Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

Part 12

Chapter 123,777 wordsPublic domain

»Jawohl,« lachte Imagina, die sich zuerst faßte und aufgesprungen war, »ich habe soeben gebetet, der Himmel möchte uns irgend ein kleines blaues Wunder bescheren, und nun haben wir's leibhaftig vor uns, und größer als ich's mir in meiner Bescheidenheit gewünscht habe.«

Leontine flog nun aus einem Arm in den andern, und Alle beherrschten sich so gut, daß die Ahnungslose von ihrer Bestürzung über dieses höchst seltsame Zusammentreffen nichts gewahr wurde.

»Ich kann Euch nicht sagen, wie willkommen Ihr mir seid, Leontine!« sprach Herzelande mit einer eigenthümlichen Bewegung im Tone. Ihr brachte Leontinens Erscheinen Erleichterung und Erlösung von marternder Pein, und es war ihr, als käme der Schutzgeist des Hauses Thierstein eilends dahergeschwebt, dem Unheil zu wehren, das sich vielleicht in dieser Stunde über dem Hause zusammenzog. Nun konnten doch unmöglich die Drei da oben Feindschaft gegen den Grafen Oswald beschließen, während seine Tochter vertrauensvoll als Gast unter Schmasmans Dache weilte.

»Du bleibst doch recht lange hier, hoff' ich,« sprach Isabella und hielt Leontinen umschlungen, als wollte sie die eben Gekommene nun auch so bald nicht wieder freigeben.

»Leider muß ich heut Abend wieder zurück,« erwiederte Leontine, »wir erwarten Besuch aus Straßburg, und da muß ich zu Hause sein.«

»Wie Schade!«

»Ich komme bald einmal wieder; es trieb mich unwiderstehlich, Dich schnell einmal wiederzusehen, und ich weiß nicht, wie lange unsere Gäste bleiben werden.«

»Es wird ihnen auf der Hohkönigsburg schon zu längerem Aufenthalt gefallen,« meinte Herzelande; »sie ist gar schön und prächtig nach ihrem Wiederaufbau. Die weißhaarige Greisin läßt sich nun wohl nicht mehr sehen?«

»Welche weißhaarige Greisin?« fragte Leontine neugierig.

»Wißt Ihr davon nichts?« sprach Herzelande. »In den langen Jahren, wo die Burg in Trümmern lag, wandelte, so erzählt man sich, eine Greisin mit wallendem weißen Haar in hellen Vollmondnächten auf den gebrochenen Mauern gespenstisch umher, rang stumm klagend die Hände und erhob sie flehend zum Himmel. Eine verstorbene Gräfin Öttingen soll es sein, die vor Trauer über den Verfall der Burg in ihrem Grabe nicht schlafen konnte. Nun aber, da sie in alter Größe wieder hoch und herrlich dasteht, wird ihre einstige Herrin wohl die ewige Ruhe gefunden haben und, so hoff' ich zu Gott, nie wieder darin gestört werden.«

»Davon habe ich noch nie gehört.«

»Weiße Frauen gehen nächtens auf vielen Burgen im Wasigen um,« fuhr Herzelande fort, »auch auf der unsrigen hier, obwohl sie von uns Lebenden noch keiner gesehen hat. Auf Schloß Rathsamhausen, auf der Dagsburg, Haselburg, Spesburg, Plixburg, Ochsenstein, Greifenstein und anderen Burgen zeigen sie sich, und ihr Erscheinen bedeutet stets eine drohende Gefahr oder ein bevorstehendes Unglück.«

»Nur Unglück prophezeien sie?«

»Unglück und Gefahr; sie sind Ahnfrauen, die ihr nachfolgendes Geschlecht vor allem Bösen warnen und behüten wollen,« erwiederte Herzelande. »Achtet man ihres Kommens nicht, so bricht das Verderben herein. So geschah es einmal auf den Ottrotter Schlössern. Auf den Burgen Rathsamhausen und Lützelburg, die kaum einen Pfeilschuß weit auseinander liegen, wohnten einst zwei Brüder, die zuweilen in der Frühe selbander auf die Pirsch zu gehen pflegten. Sie weckten sich gegenseitig dadurch, daß der zuerst Erwachende beim grauenden Morgen einen Pfeil gegen den geschlossenen Fensterladen des Bruders schoß, und kannten aus langer Übung die Richtung so genau, daß sie auch im Halbdunkel ihres Zieles nicht fehlten. Eines Morgens aber öffnen beide gleichzeitig den Laden; Jeder schießt im selben Augenblick, und Jeder sinkt, vom Pfeile des Bruders getroffen, sterbend danieder. Drei Nächte vorher war beiden die weiße Frau erschienen.«

»Schrecklich!« sprach Leontine.

»Wißt ihr noch mehr so grauliche Geschichten?« frug Imagina. »So am helllichten Tage lasse ich sie mir gefallen, aber kurz vor Schlafenszeit halte ich mir die Ohren davor zu, sonst träumt man davon.«

»Du hast Recht,« sagte Herzelande, »wir wollen unsere liebe Leontine nicht mit so schauerlichen Geschichten unterhalten.«

»O ich fürchte mich nicht,« lachte Leontine und sah sich in dem schönen, ganz durchsonnten Zimmer aufmerksam um. Auf ein gemaltes Fenster zeigend fragte sie: »Ist das Euer Wappen?«

»Ja, das ist unser Wappen,« erwiederte Herzelande, »und wenn ich nicht irre, haben es die Rappoltsteiner schon von den Saliern, den Kaisern Heinrich IV. und V., die das Geschlecht mit den drei Burgen, auf denen wir heute noch wohnen, einst belehnten.«

»So? Wie kommt es denn aber, daß sich ganz dasselbe Wappen am Zunfthause der Maler in Straßburg befindet?«

»Es ist nicht ganz dasselbe,« belehrte sie Herzelande, »sondern zeigt die umgekehrten Farben, nicht drei rothe Schildlein in weißem Felde wie dies hier, sondern drei weiße Schildlein in rothem Felde, und es hat damit eine eigene Bewandtniß. Als vor langen Jahren Meister Ulrich von Ensingen den Thurmbau des Straßburger Münsters leitete, arbeiteten unter ihm drei berühmte Künstler, drei Brüder Jungherren von Prag, als Baumeister, Bildhauer und Maler. Ein Vorfahr meines Mannes, ein Herr von Rappoltstein, beleidigte sie, ich weiß nicht mehr womit. Sie beklagten sich beim Kaiser Sigismund, als dieser bald darauf nach Straßburg kam, und der Kaiser gab den Jungherren nicht nur Recht, sondern verlieh ihnen auch zur Sühne das nur in den Farben veränderte Wappen ihres Beleidigers. Und seitdem führen alle Malerzünfte im ganzen deutschen Reiche das Rappoltstein'sche Wappen, aber in den umgekehrten Farben: drei weiße Schildlein in rothem Felde.«

»Das ist ja merkwürdig,« sagte Leontine. »Ihr wißt so Vieles zu erzählen, Gräfin Herzelande! ich könnte Euch Tage lang zuhören.«

»Und ich würde nicht fertig werden damit,« lächelte Herzelande, »ich weiß noch viel, viel mehr, denn unser alter, schöner Wasigen steckt so voll von Sagen und Geschichten wie kein anderer deutscher Gau. Ich könnte Euch von der Fee Haband am Schlüsselstein erzählen, die bei Kerzenlicht die Mähnen der Rosse strählt und Nachts mit einem spukhaften Gefolge weißverschleierter Fräulein weit umherzieht, vom Weingeigerlein von Brunstatt, das zur Zeit der Rebenblüthe einen guten oder schlechten Herbst verkündet, vom böttgernden Küfer im Falkenstein, der dasselbe thut, von dem Gnom im Silberschacht bei Mariakirch, der sich in die Tochter des Steigers verliebte und weil sie ihn nicht erhörte, den Schacht mit allen seinen Schätzen auf ewig verschloß, von den Eisenringen in der Heidenmauer an der Tänchelwand, wo die Schiffe festgebunden wurden, die den großen See, der sich einst dort befand, befuhren, von Schwänen umkreist, und von noch mehr so wunderbaren Dingen. Aber das verspare ich mir auf ein ander Mal, denn ich höre die Herren kommen.«

Die drei Brüder traten herein, und auf ihren sehr ernsten, noch etwas erregten Gesichtern spiegelte sich Verwunderung und einige Verlegenheit, grade zu dieser Stunde Leontinen hier zu begegnen.

»Sieh da! die Herren Grafen alle drei beisammen!« rief Leontine sich erhebend. »Ihr staunt, mich hier zu sehen, und ich fürchte fast, ich bin in einen wichtigen Familienrath recht ungelegen und störend hineingeschneit.«

»Weder störend noch ungelegen, Gräfin Leontine!« erwiederte Schmasman freundlich und reichte ihr die Hand. »Wir waren nur nicht auf die Freude vorbereitet, einen so lieben Gast hier zu finden; seid willkommen!«

Auch Wilhelm und Kaspar begrüßten Leontinen mit ritterlicher Höflichkeit.

Vier Augenpaare bohrten sich mit forschenden Blicken in die Gesichter der drei Brüder, aber in ihnen war nichts von dem zu lesen, was sie beschlossen hatten und danach zu fragen wagte in Leontinens Gegenwart Niemand.

Graf Wilhelm verabschiedete sich, um zu seiner Gemahlin zurückzukehren. Kaspar aber und Imagina blieben zur Mittagstafel, an der man es sich so wohl sein ließ wie dies den auf die getroffene Entscheidung angstvoll Gespannten möglich war. Imagina und Leontine waren die Muntersten bei Tische, und Schmasman und Herzelande führten die Unterhaltung so ungezwungen und geschickt, daß Leontine von dem Banne, der auf Allen lag, nichts merkte.

Egenolf hatte sich Leontinen gegenüber gesetzt, aß und trank wenig und war ziemlich wortkarg. Seine Augen suchten die ihrigen, und sehr oft traf ihn ein schüchterner Blick von ihr, über den sie dann schnell die Wimpern senkte, aber doch nicht schnell genug, daß er den leuchtenden Blitz nicht gesehen hätte. Sie aber wußte sich das Gemisch von Sehnsucht und Sorge, mit dem er sie immer wieder und wieder anschaute, nicht zu deuten. Wovor bangte ihm? Konnte er denn noch in Ungewißheit sein, wie sie über ihn dachte, was sie tief im Herzen für ihn fühlte?

Die heimlich beobachtende Imagina hatte wohl erkannt, was da wie schwellende Knospen zum freudigen Aufblühen trieb und drängte, und nahm sich vor, den Beiden zu ihrem Glücke zu verhelfen, wobei sie auf Isabella's Beistand rechnen konnte.

Nachdem man vom Tische aufgestanden war, sagte sie zu ihrem Gatten: »Du hast wohl mit Schmasman noch Manches zu ordnen; wir gehen derweilen in den Wald, und ich treffe Dich später zu Hause.« Dann that sie noch eine leise Frage an ihn, auf die eine kurze, von Niemand sonst verstandene Antwort erfolgte.

Es kam auch so, wie Imagina vorgeschlagen hatte. Sie, Leontine und Isabella wandelten bald, von Egenolf begleitet, auf einem stillen Waldpfade, wo der Wind, im welkenden Laube raschelnd, sein wehmüthiges Herbstlied sang und bald hier, bald dort ein gelbes Blatt vom Zweige brach, das aus dem Wipfel lautlos zu Boden flatterte.

Anfangs gingen sie zu Vieren, paarweise getheilt, mit einander, und die Unterhaltung war eine gemeinsame. Nach einiger Zeit aber wußte es Imagina so einzurichten, daß sie mit Isabella vorn war und diese, Arm in Arm mit ihr, zu rascherem Vorwärtsschreiten veranlaßte, so daß Egenolf und Leontine etwas hinter ihnen zurückblieben. Leontine schien nicht darauf zu achten und plauderte ruhig weiter. Als sich die beiden Anderen aber immer mehr von ihnen entfernten, durchschaute sie deren Absicht, Egenolf Gelegenheit zu einer Aussprache mit ihr zu geben, und das war ihr durchaus nicht recht. Sie wollte zum Alleinsein mit ihm nicht so auffällig hingeleitet, hingestoßen sein, am wenigsten hier und heute, wo es ja den Anschein haben konnte, als wäre sie eigens dazu nach der St. Ulrichsburg gekommen. Darum beschleunigte nun auch sie ihren Schritt und zwang Egenolf damit, dasselbe zu thun. Er verstand sie und versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Aber etwas hatte er ihr doch zu sagen, was jene Beiden nicht zu hören brauchten. Daher begann er, ehe sie die Voranschreitenden einholten: »Wie lange wird Euer Straßburger Besuch auf der Hohkönigsburg bleiben?«

»Ich denke, zwei oder drei Tage, länger gewiß nicht,« erwiederte sie. »Warum fragt Ihr danach?«

»Weil ich eine Bitte an Euch habe, Gräfin Leontine,« sprach er. »Ich möchte mit Euch gern einmal einen Ritt durch den Wald machen. Wollt Ihr mir diese Gunst gewähren?«

Sie fühlte sich erröthen, neigte das Haupt tiefer und sagte leise: »Wenn Ihr es wünscht, Graf Egenolf, so will ich es gern.«

»O wie dank' ich Euch! Ist es Euch recht, daß wir uns am vierten Tage von heute um die neunte Stunde dort treffen, wo wir uns zum ersten Male gesehen haben, wo das Echo wohnt?«

»Wo das Echo wohnt,« lächelte sie; »hört Ihr's? es antwortet auch hier.«

»Und aus Eurem Munde, Leontine!« jubelte er.

Weiter sprachen sie nichts, denn sie waren jetzt schon nahe an die Beiden herangekommen, mit denen sie sich nun wieder vereinigten und zur Burg zurückkehrten.

Als sie durch das Thor schritten, machte sich Egenolf an Imagina's Seite und flüsterte: »Weißt Du's, was beschlossen ist?«

»Ja, ich weiß es,« erwiederte sie mit einem mitleidigen Blick, »Fehde gegen Thierstein.«

Es traf ihn wie ein Schlag aufs Herz, aber er schwieg und verrieth, so lange Leontine noch blieb, mit keinem Wort und keiner Miene seinen verzweifelten Gemüthszustand, in dem er das Schicksal, das seiner Hoffnung holde Blüthen erbarmungslos niedertreten wollte, schon herankommen sah.

Bald brach Leontine auf. Als sie im Burghof schon zu Pferde saß, schüttelte ihr Egenolf noch einmal die Hand, und nicht die Lippen, aber die Augen beider sprachen: Auf Wiedersehen!

XV.

Nicht mit einem frohen, freien Herzen ritt Egenolf an dem bestimmten Tage durch den Wald, Leontinen entgegen, denn er befand sich auf diesem Wege in einer schweren Bedrängniß. Er hatte sie um das Stelldichein gebeten, bevor er wußte, was die drei Brüder Rappoltstein beschlossen hatten, und nun er dies von Imagina erfahren, konnte er sich auf die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches, mit ihr einen Bund fürs Leben zu schließen, kaum noch Hoffnung machen.

Aber er durfte die ihn Erwartende nicht vergeblich seiner harren lassen, denn nach seinem bisherigen Benehmen gegen sie war er ihr eine Erklärung schuldig, oder er setzte sich in ihren Augen dem Verdacht aus, ein unverantwortliches Spiel mit ihr zu treiben.

Wenn er ihr nun heute, wie er sich vorgenommen hatte, seine Liebe gestand und sie nach der ihren fragte, so durfte er ihr als ehrlicher Mann nicht verschweigen, welche Schranke sich zwischen ihm und ihr aufbaute, und wenn er's ihr sagte, schob er selber den Riegel vor, der ihm ihren Besitz unnahbar verschloß, denn sie konnte sich unmöglich Einem zu eigen geben, der auf Seiten der Feinde ihres Vaters stand.

Früher als nöthig war er von Hause weggeritten, um in der Waldeinsamkeit zu immer wieder neuer Überlegung Zeit zu haben, was er thun sollte, und blieb dann doch bei dem Entschlusse, den er schon vor Tagen gefaßt hatte.

Er wollte ihr offen sagen: ich liebe Dich über Alles in der Welt, und Dich zu besitzen wäre das höchste Glück meines Lebens, aber ich darf nicht um Dich werben, weil es mir ein Hinderniß verbietet, das wegzuräumen nicht in meiner Macht liegt. Dieses Hinderniß würde sie sofort erkennen, sobald an ihren Vater die Absage seiner Gegner kam, die ja nicht lange mehr ausbleiben konnte.

Was dann geschah, was die Zukunft brachte, konnte Niemand voraussehen. Die Fehde würde beginnen und würde auch einmal endigen. Aber -- wie die Entscheidung des Kampfes auch ausfallen mochte -- ob dann, nach geschlossenem Burgfrieden, eine Verbindung zwischen den Familien des Siegers und des Besiegten überhaupt noch möglich war und zu Stande kommen würde, blieb immerhin höchst fraglich.

Unter so düsteren Betrachtungen hatte sich Egenolf allmählich der Stelle genähert, wo er damals Leontinens rufende Stimme und den Widerhall darauf vernommen hatte, und jetzt sah er die Geliebte auch schon langsam dahergeritten kommen. Er galoppirte ihr entgegen, aber sie that nicht das Gleiche, sondern ließ ihr Pferd im ruhigen Schritt.

Als er sie erreicht hatte und ihr die Hand bot, legte sie die ihrige nur leicht hinein, ohne den Druck der seinigen zu erwiedern, und sah ihn mit einem langen, theils forschenden, theils traurigen Blick an.

»Ich bin gekommen, Graf Egenolf,« begann sie mit wahrnehmbarer Ergriffenheit, »weil ich es Euch versprochen hatte und weil unser heutiges Wiedersehen doch wohl das letzte und ein Abschied für immer ist.«

»Ein Abschied für immer?« sprach er erschrocken, »wie meint Ihr das, Gräfin Leontine?«

»Solltet Ihr nicht wissen, was ich weiß?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Was wißt Ihr, Gräfin Leontine? sagt es frei heraus!« bat er dringend.

»Ich weiß, daß Euer Vater, Graf Schmasman, meinem Vater auf Gut und Blut absagen will. Ist es so, oder ist es nicht so?«

»Es ist so,« kam es ihm dumpf und schwer von den Lippen. »Seit wann wißt Ihr's?«

»Erst seit gestern,« erwiederte sie.

Er lenkte sein Pferd ihr zur Rechten und ritt nun auf dem schmalen Waldwege neben ihr. Ihm war es eine große Erleichterung, daß sie es schon wußte und er es ihr nicht zu sagen brauchte, aber eine noch viel größere Freude, daß sie trotzdem zu dem Stelldichein gekommen war.

»Ihr fragt nicht, woher ich es weiß, aber ich will es Euch sagen,« fing sie wieder an. »Mein Vater zeigte schon den Abend vorher ein seltsam erregtes und gegen seine Gewohnheit verschlossenes Wesen, als trüge er sich mit Sorgen oder ränge mit schweren Entschlüssen. Gestern Morgen stellte er mir Fragen, über die ich mich im Stillen wundern mußte. Welche Aufnahme ich bei Euch auf der Sanct Ulrichsburg gefunden hätte, ob Ihr Alle freundlich zu mir gewesen wäret, ob ich keine verlegene oder gedrückte oder gar feindselige Stimmung gegen mich oder gegen ihn bemerkt hätte. Ich sagte: nein, nicht im Mindesten, Ihr hättet mich herzlich willkommen geheißen, auch alle drei Herren Grafen, die dort zu einer wichtigen Unterredung versammelt gewesen wären. Da fuhr er zornig auf und rief: ›alle drei Brüder zusammen? so ist es richtig; da haben sie Rath gehalten und den Plan geschmiedet, und ich weiß auch, wer dahinter steckt und es angezettelt hat.‹ ›Welchen Plan denn?‹ fragten meine Mutter und ich zugleich. ›Absagen wollen sie mir auf Leben und Tod, die Rappoltsteiner und die Rathsamhausen. Ich habe es schwarz auf weiß von sicherer, gut befreundeter Hand,‹ erwiederte er heftig und schritt, ohne uns eine Aufklärung zu geben, eilig hinaus. Dann ließ er seinen Bruder Wilhelm rufen und hatte mit ihm eine lange Besprechung in seinem Zimmer. Später erfuhr ich von meiner Gürtelmagd, daß Tags vorher ein Fleckenstein'scher Knecht dagewesen wäre und ein Schreiben seines Herren überbracht hätte. Dieses Schreiben muß wohl eine Mittheilung, eine Warnung an meinen Vater enthalten haben. Fragen mag ich ihn nicht; er würde mir auch nicht Rede stehen.«

»Es ist Alles so, wie Ihr sagt, Gräfin Leontine,« sprach Egenolf, »und ich weiß es auch, wer dahinter steckt, Herr Burkhard von Rathsamhausen, kein Anderer. Er will sich an Eurem Vater für eine von diesem ihm zugefügte Beleidigung rächen und hat meinen Vater nach dessen langem, heftigem Widerstreben überredet, ihm beizustehen. Mir scheint, sie pflegen noch Unterhandlungen mit anderen Freunden und halten es darum noch geheim vor Eurem Vater, aber Burkhard muß wohl geschwatzt und sich damit gebrüstet haben, so daß Herr von Fleckenstein davon Kunde erhalten und Euren Vater gewarnt hat.«

»Seht, Ihr wißt soviel wie ich,« sagte Leontine, »und seid auch wohl nur hergekommen, um mir das mitzutheilen und um -- und -- weil es einmal verabredet war,« fügte sie aus gepreßtem Herzen hinzu.

Ein schmerzliches Lächeln umschwebte seine Lippen. »Nein, nicht darum. Ahnt ihr denn wirklich nicht, Leontine, wozu ich Euch um dieses Stelldichein gebeten habe?«

»Und wenn ich es riethe?« sprach sie erröthend, »wenn ich es riethe, was Ihr vorhattet, -- jetzt habt Ihr es aufgegeben, nicht wahr? es muß ja sein.«

»Nun und nimmermehr!« rief er. »Leontine, -- seht mir in die Augen! ach! wozu noch fragen! Ihr wißt es, daß ich Euch liebe, hört es nun aus meinem Munde, daß ich ohne Euch nicht leben kann, mag kommen, was will! Was sagt Ihr?«

Sie sah ihn innig, freudestrahlend an und sprach: »Egenolf, diesmal tönt unser Waldesecho aus der Tiefe meines Herzens: mag kommen, was will!« Und mit einer raschen Bewegung streckte sie ihm entschlossen die Hand entgegen.

»Leontine!« jauchzte er auf und erfaßte ihre Hand und hielt sie mit festem Druck umspannt. »Du mein, ich Dein in alle Ewigkeit!«

Ihr versagte die Stimme; sie nickte ihm zu mit schwimmenden Augen und mit einem Lächeln, das ihm das Herz erglühen und erzittern machte.

Er nahm die Zügel in die rechte Hand und wollte mit dem freien Arm die Geliebte umfangen. Dabei stießen die beiden Pferde mit den Köpfen zusammen, Leontinens Pferd scheute, that einen Seitensprung und bäumte sich. Aber die Reiterin saß fest im Sattel und bändigte ihr lebhaft tänzelndes Roß mit vollkommener Sicherheit. »Daphne,« sprach sie, ihm den glatten Hals klopfend, »willst Du Dich störrisch auflehnen gegen Deiner Herrin höchstes Glück? sei ruhig, Daphne! er liebt mich ja.«

Als sie des Thieres völlig Meister geworden war, ritt Egenolf wieder an sie heran, und die Pferde standen nun dicht bei einander still. Da bogen die Zwei sich von Sattel zu Sattel hinüber, und Egenolf umfing Leontinen und küßte sie auf den Mund, den sie ihm willig darbot.

Dann ritten sie, Blick in Blick und Hand in Hand, eine Weile schweigend weiter. Der Wind rauschte mächtig in den Bäumen und Sträuchern, daß die Zweige an einander schlugen, und spielte mit Leontinens Haar, daß es ihr gekräuselt um Nacken und Schläfen flatterte. Sonst war es still und einsam um die Beiden hier, die sich in selig träumenden Gedanken wiegten. Aber wenn auch ihr Glück so groß war, daß es keine Worte fand, ihre Sorgen drängten zur Aussprache.

»Was thun wir nun, Leontine?« hub Egenolf endlich an.

»Das sage Du mir, Egenolf!« erwiederte sie.

»Wenn ich jetzt zu Deinem Vater ginge,« sprach er, »und ihn um die Hand seiner Tochter bäte, würde er sie mir verweigern, mich streng abweisen oder mich auslachen.«

»Sicherlich!«

»Und wenn ich vor meinen Vater träte und spräche: Gebt diese Fehde auf, Vater! Gräfin Leontine will mein Ehgemahl werden, so würde auch das vergeblich sein, denn er kann und will von seinem Worte nicht zurück.«

»Also müssen wir unsern Bund noch verheimlichen.«

»Und wenn es zum Schlagen kommt, Leontine?«

»So gehst Du zu uns über oder ich zu euch; ich trenne mich nicht von Dir, nichts in der Welt bringt mich zur Entsagung.«

»Ich kann nicht gegen den eigenen Vater kämpfen.«

»Und ebenso wenig gegen den Vater Deiner Verlobten.«

Und wieder schwiegen sie, rathlos, hoffnungslos in all ihrer Herzenslust und ihrem Herzeleid.

Wie sie nun so stumm neben einander dahinritten, trat plötzlich vor ihnen eine weibliche Gestalt aus dem Gebüsch, in der sie zu ihrem Verdrusse die Zigeunerin Haschop erkannten.

Sie kam heran und rief ihnen spöttisch zu: »Ihr tragt Rosen im Munde? ach nein, sind Küsse, die ich auf euren Lippen sehe.« Dicht vor ihnen blieb sie im Wege stehen, daß sie halten mußten, wenn sie die Verwegene nicht überreiten wollten.

»Gieb Raum! was willst Du?« herrschte sie Egenolf an.

»Euch Schicksal verkünden,« erwiederte sie keck. »Ihr liebt euch, aber noch habt euch nicht, müßt es verschweigen.«

»Was weißt Du davon, fürwitziges Ding!«

»Hat Haschop nicht Augen zum Sehen und Ohren zum Hören? Ich hab euch in meiner Hütte zur Mitternachtsstunde Karten gelegt, und im Vollmond hab ich's erkannt: weissagen nichts Gutes für euch, nein, Schlimmes, sehr Schlimmes.«

»Behalt Deine Weisheit für Dich! uns verlangt nicht danach,« fuhr sie Egenolf ungeduldig an. »Weg da! oder --«

»Laß sie sprechen!« flüsterte Leontine ihm zu.

Haschop hob mit drohender Gebärde die Hand und sprach: »Verachtet nicht Wahrheit aus wissendem Munde!« Sie warf sich ihr scharlachenes Obergewand vom Rücken herauf über Haupt und Schultern, daß sie wie von einem rothen Schleier umwallt dastand, aus dem ihr gebräuntes Antlitz mit den schwarzen, funkelnden Augen höhnisch heraussah. Dann fuhr sie in prophetischem Tone fort: »Graf freit um stolze Gräfin. Auf glänzenden Festen spann Schicksal seine Fäden um sie, und nun sind umgarnt von Gefahr und Unheil, von Liebe gefangen wie Fische im Netz. Wehe beiden! Väter sind Feinde, sinnen auf Streit, rüsten zum Kampf. Aber es muß harter Winter sein, ehe ein Wolf andern frißt, und nicht so schnell fahren Schwerter aus den Scheiden. Jeder scheut sich, ersten Streich zu führen, und doch wird er fallen und Einer bluten, das ist der Besiegte. So sagten Karten um Mitternacht beim Scheine des Vollmonds. Nun wißt ihr Wahrheit. Laßt ab von einander, oder es fließt Blut um euch!« schloß die Zigeunerin und schlug ihr Kleid von Haupt und Schultern wieder zurück.

Leontine war von dem Gehörten tief erschüttert; sie starrte vor sich hin und rührte sich nicht. »Komm weiter!« erinnerte sie Egenolf.

»Halt! ein Wort noch!« sprach Haschop und trat einen Schritt zurück. »Hütet Euch, schöne, goldlockige Gräfin! Eine steht Euch im Wege und bietet Euch Trotz in allen vier Winden.«