Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 15

Chapter 153,702 wordsPublic domain

»Das, was Ihr als die Folge eines von mir abgelegten Geständnisses eben andeutetet, gerade das wollte ich vermeiden. Ich wollte nicht den leisesten Druck auf Eure Entschlüsse ausüben, wollte nicht, daß Ihr mir zu Gefallen bewogen werden könntet, etwas Anderes zu thun, als was Ihr einmal für recht und nothwendig erkannt hattet. Und wenn es zum Schlagen kommt, solltet Ihr nicht wissen und ahnen, daß Ihr den Vater Derjenigen bekämpft, in deren einstigem Besitz ich mein höchstes Glück auf Erden sehe.«

Von dieser unerwarteten Eröffnung sehr wohlthuend berührt, stand Schmasman auf, und seinen sich gleichfalls erhebenden Sohn freundlich anblickend sprach er: »Das ist ehrenhaft und nobel gedacht, Egenolf, und entwaffnet jeden Vorwurf, den ich Dir über Deine Heimlichkeit machen könnte. Deine Zurückhaltung, die Hintansetzung Deiner eigenen brennenden Wünsche verdient Anerkennung und Lob. Sie wird Dir nicht leicht geworden sein.«

»Nein, sie ist mir ziemlich schwer geworden,« gestand Egenolf freimüthig. »In der ersten Freude meines Herzens gab ich mich der Hoffnung hin, daß Ihr und Graf Oswald, wenn ihr die Liebe eurer Kinder erführet, vielleicht geneigt sein würdet, einander die Hand zu einem Ausgleich zu bieten. Bei reiflicher Überlegung aber sah ich selber ein, daß ich Euch mit einer verfrühten Mittheilung dessen, was ich eigenmächtig hinter Eurem Rücken gethan, in eine mißliche Lage bringen würde.«

»Verfrüht nennst Du das?« sagte Schmasman. »Bis wann hattest Du Dir denn vorgenommen, mir Dein Verlöbniß zu verschweigen? bis nach dem Ausgang der Fehde?«

»Das war allerdings meine Absicht. Später aber, erst kürzlich, entschloß ich mich, nicht einmal den Anfang der Fehde abzuwarten, sondern schon vorher beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter zu werben und, wenn er sie mir bewilligte, vor Euer Angesicht zu treten und zu sprechen: Leontine ist meine Braut; gebt uns Euren Segen, Vater!«

»Das wäre viel gewagt gewesen, Egenolf.«

»Für meine Liebe wage ich noch mehr, wage ich Alles, Vater!« rief Egenolf. »Nun ist mir Herr Burkhard zuvorgekommen und hat Euch gemeldet, was ihm verrathen worden. Mir ist es lieb und recht so, denn nun kann ich doch mit Eurem Wissen und Eurer Genehmigung zur Werbung auf die Hohkönigsburg reiten.«

»Du sattelst geschwind, mein Sohn! noch habe ich meine Genehmigung nicht ausgesprochen.«

»Aber Ihr werdet sie mir nicht versagen, nicht wahr?«

»Nun denn, -- nein!« beruhigte Schmasman den Hoffnungsvollen. »Deine besonnene und feinfühlige Rücksichtnahme, die Du bei der Sache bewiesen hast, will ich damit erwiedern, daß ich Dir gestatte, Dein Heil bei dem Grafen Oswald zu versuchen. Aber noch einmal sage ich Dir: Alles, was Du thust, das thust Du nur auf Deine eigene Gefahr.«

»Vertraut mir, Vater! ich werde keinen Augenblick vergessen, daß ich der Sohn des Grafen Maximin von Rappoltstein bin,« sprach Egenolf hoch aufgereckt mit freudigem Stolze. »Eines nur bekümmert mich, -- daß Ihr durch meinen Herzensbund mit Leontinen in Zwietracht und Streit mit Eurem alten Freunde Burkhard gerathen werdet.«

»Das ist nicht Deine Schuld und möge darum auch nicht Deine Sorge sein,« erwiederte Schmasman. »Den Kampf mit Burkhard habe ich kommen sehen, und da liegt ja nun seine unumwundene Absage. Doch davon ein ander Mal. Wann willst Du denn Deinen Freiersgang zum Grafen Oswald antreten?«

»Vielleicht übermorgen.«

»Warum erst übermorgen? warum noch zaudern damit?«

»Weil Leontine seit einigen Tagen nicht ganz wohl ist, wie ich erfahren habe.«

»Du scheinst ja gute Kundschaft mit der Hohkönigsburg zu unterhalten,« lächelte Schmasman. »So geh mit Gott, und alles Glück auf den Weg!« schloß er, dem Sohne die Hand reichend.

»Ich danke Euch, Vater!« rief Egenolf bewegt und führte des Vaters Hand an seine Lippen. Dann entschwand er aus dem Gemach und eilte hinauf zu Imagina, um ihr Alles zu berichten.

Als Schmasman wieder allein war, sagte er sich: »Mit beiden Händen wird Oswald zugreifen. Egenolf bringt seiner Braut als Morgengabe den Frieden, und Leontinens Mitgift ist die Unantastbarkeit unserer alten Standesrechte.« -- Er lachte vergnügt in sich hinein: »Freit um die Tochter unseres Feindes! einen pfiffigeren dummen Streich hätte der Junge nicht machen können. Aber Oswalds Gesicht bei der Werbung möcht ich wohl sehen.«

XIX.

Leontine war von ihrem Übelbefinden fast völlig wieder genesen, und Niemand außer Dimot konnte sich dessen Ursache erklären. Nur dem heilkundigen Mönch von St. Pilt mußte der Verdacht einer Vergiftung aufgestiegen sein, denn Pater Eusebius fragte genau nach Allem, was die so plötzlich Erkrankte in den letzten Tagen genossen und ob sie etwa im Walde Beeren gegessen hätte, die ihr möglicherweise geschadet haben konnten, was sie jedoch verneinte. Dimot pflegte sie mit hingebender Sorgfalt und ließ es sich nicht nehmen, Nachts bei ihr zu wachen, was zwar nicht von Nöthen war, ihr jedoch sowohl von Leontinen wie von Gräfin Margarethe hoch angerechnet wurde. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, daß sie der Zigeunerin getraut hatte, und ahnte nun auch deren Beweggrund zu der verbrecherischen That.

Mit der zurückkehrenden Gesundheit wuchs auch Leontinens Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit dem Geliebten, und wenn sie allein war, prüfte sie die Kraft ihrer Glieder, ob sie wohl schon wieder im Stande wäre, einen Ritt zu unternehmen, fürchtete nur, daß ihre Mutter dies noch nicht gestatten würde. So lange sie das Zimmer hüten mußte, forschte sie mit ängstlicher Wißbegierde nach allen Vorgängen auf der Burg und nach eingelaufenen Nachrichten und erfuhr von Dimot, daß Isinger in rastloser Thätigkeit mit Instandsetzung von Waffen und Rüstzeug beschäftigt war und daß von Schlettstadt her große Vorräthe von Lebensmitteln in die Burg eingeführt wurden, man sich also auf eine Belagerung einzurichten schien.

Diese Mittheilungen erfüllten Leontinen mit schweren Sorgen, und sie dachte dabei weniger an die Gefahren, denen die Ihrigen und sie selber ausgesetzt waren, als an Egenolf, den sie in heftigem Widerstreit zwischen Sohnes- und Ritterpflicht einerseits und den Gefühlen seines Herzens andererseits glaubte. Sie liebte ihn mit einer tiefen Leidenschaft, die sie jedoch so zu zügeln wußte, daß man ihr nichts von der Gluth in ihrem Innern anmerkte. Durch die ihr zu Theil gewordene Erziehung hatte sie Selbstbeherrschung gelernt, und nur in seltenen Fällen riß sie das heiße Blut, das in ihren Adern rollte, zu einer rasch aufwallenden Erregung hin, dann aber auch mit einer ursprünglichen Naturkraft, die ihr Niemand zutraute, der sie nicht näher kannte. Für gewöhnlich trugen ihre edel geformten Züge den Ausdruck einer kühlen, fast hoheitlichen Ruhe, und ihre Art zu sprechen und sich zu bewegen hatte meist etwas Zurückhaltendes und Maßvolles. Sie war wie in ihrer schönen, stattlichen Erscheinung so auch in ihrem vornehmen Auftreten und Gebaren das getreue Ebenbild ihrer Mutter, die bei aller Entschiedenheit ihres zuweilen etwas spröden Wesens sich niemals gehen ließ und deren stolzer Sinn mit einer ihr angeborenen bestrickenden Anmuth umhüllt war.

Auf der Hohkönigsburg waren jetzt unruhige Tage. Graf Oswald wartete beinahe mit Ungeduld auf die förmliche Absage seiner Gegner, der Rappoltsteiner und Rathsamhausen und ihrer Freunde, denn die Ungewißheit, in der er über ihre Absichten schwebte, war ihm ein schier unerträglicher Zustand. Er fürchtete sich vor ihrem Angriff nicht, denn in seiner überaus festen Burg, die mit allem Nöthigen zu Schutz und Trutz, mit Wehr und Waffen und mit Nahrungsmitteln für die bedeutend verstärkte Besatzung reichlich versehen war und auch einen Brunnen mit gutem Trinkwasser besaß, fühlte er sich ziemlich sicher und konnte auch eine längere Belagerung darin aushalten. Und doch wünschte er in seines Herzens Grund, den Kampf vermeiden zu können. Er selber konnte ihn nicht verhindern, konnte seinen Feinden nicht mit Friedensvorschlägen kommen, ehe der Friede gekündigt oder gebrochen war. Wenn man ihm aber eine Brücke zu einem Rückzuge mit Ehren baute, würde er nicht lange zögern, sie zu beschreiten.

Er saß und stöberte wieder einmal in alten pergamentenen Urkunden, Schutz- und Lehnsbriefen, an denen große Siegel in hölzernen Kapseln hingen. Sie gehörten zu dem landvogteilichen Archiv und handelten von Gerechtsamkeiten und Privilegien, von Obliegenheiten und Abgaben der einzelnen Herrschaften, Städte und Klöster, über die sich der Graf genau unterrichten wollte.

Wie erstaunt war er nun, als ihm während dieser Beschäftigung eines Morgens die Ankunft des Grafen Egenolf von Rappoltstein gemeldet wurde, der ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten ließ. Sofort fiel ihm der ebenso überraschende Besuch Bruno's von Rathsamhausen ein, aber diesmal verirrte er sich nicht wieder zu dem absonderlichen Gedanken, daß ihm der Sohn die Absage des Vaters bringen könnte, wenngleich Egenolfs Einritt in die Hohkönigsburg mindestens so auffällig und räthselhaft war wie damals der von Bruno. Den Rathsamhausen hatte die Sorge um seinen herzschlächtigen Rappen hergetrieben; was mag nun, mitten in den Vorbereitungen, einander aufs Blut zu befehden, den Rappoltstein herführen, fragte er sich, vielleicht auch so eine lächerliche Geschichte, auf die ein vernünftiger Mensch nicht im Traume kommt.

Egenolf trat ein und erschien in einer ungewöhnlich reichen Gewandung und mit einer ungewöhnlich feierlichen Miene, was den Grafen Oswald allerdings stutzen machte. Der Letztere forderte den Gast auf, Platz zu nehmen, und sah ihm gespannt, was sich da wohl entwickeln würde, ins Gesicht.

»Herr Graf,« begann Egenolf, »Ihr werdet von mir etwas so Unerwartetes hören, wie Ihr es Euch gar nicht denken könnt. Ich komme, und zwar, wie ich vorausbemerken will, nicht ohne Wissen und Genehmigung meines Vaters, um mir von Euch die Hand Eurer Tochter Gräfin Leontine zu erbitten.«

Wäre der gewaltige Bergfried Hohrappoltsteins von da drüben durch die Luft herangeschwebt gekommen, so hätte Graf Oswald nicht in größere Verwunderung darüber gerathen können als über die aus Egenolfs Munde vernommenen Worte. Er konnte es gar nicht fassen; verwirrt und stockend sprach er: »Verzeiht, Herr Graf, -- ich weiß nicht, -- ich glaube verstanden zu haben, daß Ihr mich um die Hand meiner Tochter bittet.«

»Ganz recht, Herr Graf! so lautete meine Bitte.«

»Ja, aber -- ich begreife nicht, -- Ihr sagtet, Ihr kämet mit Wissen und Genehmigung Eures Vaters.«

»So ist es, Herr Graf,« sprach Egenolf. »Ich sagte Euch aber auch, daß Ihr etwas ganz Unerwartetes von mir hören würdet.«

»Ja ja, aber das Gehörte übersteigt doch beinahe die Grenzen der Glaubhaftigkeit und Möglichkeit. Es wird Euch doch bekannt sein, daß in Folge meines Streites mit Herrn Burkhard von Rathsamhausen auch zwischen Eurem Vater und mir mit gezücktem Schwerte der böse Geist der Fehde steht.«

»Ich weiß es wohl, aber welcher böse Geist wäre nicht zu bannen!«

»Wie meint Ihr das?« frug Oswald aufhorchend.

»Herr Graf,« erwiederte Egenolf, »ich habe keine Vollmacht, Euch etwas Anderes mitzutheilen als meine eigene Bitte um die Hand Eurer Tochter.«

»Graf Egenolf,« sprach Oswald nach einem kurzen Schweigen, »gebt mir auf eine offene Frage eine offene Antwort! Haltet Ihr eine friedliche Einigung zwischen Eurem Vater und mir für möglich?«

»Ja!«

»Würde sich Euer Vater zu einer Unterredung mit mir verstehen?«

»Wenn Ihr ihn darum ersuchtet, so zweifle ich nicht daran, aber -- versprechen kann ich nichts.«

»So! versprechen könnt Ihr nichts. -- Weiß meine Tochter von Eurer Liebe zu ihr?«

»Ja, Herr Graf! wir haben den Bund der Herzen geschlossen und uns Lieb und Treu gelobt für Zeit und Ewigkeit,« erwiederte Egenolf mit festem Ton und freiem Blick.

»Hm! auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.« Graf Oswald sann nach, und sein scharfer Verstand rechnete schnell: Egenolf weiß mehr, als er sagen will. Er hält eine Einigung für möglich, das heißt soviel wie Schmasman wünscht sie. Damit ist die Brücke geschlagen, aber zu einem Rückzuge werde ich sie nicht beschreiten.

Er erhob sich und sprach: »Herr Graf, bei Vergebung der Hand einer Tochter hat die Mutter ein Wort mitzureden. Verzeiht eine kleine Weile, ich möchte mit der Gräfin sprechen.« Darauf ging er hinaus und ließ Egenolf allein.

Auch Egenolf hatte sich erhoben und des Grafen leichte Verbeugung erwiedert. Ihm war getrost und froh zu Muthe, denn es war ihm nicht entgangen, wie beifällig Oswald die zugegebene Möglichkeit einer Einigung mit seinem Vater aufgenommen hatte.

Er trat an eines der Fenster und schaute über das Ried hinaus in die Ferne, nach dem Kaiserstuhlgebirge und den massigen Höhen des Schwarzwaldes. Bei der völlig klaren Herbstluft waren heute sogar die Alpen sichtbar, die sich mit ihren schneeigen Häuptern wie eine lange, silberhelle Wand am Horizont von Osten nach Westen dehnten und ihre ragenden Schroffen und Spitzen deutlich erkennen ließen. Diesen heiteren, sich nur selten in solcher Schönheit darbietenden Anblick nahm sich Egenolf zum guten Zeichen. --

Graf Oswald, der Mühe gehabt hatte, seine Freude über die ihn im höchsten Grade überraschende Werbung Egenolfs und die sich für ihn selbst daran knüpfenden Hoffnungen vor seinem Gaste zu verhehlen, bedurfte einer Spanne Zeit zur Sammlung und Überlegung, und es drängte ihn, seiner Gemahlin von dem erstaunlichen Ereigniß Mittheilung zu machen.

In großer Erregung trat er bei ihr ein mit den hervorgesprudelten Worten: »Margarethe, denke Dir, wer oben bei mir ist! -- Graf Egenolf von Rappoltstein. Und was will er? -- er wirbt um die Hand Leontinens.«

»Oswald! -- wie ist das möglich?« rief die Gräfin, von ihrem Sitz emporschnellend.

»Ich wußte selber nicht, wie mir geschah, als er damit herausrückte,« erwiederte der Graf. »Und was das Beste dabei ist, er kommt mit Wissen und Genehmigung seines Vaters.«

»Eine Siegesbotschaft, Oswald!« frohlockte Margarethe.

»Nicht wahr?«

»Was hast Du ihm geantwortet?«

»Vorläufig weiter nichts, als daß ich über die Hand der Tochter nicht ohne die Zustimmung ihrer Mutter verfügen könnte. In der ausgesprochenen Absicht, mich mit Dir zu berathen, verließ ich ihn. Was thun wir nun? ich gedenke vorsichtig und zurückhaltend zu sein.«

»Ja, das wohl, aber nicht abweisend,« sprach die Gräfin. »Du stellst Deine Bedingungen, vor deren Annahme von einer Heirath keine Rede sein kann. Zunächst verlangst Du die Bundesgenossenschaft seines Vaters, des Grafen Maximin, gegen den Rathsamhausen.«

»Selbstverständlich!« nickte Oswald.

»Sodann,« fuhr Margarethe fort, »beharrst Du bei den oder erhöhst noch die Forderungen, die Du sowohl zur Durchführung Deiner Pläne wie zur Befestigung Deiner Machtstellung für nöthig erachtest.«

»Noch erhöhen? Margarethe, spannen wir den Bogen nicht allzu straff!«

»Nur nicht schüchtern und blöde jetzt!« rief sie entschlossen. »Eine so gute Gelegenheit, Dich und Deinen Willen durchzusetzen, kommt Dir nicht wieder.«

»Gewiß nicht,« gab Oswald zu. »Aber mit dem jungen Grafen kann ich über diese Dinge nicht verhandeln.«

»Mit ihm verhandeln sollst Du auch nicht,« erwiederte sie, »sondern ihm nur sagen, daß ohne vorhergehende Einigung zwischen Dir und seinem Vater an eine Verbindung mit uns nicht zu denken wäre. Dann höre, was er darauf antwortet. Vielleicht bringt er schon Vorschläge dazu mit.«

»Er hat keine Vollmacht von seinem Vater zu irgend welchen Versprechungen.«

»Nun, er kommt doch mit dessen Genehmigung; also wird er Dir, wenn auch nicht feste Versprechen, so doch wohl gewisse Anerbietungen zu machen haben,« meinte die Gräfin. »Wie weit ist er mit Leontinen?«

»Ein Herz und eine Seele!« lachte der Graf.

»Wirklich?« sprach Margarethe mit hell blinkenden Augen und einem frohen Lächeln, das ihr Antlitz wie Sonnenschein beglänzte. »O ich freue mich ihres Glückes, und wir haben Schmasman gegenüber mit unserer Einwilligung ein Pfand in den Händen, das wir nicht unter seinem Werthe weggeben dürfen.«

»Darin stimme ich Dir vollkommen bei,« erwiederte Oswald, »aber gerade Leontinens wegen darf ich keine übertriebenen Forderungen stellen, denn wenn die Verhandlungen mit Schmasman fehlschlügen, ginge damit auch das Glück unserer einzigen Tochter in die Brüche.«

»Sie werden nicht fehlschlagen,« entgegnete Margarethe lebhaft. »Egenolf wird für seine Liebe Himmel und Hölle in Bewegung setzen, zwischen Dir und seinem Vater Eintracht zu stiften. Tritt nur fest und entschieden auf und gieb nicht zu früh nach, damit wir Zeit gewinnen.«

»Weißt Du was?« sagte der Graf, »komm mit mir hinauf zu ihm und höre selber, wie er meine Entscheidung aufnimmt.«

»Ja, das will ich thun,« sprach Margarethe, und sie gingen beide. --

Egenolf war in wachsender Ungeduld das Zimmer oben auf- und abgeschritten und stand wieder am Fenster, mehr in seine hoffnungsvollen Gedanken als in den Anblick des großartigen Landschaftsbildes vertieft, als die Thüre klang. Schnell wandte er sich um, und ein heller Schimmer glitt über sein Antlitz, als er in Begleitung des eintretenden Grafen dessen Gemahlin erblickte, die er, ihr die Hand küssend, mit ritterlicher Höflichkeit begrüßte.

Graf Oswald begann sofort mit verbindlichem, aber ernstem Tone: »Wir kommen, Herr Graf, um Euch auf Euren ehrenwerthen Antrag den Bescheid zu bringen, daß Ihr uns als Eidam herzlich willkommen wäret und wir Euch mit Freuden unsere Tochter als Ehgemahl anvertrauen würden, wenn die Verhältnisse anders lägen, als es leider der Fall ist. Daher kann ich Eure Werbung nur annehmen, wenn ich die sichere Bürgschaft erhalte, daß ich in dem mir bevorstehenden Kampfe mit Herrn Burkhard von Rathsamhausen und seinen Freunden Euren Vater als Bundsgenossen an meiner Seite haben werde. Könnt Ihr mir diese Bürgschaft auf Manneswort geben?«

»Nein, Herr Graf, das kann ich nicht,« erwiederte Egenolf betroffen.

»Dann bedaure ich aufrichtig, Euren Antrag ablehnen zu müssen,« sprach Oswald. »Ihr werdet selber einsehen, daß ich nicht anders kann,« fuhr er fort, als Egenolf schwieg. »Ich kann die Hand meiner Tochter nicht dem Sohne meines Feindes geben.«

Da raffte sich Egenolf aus seiner tiefen Bestürzung zu der Entgegnung auf: »Mein Vater ist in einigen Punkten Euer Gegner, aber nicht unter allen Umständen Euer Feind, Herr Graf. Ich sagte Euch bereits auf Eure Frage, daß ich eine Einigung zwischen Euch und ihm für möglich hielte.«

»Die bloße Möglichkeit genügt mir nicht, ich muß Gewißheit darüber haben, wenn ich Euren Herzenswunsch erfüllen soll,« erklärte Graf Oswald.

»Ihr weist mich also mit meiner Werbung ab?« sprach Egenolf erregt. »Auch Ihr, Frau Gräfin?« wandte er sich zu dieser.

Margarethe zuckte mit den Achseln und erwiederte: »Ich kann meinem Gemahl nicht Unrecht geben, Herr Graf, so sehr ich auch meinerseits bedaure, Euch unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu Eurem Glücke verhelfen zu können.«

Egenolf starrte finster vor sich hin und schwieg.

»Habt Ihr mir einen Auftrag an meinen Vater mitzugeben, Herr Graf?« frug er dann, noch in der Hoffnung auf einiges Entgegenkommen seitens des Grafen von Thierstein.

Aber Oswald antwortete: »Einen Auftrag? ich wüßte nicht, welchen, Herr Graf. Ich habe dem, was ich Euch kund that, nichts hinzuzufügen.«

Das ist der Abschied, sagte sich Egenolf, es fehlt bloß noch: da ist die Thür! Herb und trocken sprach er: »So habe ich hier nichts mehr zu suchen.«

Da zog Oswald unwillkürlich die Brauen hoch wie Jemand, der erstaunt oder erschrickt, und Margarethe machte eine Bewegung, als wollte sie vortreten und sich einmischen.

Doch Egenolf fuhr fort, erst ruhig, dann allmählich lauter und erregter werdend: »Ich gehe mit schwerem Herzen, Herr Graf, und nehme nichts mit als eine schmerzliche Enttäuschung. Damit Ihr aber wißt, wie Ihr mit mir daran seid, erkläre ich Euch hiermit: ob Fehde oder Friede wird, von Leontinen lasse ich nicht, so lange ich das Leben habe, und werde Euch immer wieder und wieder um sie bitten, bis Ihr sie mir gebt, und thut Ihr das nicht, so komme ich und hole sie mir.«

Ehe Graf Oswald auf diese in einem trotzigen, fast drohenden Tone gesprochenen Worte etwas erwiedern konnte, flog die Thür auf, und hastig, mit heißrothen Wangen trat Leontine herein.

»Ihr habt mich nicht gerufen, aber ich weiß, was hier vorgeht,« stieß sie, fast athemlos vom schnellen Treppensteigen, hervor. »Eine Lauscherin an der Thür hat es mir hinterbracht, und wenn über mein Schicksal beschlossen wird, will ich dabei sein.« Mit geschwinden Schritten war sie an Egenolfs Seite, ergriff seine Hand und fuhr erhobenen Hauptes und mit erhobener Stimme fort: »Vater und Mutter, hier stehe ich neben dem, bei dem ich immer und allwege stehen werde und der mein Herr und Gemahl wird oder sonst Keiner. Ihr könnt mich von seiner Seite reißen, könnt mich auf der Hohkönigsburg einsperren, daß ich ihn niemals wiedersehe, aber meine Liebe könnt ihr mir nicht nehmen; die habe ich ihm geschworen, die gehört ihm und bleibt ihm bis zu meinem letzten Athemzuge.« Erregt und erschöpft lehnte sie sich hingebend an Egenolf und schmiegte das Haupt an seine Schulter, der sie mit dem Arm umfing, während ihm das Herz in Freuden klopfte.

Graf und Gräfin waren bei diesem leidenschaftlichen Austritt sprachlos. Margarethe blickte mit innigem Stolz auf ihre muthige Tochter.

»Leontine,« begann Oswald, nachdem er sich gefaßt hatte, »Du weißt nicht, was die Familien Rappoltstein und Thierstein von einander trennt und scheidet.«

»O ich weiß es wohl, Vater!« fuhr sie auf, »diese unglückselige Fehde, die vermieden werden könnte, wenn auf beiden Seiten der gute Wille dazu vorhanden wäre. Egenolf, ich frage Dich: glaubst Du nicht, daß Dein Vater den guten Willen dazu hat?«

»Ich bin fest davon überzeugt, Leontine,« erwiederte Egenolf.

»Und Ihr, Vater? habt Ihr ihn nicht? auch nicht mir zu Liebe?« kam es von Leontinens bebenden Lippen.

»So rasch glaube ich an Eures Vaters guten Willen nicht,« sprach Oswald, als hätte er die an ihn gerichtete Frage Leontinens nicht gehört. »Er weiß, daß Ihr hier seid und warum Ihr hier seid, aber keinen Gruß, keinen Wink, nicht ein Wort hat er Euch mitgegeben, aus dem ich auf seinen guten Willen zur Einigung mit mir schließen könnte.«

»Und dennoch ist es mir außer allem Zweifel, daß er den aufrichtigen Wunsch hat, mit Euch Frieden zu halten,« fiel Egenolf ein.

»So mag er es mich wissen lassen! Ich bin es, der hier um etwas gebeten, von dem etwas verlangt wird, und zwar nicht mehr und nicht weniger als die Hergabe meiner einzigen Tochter. Warum soll nun ich den ersten Schritt thun und Eurem Vater die Hand entgegenstrecken ohne zu wissen, ob sie von ihm angenommen wird?«

»Vater,« rief Leontine, »schickt mich zum Grafen Maximin! ich bringe Euch den Frieden zurück, oder Ihr seht mich nicht wieder!«

Da konnte sich Margarethe nicht länger halten. Aus unwiderstehlichem Drang stürzte sie auf Leontinen zu, umhalste und küßte sie. »Recht so, mein Kind!« schluchzte, jauchzte sie, »aber nicht Du, nicht Du! Der da wird für eure Liebe eintreten, wie er kann und vermag.« Im Tiefsten ergriffen und bewegt, bereute sie in diesem Augenblick, ihren Gemahl zum zähen Festhalten Schmasman gegenüber noch aufgestachelt zu haben, und war jetzt selber zu jedem Opfer für das Glück ihres Kindes bereit. »Und Du, Oswald,« wandte sie sich an den Grafen, »sieh Dir die Beiden hier an und sprich ein Wort, wie Dir ums Herz ist!«

Graf Oswald stand und blickte vom einen zum andern von den Dreien, unschlüssig und mit sich kämpfend. Endlich fing er an: »Wohlan, Graf Egenolf! so höret mein letztes Wort, das ich Euch zu sagen habe. Ich will Euch meine Tochter geben unter der Bedingung, daß zwischen Eurem Vater und mir nach vorausgegangener Verständigung über alle streitigen Punkte Friede bleibt und Freundschaft wird.«

»Die Bedingung nehme ich an, Herr Graf!« rief Egenolf aufathmend und schlug kräftig in Oswalds dargebotene Hand.

»Vater! Vater!« jubelte Leontine und umschlang ihn stürmisch.