Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 18

Chapter 183,798 wordsPublic domain

»Bringst Du Dich auch nicht selber in Gefahr damit?«

»Nein,« sprach Seppele, »um mich brauchst Du Dich nicht zu sorgen. Niemand weiß, daß ich im Schlosse war, denn ich hause jetzt noch in Ottrott, habe mich in der Dämmerung hineingestohlen und Alles zu Deiner Flucht vorbereitet. Das stand fest bei mir von dem Tage, wo ich Dich hier oben in der Klemme wußte, denn Deine Schmach that mir wehe. Bist Du fertig? Dann vorwärts! ich klettere voran, und Du folgst mir; das nennt man Abschied hinter der Thür nehmen.«

Sie stiegen nun beide, Einer hinter dem Andern, den weiten Schornstein hinan und gelangten durch die eiserne Thür oben glücklich auf den Söller. Seppele nahm das Seil mit und führte seinen Schützling, beide die Schuhe in der Hand, so leise wie möglich auftretend, die Treppe hinab. In der äußeren Umwallung wußte er eine niedrige Stelle, dort knüpfte er das Seil an einen vorspringenden Stein, und beide glitten daran in den trockenen Graben. Hans Loder war gerettet.

»Aber da hängt nun der Strick,« sprach er, »der wird uns verrathen.«

»Wird er nicht,« erwiederte Seppele, »mein guter Freund nimmt ihn weg und versteckt ihn, ehe die Hähne krähen. Nun hotterum, Hans! hier rechts durch die Büsche müssen wir kriechen und die Wege vermeiden, bis wir jenseits Ottrott sind. Dann wirst Du wohl sicher sein, und ehbevor sie Deine Flucht merken, bist Du über alle Berge.«

»Herr Burkhard wird Augen machen, wenn er erfährt, daß der Vogel davongeflogen ist, dem er an den Kragen wollte,« sagte Loder. »Was sie wohl glauben werden, wie ich ausgekommen bin!«

»Kerle wie wir, Hans, müssen überall heraus und hinein wischen können wie der Pfeifer ins Wirthshaus,« lachte Seppele.

Sie wanden sich langsam durch das Gebüsch bergab. Endlich unten angekommen, sprach Loder: »Seppele, ich habe noch was vergessen. Ist die Hexe, die Zigeunerin Haschop noch hier oder in Ottrott?«

»Oben im Schloß ist sie gewesen, aber ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen,« erwiederte Seppele.

»Wenn Du sie triffst, schmeiß sie ins Wasser und ersäuf sie!«

»Das nützt nichts, Hans. Hexen gehen nicht unter, die schwimmen oben.«

»So dreh ihr den Hals um.«

»Wäre Schade drum, sie hat so 'nen schönen Hals. Laß sie leben, Hans! uns wird sie ja nicht behexen.«

Loder brummte etwas Unverständliches in den Bart, und sie wanderten in einem großen Bogen um Ottrott herum im Walde weiter. Mittlerweile war es Tag geworden, aber trüb und wolkig. Seppele wollte noch immer nicht umkehren und brachte Loder nun auf den begangenen Weg, von wo er nicht mehr fehlgehen konnte, auf dem aber sein Befreier noch bei ihm blieb. --

Egenolf war, wo er irgend konnte, in der schnellsten Gangart geritten und hatte sein Pferd sehr angestrengt. Hie und da war er einem Fahrenden begegnet, der ihm aber nichts mitzutheilen wußte, weil er streifende Söldner nicht bemerkt hatte. Als er jetzt über St. Nabor hinaus auf dem Wege nach Ottrott war, sah er zwei Männer daherkommen, die er anfänglich ebenfalls für fahrende Leute hielt. Aber -- täuschte ihn denn sein scharfes Jägerauge? -- wenn der Eine von den Beiden nicht Hans Loder mit seinem langen, grauen Barte war, so konnte er keinen Bären mehr von einem Wolf unterscheiden. Er sprengte auf sie los, und »Hans! Hans!« rief er jubelnd, »bist Du's wahr und wahrhaftig? oder äfft mich ein Spuk am hellen, lichten Tage?«

»Bin's, Herr Graf! bin's lebendig und leibhaftig,« antwortete ihm Loder und schwenkte den Hut.

Egenolf sprang aus den Bügeln und fiel dem Alten um den Hals. Aber schnell zuckte er zurück, packte Loder bei den Schultern, drehte ihn hin und her und besah ihn rechts und links. »Hans!« rief er dann, »Du hast ja zwei Lauscher am Kopfe!«

»Ja, habt Ihr schon einmal einen Menschen gesehen, der _drei_ Ohren hatte, Graf Egenolf?« erwiederte Loder.

»Aber sie haben Dir doch eins abgeschnitten.«

»Mir? daß ich nicht wüßte! ich habe nichts gemerkt.« Er faßte sich mit der Hand erst nach dem einen, dann nach dem anderen Ohr und sagte: »Sie sitzen alle beide noch an der richtigen Stelle.«

Seppele schüttelte sich vor Lachen. »Ich kann's Euch erklären, Herr Graf,« sprach er. »Hans weiß nichts davon, und ich wollt' es ihm auch nicht sagen. Im Schloß Rathsamhausen war gerade eine alte Scheuerfrau gestorben, der hat man, aber wie sie schon todt war, auf Befehl des Herrn Burkhard ein Ohr abgeschnitten und es Syfritz mitgegeben, daß er's dem Herrn Grafen Schmasman als ein Ohr von Hans Loder überbrächte, um Euch zu schrecken und einzuschüchtern.«

»Was? ein Altweiberohr für ein Ohr von mir ausgegeben?« rief Loder entrüstet. »Als ob ich Ohren wie ein altes Weib hätte!«

»Das ist eine offenbare Beleidigung, Hans,« neckte ihn Egenolf. »Da hättest Du wohl lieber eins von Deinen eigenen hergegeben.«

Dann stimmten sie aber beide in Seppele's Lachen von Herzen ein.

»Ich bin hergeritten, Hans,« sprach Egenolf, »um zu versuchen, ob ich Dich mit Hilfe meines Freundes Bruno heimlich aus Deiner Haft lösen könnte, und nun bist Du schon frei. Wie geht das zu?«

»Der hier hat mir ausgeholfen,« sagte Loder auf Seppele zeigend. »Aber Jungherr Bruno darf es nicht wissen, Herr Graf!«

»Der Seppele von Ottrott? da bin ich doch neugierig; das mußt Du mir nachher erzählen. Und Du, Seppele,« wandte sich Egenolf an diesen, »ich bitte Dich, geh jetzt zurück und sage dem Jungherrn Bruno, da ich einmal hier in der Nähe wäre, würde ich mich sehr freuen, ihn sprechen zu können und erwartete ihn -- ja, wo denn? -- in Sanct Nabor. Weißt Du kein Wirthshaus in Sanct Nabor, Seppele?«

»Aber Herr Graf! ich und kein Wirthshaus wissen!« lachte der Spielmann. »Geht nur in den ›wackelnden Stern‹ da ist's gut. Querwaldein bin ich in einer kleinen halben Stunde auf Schloß Rathsamhausen und bestelle Euch den Jungherrn nach Sanct Nabor. Fahrwohl, Hans! sperrst mich auch nicht wieder ein?«

»Nein, Du treue Seele! Deine heutige That macht Alles wett, bist dafür in Gnaden aller Beschwerden entledigt,« versicherte Loder den eilig Scheidenden mit einem warmen Händedruck.

»Komm, Hans!« sprach Egenolf, »wir wollen in dem wackelnden Stern Angst und Schrecken mit Weinaufgießen beschwichtigen.«

Vor der Herberge in St. Nabor angekommen, befahl er, seinen Braunen in den Stall zu führen und abzureiben, aber noch nicht gleich Wasser zu geben. Dann traten sie ein und setzten sich an einen glatt gehobelten Tisch.

»Alten oder Neuen?« fragte der Wirth diensteifrig.

»Alten Klevner,« bestimmte Egenolf.

Als die bildsaubere Schenkin den Wein brachte, hielt sie Loder an ihren langen, blonden Zöpfen fest und scherzte mit ihr: »Mädel, wozu brauchst Du Deinen kirschrothen Mund am liebsten? zum Essen und Trinken, zum Schwatzen oder zum Küssen?«

»Euch zu sagen, daß Ihr ein rechter Schalk seid, Pfeiferkönig!« antwortete sie muthwillig, machte sich von ihm los und lief hinaus.

»Da hast Du's, Alter!« lachte Egenolf. »Wozu brauchst Du auch noch zu schäkern und zu tändeln!«

»Man muß kurzweilig sein mit den Leuten, die Gänse verstehen es nicht,« erwiederte Loder schmunzelnd. »Aber daß der Racker mich kennt!«

»Siehst Du! Die wird Dir einen feinen Leumund machen. Zum Wohl!«

Sie thaten jeder einen kräftigen Zug, und nun mußte Loder erzählen.

Als er mit dem umständlichen Bericht von seinem Wortstreit mit Burkhard und dem Hergang seiner Befreiung durch Seppele zu Ende war, sprach Egenolf: »Wir haben uns schwer um Dich gesorgt, Alles war in Aufruhr Deinetwegen. Deine Pfeiferbrüder, die Spielleute, kamen zu Hunderten auf die Ulrichsburg gezogen und bestürmten meinen Vater, Dich mit Gewalt zu befreien. Er versprach es ihnen auch, aber dabei stand zu befürchten, daß Du gehenkt würdest. Darum beschloß ich, auf eigene Faust und ganz verstohlen einen fein ausgesponnenen Befreiungsversuch zu unternehmen. Dazu bin ich nun zu spät gekommen, aber dabeisein möchte ich, wenn Du heut in Rappoltsweiler einwanderst und noch dazu mit beiden Ohren am Kopfe. Weißt Du was? Geh Du schnell voraus, ich komme Dir später langsam nach und hole Dich unterwegs ein, oder Einer wartet an einem bestimmten Punkte auf den Anderen, und wir ziehen beide zusammen in Rappoltsweiler ein. Ich setze Dich auf mein Pferd, gehe als Dein Knappe nebenher und bringe Dich im Triumph durch die Gassen und auf die Burg. Was meinst Du dazu?«

»Ja, so wollen wir's machen,« erwiederte Loder, »aber auf's Pferd setze ich mich nicht, wenn Ihr zu Fuße nebenher geht. Ich breche jetzt auf, werde rüstig ausschreiten und, wenn Ihr mich nicht früher einholt, in Sanct Pilt auf Euch warten. Von da an bleiben wir bei einander. Also auf Wiedersehen, Graf Egenolf!«

»In Sanct Pilt.«

Loder ging ab, und Egenolf blieb allein. Aber nicht lange währte es, da vernahm er Hufschlag vor der Herberge. Bruno war es, und Egenolf eilte hinaus, ihn zu empfangen. Die Begrüßung der Freunde war eine herzliche, aber wehmüthige, und jeder verstand den andern auch ohne Worte. »Komm herein!« sprach Egenolf.

»Nein, wir sind hier nicht sicher genug,« erwiederte Bruno. »Wir sind hier zu nahe bei Rathsamhausen, und dort dürfen sie nicht wissen, daß wir uns getroffen haben, was ihnen von hieraus leicht hinterbracht werden könnte. Laß uns nach Kloster Truttenhausen reiten; ich kenne den Prior, er wird uns gern eine kurze Rast gönnen, und wir sind dort ungestört und unbelauscht.«

Egenolf ließ sein Pferd vorführen. Sie saßen auf und trabten nach dem von Herrad von Landsberg gegründeten Kloster, das sie in kaum einer Viertelstunde erreichten.

In Truttenhausen wurden sie vom Prior Albertus freundlich aufgenommen und in das Refectorium geleitet, wo er ihnen guten Wein und einen Imbiß auftischen ließ. Nachdem er ihnen den Willkommstrunk dargebracht, zog er sich zurück, da er wohl merkte, daß die Beiden allein sein wollten.

»Du bist in Wehr und Waffen,« fing Bruno an, auf Egenolfs Harnisch deutend, »und ich kann Dir's wahrlich nicht verdenken, daß Du Dich für alle Fälle vorsiehst.«

»Wir werden uns, Gott sei's geklagt! bald schwerer bewaffnet begegnen,« sagte Egenolf. »Es ist traurig, daß unsere Väter, alte Freunde wie wir es sind und unter allen Umständen bleiben werden, gegen einander zu Felde ziehen, aber Dein Vater _will_ die Fehde.«

»Leider ist es so,« seufzte Bruno. »Meine Mutter hat ihm unablässig mit Bitten und Flehen in den Ohren gelegen, Frieden zu halten, aber vergeblich. Er ist beständig in einer furchtbaren, krankhaften Erregung und will sich durchaus an dem Grafen Oswald blutig rächen.«

»Ach, Bruno, das steht ihm erst in zweiter Reihe,« sprach Egenolf. »Wir wissen, welches brennende Verlangen ihn zum Kampfe spornt; sein Ziel ist die Hohkönigsburg. Und wir können die Thiersteiner dabei nicht im Stich lassen. Du wirst erfahren haben, daß Leontine meine Verlobte ist.«

»O verzeihe, daß ich daran noch nicht dachte, und nimm meinen Glückwunsch von Herzen!« sagte Bruno und drückte dem Freunde die Hand.

»Ich danke Dir, und nun, Bruno, laß uns wie immer offen gegen einander sein. Ich weiß, was Dich bei dem unseligen Zwist unserer Väter am schwersten bedrückt. Du liebst meine Schwester Isabella.«

»Ob ich sie liebe!«

»Und zweifelst nicht daran, daß sie Dich wiederliebt.«

»Wenn ich das wüßte!«

»Sie hat mir kein Wort gesagt, aber Du kannst dessen so sicher sein, wie daß ich hier Dir gegenüber sitze.«

»Egenolf!«

»Ja! darüber sei ohne Sorge. Aber ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der die Tochter seines Feindes liebt; war ich doch in der gleichen Lage wie Du jetzt. Soll ich es Isabella sagen, daß Du sie liebst?«

»Nein, nein! Das soll sie zuerst aus meinem Munde hören.«

»Recht so! aber eine leise Andeutung, nicht in Deinem Auftrage, darf ich ihr doch machen, um ihrem bangenden Herzen Ruhe und Sicherheit zu geben. Darf ich, Bruno?«

»Ja! bestelle ihr einen Gruß von mir, so innig, wie Du ihn in Worte zu kleiden vermagst.«

»Soll geschehen,« sprach Egenolf und erhob sich. »Ich muß fort, denn ich habe einen weiten Weg.«

Sie ließen sich beim Prior melden, um sich von ihm zu verabschieden und ihm für seine Gastfreundlichkeit zu danken. Nachdem sie dies gethan, bestiegen sie die Pferde, sagten sich herzlich Lebewohl und ritten von dannen, der Eine nach Norden, der Andere gen Süden. Des durch Seppele befreiten Gefangenen hatte keiner von beiden mit einem Wort Erwähnung gethan. --

Als die Klosterglocke von St. Pilt das Ave läutete, erblickte Egenolf den mit langen Schritten ausgreifenden Loder in einiger Entfernung vor sich. Er setzte sein Pferd in Trab und hatte ihn bald erreicht. »Bist wohl mit Siebenmeilenstiefeln gewandert,« rief er ihm zu, »ich dachte nicht, daß Du so weit kommen würdest, ehe ich Dich einholte.«

»Rasch gehen ist meine Art von früher Gewohnheit aus der Zeit, da ich noch als junger Fahrender durch die Welt lief, und ich kann es auch in meinem betagten Alter noch,« erwiederte Loder.

»In Rappoltsweiler willst Du nicht hoch zu Roß einziehen,« sprach Egenolf, »aber jetzt steigst Du auf und ruhst Dich im Sattel ein wenig aus, ich will es so. Soll ich Dir den Bügel halten?«

»Na, das fehlte noch!« lachte Loder, gehorchte aber gern und saß auf. Egenolf ging nebenher und hielt mit dem Reitenden gleichen Schritt.

»In Rappoltsweiler wissen sie's jetzt wahrscheinlich schon, daß ich frei geworden bin,« sagte Loder. »Ich traf zwei Pfeiferbrüder, die vorausgerannt sind, meine Rückkehr zu verkünden.«

»Da wird es nun von Mund zu Munde heißen: der Pfeiferkönig kommt wieder! und sie werden Dich großartig empfangen. Wie herrlich wäre es nun, wenn Du eingeritten kämst! thu es doch, Hans!« suchte Egenolf ihn zu bereden.

»Nein, das thu ich nicht. Ja, wenn wir zwei Pferde hätten, ich den alten, dicken Schimmel aus dem Gnadenstall der Ulrichsburg, daß wir beide neben einander reiten könnten, das ließ' ich mir gefallen, aber Ihr gehen und ich reiten, -- nein, das bring ich nicht fertig,« erklärte der Alte.

Dicht vor Rappoltsweiler stieg er ab, und Egenolf schwang sich wieder auf. Am Thore, zum Theil vor dem Thore standen Haufen von Menschen, und als die Beiden herankamen, als brächte Egenolf den befreiten Liebling seinem harrenden Volke wie im Siegeszuge zurück, da brach der helle Jubel los. »Willkommen! willkommen, Hans!« schrieen sie ihm zu, und Alles drängte sich an ihn heran, ihm die Hände zu schütteln. Einer der Fahrenden, die seine Rückkehr verkündet hatten, sprang herzu, strich ihm die langen, grauen Locken an beiden Schläfen zurück und rief: »Seht her! kein einziges von seinen Ohren fehlt ihm!« was die Freude des Wiedersehens noch erhöhte. Viele, die von seiner Flucht noch nichts Näheres gehört hatten, jauchzten auch Egenolf dankbar zu, weil sie glaubten, er hätte den Pfeiferkönig befreit und aus Rathsamhausen zurückgeholt, und Egenolf kam in dem Lärm nicht zu Worte, die unverdiente Ehrung abzulehnen. Das ging so durch die ganze Stadt, bis die Zwei durch das Thor des Metzgerthurmes wieder heraus waren, um sich zur St. Ulrichsburg hinaufzubegeben, denn dahin mußte Loder mit; Egenolf ließ es sich nicht nehmen, ihn seinem Vater lebendig und heil zuzuführen.

Als er dann mit dem Geretteten plötzlich oben in das Gemach trat, wo er die Seinigen mit Kaspar und Imagina beisammen fand, waren Überraschung und Freude erst recht groß. Sie flogen förmlich von ihren Sitzen, umringten Loder und bestürmten ihn mit tausend Fragen. Da machte es Egenolf so wie unten in der Stadt jener Fahrende: er zeigte ihnen Loders beide unversehrte Ohren. Der Pfeiferkönig mußte zum Abendessen und auch die Nacht auf der Burg bleiben, und bei Tische erzählte er ausführlich seine Erlebnisse.

Schmasman ärgerte sich zwar über den höhnischen Schimpf und Possen, den ihm Burkhard mit dem untergeschobenen Ohr gespielt hatte, war aber froh, daß es nur ein heimtückischer Narrenstreich gewesen war, und freute sich von Herzen, seinen lieben Hans lebendig wieder zu haben. Lächelnd sprach er: »Nun verzeihst Du mir auch wohl, Hans, daß ich den Seppele ohne Deine Erlaubniß frei gelassen habe. Oder hast Du ihn, wie Du ja wolltest, wirklich wieder mitgebracht, um ihn einzusperren?«

»Nein, Herr Graf, heute hab' ich ihn begnadigt,« lachte der Alte.

Nach Tische flüsterte Egenolf seiner Schwester Isabella ein paar Worte zu, die ihre Augen aufleuchten und ihre Wangen erglühen machten.

Da trat Imagina, der nichts entging, was in ihrer Gegenwart geschah, auf ihn zu und sagte leise: »Egenolf, wenn das nicht ein Gruß von Bruno war, so will ich fortan mit Eulen statt mit Falken baizen.«

»Was sollte es wohl sonst gewesen sein, Du Allwissende!« gab er ihr lachend zurück.

XXIII.

Als Herrn Burkhard die Flucht Loders gemeldet wurde, wollte er Anfangs gar nicht daran glauben und gerieth, als er es doch wohl oder übel mußte, in eine unbändige Wuth, von der er nur nicht wußte, an wem er sie austoben sollte. Der Schließer schwor bei allen Heiligen, die Thür heute Morgen fest verschlossen und unversehrt, das Gemach aber leer gefunden zu haben. Auf welche Weise war der so sicher Verwahrte nun entkommen? Aus dem Fenster konnte er nicht gesprungen sein, denn das Jeratheusgemach lag in so bedeutender Höhe über dem Erdboden, daß ein Sprung in die Tiefe dem ihn Wagenden unfehlbar den Tod bringen mußte. Der Reisige, der in der Nacht die Wache gehabt, wurde einem scharfen Verhör unterzogen, behauptete jedoch, auf seinen fleißigen Rundgängen nicht das Geringste von dem Ausbrechen des Gefangenen wahrgenommen zu haben. Trotzdem wurde er drei Tage lang in den Thurm gesperrt. An den Weg durch den Kamin dachte Niemand.

Burkhard stand vor einem Räthsel, und je länger er vergeblich über dessen Lösung tüftelte, desto mehr boßte er sich über die unbegreifliche Thatsache. Endlich kam er auf die naheliegende Vermuthung, daß seine lieben Rappoltsteiner bei der Befreiung ihres verhätschelten Günstlings die Hand im Spiele gehabt hätten. Aber wie? Der Schließer ließ sich nicht bestechen. Sollte sich Jemand bei Nacht in seine Kammer geschlichen, dem Schlafenden den Schlüssel zum Jeratheusgemach entwandt und nachher unbemerkt wiedergebracht haben? Das konnte dann nur Einer gethan haben, der im Schlosse wohnte. Und nun stieg dem Ergrimmten mit einem Mal ein dringender Verdacht auf seinen Sohn Bruno, den vertrauten Freund Egenolfs von Rappoltstein, auf. Sofort ließ er ihn zu sich bescheiden.

Aber Bruno war nicht daheim, war weggeritten, wie der Diener berichtete.

Weggeritten? -- Aha! -- »Sobald mein Sohn zurückkehrt, will ich ihn sprechen,« befahl er.

Sein Verdacht wurde damit zur Gewißheit: Bruno, von Egenolf dazu angestiftet, hatte Loder durch heimliche Aneignung des Schlüssels befreit und gab ihm nun zu Pferde das Geleit, bis der Flüchtige in Sicherheit war. Das sollte dem Aufsässigen, der mit seinen Feinden unter einer Decke zu stecken schien, übel bekommen.

Burkhard mußte geraume Zeit warten, bis Bruno vor ihm erschien, was ihn in eine immer gereiztere Stimmung versetzte. Er nahm sich vor, ihm die That auf den Kopf schuld zu geben, ihn damit zu überrumpeln und dermaßen zu verwirren, daß er nicht leugnen konnte.

So empfing er ihn denn mit der zornig barschen Frage: »Wohin hast Du Loder gebracht?«

»Wohin ich Loder gebracht habe? -- Die Frage versteh ich nicht, Vater; was ist denn mit Loder?« erwiederte Bruno verblüfft.

»Thu nur nicht so, als wüßtest Du nicht, daß Loder auf und davon ist. Du hast ihm ausgeholfen,« fuhr Burkhard auf den Sohn los.

»Loder auf und davon? und ich ihm ausgeholfen?« Bruno schüttelte den Kopf und blickte seinen Vater verwundert, fast mißtrauisch an, als dächte er Gott weiß was von ihm.

»Leugne nicht! es nützt Dir nichts,« schrie Burkhard, kirschroth im Gesicht.

»Vater, ich höre in diesem Augenblick das erste Wort davon, daß Loder entflohen ist.« Bruno sagte das mit einer so unschuldigen Miene und einem so unbefangenen Tone, daß Burkhard stutzig und zweifelhaft wurde.

»Du kommst von einem Ritt nach Hause,« hub er nach einem kurzen Schweigen wieder an. »Wo warst Du?«

»Ich habe einen Ausritt in die Umgegend von Ottrott und Sanct Nabor gemacht.«

»Und hast von Loder nichts gesehen und gehört?«

»Nicht die Spur, Vater! ich versichere es Euch,« erwiederte Bruno noch immer ruhig. Aber trotz seiner heimlichen Freude über Loders Befreiung ward ihm schwül zu Muthe, denn ihm bangte vor dem weiteren Forschen seines Vaters nach dem Zweck und Ziel seines Rittes. Daß er mit Egenolf zusammengewesen war, durfte jener nicht erfahren.

»Hast Du unterwegs einen Bekannten getroffen? -- ich meine zufällig, vielleicht einen unserer Freunde oder --«

Aber ehe Burkhard seine Frage vollenden konnte, kam dem nun wirklich in Verlegenheit Gerathenden eine unverhoffte Rettung, die ihn der Antwort überhob.

Die Thür ward aufgestoßen, und der Ritter Jost von Müllenheim trat unangemeldet und geräuschvoll herein. Er war mit seiner knochigen Gestalt fast einen Kopf größer als der untersetzte, stiernackige Burkhard, auf den er gleich zusprang. »Hallo, Burkhard, da bin ich!« rief er, dem Freunde kräftig die Hand schüttelnd, »gieb mir einen Schluck von Deinem Ottrotter Rothen, ich hab's nöthig und hab's auch verdient um Dich. Du weißt, was ich einen Schluck nenne.«

»Ich schaff' Euch ein Krüglein, Herr Pathe!« sprach Bruno, froh, mit so guter Gelegenheit seinem Vater entschlüpfen zu können.

»Thu das, mein Söhnlein! aber das Krüglein kann auch ein Krug sein,« rief Jost dem Enteilenden nach, »ich bin seit Sonnenaufgang im Sattel.«

»Ich habe heute noch keine Sonne gesehen,« sagte Burkhard in schlechter Laune. »Wo kommst Du denn her?«

»Von Girbaden, aber auf Umwegen,« erwiederte Müllenheim. »Zu Nacht war ich auf Burg Landsberg bei Henning. Dietrich von Lützelstein von der Frankenburg und Eckbrecht von Dürkheim waren bei ihm, und da ließen sie mich gestern Abend nicht mehr los von dem Faß neuen Geisberger, das sie angezapft hatten.«

»Also davon der Durst,« brummte Burkhard.

»Deine Freude über mein Kommen scheint mäßig,« bemerkte Müllenheim. »Was hast Du denn?«

»Blitzblauen Ärger hab' ich. Mir ist diese Nacht Einer ausgekommen, den zu halten mir viel werth war, der Pfeiferkönig.«

»Den Pfeiferkönig hattest Du eingelegt?«

»Ja; er brachte mir ein Geschreibsel von Schmasman, ich sollte mit dem Thiersteiner Frieden machen,« sagte Burkhard höhnisch. »Dabei kam es heraus, daß der Schuft, der Loder, mein Gespräch mit Dir über die Hohkönigsburg erlauscht und seinem gnädigsten Herren Wort für Wort überliefert hat. Zum Dank dafür ließ ich ihn einsperren, um ihn als Geißel gegen die Rappoltsteiner gebrauchen zu können, aber der Kerl ist mir entwischt; wie, das weiß der leibhaftige Satan, der dabei geholfen haben muß.« Darauf erzählte er seinem Gaste die Geschichte mit dem untergeschobenen Altweiberohr, worüber Müllenheim in ein schütterndes Lachen ausbrach.

»Du lachst,« sprach Burkhard stirnrunzelnd, »und auf der Ulrichsburg werden sie noch mehr lachen, wenn sie sehen, daß es nur eine List von mir war, weil ich wußte, daß es Schmasman nicht darauf ankommen lassen würde, seinen geliebten Pfeiferkönig dem Gehängtwerden auszusetzen, womit ich ihm bei der ersten Feindseligkeit gegen mich gedroht hatte. Der Loder war mir eine sichere Bürgschaft, so lange ich ihn als Geißel in meiner Gewalt hatte.«

»Geißel, Geißel gegen Rappoltstein! was soll denn das bedeuten?« fragte Müllenheim ungeduldig.

»Schmasmans Sohn heirathet die Rothe auf der Hohkönigsburg,« platzte Burkhard grimmig heraus.

»Was? Du hast wohl das Zipperlein zur Abwechselung einmal im Hirn statt wie sonst in den Zehen,« lachte Müllenheim wieder hell auf.

»Jawohl! der Schlag könnte Einen dabei rühren,« knirschte Burkhard in stickender Wuth. »Aber wahr ist's, und das Übrige kannst Du Dir an Deinen fünf Fingern abzählen.« Von dem auf der Hohkönigsburg abgeschlossenen, allen Streit beilegenden Vertrage der beiden Väter des jungen Paares, über den ihm Schmasman in seinem Briefe ausführlich berichtet hatte, sagte er dem Freunde kein Wort.