Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 17

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»Frage mich nicht, ich darf es nicht verrathen,« erwiederte Loder. »Sie hat auch gewahrsagt,« fügte er nach einer Weile hinzu, »wenn Graf Egenolf und Gräfin Leontine sich mit einander verbänden, so würde groß Unglück und Blutvergießen daraus kommen. Und es kommt schon, es kommt schon, Fritz! Du sollst sehen, zwischen unserem Herrn und Burkhard giebt es dieses Verlöbnisses wegen heiße, blutige Fehde.«

Unter solcherlei Gesprächen waren sie allmählich in Ottrott angelangt und hielten hier in der Herberge zum lustigen Rebmann eine kurze Rast, um sich durch einen Trunk zu stärken.

»Willst Du hierbleiben und auf mich warten, bis ich oben im Schloß meine Sach erledigt habe?« fragte Loder.

»Nein, Hans, ehrbare Biederleut verlassen sich nicht,« erwiederte Syfritz. »Ich gehe mit Dir, würde mich hier um Dich sorgen und Dich in großen Gefährden sehen. Dem Rathsamhausen trau ich Alles zu, garnichts ausgenommen und hintangesetzt.«

Loder schüttelte den Kopf: »Es wäre ja wider allen deutschen Brauch, wenn er mir etwas anthäte.«

»Ich bleibe, wo Du bleibst,« erklärte Syfritz nochmals.

»So komm denn!«

Auf Schloß Rathsamhausen fanden sie ein lebhaftes Treiben von reisigem Volk und eine große Menge von Gewaffen und allerhand Rüstzeug aufgestapelt. Sie ließen sich beim Burgherrn anmelden, der den Befehl gab, ihm Loder sofort vorzuführen, seinen Gesellen aber bis auf Weiteres nicht aus dem Thor heraus zu lassen.

Burkhard empfing Loder sehr unwirsch, riß ihm das dargebotene Schreiben aus der Hand und erbrach es mit einer ungeduldigen Hast.

Erstaunen und heftiger Unwille drückte sich beim Lesen des sehr langen Briefes auf seinen Zügen aus; er stampfte mehrmals mit dem Fuß auf den Boden und stieß mißmuthig unverständliche Worte aus. Dann warf er den Brief verächtlich auf den Tisch und höhnte: »Schöne, herrliche Klugreden, -- Narrenspossen, über die ich lachen muß!«

»Ich hab Euch beim Lesen nicht lachen sehen, Herr von Rathsamhausen,« sprach Loder unverfroren.

Burkhard maß ihn von unten bis oben mit einem finstern Blick und sagte mit scharfem Ton: »Du antwortest nicht unbehend, weißt auch wohl, was in dem Geschreibsel drinsteht, das halb bettelt, halb trutzt.«

»Wissen thu' ich's nicht, aber denken kann ich's mir.«

»Hat Dein Herr mehr solche Briefe versandt? auch an Andere?«

»Meines Wissens nicht, und ich glaub's nicht.«

Da flog ein Ausdruck der Befriedigung über Burkhards Gesicht. »Ich soll mit dem Thiersteiner Frieden machen,« sprach er, »ist das etwan nicht lächerlich?«

»Meines Dafürhaltens nicht.«

»Aber meines Dafürhaltens ist es schimpflich und schmachvoll, wenn ein Rittersmann dem andern sein verpfändet Wort bricht.«

»Da habt Ihr Recht, Herr! Man muß den Stier bei den Hörnern, die Frau beim Rock und den Mann beim Wort fassen,« erwiederte Loder. »Wer aber selber nicht Treu und Glauben hält, darf sich nicht wundern, wenn sich der Betrogene von ihm abkehrt.«

»Wer ist betrogen, und wer hat betrogen?« fuhr Burkhard auf.

»Ich habe einmal eine Mär von einem Rittersmann gehört, der sich mit einem andern unter einer gewissen Bedingung zu einer Fehde verabredet hatte, diese Bedingung aber nicht einhielt, sondern seinen Bundesgenossen nur zu seinen eigenen ehr- und habsüchtigen Zwecken hinterrücks ausnutzen wollte.«

»Was Du sagst! ein ganz verzwickter Fall! Schade, daß Du den Rittersmann nicht vor Dein Pfeifergericht ziehen und einsperren kannst wie den armen Seppele seines lustigen Schelmenliedes wegen.«

»Ja, sehr Schade! ich thät' es gar zu gern,« lachte Loder.

»Unverschämter!« rief Burkhard zornroth, »es ist mir noch in frischem Gedächtniß, wie Du Dich in Deinem Lumpenkönigthum trotzig gegen mich aufgespielt und mein Angebot einer erklecklichen Buße für Seppele schnöde zurückgewiesen hast.«

»Mit Fug und Recht, Herr! und den Seppele hole ich mir doch und sperre ihn so lange wieder ein, bis er seine Zeit abgesessen hat, mit oder ohne Eure gnädige Erlaubung.«

»Blähst Dich ja schon wieder ganz hochmüthig auf und bist doch hier in meiner Gewalt.«

»Eine Gans bückt sich, wenn sie durchs Scheunenthor geht. Im Übrigen stehe ich hier als Abgesandter des Grafen Maximin von Rappoltstein,« sprach Loder nachdrücklich im Bewußtsein seiner Würde.

»Hoher Sendling,« spottete Burkhard, »könntest Dir ein gutes Botenbrod verdienen, wenn Du mir sagtest, wer meine Eule hat, die sie mir in Rappoltsweiler gestohlen haben. Ich will sie wiederhaben, und der sie mir vom Kopfe geschlagen, an dem will ich mich rächen, o -- blutig rächen, keine Ruhe hab ich, bis ich an dem Menschen meine Rache gekühlt habe,« schrie er voll Gift und Galle. »Gesteh es! wer hat die Eule?«

»Ich weiß es nicht, einer von meinen Herren gewiß nicht.«

»Hast Du sie nicht auf der Hohkönigsburg gesehen? bist doch wohl oben gewesen und hast für Deinen Junker den Freiwerber bei der rothmähnigen Grafentochter gemacht. Oder hat sich Gräfin Imagina damit ein Paar rothe Kuppelschuhe verdient?«

»Dazu bedurfte Graf Egenolf keines Vermittlers; er hat selber um die schöne, junge Gräfin geworben,« entgegnete Loder. »Bei dem Brautschmaus auf der Hohkönigsburg war ich zu Gaste, aber wenn ein Rappoltstein einen Fürsprecher nöthig hätte, würde er sich dazu einen Mann von Stand und Rang aussuchen.«

»Ihr Rappoltsteiner, Herr wie Knecht, bildet euch wohl ein, die Eier, die eure Hennen legen, hätten zwei Dotter?«

»Das nicht, aber zwei Zungen haben die Rappoltsteiner auch nicht im Munde.«

Wieder traf den Kühnen ein drohender Blick, doch Burkhard bezwang sich noch, und mit gespannt lauerndem Ausdruck sprach er: »Jetzt sage mir einmal, wenn Du es weißt, welche Klatschzunge es gewesen ist, die Deinem Herren meine Absicht auf die Hohkönigsburg verrathen hat.«

»Die selbe Zunge, Herr, die hier zu Euch spricht.«

»Du? -- Du hast das gethan?« rief Burkhard mit weit aufgerissenen Augen und, die Hand auf dem Tische, sich wie zum Sprunge vorbeugend.

»Niemand anders. Erinnert Ihr Euch, daß ich Euch bei Eurem Abreiten vom Pfeifergericht in Rappoltsweiler den Bügel hielt? Ihr sahet mich nicht, weil ich auf der anderen Seite Eures Pferdes stand, aber ich hörte das Gespräch, das Ihr vor dem Aufsitzen mit Herrn Jost von Müllenheim über meinen Lehnsherrn und die Hohkönigsburg führtet.«

»Und das Gespräch hast Du Deinem Herrn hinterbracht?«

»Wort für Wort.«

»O Du Schelm! o Du Hund von einem Schelm, das will ich Dir ankreiden!« knirschte Burkhard und schüttelte die geballte Faust vor Loders Gesicht. »Also Du bist der Schmied gewesen, der den Pfeil gegen mich geschmiedet hat. Ich weiß, Du bist Deinem Herrn soviel und vielleicht noch mehr werth als mir der Seppele, für dessen ungebührliche Verfestung ich Dir den Habedank auch noch schuldig bin. Jetzt sperre ich _Dich_ ein für Deinen Verrath, und bei der ersten feindlichen Bewegung Deines Schutzherrn gegen mich sollst Du des Henkers Tauben füttern.« Dabei beschrieb er mit dem Zeigefinger einen Kreis um den Hals und wies nach oben in die Luft. »Weil Du aber ein König bist,« fuhr er höhnisch fort, »sollst Du ritterlich Gefängniß haben. Deinen Spießgesellen, den Du mitgebracht hast, schicke ich morgen heim, damit er eurem wortbrüchigen Herrn meldet, wie gut und sicher Du hier aufgehoben bist und was Dir bevorsteht, wenn er nur eine Hand gegen mich rührt.« Dann schrie er zur Thür hinaus, der Vogt sollte kommen.

»Ob Ihr mir ritterlich und königlich Gefängniß gebt, Euer Handeln ist unritterlich und ehrvergessen,« warf ihm Loder mit stolzer, unerschrockener Haltung ins Gesicht.

»Reize mich nicht zum Äußersten, Mensch!« schnob ihn Burkhard wüthend an. »Kein Wort mehr! oder ich lasse Dir den Kopf abschlagen und schicke ihn Deinem Herren als einzige Antwort auf seinen Freundschaftsbrief.«

Dem Alten lief es kalt über den Rücken; der Tobende war in seinem rachsüchtigen Jähzorn zu Allem fähig, seine Augen rollten und funkelten unheimlich.

Der Schließer trat ein, und sein Gebieter befahl ihm: »Losiere den Pfeiferkönig oben in dem Jeratheusgemach ein, und seinen Gesellen sperrt ihr in den Thurm, aber hungern soll er nicht.«

»Komm mit!« sprach der Schließer und legte seinem Gefangenen die Hand auf die Schulter.

An der Thür wandte sich Loder noch einmal zu Burkhard um und fragte: »Schickt Ihr morgen den Syfritz nach Rappoltsweiler zurück?«

»So hab ich gesagt,« erwiederte Burkhard, »und so wird es geschehen.«

Als er allein war, verbrannte er Schmasmans Brief. »Kein Mensch darf erfahren, was darin gestanden hat,« sprach er zu sich selber.

Der Schließer führte Loder in dem gewaltigen, vierstöckigen Burgbau noch zwei Treppen höher in ein Gemach, das einen großen, von schönen romanischen Säulen getragenen Kamin hatte. Sie nannten es im Schloß das Jeratheusgemach, weil vor langen Jahren ein Ritter von einem anderen Zweige des Geschlechts, ein Herr Jeratheus von Rathsamhausen zum Stein, als Gefangener dort gesessen hatte und in dem Zimmer an seinen im Kampf erhaltenen Wunden gestorben war.

Es war allerdings ein ritterliches Gefängniß, in dem sich Loder hier befand, und noch nie und nirgend hatte er einen so behaglichen Wohnraum zur Verfügung gehabt, wie diesen, den man ihm zwangsweise angewiesen hatte. Aber der Freiheit beraubt, zur Einsamkeit verdammt litt er unsäglich, und seine alte, sonst so lustige Spielmannsseele war wie geknickt und gebrochen. Das graue Haupt schwer auf die Hand gestützt saß er am Tische und sann über seine Lage, in die er ohne Schuld verstrickt war, nach. Wenn jedoch Burkhard Wort hielt und Syfritz am nächsten Tage freiließ, so würde dieser auf der St. Ulrichsburg das Schicksal seines Genossen melden, und dann wußte Loder ganz genau, daß Schmasman seinen alten Trumpeterhans nicht im Stich lassen, sondern Alles zu seiner Befreiung aufbieten würde, auch Waffengewalt, um die Mauern seines Kerkers zu stürmen und zu brechen. Aber gerade darin lag die größte Gefahr für ihn, denn er mußte darauf gefaßt sein, daß Burkhard dann mit seiner Drohung Ernst machte und ihn aufknüpfen ließ. Und that er dies auch nicht gleich beim ersten Angriff, so würde er doch seinen Gefangenen die Erstürmung und Übergabe der sehr widerstandsfähigen Burg gewiß nicht überleben lassen.

Burkhard hielt Wort. Am andern Morgen kam der Schließer zu Syfritz und zeigte ihm seine Freilassung an mit dem Auftrage, dem Grafen von Rappoltstein zu verkünden, was Burkhard für den Fall einer feindseligen Haltung Schmasmans über Loder beschlossen hatte. In der Hand hatte er einen in einen Lappen gewickelten Gegenstand, den er jetzt vor Syfritz' schreckstarrenden Augen enthüllte. Es war ein menschliches Ohr. »Damit Dein Herr gleich sieht,« lachte der Vogt, »daß wir hier nicht spaßen und fackeln, schickt ihm Herr Burkhard dieses Ohr, das wir dem Pfeiferkönig gestern Abend noch abgeschnitten haben. Da, nimm es hin und bring es Deinem Herrn als Wahrzeichen.« Mit Schaudern steckte Syfritz das wieder eingehüllte Ohr ein. »Nun trolle Dich und mach, daß Du heimkommst!« fügte der Schließer hinzu.

»Schinder und Schinderknechte! Gott verdamm' euch!« sagte Syfritz, wofür er zum Abschied einen Schlag ins Genick bekam.

Mit welcher fürchterlichen Botschaft ging nun Syfritz dahin! Er eilte nach Leibeskräften, aber in den Städten und Dörfern, durch die sein Weg ihn führte oder die er auf kleinen Umwegen erreichen konnte, hielt er an, erzählte das schreckliche Begebniß, zeigte das abgeschnittene Ohr des allbekannten und allbeliebten Pfeiferkönigs und rief überall Abscheu und Entrüstung über die nichtswürdige That hervor. Wo er Spielleute antraf oder ausfindig machen konnte, da stachelte und hetzte er sie auf und verpflichtete sie, die Kunde von Ort zu Ort weiterzutragen und in der ganzen Pfeiferbruderschaft zu verbreiten. Das versprachen sie gern und thaten es ungesäumt. Sie liefen umher, Einer sagte es dem Andern und dieser wieder einem Dritten, der dann noch ferner Wohnenden die grausige Mär überbrachte: Hans Loder liegt mit Ketten gebunden im Thurm von Rathsamhausen und ist mit dem Tode bedroht, die Ohren haben sie ihm schon abgeschnitten. Einige schlossen sich Syfritz sofort an, und immer mehr gesellten sich auf dem Wege zu ihm, so daß er Abends mit einem Trupp von fahrenden Leuten in Rappoltsweiler ankam, die das fast Unglaubliche in allen Gassen ausschrieen. Bald war es in der ganzen Stadt bekannt, und Jammern und Wehklagen, Wuthausbrüche und Verwünschungen wurden laut.

Syfritz begab sich an dem Abend noch zur St. Ulrichsburg hinauf, wo seine Meldung bei Herrschaft und Gesinde das größte Entsetzen erregte. Graf Schmasman, der sich so gut zu beherrschen verstand, gerieth vor tiefinnerster Empörung über Burkhards ruchlose Behandlung seines Abgesandten ganz außer sich und machte sich bittere Vorwürfe, Hans Loder die erbetene Erlaubniß zur Bestellung des Briefes ertheilt zu haben. Mit zornbebender Stimme erklärte er den Seinigen: »Jetzt einen Strich durch die alte Freundschaft! die ist für mich todt und abgethan. Kein Zaudern, kein Schwanken und keine Schonung mehr! Das Schwert soll entscheiden, und wehe dem verblendeten, gewaltthätigen Pocher, wenn er dem Hans noch das geringste Leid zufügt! Morgen sollen die Boten fliegen, und der Fehderuf soll Herren und Mannen in den Harnisch treiben, die eine Faust zum Dreinschlagen für die drei rothen Schildlein im weißen Felde haben.«

XXII.

Am nächsten Morgen ertönte vom Bergfried der St. Ulrichsburg wieder der Hornruf des Thürmers, durch den Schmasman seine Brüder Wilhelm und Kaspar zu sich bescheiden ließ. Sie kamen auch alsbald, waren über die Einkerkerung und Todesbedrohung Loders in gleichem Maße empört wie Schmasman und völlig einverstanden mit ihm, daß zur Befreiung des Gefangenen Alles gethan werden müßte, was in ihrer Macht stand. Alle drei beschlossen, die Fehde gegen Burkhard sofort nach Zusammenziehung der verfügbaren Streitkräfte zu beginnen und ihm Angesichts seiner unritterlichen Handlungsweise gar nicht erst förmlich abzusagen.

Nun galt es zunächst, die Freunde zu benachrichtigen und die Lehnsleute aufzubieten. Es wurden kurze Briefe und Befehle geschrieben und Boten zu ihrer Überbringung an die nah und fern hausenden Kampfgenossen abgefertigt. Tags darauf, weil heute keine Zeit mehr zu weiten Ritten übrig geblieben war, sollten die Grafen Wilhelm und Kaspar zu Rudolf von Andlau und Johann von Kageneck reiten und ihnen mit der Rathsamhausen'schen Unthat zugleich die zu Stande gekommene Einigung Schmasmans und Oswalds sowie das auf der Hohkönigsburg stattgehabte Verlöbniß Egenolfs und Leontinens mittheilen. Egenolf aber sollte heute noch dem Grafen Oswald von den jüngsten Ereignissen und den Beschlüssen der Brüder Rappoltstein Kunde geben.

Wie schnell und weit herum das widrige Geschick Loders bekannt geworden war, und welche große Theilnahme es in der Pfeiferbruderschaft gefunden hatte, davon gab die Menge der von allen Seiten herbeiströmenden Spielleute ein beweiskräftiges Zeugniß. Vom frühen Morgen an kamen sie in Rappoltsweiler hereingewandert, einzeln, zu Paaren und Mehreren gesellt, auch solche, die Loder im Pfeifergericht schon einmal mit harten Bußen belegt hatte und die sich doch nun um ihn bangten und für ihn eintreten wollten. Auch ältere und jüngere Frauen und Mädchen kamen mit, und unter ihnen mochte manch Eine sein, die aus früherer Zeit her noch mit alter Liebe an ihm hing. Denn der unbekehrte Hagestolz war in jungen Jahren mit seiner schlanken Gestalt und den lachenden, feurigen Augen ein gar schmucker, geschwinder Gesell gewesen, dem die heiß klopfenden, nicht eben spröden Herzen der weiblichen Fahrenden in Hulden geneigt und ergeben waren, und auch später noch sollte er bei Vielen Hahn im Korbe gewesen sein und sich großer Gunst zu erfreuen gehabt haben; dem liebenswürdigen, verführerisch kecken Trumpeterhans könnte man nichts abschlagen, hieß es stets. Nun waren die einstigen trauten Freundinnen von ihm mitgekommen, um Genaueres über sein Schicksal zu erfahren, und Syfritz war beständig von Fahrenden umgeben, denen er immer und immer wieder Red und Antwort stehen mußte.

Nachmittags hielten sie vor den Thoren der Stadt eine Versammlung ab, in der sie den Gefühlen ihres Herzens mit leidenschaftlichen Worten und heftigen Forderungen Luft machten und sich dahin einigten, allesammt nach der St. Ulrichsburg hinaufzuziehen und von ihrem Schutz- und Schirmherrn die gewaltsame Befreiung Loders zu verlangen. Gegen Abend trafen sie in einer fast zweihundert Köpfe zählenden Schaar im Burghof ein und wünschten den Herrn Grafen zu sprechen. Als Schmasman auf dem Altan, wo er ihre Huldigung am zweiten Pfeifertage entgegengenommen hatte, erschien, riefen sie ihm mit erhobenen Händen in wilder Erregung zu: »Loder befreien! Hans Loder retten! wir wollen unsern Pfeiferkönig wiederhaben!« Er winkte ihnen Schweigen, sagte ihnen, daß er sich über ihre anhängliche Treue zu dem Schwerbedrohten von Herzen freue, und versicherte sie, daß er selber zu dessen Rettung fest entschlossen sei und die dazu nöthigen Schritte bereits eingeleitet habe; der Kampf gegen Rathsamhausen würde in den nächsten Tagen seinen Anfang nehmen und sollte mit allem Nachdruck geführt werden. Da jubelten sie ihm stürmisch und freudig zu, schwangen die Hüte und schrieen und jauchzten ohne Unterlaß. Dank und Segenswünsche für Schmasman wechselten mit zornlodernden Flüchen gegen Burkhard, bis Einer aus der Menge mit einer alle anderen übertönenden Stimme als Sprecher auftrat und zum Altan hinaufrief: »Euer Gnaden Herr Graf, wir Spielleut verstehen uns schlecht auf Kriegsbrauch und Handhabung der Waffen, aber Tag und Nacht, mit Leib und Leben wollen wir Euch helfen und bitten Euch, unsere Dienste nicht zu verschmähen. Wir wollen auf der Lauer liegen und kundschaften, was von den Unternehmungen des Feindes zu erspüren ist. Mit Spähern wollen wir ihn umstellen, damit Ihr erfahrt, was gegen Euch im Werk ist, wo sich reisig Volk blicken läßt, und Alles, was zu wissen Euch nützen und ihm schaden kann, wollen wir Euch sicher und schnell zutragen.« »Ja, das wollen wir! das wollen wir! Tag und Nacht wollen wir Spielleut für Euch auf der Hut sein,« fiel die ganze Schaar begeistert ein.

»Ich dank euch, liebe Freunde, und nehme eure guten Dienste gern an,« sprach der Graf. »Ich weiß, daß ich mich auf euch verlassen kann, und wenn Hans Loder zu retten ist, so rett' ich ihn, darauf geb' ich euch mein Wort. Und damit Gottbefohlen! fahretwohl!«

Er trat vom Altan in das Innere des Schlosses zurück, und wie ein tosender Sturmwind brauste ihm der Jubel der Menge aus dem Burghof nach. Dann zogen sie wieder ab und in froher Hoffnung singend und lärmend den Berg hinunter.

Als Egenolf Abends von der Hohkönigsburg zurückkehrte, fand er seine Eltern mit Isabella schon beim Nachtimbiß. Er hatte ein paar glückliche Stunden bei den Thiersteinern verbracht und bestellte von ihnen, namentlich von Leontinen, die freundlichsten Grüße. Über den Eindruck, den seine Nachrichten dort gemacht hatten, konnte er seinem Vater berichten, daß Graf Oswald das allem ritterlichen Brauch hohnsprechende Verfahren Burkhards mit den schärfsten Ausdrücken verurtheilt, dagegen die Mittheilung von dem Beschlusse, nunmehr, nach einer so verdammenswerthen Herausforderung, ohne Zaudern zum Angriff zu schreiten, mit sichtlicher Genugthuung aufgenommen hätte. Er selber, ließ er sagen, wäre gerüstet und würde seine Freunde Fleckenstein und Hattstadt sofort benachrichtigen, sich gleichfalls kampfbereit zu machen.

Danach ward es still im Gemach unter den Vieren. Sie waren von Sorgen erfüllt und begaben sich frühzeitig zur Ruhe, obwohl sie nicht schlafmüde waren.

Egenolf lag noch lange wach und stellte über die kommenden Ereignisse Betrachtungen an, die ihn auf abenteuerliche, waghalsige Pläne brachten, bis sich ihm die Gedanken allmählich verwirrten und er einschlief. Im hellen Lichte des Tages aber sah er die Dinge klarer und erhob sich endlich vom Lager mit einem gefaßten Entschlusse, dessen Ausführung er jedoch bis zur Rückkehr seiner beiden Oheime von ihrem Ritt nach den Burgen aufschieben wollte.

Gegen Abend kamen die Grafen Wilhelm und Kaspar, Einer nach dem Andern, auf der St. Ulrichsburg an und hatten ihrem Bruder nur Gutes und Günstiges von den befreundeten Rittern zu melden.

Als Egenolf darauf mit seinem Vater allein war, theilte er diesem seine Absicht mit, morgen früh einen Beobachtungsritt in die weitere Umgegend zu unternehmen. Er wollte sich überzeugen, ob die fahrenden Leute, wie sie versprochen, auf dem Posten wären und aufpaßten, und wollte sie nach Neuigkeiten ausfragen.

Schmasman willigte darein, weil es ihm sehr darum zu thun war, Zuverlässiges zu erfahren. Doch ermahnte er den Sohn, scharf Umschau zu halten und sich wohl zu hüten, daß er nicht etwa streifenden Rathsamhausen'schen Reitern in die Hände fiele, die ihn aufheben und als zweite, noch werthvollere Geißel an Burkhard ausliefern würden.

»Seid unbesorgt, Vater!« erwiederte Egenolf, »sie sollen mich nicht fangen, und wo es auf den Wegen nicht recht geheuer ist, werden mich ja die Spielleute warnen.«

Egenolf hatte seinem Vater das Wichtigste seines Vorhabens verschwiegen. Er wollte gelegentlich auch nach den Fahrenden sehen, hatte aber noch ein anderes Ziel, dessen Verfolgung ihm sein Vater vielleicht nicht erlaubt hätte.

In der nächsten Morgenfrühe ritt er, zur Vorsicht mit Sturmhaube, Brustharnisch und langem Schwert gewappnet, von der St. Ulrichsburg ab. --

Drei Tage schon saß Loder in dem hoch gelegenen Gemach auf Rathsamhausen eingeschlossen und bekam keinen anderen Menschen zu sehen als den Knecht, der ihm Speise und Trank, beides gut und reichlich, brachte, ihm aber auf keine seiner Fragen Antwort gab. So wußte er nichts von dem, was außerhalb seines Gefängnisses vorging, und lauschte vergeblich auf Waffengetöse und den Ansturm seiner Befreier, allerdings mit der trüben Aussicht, daß dann wohl sein letztes Stündlein schlagen würde. Jetzt war es Nacht, schon dem Morgen nahe, und Grabesstille im Schloß und rings umher. Der Mond schien in das Zimmer, und Loder konnte nicht schlafen. Er lag in quälenden Gedanken, die aber mit Todesfurcht nichts gemein hatten, sondern zumeist auf seinen lieben gnädigen Herrn gerichtet waren, wie der sich um ihn grämen und sorgen würde, und wie es wohl um den Gang der Fehde stünde, die er seinetwegen nicht aufgehoben oder aufgeschoben wünschte, wenn er auch ihr erstes Opfer werden sollte. Da glaubte er plötzlich in dem Schornstein des großen Kamins ein Geräusch zu vernehmen, als wenn etwas wie ein Kehrbesen die inneren Wände streifte. Er horchte, und das Rascheln wiederholte sich. Schnell sprang er auf und stellte sich abwartend vor den Kamin. Da erblickte er denn beim Schein des Mondes ein aus dem Schornstein herabhängendes Seil, an das in regelmäßigen Abständen Querhölzer geknüpft waren. Es schwankte hin und her, und jetzt kamen zwei Füße, dann zwei Beine und endlich ein ganzer Mensch zum Vorschein, der nun aus dem Kamin heraustrat, -- Seppele von Ottrott.

»Seppele! wo fährst Du her?« rief Loder in maßlosem Staunen.

»Das hast Du doch gesehen, Hans!« lachte der Hochhergekommene. »Wozu ist man denn Ofenheizer und Kaminfeger? Schnell zieh Dich an! ich helfe Dir aus.«

»Fort? in die Freiheit?« fragte Loder, bebend vor Freude.

»Natürlich! der Strick da ist so fest und sicher wie eine Leiter und der Weg zum Söller hinauf nicht weit. Dort ist eine eiserne Thür im Schornstein, durch die ich einsteige, wenn ich den Kamin fegen will. Vom Söller schleichen wir die Treppe hinab und unbehindert durch ein Hinterpförtchen aus der Burg hinaus ins Freie; ich habe Alles vorgesehen. Der wachthabende Knecht ist mein Trautgesell und wird taub und blind sein.«

»Seppele! Seppele, das vergeß ich Dir in meinem Leben nicht!« sprach Loder gerührt. »Ich wollte Dich einfangen, Dich mitnehmen und wieder einsperren, und nun giebst Du mir die Freiheit!«

»Komm nur, komm!« drängte Seppele, »das können wir draußen abmachen; der Morgen graut. Ich bringe Dich so weit, bis Du außer Gefahr bist, stundenweit, wenn Du willst.«