Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 14

Chapter 143,757 wordsPublic domain

Von Schluchzen oftmals unterbrochen erzählte Dimot nun: »Vor zwei Tagen kam Haschop, die Zigeunerin, mit der ich befreundet war, zu mir auf die Hohkönigsburg, weil ich sie eingeladen hatte, mich einmal zu besuchen. Sie sagte, sie hätte mir auch etwas mitgebracht. Sie wüßte genau, daß der Herr Graf sich um die Gunst der Gräfin Leontine bewürbe, und weil sie die schöne, junge Gräfin gern glücklich sehen möchte, hätte sie einen Liebestrank bereitet, der dem Herrn Grafen die Neigung meiner Herrin sichern würde. Sie sagte es nicht, aber sie deutete an, daß es mit Wissen und Willen, im Auftrage des Herrn Grafen geschähe, und gab mir eine ausgehöhlte, mit Wachs wieder zugeklebte welsche Nuß, in der sich ein Pulver befand. Davon sollte ich meiner Herrin an drei Abenden hinter einander einen halben Fingerhut voll in den Schlaftrunk thun; es wäre ganz geschmacklos, so daß sie nichts davon merken würde. In der besten Absicht, meine liebe junge Herrin, für die ich mein Leben lassen würde, zu ihrem Herzensglücke zu verhelfen, befolgte ich Haschops Weisung an demselben Abend noch. Aber schon in der Nacht erkrankte Gräfin Leontine heftig, und daran bin ich schuld, o mein Gott! mein Gott! hätte ich das geahnt!«

»Nur weiter, weiter!« drängte Egenolf.

»Man holte einen arzeneikundigen Pater aus der Abtei Sanct Pilt. Der brachte starkwirkende Mittel und kochte ein Tränklein, das die Gräfin einnehmen mußte und das ihr sehr gut gethan hat. Sie ist schon wieder außer Bett, aber noch angegriffen und matt; darum kann sie heute nicht zum Reiten mit dem Herrn Grafen kommen, aber in ein paar Tagen hofft sie wieder so weit zu sein, soll ich dem Herrn Grafen melden.«

»Weiß Deine Herrin das Alles?« frug Egenolf.

»Nein, o nein! nur Euch habe ich es in meiner Angst gestanden, und ich bitte Euch, Herr Graf, ich bitte Euch bei allen Heiligen im Himmel, sagt es ihr nicht! ich schämte mich zu Tode, ich ginge ins Wasser, wenn sie es erführe.« Und Dimot fiel auf die Knie, hob die Hände flehend zu Egenolf empor, verhüllte dann wieder ihr thränenüberströmtes Gesicht und jammerte und schluchzte.

»Steh auf!« sprach Egenolf, »ich verspreche Dir, zu schweigen. Bestelle Deiner Herrin meinen ehrerbietigen Gruß und meinen innigsten Wunsch, daß sie schnell wieder genese.«

»O ich danke Euch, ich danke Euch viel tausendmal, Herr Graf!« stammelte Dimot und erhob sich. Dann griff sie in die Tasche ihres Kleides und bot ihm einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand dar. »Hier ist die Nuß mit dem Rest des Pulvers,« sagte sie, »nehmt es an Euch, Herr Graf, vielleicht könnt Ihr die Falsche damit ihrer schändlichen That überführen.«

Egenolf steckte das Päckchen zu sich, schwang sich aufs Pferd und jagte auf dem Wege zurück, den er gekommen war. »Giftmischerin, verfluchte!« murmelte er, »mit dem Leben sollst Du es büßen!«

Er ritt aber nicht heim, sondern lenkte nach der Hütte der Zigeuner, deren einsamer Standort im Walde ihm sehr wohl bekannt war.

In einiger Entfernung davon stieg er ab, band das Pferd an einen Baum und pirschte sich leise an die Hütte heran in der Hoffnung, Haschop darin zu überraschen.

Ihm klopfte das Herz in so wilder Erregung, daß er mehrmals anhalten mußte, um Athem zu schöpfen. Als er, allmählich näher gekommen, wieder einmal im Dickicht rastete, glaubte er ein Klingen zu vernehmen, das nur aus der Hütte schallen konnte. Er drang durch das Gebüsch weiter vorwärts und hörte die eigenthümlichen Laute nun deutlicher. Was war das? Sang sich die Giftmischerin etwa gar ein Lied, um ihr Gewissen zu betäuben? Doch nein, das waren keine menschlichen Töne. Es klang so wehmüthig weich, so süß und melodisch durch den stillen Wald, daß er wie gebannt stehen blieb und lauschte. Und nun wußte er mit einem Male, was es war, -- es war Geigenspiel von Farkas' des Zigeuners Meisterhand. Den wollte er nicht treffen hier, denn unmöglich konnte er in dessen Gegenwart ein, wie er in der ersten, maßlosen Wuth gesonnen war, blutiges Strafgericht an seiner Tochter vollziehen, was auch der Zigeuner nicht ohne harten Kampf geschehen lassen würde.

Schon wollte er, verdrossen, daß er an der Verruchten nicht seine Rache nehmen konnte, umkehren zu seinem Pferde und davonreiten, aber noch mit halbem Ohre nach den wunderbaren Klängen hinhörend, fing er an zu überlegen, was er thun oder lassen sollte. War es denn sicher, daß er Haschop bei ihrem Vater fand, wenn er zu ihm ging? Er wagte nicht, es zu wünschen. War sie aber nicht zugegen, so konnte er seinen heißen Groll vor Farkas ausschütten und von ihm, wenn auch nicht Haschops Tod, so doch ihre Entfernung auf Nimmerwiederkehr verlangen oder ihm drohen, sie versuchten Giftmordes wegen dem Blutrichter auszuliefern. So ging er denn auf die Hütte, deren Thür und Fensterluken offen standen, langsam zu und trat hinein.

Der Zigeuner saß in dem ärmlichen Stübchen am Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, das Haupt auf die Geige gebeugt und in sein Spiel so vertieft, daß er Egenolfs Kommen nicht eher gewahr wurde, als bis dieser vor ihm stand. Da brach er sein Spiel jach ab und sprang auf.

Egenolf sah sich in dem Raume nach Haschop um, aber sie war nicht da. Mit vor Erregung heiserer Stimme frug er: »Farkas, wo ist Haschop?«

»Wo Haschop is, wissen Herr Graf besser als ich,« entgegnete der Zigeuner trotzig.

»Wenn ich es wüßte, würd' ich nicht fragen,« gab ihm Egenolf streng zurück.

»Herr Graf haben sie doch selbst mit Botschaft nach Rathsamhausen geschickt.«

»Was? -- wohin hätt' ich sie geschickt?« sprach Egenolf erbleichend.

»Nach Rathsamhausen zu Herr Burkhard,« wiederholte Farkas.

Egenolf stützte sich mit der Hand auf den groben Tisch im Stübchen, als bedürfe er eines Haltes bei dieser Nachricht.

»Is nit so? haben Herr Graf sie nit hingeschickt?« fragte Farkas.

»Lieber in die Hölle als nach Rathsamhausen!« brach Egenolf los.

»Warum in die Hölle? Herr Graf dachten früher anders.«

»Weil sie eine Mörderin ist und die junge Gräfin Thierstein vergiftet hat.«

Farkas trat einen Schritt zurück und blickte den Grafen starr an. Dann schüttelte er sein schwarzlockiges Haupt und sagte ruhig: »Glaubt Farkas nit.«

»Ich habe Zeugen und habe den Beweis in Händen; hier ist er,« rief Egenolf, holte Dimots Päckchen hervor und übergab es dem sichtlich Erschreckenden. »Mit dem, was Du darin finden wirst, hat Deine Tochter der Gräfin den Schlaftrunk gewürzt.«

Farkas enthüllte es mit zitternder Hast, schüttete etwas von dem bräunlichen Pulver in seine Hand, roch daran und führte mit der befeuchteten Fingerspitze eine Kleinigkeit davon an die Zunge. »Is kein Gift,« erklärte er dann. »Wir Zigeiner kennen alle Gifte, besser als Doctors und Lateiner, aber das is kein Gift. Haschop is nit Giftmischerin.«

»Das wird der Blutrichter entscheiden; seine Häscher werden sie greifen, daß er den Stab über sie bricht,« erwiederte Egenolf drohend.

Farkas schwieg ein Weilchen, ehe er mit verbissenem und höhnischem Ausdruck sprach: »Und wenn Richter armes Zigeinermädchen fragt: warum hast Du schöne Gräfin vergiftet? wird es zur Antwort geben: weil ich jungen Grafen geliebt hab und er mich auch und weil Graf mich betrogen und verlassen hat. Hab ich mich rächen wollen an Einer, die mir sein Herz gestohlen. So wird Haschop antworten, und Alles, Alles in ganze Land, große Herren und vornehme Damen und geringes Volk wird mit Finger auf stolzen Grafen zeigen: hat Zigeinermädchen betrogen und auf die Richtstatt gebracht! und die Spielleut werden's umtragen, und Pfeiferkönig kann's nit hindern und --«

»Farkas!« unterbrach ihn Egenolf bebend, »schweig! kein Wort mehr! Schwörst Du mir, dafür zu sorgen, daß Deine Tochter das Land räumt weit weg von hier auf Nimmer-Nimmerwiederkehr? Es soll Dein Schade nicht sein.«

»Farkas verspricht nischt, was nit halten kann,« erwiederte der Zigeuner. »Seit zwei Tage is sie fort; wer kann wissen, ob sie wiederkommt! ich kann sie nit hüten, und fangen läßt sie sich nit, is wie ein Waldschratt, über den Niemand Gewalt hat, ich auch nit.«

»Farkas, -- wenn sie wiederkommt, ist sie unrettbar des Todes,« rief Egenolf. »Jetzt sage mir noch, was für eine Botschaft von mir hat sie Dir vorgelogen?«

Darauf gab ihm Farkas den Bescheid: »Beim Weggehen sagte sie: soll Herrn Burkhard von Rathsamhausen bestellen, Graf Egenolf und Gräfin Leontine würden sich heirathen, wenn nischt dazwischen käme.«

»Nichts dazwischen käme! -- ich weiß genug,« sprach Egenolf ergrimmt und schritt ohne Gruß hinaus.

Farkas blickte durch die Fensterluke dem Enteilenden nach, bis dieser im Gebüsch verschwunden war. Dann nahm er die Nuß mit dem Pulver wieder zur Hand, unterzog es noch einmal einer kurzen Prüfung und nickte vor sich hin: »Bilsenkrautwurzel und Tollkirschblätter; weiß wohl, wo sie's her hat, alte Großmutter hat sie's gelehrt. Schade um junge Gräfin, daß hat sterben müssen! war so schön und hat nit Schuld. Ihn, ihn hätt's treffen müssen, Messer ins Herz! is Zigeinerrecht, auf Liebesverrath steht Tod bei Mann und Weib. -- Nun hinter Haschop her und sie warnen, darf nit wiederkommen, niemals, niemals.«

Egenolf ritt, seinen Rhenus treibend, nach der St. Ulrichsburg, übergab dort das dampfende Pferd einem Stallknecht und stürmte hinauf nach Schloß Giersberg zu Imagina.

»Imagina,« rief er ihr zu, da er sie wie das vorige Mal wieder allein fand, »Imagina, jetzt ist es mit dem Abwarten aus, jetzt heißt es handeln. Leontine ist erkrankt, die Zigeunerin hat ihr Gift beigebracht.«

»Alle guten Geister!« stieß die aufs Tiefste Erschrockene hervor, »Egenolf, was sagst Du da?«

»Was ich vor zwei Stunden von ihrer Zofe gehört habe.«

»Schwebt sie in Lebensgefahr?«

»Gott sei gelobt! wie es scheint, nicht mehr. Aber jetzt bin ich fest entschlossen, jetzt werb' ich um sie,« sprach er in der höchsten Erregung.

»Nur ruhig, Lieber, ruhig!« mahnte Imagina. »Erzähle mir doch erst --«

»Ja so! Du weißt ja noch garnichts.« Er theilte ihr nun Wort für Wort Dimots Geständniß mit und schloß: »Und was noch dazu kommt, ist, daß es Burkhard hinterbracht worden ist.«

»Burkhard hinterbracht? was denn?«

»Mein Verlöbniß mit Leontine. Haschop ist nach Rathsamhausen entflohen, um Burkhard Alles zu verrathen.«

»Woher weißt Du das? von Loder?«

»Nein, von Farkas, ihrem eigenen Vater, aber Hans Loder werd' ich es klagen; er soll auf die Schändliche fahnden, sie hängen oder ersäufen lassen, sie darf nicht leben!«

Imagina schüttelte besorgt ihren hübschen Blondkopf und sagte: »Ich bin ja nicht in Zweifel darüber, wie Du mit Haschop gestanden hast, und will Dir keine Vorwürfe machen. Sie ist ein verführerisches Geschöpf, und so eines kleinen Liebeshandels wegen wird Niemand einen ritterlichen Junggesellen schelten. Aber eines möcht' ich wissen: was reizt die Zigeunerin, zu Burkhard zu laufen und just ihm ihre Kundschaft von Deinem Bunde mit Leontine zuzutragen?«

»Sie muß wie eine witternde Füchsin Wind davon bekommen haben, wie die Dinge zwischen Burkhard und meinem Vater stehen, denn sie ist eine Schleicherin und Ohrenmelkerin, die herumläuft und Alles auskundschaftet und aus den Leuten heraushorcht und herausholt, was sie wissen will. Nach ihrem Mordversuch gegen Leontine will sie nun den Rathsamhausen auf uns Rappoltsteiner hetzen,« erwiederte Egenolf zornwüthig.

»Also das Eine wie das Andere die Rache der Verstoßenen,« sagte Imagina und fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: »Bei so bewandten Umständen kann ich Dir nur rathen, Egenolf, Deinem Vater offen zu bekennen, was Du ohne ihn zu fragen gethan hast. Er muß Dein Verlöbniß mit Leontinen jetzt erfahren, und zwar von Dir selber.«

»Von mir selber soll er's auch erfahren,« stimmte ihr Egenolf zu, »und so bald wie irgend möglich, um dem Dazwischentreten Burkhards vorzubeugen, der Alles daran setzen wird, unsere Verbindung zu hintertreiben. Aber nicht früher möcht' ich es meinem Vater mittheilen, als bis die Sache entschieden und nichts mehr daran zu ändern ist; er würde mir sonst streng verbieten, um Leontinen zu werben. Ein paar Tage warte ich noch, bis ich hoffen kann oder höre, daß sie wieder ganz gesund ist. Dann aber reite ich zur Hohkönigsburg hinauf, und kein Mensch auf der ganzen weiten Welt soll mich daran hindern. Ich will vor meinen Vater hintreten und ihm sagen können: Leontine ist meine Braut. Was dann weiter wird, ist mir Alles gleich.«

»Aber Egenolf!«

»Ist mir Alles gleich!« schrie er noch einmal. »Von einander lassen thun wir doch nicht, nun und nimmer nicht und in alle Ewigkeit nicht, mag kommen, was will!«

»Gott im Himmel, mit so einem verliebten Menschen ist nichts, rein gar nichts anzufangen,« seufzte Imagina verzweifelt. »Mach, daß Du fortkommst und suche Dir Deinen Verstand wieder, den Du zwischen Ulrichsburg und Hohkönigsburg verloren hast, und wenn Du ihn wiedergefunden hast, komm zu mir und zeig' ihn mir.«

»Das will ich thun; Dank für den Rath! komm, laß Dich küssen dafür!«

»Du bist wahrhaftig verrückt,« lachte sie hell auf, »fort, fort, hinaus mit Dir!« Lachend wehrte sie den Ungestümen ab und schob ihn an den Schultern zur Thür hinaus.

XVIII.

Gegen Abend des zweiten auf das Gespräch Egenolfs mit Imagina folgenden Tages saß Graf Maximin in seinem Gemach und hielt in der auf seinem rechten Knie ruhenden Hand ein Schreiben, das er soeben gelesen hatte und über dessen Inhalt er nun sann und grübelte. Sein Blick war darauf gerichtet, aber er sah nichts, er starrte mit weit offenen Augen ins Leere, ganz und gar in Gedanken verloren. Dann schüttelte er den Kopf, als wollte ihm irgend etwas nicht hinein von dem, was in dem Briefe stand.

»Wenn etwas Wahres daran wäre,« sprach er endlich zu sich selber, »so könnte das böse Verwickelungen geben; aber ich glaube nicht daran. Wie kommt Burkhard zu dieser Hindeutung auf das mögliche Eintreten eines Ereignisses, an das noch kein Mensch gedacht hat? Verräth sich damit nur seine Furcht vor einer solchen entfernten Möglichkeit? und will er mich mit Androhung seiner Feindschaft zwingen, etwas noch Unerwogenes und Ungewolltes im Voraus zu verhüten, das, wenn es geschähe, ihn treffen würde wie ein Schlag vor den Kopf? Klar sehen muß ich, was dahinter steckt.«

Er erhob sich, rief seinem Kämmerling und befahl ihm, nachzusehen, ob Graf Egenolf im Schlosse anwesend wäre, in welchem Falle er ihn sofort zu sprechen wünschte.

Dann nahm er sein Selbstgespräch wieder auf: »Aber wenn die neue Mär nun doch nicht ohne Grund und Boden wäre, -- was dann? In welche verzwickte Lage kämen dann Oswald und ich! Jeder würde seine Einwilligung an Bedingungen knüpfen, deren Erfüllung dem Einen oder dem Andern sehr schwer fallen, vielleicht unmöglich sein würde. Ja, wenn Vieles anders wäre, als es ist, -- welch ein Glück wäre das für die beiden prächtigen Menschen! Ach, was quäle ich mich mit Hirngespinnsten! es kann ja nicht sein, es ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen schier undenkbar.«

In diesen Betrachtungen wurde er durch den Eintritt des Sohnes unterbrochen, der mit einem unsicheren, fast scheuen Blick in seines Vaters Zügen zu lesen suchte, was seiner wohl hier warten möchte. Sollte Burkhard seine ihm zugeflogene Wissenschaft wirklich schon an den Mann gebracht haben?

»Du wirst nicht vermuthen, Egenolf,« begann der Graf, »weßhalb ich Dich zu mir bescheiden ließ. Höre, was ich Dir mitzutheilen habe.«

Sie nahmen beide Platz, und Schmasman fuhr fort: »Ich habe da von meinem alten Freund und Waffenbruder Burkhard einen Brief empfangen, der nichts Geringeres enthält als seine deutliche Absage, wenn ich nicht thue, was er hartnäckig von mir verlangt, nämlich ihm bei der gewaltsamen Vertreibung der Thiersteiner und seiner Besitzergreifung der Hohkönigsburg mit aller meiner Macht zu helfen. Da ich nun, selbst nach einem kriegerischen, für uns sieghaften Austrage der schwebenden Streitigkeiten, doch keineswegs in die Vertreibung der Thiersteiner willigen werde, so kann es leicht dahin kommen, daß wir, Burkhard und ich, uns über kurz oder lang feindlich und kampflich gegenüberstehen.«

»Es freut mich sehr, lieber Vater,« fiel Egenolf, von der Sorge befreit, daß es sich um sein Verlöbniß handelte, lebhaft ein, »aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß Ihr entschlossen seid, die Demüthigung des Grafen Oswald zu verhindern.«

»Die Vertreibung, habe ich gesagt,« verbesserte Schmasman den Sohn, »denn sich beugen, unserm Widerspruch gegen seine Absichten sich fügen wird Graf Oswald müssen, wenn er Frieden haben und behalten will. Aber warum freut Dich mein Entschluß, ihn vor dem Schlimmsten, was ihm droht, zu bewahren?« frug er aufmerksam. »Hast Du Veranlassung, besonderen Antheil an seinem Geschick zu nehmen?«

»Nun, -- wir waren doch seine Gäste auf der Hohkönigsburg,« gab Egenolf verlegen und ausweichend zur Antwort.

»Das war Burkhard mit den Seinigen auch und ist ihm doch Feind geworden und verlangt, daß wir es auch werden. Gieb Acht, was er mir schreibt.« Schmasman nahm den Brief zur Hand und las ihn dem Sohne vor.

Maximin von Rappoltstein!

Du hast mir auf der Ulrichsburg gelobt, mir in der Fehde gegen Thierstein mit trefflich großem Zeug zu Roß und zu Fuß beizustehen, und ich habe mich auf Dein Wort verlassen. Nun läuft aber ein heimlich Gemurmel, Du wollest Dich mit ihm gegen mich verbünden, und dabei ist mir die neue Mär zu Ohren gekommen von einer vorhabenden Heirathsabrede zwischen Deinem Sohn und seiner Tochter.

Bei dieser Stelle erhob Schmasman ein wenig das Haupt und streifte seinen Sohn mit einem schnellen, forschenden Blicke. Egenolf biß die Zähne zusammen und hielt die Lehne seines Stuhles umklammert. Da war es nun doch, was er gefürchtet; der Pfeil war abgeschossen. Schmasman las weiter.

Ich habe Grund und Ursach, der Meldung Glauben zu schenken und frage Dich: soll, was Du mir gelobt hast, nun mit einem Male kraftlos und unbündig sein? Solcher Untreu hab ich mich nicht von Dir versehen, daß Du jetzt den Kopf aus der Halfter ziehen und mir in die Schanz fallen willst. Das nenne ich auf zwei Sätteln reiten. Nächstens werde ich dem Thierstein mit namhaft ritterlichen Gutgesellen absagen und muß nun wissen, was ich mir etwan Gefährliches von Dir zu besorgen habe. Darum fordere ich jetzt von Dir, daß Du Farbe zeigst. Du sollst mir zu mehrerer Sicherheit und Bekräftigung eine Bürgschaft, d. h. Wahrzeichen und Geschrift geben, daß Du mir Wort halten willst. Wenn Du aber von mir abfällst und Dich auf des Thiersteiners Seite stellst, so sage ich Dir auch ab und komme mit Hengst und Harnisch über Dich.

Burkhard von Rathsamhausen.

Egenolf saß noch immer regungslos und erwartete mit herzklopfender Spannung die Frage seines Vaters, die unfehlbar jetzt kommen mußte.

Und sie kam auch. Schmasman hub an: »Du hast gehört, daß in dem Schreiben einer Heirathsabrede zwischen Dir und der Thierstein'schen Tochter Erwähnung geschieht. Was soll ich davon denken, Egenolf? ich weiß nichts davon.«

»Aber ich, lieber Vater!« klang es nun fest und sicher von Egenolfs Lippen. »Herr Burkhard ist gut bedient, und ich muß Euch ein Geständniß ablegen, das Euch einigermaßen erstaunen wird. Gräfin Leontine von Thierstein und ich haben uns Lieb und Treu gelobt, wollen die Ringlein tauschen und als ehelich Mann und Weib bis an unseres Lebens Ende nicht von einander lassen.«

»Du hast Dich mit der Gräfin Leontine betraut? Egenolf, -- was hast Du gethan!« fuhr Schmasman auf. »Wir rüsten zum Kampfe gegen den Grafen Oswald, und Du gehst einen Liebesbund mit seiner Tochter ein? Das ist mir ganz unfaßbar, ist geradezu eine Tollheit, der ich Dich wahrlich nicht fähig gehalten hätte.« Er sprang auf und schritt eine Weile rasch und erregt im Zimmer auf und nieder. »Was soll daraus werden?« rief er dann, mit über der Brust verschränkten Armen vor Egenolf stehen bleibend. »Wo nimmst Du nur die leiseste Hoffnung her, daß dieser unbedachte Schritt zu einem guten Ende führen könnte?«

»Ich habe die Hoffnung, Vater, daß es nicht zum Kampfe kommt.«

»Das ist eine thörichte, eine ganz haltlose Hoffnung. Der Kampf ist allen Anzeichen nach unabwendbar.«

»Unsere Liebe wird ihn überdauern.«

»Der Groll des Besiegten auch. Wissen sie auf der Hohkönigsburg, was ihnen Feindliches bevorsteht?«

»Ja, sie wissen es,« erwiederte Egenolf, »durch einen Brief Friedrichs von Fleckenstein haben sie es erfahren.«

»Und trotzdem willst Du beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter werben? Oder hast Du es schon gethan?«

»Nein, noch nicht, aber ich will es thun.«

»Und Du bildest Dir ein, daß er sie Dir giebt? jetzt giebt? Das ist ja zum Lachen!« rief er, sich wieder niederlassend.

»Wenn ich ihm sagen könnte, Vater, daß ich mit Eurem Einverständniß um seine Tochter würbe, so --«

»So müßte er annehmen, daß ich wenigstens ihn nicht befehden will, daß ich sogar auf seiner Seite stehe, meinst Du. O er wird noch viel mehr annehmen; er wird denken, ich wäre es, der diese Verbindung wünscht und anbahnt und ihm Bundesgenossenschaft als Preis dafür bietet, mit anderen Worten, der ihn um Frieden bittet.«

»Diesen Gedanken werde ich nicht bei ihm aufkommen lassen,« sprach Egenolf. »Aber wäre es Euch denn nicht selber lieb, Vater, wenn Friede bliebe und keine Fehde zwischen euch ausbräche?«

»Ob mir lieb oder nicht, kommt nicht in Betracht. Ich habe keine Wahl und kann nicht voraussehen, ob Fehde wird oder Friede bleibt.«

»In wessen Hand ruht denn die Entscheidung darüber, wenn nicht in der Euren, Vater?«

»Da irrst Du,« entgegnete Schmasman. »Sie hängt einzig und allein von der Annahme oder Ablehnung gewisser Forderungen und Bedingungen ab, deren einige zwar von untergeordneter Bedeutung, andere dagegen von der größten Wichtigkeit für die Fortdauer unserer fest verbrieften und verbürgten Standesrechte sind.«

»Ließe sich denn nicht auch über diese wichtigen eine Vereinbarung treffen?«

»Nur dann, wenn Graf Oswald eine solche wünscht und selber den Vorschlag dazu macht, denn ich kann es nicht thun. Er hat meine Vermittelung einmal zurückgewiesen, und ich will mich dem nicht zum zweiten Male aussetzen.«

»Ich werde sie ihm auch nicht anbieten. Aber wenn er nun Eure Vermittelung anriefe? wenn er Euch durch mich darum ersuchen ließe?«

»Wenn! wenn! -- das thut er nicht.«

»Wer weiß, Vater? es kommt darauf an, --«

»Wie Du ihm die Sache darstellst, willst Du sagen. Egenolf, wäge Deine Worte, wenn Du vor ihm stehst! Du darfst ihm nicht das kleinste Zugeständniß in meinem Namen machen; ich will freie Hand behalten nach jeder Richtung hin. Du handelst auf Deine eigene Verantwortung und Gefahr, und bedenke wohl,« fügte Schmasman warnend hinzu, »wenn Dich Graf Oswald schroff abweist, so ist zwischen ihm und mir kein Friede möglich.«

»Und wenn er mich nicht abweist, so ist der Friede zwischen euch geschlossen?« fuhr es Egenolf freudig heraus.

»Das hängt mehr von ihm ab als von mir,« erwiederte Schmasman ernst. »Aber nun erkläre mir: woher weiß Burkhard von eurem Verlöbniß?«

»Ich bitte Euch, Vater, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen,« sprach Egenolf.

»Ah so! -- nun, -- dann will ich sie nicht von Dir verlangen,« sagte Schmasman, der wohl etwas von dem errathen mochte, weßhalb Egenolf diese Auskunft verweigerte. »Aber eine andere Frage: warum hast Du es mir verschwiegen? Ich hätte es doch, wenn es einmal geschehen war, sofort erfahren müssen, um mich danach richten zu können.«

»Ich bin mir wohl bewußt, lieber Vater, daß es meine Schuldigkeit gewesen wäre, Euch in mein Geheimniß einzuweihen,« erwiederte Egenolf, »aber glaubt mir! nicht aus Zaghaftigkeit hab ich es unterlassen. Ich schwieg aus Rücksicht auf Euch.«

»Aus Rücksicht auf mich? wieso?«