Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 16
Oswald befreite sich sanft von ihr und sprach: »Nun gehet hin zu Eurem Vater, Graf Egenolf, sagt ihm Alles, was wir hier gesprochen haben, und bittet ihn, mir seine Vorschläge zu machen.«
Egenolf sah den Grafen an, als wollte er in dessen Seele lesen, ehe er mit dem herauskam, was ihm auf der Zunge schwebte. Dann begann er: »Herr Graf, zunächst erlaubt mir selber einen Vorschlag. Wenn es Euch und der Frau Gräfin genehm ist, so reite ich schnell nach der Ulrichsburg und komme gleich wieder zurück -- mit meinen Eltern. Eure Verständigung könnte ja hier und heute noch erfolgen.«
Graf Oswald stutzte. »Heute noch? so eilig? da ist doch vorher noch manches zu bedenken und zu erwägen --«
Die Gräfin unterbrach ihn: »Ja, ja, so soll es geschehen. Berathen und erwägen könnt ihr beiden Herren auch hier. Der Vorschlag ist gut; führt ihn aus, Graf Egenolf!«
Leontine aber legte ihren Arm in den des Geliebten, und mit einem flehentlichen Blick zu ihm aufsehend sprach sie: »Egenolf, ich möchte Dich heute nicht von mir lassen. Könnten wir Deinen Eltern nicht Botschaft senden mit der Bitte, gleich heraufzukommen?«
»Ja, das können wir, und das wollen wir,« rief Egenolf. »Du hast doch den klügsten Gedanken.«
»Glaubt Ihr, daß sie daraufhin kommen werden?« frug Oswald.
»Ich hoffe es zuversichtlich,« erwiederte Egenolf. »Ich schreibe ein paar Zeilen an meinen Vater, daß Ihr eine offene Aussprache mit ihm wünschtet.«
»Daß ich sie wünschte, wäre wohl etwas zuviel gesagt,« wandte Graf Oswald ein. »Daß ich dazu bereit, nicht abgeneigt wäre, scheint mir richtiger ausgedrückt.«
»Überlaßt mir die Fassung der Worte, Herr Graf,« bat Egenolf, »sie sollen Euch zu nichts verpflichten.«
»Nun gut! dort auf meinem Tische findet Ihr Schreibgeräth; inzwischen lasse ich Isinger rufen.« Oswald schlug mit dem Waidmesser an eine helltönende metallene Schale und befahl dem eintretenden Diener, den Stallmeister herzubescheiden.
Als Egenolf geschrieben hatte, stand er auf und sagte mit einer einladenden Handbewegung: »Wollt nicht auch Ihr, Herr Graf --?«
»Ich?« sprach Oswald, »Eure Bitte bedarf wohl keiner Unterstützung meinerseits.«
»Das nicht, aber es würde meinen Vater doch freuen --«
Oswald zögerte noch. Er überlegte: vergebe ich mir damit nichts? -- nein, er kommt zu mir, ich nicht zu ihm. Dann beugte er sich auf den Tisch und schrieb stehend mit raschem Federzuge nur die Worte:
~Reconciliemus nos!~
~O. v. T.~
»Ist noch Platz für eine Zeile von mir an Deine Mutter?« fragte Leontine schelmisch.
»Gewiß!« lächelte Egenolf, »komm her!«
Sie setzte sich schnell und schrieb, litt aber nicht, daß Jemand las, was sie geschrieben hatte.
Graf Oswald faltete das Schreiben und versiegelte es.
Isinger erschien, und als er Egenolf mit Leontinen Hand in Hand bei einander stehen sah, begriff er sofort, und ein verschmitztes Lächeln glitt über seine gebräunten Züge. Graf Oswald gebot ihm: »Herni soll gleich nach der Sanct Ulrichsburg reiten und dem Herrn Grafen Maximin von Rappoltstein diesen Brief überbringen. Wir erwarten die Herrschaften hier so bald wie möglich.«
Isinger, das Schreiben nehmend, verbeugte sich stumm und ging. Im Stallhof trieb er Herni zur größten Eile, gab ihm noch ein zweites gesatteltes Pferd mit und sagte: »Auf diesem frommen Gaul bringst Du mir den Hans Loder mit herauf und bestellst ihm, es gäbe heut einen guten Trunk hier oben. Aber reit zu!«
Das Mittagsmahl ward ein paar Stunden später angesetzt, so daß der Koch Zeit genug zur Ausführung des Befehles hatte, es ja recht sorgsam vorzubereiten und zwei oder drei auserlesene Gänge einzuschieben. Das gesammte Burggesinde gerieth in einen freudigen Aufruhr, als die Veranlassung dazu unter ihm ruchbar wurde. Dimot tanzte vor Vergnügen und machte prahlerische Andeutungen, als hätte nur ihre einflußreiche Vermittlung den geschlossenen Herzensbund zu Stande gebracht.
Auf Oswalds Einladung erschienen nun Graf Wilhelm und Gräfin Katharina bei ihren Geschwistern. »Sieh mal hier, Wilhelm!« rief Oswald seinem Bruder zu, »wir haben schon einen Gefangenen gemacht.«
»Gefangen in diesen holden Banden,« lächelte Egenolf und schritt mit Leontinen auf das gräfliche Paar zu.
»Das begreife, wer kann!« sagte Graf Wilhelm, »ich verstehe kein Wort davon. Es scheint, daß man sich auf der Hohkönigsburg an Überraschungen gewöhnen muß.«
»Die nächste Überraschung für Dich wird wohl die sein,« erwiederte Oswald, »daß wir den Grafen Maximin von Rappoltstein mit den Seinigen hier erwarten. Ihr müßt euch deßhalb mit dem Mittagsmahl noch etwas gedulden.«
»Nun, wenn es sich nachher der Mühe verlohnt, will ich gern noch fasten und mich kasteien,« lachte Wilhelm.
Oswald nahm ihn bei Seite und gab ihm die nöthigen Aufklärungen, die Wilhelm mit sichtlicher Befriedigung anzuhören schien.
Die Zeit des Wartens, die Allen länger däuchte als sie war, weil nach ihrem Ablauf mehr als eine wichtige Entscheidung getroffen werden sollte, suchte man sich durch eine etwas gezwungene Unterhaltung über gleichgültige Dinge zu vertreiben ohne mit einem Worte den Vorgang zu berühren, der sich in der eben verflossenen Stunde hier abgespielt hatte. Man that so, als wäre Egenolf nur ein zufällig anwesender Gast und nichts weiter.
Es wirkte daher wie eine Erlösung, als endlich die Ankunft der Rappoltsteiner gemeldet wurde. Oswald eilte zum Empfange der Hochwillkommenen die Wendeltreppe in den inneren Burghof hinab.
XX.
Egenolfs ehrfürchtiges Gesuch an seinen Vater, Allesammt sogleich zur Hohkönigsburg heraufzukommen, war in einem so verheißungsvollen und so inständig bittenden Ton abgefaßt, daß es dem dringenden Zureden Herzelande's gelang, Schmasmans heftiges Sträuben gegen diese Zumuthung zu überwinden. Dazu trugen auch die beiden Nachschriften das Ihrige bei. Mehr aber als Oswalds eigenhändiges »Vertragen wir uns!« halfen zur Annahme der Einladung die wenigen, so recht aus vollem Herzen kommenden Worte, die Leontine an Egenolfs Mutter geschrieben hatte.
So entschloß sich denn Schmasman endlich, mit Frau und Tochter und den Beiden von Schloß Giersberg zur Hohkönigsburg hinaufzureiten.
Er und Graf Oswald waren sich nach dem unheilvollen Abend im Rathskeller zu Rappoltsweiler nicht wieder begegnet, und ihr heutiges Wiedersehen würde in Anbetracht dessen, was in der Zwischenzeit dem Einen vom Andern gedroht hatte, etwas Peinliches gehabt haben, wenn sich nicht beide mit weltmännischer Gewandtheit und dem Willen, zu vergessen, darüber hinweggesetzt hätten. Ihre Begrüßung war gegenseitig die denkbar höflichste, und in der gleichen höchst verbindlichen Weise begrüßte Oswald die Gräfinnen Herzelande und Isabella sowie Imagina und den Grafen Kaspar.
Er führte seine Gäste den ihrer oben Harrenden zu, sagte dann aber zu Schmasman: »Wenn es Euch recht ist, Herr Graf, ziehen wir beide uns erst zu einer vertraulichen Unterredung ein Weilchen zurück.«
»Damit kommt Ihr meinen eigenen Wünschen entgegen, Herr Graf,« erwiederte Schmasman, und sie begaben sich selbander in Oswalds Gemach.
Die um die Schloßherrin versammelt bleibenden Übrigen waren zwar nicht völlig außer Sorge über den Ausfall der das Schicksal der Verlobten entscheidenden Berathung ihrer Familienhäupter, thaten aber so, als wären sie es, und ergingen sich während der langen Abwesenheit der beiden Grafen in möglichst harmlosen, manchmal freilich etwas befangenen Gesprächen. Nach und nach wurde die Unterhaltung jedoch lebhafter und heiterer, und zuletzt sprudelte Imagina von neckischem Übermuth und trug eine wahre Taubenunschuld dabei zur Schau, als hätte sie nicht das Geringste von den Herzenspraktiken der zwei Liebenden geahnt.
»Wo in aller Welt habt ihr euch denn zusammengefunden?« fragte sie keck, »und wer hat eure Liebesschwüre und Sehnsuchtsseufzer von Burg zu Burg hinüber und herüber getragen?«
»Abgerichtete Schwalben haben uns mit Überbringung von Briefen und Blumen Botendienste gethan,« lachte Leontine.
»Ich hatte das Schellenmännlein in meinem Solde,« fügte Egenolf hinzu, »das kennt die unterirdischen Gänge in den Bergen hier und läuft wie ein Maulwurf darin herum.«
»Und ich die leichtbeschwingte Waldnymphe Echo,« sagte Leontine wieder, »die rief uns unsere Grüße zu und enthüllte dem Einen die Gedanken des Anderen.«
»Ja, wenn ihr Vögel und Blumen, Nymphen und Zwerge zu Helfershelfern hattet, brauchtet ihr freilich keines Menschen Rath und Beistand,« sprach Imagina mit einem schlauen Lächeln.
»Sollten sie wirklich ohne alle menschliche Hilfe gewesen sein, Imagina?« sagte Herzelande zu der sich unwissend Stellenden. »Es giebt doch mitleidige Seelen, die gern Kundschaft treiben und kluge Winke geben.«
»Und die schweigen können, Herzelande!« lachte Imagina.
Die Scherzreden verstummten plötzlich, weil endlich die beiden älteren Grafen wieder eintraten, denen sich nun Aller Blicke forschend zuwandten. Sie sahen froh und zufrieden aus; was sie aber im Einzelnen berathen und beschlossen hatten, blieb vorläufig ihr Geheimniß. Ihre Unterredung mußte sie jedoch zu vollkommener Einigkeit geführt haben, denn Graf Oswald schritt auf Egenolf und Leontine zu, ergriff ihre Hände und legte sie in einander mit den Worten: »Hiermit gebe ich euch vor Gott und Menschen zusammen, nehmt euch hin und werdet glücklich! Gott segne euch!«
Da war die Freude bei allen Anwesenden groß, und es folgte eine allgemeine herzliche Beglückwünschung. Schmasman sprach leise zu seinem Sohn: »Hast's gut gemacht, Egenolf! aus eurer Liebe erblüht uns der Friede.«
»Ich dacht' es wohl, Vater! Leontinen gebührt unser Dank; sie hat es gemacht,« erwiederte Egenolf glückstrahlend.
»Laß auf dem Bergfried die Fahne aufziehen! die Hohkönigsburg feiert heute einen Ehrentag in ihren Mauern,« sagte Graf Oswald zum Hausmeister, der seiner Gebieterin eben eine leise Meldung gemacht hatte. »Und nun einen herzhaften Trunk darauf, Graf Maximin! nicht wahr?«
»Habe meinerseits nichts dagegen einzuwenden,« lächelte Schmasman.
»Die Tafel ist bereit,« verkündete Gräfin Margarethe.
»Und ich bin es auch,« sprach Imagina. »So etwas greift den Menschen an und macht grausam hungrig.«
Man begab sich in den Saal und an die Tafel, die von Silbergeräthen blinkte und blitzte.
Es ward ein überaus heiteres Mahl. Zuerst tranken Schmasman und Oswald stumm, Auge in Auge, einander zu und drückten sich über den Tisch hinüber die Hände. Dann sprach Schmasman würdige und herzliche Worte zum Wohle des Brautpaares.
Die Geister des Friedens und der Eintracht, der Liebe und Freude schwebten über den Häuptern der Versammelten, erfüllten ihre Herzen mit Glück und lenkten ihre Zungen zum Austausch freundlicher Gedanken.
Manch Einem der hier sorglos Tafelnden mochte wohl unwillkürlich gleich einer Erscheinung in schweren Träumen die Gestalt Burkhards von Rathsamhausen auftauchen, aber seinen Namen sprach Niemand aus. Es sollte nicht lange dauern, daß er selber sich ihnen in Erinnerung brachte.
Inmitten des Mahles trat Isinger herein.
»Isinger, was willst Du? machst ein fast unfroh Gesicht,« rief ihm Oswald zu. »Hoffentlich ist keiner Deiner Pflegebefohlenen herzschlächtig geworden?«
»Nein, Herr Graf, die Rosse sind alle gesund,« erwiederte Isinger, »aber sie scharren unruhig mit den Hufen, und Euer Tristan wiehert in einem fort.«
»Er hat Durst, Isinger!« lachte der Graf, »und Du gewiß auch, darum kommst Du, hast gewittert, was hier vorgeht.« Auf seinen Wink brachte ihm ein Diener einen Becher, den er selber füllte und dem Stallmeister darbot: »Hier! trink auf das Wohl des Brautpaares!«
Isinger hob den Becher und sprach: »Lang lebe in Glück und Gesundheit das edle Paar, Graf Egenolf und Gräfin Leontine!« Darauf leerte er den Becher, blieb aber noch im Saale stehen.
»Nun? noch nicht genug? habt ihr unten nichts zu trinken?« fragte Graf Oswald.
»O doch, Herr Graf! in Hülle und Fülle, und einen Gast habe ich auch unten.«
»Einen Gast? wen?«
»Einen alten, treuen Kumpan von mir, Hans Loder, den Pfeiferkönig.«
»Den Pfeiferkönig? bring ihn herauf, Isinger! er soll auch einen Ehrentrunk thun. -- Nun, so geh doch und hol' ihn her!«
»Zu Befehl, Euer Gnaden! wenn ich aber den Herrn Grafen --«
»Was noch für Wenn und Aber?« frug Oswald, ungeduldig werdend.
»Ich möchte es dem Herrn Grafen lieber allein vertrauen.«
»Ach was! heraus damit! wir sind hier Alle gute Freunde.«
Da zog Isinger aus seinem Wams ein versiegeltes Schreiben hervor und sprach: »Diesen Brief hat ein Reisiger gebracht von Herrn Burkhard von Rathsamhausen.«
»Ah!« machte der Graf, »der kommt zur rechten Stunde, gieb her!« Er nahm das Schreiben, drehte es hin und her und sagte dann zu der erwartungsvollen Gesellschaft: »Wozu noch öffnen? ich weiß, was darin steht. Oder wollt ihr es auch wissen?«
»Lest den Liebesgruß, Graf Oswald!« forderte Schmasman ihn auf.
Oswald erbrach den Brief und las ihn vor:
Graf Oswald von Thierstein!
Ihr werdet Euch wissen zu erinnern, was für ehrvergessene Worte Ihr über mich als einen ehrlichen Reichsritter von Adel ausgegossen habt. Darauf gebe ich Euch zu vernehmen, daß ich Faust und Stärke genug habe, mich Eures bösen Willens zu erretten und den mir angethanen Schimpf gebührlich zu rächen. Wir, ich Burkhard von Rathsamhausen und meine guten und ritterlichen Gesellen, Graf Schaffried von Leiningen, Jost von Müllenheim, Eckbrecht von Dürkheim, Dietrich von Lützelstein, Henning von Landsberg und Klaus Zorn von Bulach, wir sagen Euch hiermit auf Gut und Blut ab und wollen mit Feuer und Schwert, mit Berennen und Stürmen Euch Schaden und Abbruch thun, wie wir nur wissen und können. Deß zur Urkund haben wir unsere Ingesiegel an diesen Brief gehenkt.
Nach der Vorlesung trat eine Stille ein. Dann sagte Schmasman: »Eine Überraschung ist es nicht für Euch, Graf Oswald, und wir wollen uns den Wein in den Pokalen damit nicht trüben lassen.«
»Nein, wahrlich nicht!« lachte Oswald. »Setzt Ottrotter Rothen auf! wir wollen, ehe wir sein eigenes vergießen, vorläufig von Herrn Burkhards Rebenblute trinken. Isinger, es wird fortgerüstet.«
»Darum hat auch Euer Tristan gewiehert, Herr Graf!« rief Isinger vergnügt, »und jetzt hole ich den Trumpeterhans herauf.« Damit entschwand er und kehrte bald mit Hans Loder zurück, der von den Rappoltsteinern mit lauten Zurufen begrüßt und auch von den Thiersteinern willkommen geheißen wurde.
»Schenkt dem Pfeiferkönig ein!« befahl Oswald.
»Laßt es mich thun!« bat Egenolf. Er füllte den ihm gebrachten Becher und hielt ihn Loder hin: »Komm her, Hans, und trink auf das Glück meiner Liebe; Du hast von Allen zuerst davon gewußt.«
Loder nahm den Becher und sprach, zum Brautpaar gewendet: »Die Pfeiferbruderschaft im ganzen Wasgau bringt Euch mit diesem Trunke ihre Glück- und Segenswünsche dar!«
Egenolf und Leontine dankten dem Alten, aber danach fing die Unterhaltung an, ein wenig zu stocken.
»Soll der Knecht des Herrn von Rathsamhausen auf Antwort warten?« fragte Isinger leise.
»Nein,« erwiederte Graf Oswald, »darauf giebt es keine Antwort.«
»Aber ich werde Herrn Burkhard in den nächsten Tagen auf seinen Brief an mich die Antwort senden,« sagte Schmasman.
»Und ich überbringe sie ihm, Herr Graf!« rief Loder, »ich muß ohnehin nach Ottrott, mir den Seppele wiederzuholen.«
»Gut, Hans! Du sollst mein Bote sein,« versprach ihm Schmasman.
»Und nun soll sich der Knecht zum T-- zu seinem Herrn zurückbegeben,« sagte Wilhelm von Thierstein, worauf sich Isinger lachend mit seinem Kumpan hinausbegab.
Wilhelm und auch alle übrigen Anwesenden waren unmuthig darüber, daß Burkhards Absagebrief gerade heute gekommen war und doch eine kleine Störung in ihrer Festfreude verursacht hatte.
Imagina, von dem Verlangen beseelt, der gedämpften Fröhlichkeit wieder aufzuhelfen, fand dazu ein wirksames Mittel. »Leontine,« begann sie, »fülle Deinen Becher jetzt einmal bis zum Rande, trink uns ein Schlücklein daraus zu und laß ihn am Tische von Mund zu Munde kreisen. Jeder von uns soll Dir Bescheid thun und dabei einen guten Wunsch für Dich und Egenolf aussprechen.«
Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Leontine füllte ihren silbernen Pokal, nippte daran und reichte ihn dem neben ihr sitzenden Schmasman, indem sie lächelnd zu ihm sagte: »Fanget an, Herr Graf, und denkt Euch etwas recht Liebes und Gutes für uns aus!«
Schmasman sann ein Weilchen nach, hob den Pokal der holden Kredenzerin grüßend entgegen und sprach: »Ich eröffne den Reigen mit dem Wunsche, daß euer Schicksal so fest und sicher wider alle Stürme gebaut sei wie die Hohkönigsburg.« Dann setzte er den Becher an die Lippen und trank.
»Ich wünsche,« sagte Gräfin Katharina, ihn aus Schmasmans Hand nehmend, »daß eure Herzen stets in vollem Einklang schlagen wie die Glocken des Münsters zu Straßburg.«
»Möget ihr allzeit über Leid und Ungemach so hoch erhaben sein wie die höchsten Tannen des Wasgenwaldes über dem Boden, in dem sie wurzeln,« lautete Kaspars Wunsch.
Isabella wünschte: »Euer traulich Nest umwehe stets ein Hauch von Fried und Freud, so süß, wie wenn im Ried die Reben blühen.«
»Und rund herum ziehe sich Schutzwehr und Ringwall gegen Unheil und Gefahr wie die Heidenmauer um Sanct Odilien,« fügte Graf Wilhelm hinzu und that einen gar langen Trunk darauf.
»Halt! nicht zuviel!« rief Imagina lachend und ihn am Arme ziehend, »wir sind hier unser noch mehr.« Dann nahm sie ihm den Becher schnell weg, schwang ihn hoch dem Brautpaar zu und sprach: »Ich wünsche euch gute Freunde und treue Diener. Gesellig und lustig gehe es bei euch im Saal und im Burghof zu, wie Meister Gottfried von Straßburg singt:
Die Linde geb' ein gnüglich Dach, Mit blättergrünen Ästen Und Viele berg' ihr Zeltgemach Von Burggesind und Gästen.«
»Breit und glänzend wie der Rhein ziehe euer Leben dahin, und nur glückbringende Sterne mögen sich darin spiegeln,« wünschte Graf Oswald mit einem freudigen Blick auf seinen künftigen Eidam.
»Ich bin eine alte Frau,« lächelte Herzelande, »und mein Wunsch ist, Leontine, daß Du dereinst in meinen Jahren so glücklich mit Egenolf bist, wie ich es mit meinem lieben Schmasman bin.«
»Als die Letzte in der Runde habe ich auch den letzten Wunsch,« sagte Gräfin Margarethe, »und knüpfe ihn an den ersten an, den Graf Maximin aussprach. Wie die Hohkönigsburg die Heimat eures Glückes ist, so möge sie auch stets der Hort eurer Liebe bleiben.«
Damit gelangte der Pokal zum Brautpaar zurück. Egenolf erhob sich an Leontinens Seite und sprach: »Ich trinke die Neige bis auf den letzten Tropfen mit dem Gelübde, Alles zu thun, was in eines Menschen Willen und Kräften steht, daß das in Erfüllung gehe, was ihr uns zu unserem Glücke gewünscht habt.«
Der wandernde Becher und die ihn begleitenden Wünsche hatten im ganzen Kreise Frohsinn und festliche Stimmung wieder hergestellt, die auch bis zum Ende des Mahles die Herrschaft behielten. Bald aber mußten die Rappoltsteiner aufbrechen. Die Thiersteiner geleiteten sie bis zum Stallhof, wo sie zu Pferde stiegen und fröhlich abritten, auf der Hohkönigsburg nur Freunde zurücklassend. --
»Margarethe,« sprach Oswald zu seiner Gemahlin als sie wieder oben und beide allein waren, »das war heut ein großer Tag für uns, der mich von schweren Sorgen befreit und unserem Hause eine glorreiche Zukunft eröffnet hat. Jetzt stehe ich auf festen Füßen und kann allem Kommenden die Stirn bieten. Die Fehde mit Burkhard muß durchgefochten werden; nun ich aber Rappoltstein zum Bundesgenossen habe, sehe ich ihr mit Ruhe entgegen. Unsere Tochter haben wir einem edlen jungen Ritter verlobt, der einmal der einflußreichste Lehensherr im Lande sein wird, wie es jetzt sein Vater ist. Leontine wird mit ihm glücklich werden.«
»Hast Du den Frieden mit Schmasman auch nicht zu theuer erkauft?« fragte die Gräfin.
»Ich denke nicht. Wir haben uns über Alles geeinigt; in einigen Stücken habe ich nachgegeben, in anderen hat er mir Zugeständnisse gemacht.«
»Du hast also nicht viel erreicht, wie mir scheint.«
»Ich bin froh, daß ich von dem willensstarken, klugen und weitschauenden Manne überhaupt etwas erreicht habe,« sprach Oswald. »Trotz seines unverkennbaren Wohlwollens gegen mich hatte ich einen harten Kampf mit ihm und war mir dabei in jedem Augenblick bewußt, welch ein hoher Einsatz es war, den ich wagte, um den ich mit ihm rang, und daß Alles verloren gehen konnte, wenn ich halsstarrig blieb und mich auf nichts einließ, -- diese Burg, die Reichsgewalt, meine ganze Stellung und auch Leontinens Glück. Aber nun Kopf hoch, Margarethe! die Gefahr ist vorüber. In der Pfalz Friedrich des Rothbarts zu Hagenau wurde früher die deutsche Kaiserkrone aufbewahrt; jetzt ist die Hohkönigsburg das Bollwerk kaiserlicher Macht im alten Wasgau, und ich bin ihr berufener Hüter und Handhaber.«
XXI.
»Wann wollen sie denn Hochzeit machen?« fragte Syfritz.
»Sobald die Fehde ausgefochten ist,« erwiederte Loder.
»Und Du meinst immer noch, daß sie sich in die Haare fallen werden?«
»Wie ich den Rathsamhausen kenne, glaub ich fürwahr, daß der Hoppeltanz ehestens losgeht.«
Diese Fragen und Antworten wurden zwischen Loder und Syfritz gewechselt, als die Beiden mit einem Schreiben Schmasmans nach Schloß Rathsamhausen wanderten. Loder hatte sich seinen Freund Syfritz auf diesen Botengang zur Gesellschaft mitgenommen und ihm unterwegs ausführlich von dem Festmahl zu Ehren des neuverlobten Paares auf der Hohkönigsburg erzählt.
»Du bist in Alles gut eingeweiht, Hans,« sprach Syfritz, »nun sage mir doch: wenn Graf Schmasman mit dem Thiersteiner Frieden und Freundschaft schließt, könnte das Herr Burkhard doch auch thun; warum thut er es denn nicht?«
»Das will ich Dir sagen, Fritz,« entgegnete Loder. »Die Sache ist, daß Burkhard sich nicht bloß kampflich an dem Thiersteiner rächen, sondern ihn ganz von der Hohkönigsburg vertreiben will, um sich selber für alle Zeit darin festzusetzen.«
»Oho!«
»Ja, so ist es. Aber daß unser Graf dem künftigen Schwieger seines Sohnes das nicht anthun lassen will, na --«
»Das liegt am Tag wie der Bauer an der Sonne,« fiel Syfritz ein, »und das wird auch wohl in dem Briefe stehen, den Du bei Dir trägst.«
»Wahrscheinlich,« erwiederte Loder, »ich fürchte nur, daß Graf Schmasman mit seinen Vorhaltungen in einen kalten Ofen bläst. Viel Gefallens wird Burkhard nicht daran haben, und daß er daraufhin von seinem trutzlichen Fürnehmen stillschweigend abstehen und das Maul hängen lassen wird wie der Gaul an der Schmiede, das glaub ich für mein Theil so wenig, wie daß man fliegen kann, wenn man keine Federn hat.«
»Was soll er denn machen in seiner ohnmächtigen Wuth darüber, daß er mit seinen boshaften Schlichen durchschaut ist? Was krumm ist, kann er nicht gerade machen. Aber wenn er sieht, daß es ihm mit seinen heimlichen Anschlägen so überzwerchs geht, wirst Du mit Deiner Botschaft übel bei ihm zu Platz kommen, Hans,« meinte Syfritz.
»Soviel das belanget, besorg ich mir selber mehr Wagniß als Gewinn,« sagte Loder. »Er wird mir nicht groß Ehr anthun, obzwar ich meines Schirmherrn Abgesandter bin, dem er das Schienbein nicht reiben darf.«
»Willst ihm aber auch seinen viellieben Ofenheizer, den Seppele, wieder wegnehmen und einstecken.«
»Das hab ich gesagt und will es auch thun, aber das ist noch nicht einmal die Halbscheid von meinem Vorhaben, weßwegen ich mich zu dem Gange nach Ottrott erboten habe. Die Hauptsach ist mir ganz etwas Anderes.«
»Du sagst das so grimmig, Hans! was ist denn nachher die Hauptsach?« fragte Syfritz neugierig.
»Der verfluchten Hexe, der Zigeunerin den Hals umdrehen!«
»Was? der Haschop, der hübschen Tänzerin?«
»Ja! sie soll mit den vier Winden zu Tanz gehen am eichenen Kirschbaum, die Giftmischerin!« rief Loder wild in seinem Zornerguß. »Ich habe Grund zu vermuthen, daß sie sich in Ottrott aufhält oder dort in der Gegend herumtreibt. Wir müssen auf sie fahnden, und wenn wir sie erwischen, muß sie sterben, und wenn ich sie mit diesen meinen Händen erwürgen soll!«
»Giftmischerin? wen hat sie denn vergiftet?«