?«
»Hat mir Vater gesagt, glaub's aber nicht. Graf Egenolf mordet seine Haschop nicht,« erwiederte sie mit einem innigen Blick.
»Ich thu's!« rief er in gärender Wuth und machte eine Bewegung, als wollte er sich auf sie stürzen, die, ihn fest im Auge behaltend, sich nicht von der Stelle rührte. »Wolltest Du doch die Gräfin Leontine ermorden, Giftmischerin!«
»Nein, o nein!« entgegnete sie rasch, »war kein Gift, wollte schöne, stolze Gräfin nur lützel erschrecken zum Entgelt für Peitschenhieb vom Pferd herab. Und -- Ihr wißt nicht, wie's thut, verlassen werden von Einem, der vormals --«
»Schweig!« unterbrach er sie heftig. Aber er selber schwieg jetzt, verwirrt nach Worten suchend. Sein Athem flog, seine Hände zuckten wie zum Erwürgen bereit. Endlich stieß er, sich mühsam beherrschend hervor: »Was schaffst Du hier? wozu bist Du gekommen? Du bist Deines Lebens keinen Tag sicher hier, und wenn ich auch meine Hand nicht mit Deinem Blute beflecken will, so bist Du doch verloren, wenn Dich der Pfeiferkönig entdeckt. Ich kann Dich nicht schützen, und ich will es auch nicht.«
»In dieser Tracht sucht mich Niemand,« sagte sie, gefallsüchtig auf das Ebenmaß ihres schlanken Wuchses zeigend, »nicht mal Ihr kanntet Eure Haschop.« Unwillig furchte er die Stirn. Sie aber fuhr mit schmeichlerischem Ton und einem verführerischen Lächeln fort: »Und was ich hier will? Euch noch einmal sehen, Graf Egenolf, letztes Mal, Abschied nehmen auf ewig, oder -- oder soll ich -- soll ich bleiben und wieder --?«
»Bist Du von Sinnen?« brauste er auf. »Nicht mehr denken will ich an Dich. Fort, fort! laß Dich nie mehr blicken! Du bist todt für mich, todt und vergessen, -- mußt es sein.«
»Muß ich sein? todt und vergessen?« Ein unheimliches Licht flackerte in den Augen der Zigeunerin auf, das aber schnell wieder erlosch. »Dann lebt wohl, Graf Egenolf!« sprach sie wehmüthig und fügte bittend hinzu: »Nur diesen einen noch, den letzten, allerletzten!« Und mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen und verlangenden Lippen näherte sie sich ihm in zitternder Erregung.
Er wies sie schroff ab, einen Schritt von ihr zurückweichend.
Da flammten Haß und lechzende Rachgier unter ihren schwarzen Brauen hervor, und mit einem Panthersprunge warf sie sich auf ihn. Mit ihrem linken Arm umschlang sie seinen Nacken, und im gleichen Augenblick fühlte er unversehens einen Kuß auf seinem Munde und einen Messerstich an seiner Hüfte. Egenolf wollte die Tückische packen und festhalten, aber schlangenhaft geschmeidig entglitt sie ihm, und hohnlachend: »Nun wirst an mich denken!« floh sie in das Gebüsch, gleich so spurlos darin verschwindend, daß er sie nicht verfolgen konnte.
Er stand regungslos, wie betäubt von dem mordlichen Überfall und bohrte den Blick in den schweigenden Wald. Da spürte er es feucht werden unter seiner Gewandung. Das brachte ihn zum Bewußtsein dessen, was geschehen war, und er preßte die Hand auf die Wunde, das sickernde Blut zu dämmen. Der Stoß war niedriger gegangen, als er gezielt war, hatte den Knochen getroffen und war daher nur wenig eingedrungen; zwei Daumenbreit höher, und er wäre verhängnißvoll geworden. Egenolf wandte sich und schritt eilig wieder bergan.
Unterwegs stieg ihm die Vermuthung auf, die sich allmählich zur Überzeugung steigerte, daß Haschop nicht seinetwegen gekommen war zu dem Versuche, wieder mit ihm anzubandeln, sondern als von Rathsamhausen entsandte Späherin, die jeden Weg und Steg hier kennend zu solchem Dienste durchaus geeignet war. Er mußte es seinem Vater mittheilen, daß sie hier in unmittelbarer Nähe der Burg umlauert und beobachtet wurden, damit man seine Maßregeln danach treffen konnte. Aber die Zigeunerin nennen und seinem Vater den Verlauf seiner Begegnung mit ihr erzählen durfte er nicht und sann nun darüber nach, wie er seinen Bericht über das Erlebniß, das ihn doch tiefer erschüttert hatte, als er sich selber eingestehen mochte, gestalten sollte.
Auf der St. Ulrichsburg kleidete er sich um und verband sich die Wunde, die ihm trotz des Schmerzes, den sie ihm verursachte, von so geringer Bedeutung schien, daß er hoffte, sie den Seinigen verheimlichen zu können.
Darauf begab er sich zu seinem Vater und meldete ihm die gemachte Entdeckung mit den Worten: »Vater, wir werden auskundschaftet; unweit des Burgweges sah ich einen Kesselflicker umherschleichen. Er kann leicht erlauscht haben, was die von hier abreitenden Herren etwa über den Kriegsrath unter einander gesprochen haben.«
»Einen Kesselflicker? also einen von Burkhards rußigen Schutzbefohlenen,« sagte Schmasman. »Warum hast Du ihn nicht festgenommen und eingebracht? vielleicht hätte man Geständnisse von ihm erpressen können.«
»Ich konnte ihn nicht greifen; er verschwand blitzschnell im Walde, so daß nichts mehr von ihm zu sehen war,« gab Egenolf verlegen zur Antwort.
»Schade! da müssen wir nun auf unserer Hut sein und unsere Bereitschaft mit doppelter Eile betreiben,« sprach Schmasman. »Habe Dank für Deine Wachsamkeit!«
»Es war ja nur ein Zufall, Vater, daß ich den Kesselflicker sah,« erwiederte Egenolf und schied aus seines Vaters Gemach mit ernsten Gedanken über das, was er verschwiegen hatte.
Aber etwas Gutes hatte das gefährliche Abenteuer doch zur Folge, -- die Beschleunigung der Schlagfertigkeit. Damit tröstete er sich über die empfangene Wunde, und es däuchte ihm eine günstige Vorbedeutung, als wäre er durch dieses kleine Opfer an vergossenem Blut nun gegen eine Verwundung in dem bevorstehenden Kampfe gefeit.
XXV.
Unwiderstehlich trieb es Egenolf am nächsten Tage zur Hohkönigsburg hinauf, und bei gehöriger Vorsicht konnte er auch den Ritt schon wagen. Er hatte das Gefühl, daß er die peinliche Begegnung mit der Zigeunerin am besten durch den Anblick der Geliebten aus seiner Erinnerung verscheuchen könnte.
Leontine empfing ihn freudestrahlend. »Ich wußt' es, daß Du kommen würdest,« rief sie, als sie ihm bei seinem Eintritt ins Zimmer entgegenflog, »meine Sehnsucht hat Dich wie an langer Kette herbeigezogen.«
»Sie brauchte nicht eben stark zu ziehen,« lächelte er, »meine eigene Sehnsucht schob kräftig nach, und so muß es dem Rhenus wohl leicht geworden sein, mich hier herauf zu tragen; er hastete förmlich bergan, als trottete er auf ebenem Wege dahin.«
»Wüßt' ich nur, was ich ihm zu Gute thun könnte, daß er Dich aus der Fehde mir heil und gesund zurückbringt!«
»Er wird es, Leontine!« sprach Egenolf, »eine frohe Ahnung läßt mich hoffen, daß mir nichts Schlimmes widerfahren wird. Ich habe ja einen holdseligen Schutzengel, der mich mit seinen Gedanken und Wünschen beständig umschwebt.«
»Tag und Nacht, Egenolf!« fiel sie ein und umschlang ihn innig, als wollte sie jetzt schon seine Brust vor feindlichem Speer und Geschoß schirmen und decken.
Sie waren beide allein im Gemach und blieben es auch. Graf Oswald hatte jetzt weder Zeit noch Lust, Besuche zu empfangen, am wenigsten einen, der ihm nicht galt, und Gräfin Margarethe gönnte den Liebenden diese Stunde ungestörten Glückes, vielleicht auf lange Zeit die letzte, der sie sich erfreuen durften.
Nun saßen sie dicht an einander geschmiegt auf einer Fensterbank, blickten sich aber mehr in die Augen als auf die Berge und Thäler und in das offene Land hinab, das sich tief unten so friedlich breitete, als drohte ihm nicht Waffengetöse und Hufgestampf.
Sie wollten von ganz anderen Dingen reden als von der Fehde und schlugen bald diese, bald jene Saite bei ihrer Unterhaltung an, kamen aber unwillkürlich immer wieder auf die nächstkünftigen Ereignisse zu sprechen, rechneten und wogen die Streitkräfte der feindlichen Parteien gegen einander ab und riethen hin und her, wann und in welcher Gegend wohl das erste Treffen stattfinden und zu wessen Gunsten es enden würde. Egenolf hatte jedoch dabei durchaus nicht den Eindruck, als wenn sich Leontine einer, wenn auch nicht überflüssigen, so doch nutzlosen Bangniß um ihn oder ihren Vater hingäbe. Er kannte ihr muthiges Herz, das sich vor Gefahren nicht fürchtete, denen mit Entschlossenheit und Tapferkeit zu begegnen war.