Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Part 11
»Er hat ja jüngst erst einen geschossen,« bemerkte Bruno.
»Ja freilich, aber der Himmel mag wissen, wo er den Pelz gelassen hat!« sprach Isabella, »und ich hätte ihn so gut vor meinem Bette brauchen können.«
»Bei Sanct Huberti Heiligenschein! das sollt Ihr nicht umsonst gesagt haben, Gräfin Isabella!« vermaß sich Bruno, »von heut an ist keiner mehr sicher vor mir.«
»Dann wehe den Wölfen im Wasgenwald!« lachte sie.
»Deine Schwester kann singen, Egenolf, wie ich es auf Erden noch nicht gehört habe,« kam es begeistert aus Bruno's Munde. »Ich wußte das gar nicht.«
»Und Dein Freund kann Schach spielen, -- bewundernswerth!« spöttelte sie. »Jeden Zug thut er dreimal und dann doch noch falsch.«
»Spielt Ihr mal Schach, wenn --«
»Wenn Ihr singt, wollt Ihr sagen,« fiel sie neckisch ein, »werde mich hüten!«
»Die Schachfiguren tanzten auf dem Brett vor Freuden bei Eurem Gesange.«
»Aber es war ein Todtentanz; sie sanken dahin wie gemäht.«
»Weil ich nicht bei _ihnen_ war, sondern mit allen Sinnen bei Euch, Isab -- Gräfin Isabella!«
»Schachmatt, Jungherr Bruno! das war das Ende vom Liede.«
»Euer Lied vergeß' ich im Leben nicht!«
Egenolf hörte die muthwilligen Reden der Beiden mit steigender Verwunderung und gerieth in einen wahren Irrgarten von Gedanken und Vermuthungen. Was hatte Bruno auf der Hohkönigsburg zu suchen gehabt? In seines Vaters Auftrag, ja mit dessen Wissen nur war er nicht oben gewesen. War er hinaufgeritten, um sich Leontinens Gunst zu erobern? Das war das Wahrscheinlichste, aber wenn dies wirklich seine Absicht gewesen war, geglückt schien sie ihm nicht zu sein. Denn erstens ließ Leontine ihn selber grüßen, was ihr schwerlich beigekommen wäre, wenn sie Bruno's Werbung gnädig auf- und angenommen hätte. Und zweitens würde in diesem Falle Isabella, deren stille Neigung zu Bruno dem Bruder kein Geheimniß war, nicht so ausgelassen lustig sein. Aber auch Bruno verrieth eine überschwängliche Fröhlichkeit, die nichts Erzwungenes, Gemachtes hatte. Wie könnte er in so guter Laune sein, wenn er bei Leontinen angeklopft hätte und von ihr abgewiesen wäre. Für die Vereinbarung so merkwürdiger, widerspruchsvoller Umstände fand Egenolf nur eine einzige vernunftgemäße Erklärung: Bruno mußte sein Herz, das er Leontinen zu Füßen zu legen gedachte, dort oben an Isabella verloren haben wie das Schach an den Grafen Oswald. Die plötzlich eingetretene Wandlung in dem gegenseitigen Benehmen der hier neben ihm Reitenden war so in die Augen springend und so unzweideutig, daß ihm kein Zweifel mehr darüber bleiben konnte: die Beiden liebten sich. Diese Entdeckung erfüllte ihn mit großer Freude. Er gönnte die Schwester dem Freunde, der ihrer in jeder Beziehung werth war, und er sonnte sich in dem Glücke der Schwester, daß ihre verhohlene Liebe vom Freunde nun auch erwiedert wurde.
So waren sie an Rappoltsweiler herangekommen, und Bruno sagte etwas kleinlaut: »Wann werden wir uns wohl einmal wiedersehen, Egenolf?«
»Das kannst Du mich ja fragen, wenn wir von einander gehen,« erwiederte Egenolf. »Du kommst doch jetzt mit uns hinauf zur Ulrichsburg?«
»Meinst Du? das war eigentlich nicht meine Absicht. Was sagt Ihr dazu, Gräfin Isabella?« wandte sich Bruno an diese.
Isabella sprach mit leise bebender Stimme: »Ich meine, Ihr solltet die Aufforderung meines Bruders nicht ablehnen.«
»Na, siehst Du! so kräftigem Zureden kannst Du doch nicht widerstehen,« lachte Egenolf. »Natürlich kommst Du mit, weißt doch, daß Du meinen Eltern willkommen bist,« fügte er hinzu und fing dafür einen dankbaren Blick seiner Schwester auf, den er ihr mit einem freundlich verschmitzten Lächeln zurückgab.
»Gern komme ich mit euch,« erwiederte frohgemuth Bruno, der auf diese Einladung schon sehnlichst gewartet hatte.
So ritten sie denn zusammen zur St. Ulrichsburg hinauf, und Egenolf trug sich mit nicht geringer Neugier, was wohl sein Vater zu Bruno's Besuch auf der Hohkönigsburg sagen würde.
Bruno ward im Schlosse herzlich willkommen geheißen, und Graf Schmasman ließ ihn nichts davon empfinden, was ihn seines Vaters wegen verdroß und bekümmerte.
Isabella erzählte von ihrer vorzüglichen Aufnahme bei den Thiersteinern, bestellte ihrer Mutter den freudigen Dank der Gräfin Margarethe für den Gürtel und theilte mit, daß ihr Leontine einen baldigen Gegenbesuch versprochen hätte.
»Und wo kommst _Du_ her, Bruno?« fragte Schmasman so beiläufig.
»Auch von der Hohkönigsburg,« antwortete Bruno.
»Aber Du warst nicht oben auf der Burg? nicht darin?«
»Doch, Herr Graf!«
»Von Deinem Vater entsandt?«
»Nein.«
»Ja, was wolltest Du denn da?«
»Ich wollte den Stallmeister Isinger, den vielgepriesenen Kurschmied, um Rath fragen wegen meines herzschlächtigen Rappen.«
Da brach Egenolf in helles Lachen aus. Nun ist das Räthsel gelöst, dachte er; seines herzschlächtigen Rappen wegen ist er den weiten Weg geritten, nicht zur Eroberung eines heißbegehrten Mädchenherzens, und wie habe ich mich mit der Ergründung seiner tief verborgenen Anschläge abgequält! »Der Isinger wird Dir einen schönen Bären aufgebunden haben,« konnte er zu sagen sich nicht enthalten.
»Fast glaub ich es selber,« erwiederte Bruno, in das Lachen des Freundes gutmüthig einstimmend.
Schmasman blieb sehr ernst und setzte seine Fragen fort: »Hast Du den Grafen Oswald gesprochen?«
»Gewiß! er hat mich auf der ganzen Burg herumgeführt, mir alle Vertheidigungswerke gezeigt und mir den besonderen Zweck jedes einzelnen erklärt.«
»Er hat Dir die Werke gezeigt?« sprach Schmasman höchst erstaunt. »Nun, Bruno, Dein dämpfiger Rappe war doch wohl nur ein Vorwand für Deinen Besuch, und wenn auch nicht in Deines Vaters ausdrücklichem Auftrag, so doch wohl auf seinen leisen Wink hast Du Dir vom Grafen Oswald die neuen Befestigungen so genau zeigen lassen; ich wundere mich nur, daß er's gethan hat.«
»Er hat sich ohne meinen Wunsch selbst dazu erboten.«
Schmasman starrte den vom Grafen Oswald so Bevorzugten an, als verstünde er das Alles nicht. Dann sagte er: »Du kannst also nun angeben, an welchen Stellen die Burg am ehesten zu berennen und zu erstürmen ist, wenn Dich Jemand danach fragen sollte?«
»Ich halte sie für uneinnehmbar,« erwiederte Bruno. »Aber, Herr Graf, wer denkt denn daran, die Hohkönigsburg zu erstürmen?«
»Dein Vater, Bruno!«
Bruno saß da, wie auf den Mund geschlagen; kaum brachte er hervor: »Mein Vater?«
»Ja, er hat mit dem Grafen Oswald einen harten Streit gehabt und will sich an ihm rächen, ihm zum Kampf mit Feuer und Schwert absagen. Ich glaubte, Du hättest ihm schon den Fehdebrief überbracht, als ich hörte, daß Du von der Hohkönigsburg kommst.«
»Davon hat mir mein Vater kein Wort gesagt; er weiß allerdings auch nicht, daß ich dahin geritten bin,« sprach Bruno erregt und erschrocken.
»Höre nur weiter! die Fehde ist beschlossene Sache; Dein Vater hat auch mich dazu beredet, und ich habe ihm meine Hilfe zugesagt. Aber nach reiflichem Erwägen und aus schwerwiegenden Gründen bin ich anderen Sinnes geworden, und wärest Du heute nicht hierher gekommen, so hätte ich morgen Deinen Vater meine Willensänderung wissen lassen. Nun bestelle Du ihm, daß ich von dem Fehdeplan gegen die Thiersteiner zurückträte.«
»Und wenn mich mein Vater nach Euren Gründen fragt?«
»Dann sage ihm --,« begann Schmasman mit auflodernder Heftigkeit, bezwang sich aber schnell und fuhr ruhiger fort: »Sage ihm, ich hielte einen Streit beim vollen Becher einer blutigen Fehde nicht werth.«
»Mit dieser Botschaft werde ich einen üblen Empfang zu Hause finden,« meinte Bruno besorgt.
»Was kannst Du dafür!« tröstete ihn Schmasman. »Aber vielleicht besinnt sich Dein Vater nun auch eines Besseren, wenn er hört, daß ich nicht mitthun will.«
Bruno schüttelte den Kopf und sprach: »Schwerlich; was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, davon bringt ihn nichts in der Welt wieder ab.«
»O ich kenne ihn,« sagte Schmasman, »er wird wüthen gegen mich.«
Danach blieb es eine Zeit lang still in dem Kreise. Die Anderen hatten sich an dem Gespräch nicht betheiligt, auch Gräfin Herzelande nicht. Isabella, die von diesen Fährlichkeiten jetzt zum ersten Male hörte, empfand es schmerzlich, daß ihre Freundin Leontine und deren Eltern von so bitteren Feindseligkeiten bedroht waren. Bruno lag es bergeschwer auf der Brust, was ihn hier wie ein Blitz aus heiterm Himmel überstürzt hatte. Er sah den Ausbruch einer scharfen, vielleicht verhängnißvollen Zwietracht zwischen seinem Vater und dem Grafen von Rappoltstein voraus, die seine jung aufsprießenden Hoffnungen auf den einstigen Besitz Isabella's vernichten konnte. Aus seinem Besuch auf der Hohkönigsburg konnte sein Vater ihm keinen Vorwurf machen. Warum hatte Herr Burkhard ihm nicht Vertrauen geschenkt, ihn nicht in diese mißlichen Verhältnisse eingeweiht, wie dies Schmasman doch seinem Sohne gegenüber gethan haben mußte, denn Egenolf hatte sich von den bedauerlichen Neuigkeiten durchaus nicht überrascht gezeigt. Und doch war es Bruno lieb, daß er bis jetzt nichts davon gewußt hatte, denn dann hätte er nicht auf die Hohkönigsburg reiten und dort unvermuthet mit Isabella zusammentreffen können.
Die Stimmung auf der St. Ulrichsburg war eine niedergeschlagene, so sehr auch Herzelande sich bemühte, die Unterhaltung, die sie geschickt auf andere, unverfängliche Gebiete hinübergeleitet hatte, einigermaßen im Gange zu erhalten. Egenolf war der Einzige, der die Wendung der Dinge, wie sie heute lagen, als eine für ihn und seine Herzenswünsche günstige betrachten konnte, nachdem er aus seines Vaters Munde den Entschluß vernommen hatte, die Thiersteiner nicht befehden zu wollen, aber frei von dem auf Allen lastenden Drucke fühlte auch er sich nicht. Ihn dauerten Freund und Schwester, und mehr als einmal sah er, wie die Beiden einen traurigen Blick wechselten, als früge Jeder den Andern: was wird nun aus uns?
Bruno wollte aufbrechen und heimreiten, um den Sturm, der aus seines Vaters Zorn über ihn daherbrausen würde, so bald wie möglich zu bestehen und dann hinter sich zu haben. Er ließ sich jedoch von Schmasman und Herzelande, die ihn von Klein auf kannten und daher auch jetzt noch Du nannten, leicht zum Bleiben bewegen.
Endlich regte sich bei Allen der Wunsch, den Zwang von Umständen, an denen vorläufig nichts zu ändern war, von sich abzuschütteln, und in diesem Bestreben kam es am Abend, als Egenolf mit Erfolg darauf drang, aus dem Schloßkeller einige Herzstärkungen heraufholen zu lassen, noch zu einem ganz vergnüglichen Beisammensein. Auch Schmasman, der eine gewisse Beruhigung darin fand, daß er seine Willensmeinung wegen der Fehde von der Seele herunter hatte und Burkhard nun Kunde davon erhielt, war gesonnen, sich jetzt einer frohen Geselligkeit hinzugeben, und genoß mit Behagen die edlen Tropfen, die sein heute schier übermüthiger Sohn auftischen ließ. Und Herzelande, die vornehm und liebreich waltende, klug und mild alles Widerwärtige zum Guten kehrende Schloßfrau, saß ihm mit lachenden Augen gegenüber und freute sich, ihn wieder heiter zu sehen. Selbst Bruno vergaß an Isabella's Seite der drohenden Wolken, die über seinem schuldlosen Haupte schwebten, und Isabella war mehrmals in seligen Träumen versunken, aus denen sie erst Anrede oder Frage eines Anderen weckte.
Als nun der alte, seinen Beruf nie verfehlende Freudenbringer die Lebensgeister angefacht hatte, wandte sich Bruno plötzlich mit einem fast feierlichen Tone zu Schmasman und sagte: »Herr Graf, ich habe eine Bitte an Euch, eine große Bitte.«
Isabella erschrak und warf einen ängstlichen Blick auf ihren Bruder, den es auch durchfuhr: er wird doch nicht --?
»Laß sie hören, Bruno!« rief Schmasman freundlich und geneigt ihm zu.
Bruno hub an: »Der Pfeiferkönig hat unsern Seppele von Ottrott auf neun Tage in den Thurm gesperrt wegen eines Spottliedes auf den Falkenwirth in Grendelbruch. Zur Hälfte hat er die Strafe schon verbüßt, und nun bitte ich Euch als den Schutz- und Lehnsherrn der Spielleute: erlaßt ihm in Gnaden die andere Hälfte und gebt den Seppele frei. Ihr würdet meinem Vater damit eine Freude machen, und es würde nicht wenig zu seiner Besänftigung beitragen, wenn ich ihm nach der anderen, sehr unwillkommenen die tröstliche Meldung von Seppele's Freilassung überbringen könnte.«
Isabella athmete auf, und Egenolf mußte nun selbst darüber lächeln, welche Übereilung er seinem Freunde Bruno zugetraut hatte.
Schmasman antwortete nicht gleich, aber als ihm Herzelande eifrig zunickte, sprach er: »Nun gut, Deine Bitte soll erfüllt werden, Bruno. Egenolf mag morgen mit Dir nach Rappoltsweiler hinunter reiten; da geht ihr zum Frohnvogt und verkündet ihm in meinem Namen Seppele's Begnadigung. Dann kannst Du den Nichtsnutz gleich mitnehmen.«
»Ich dank' Euch vielmals, Herr Graf!« sagte Bruno und war nun erst recht aufgeräumt und guter Dinge.
Nicht lange darauf zogen sich die beiden Damen zurück, aber die drei Herren zechten noch weiter, bis Schmasman erklärte: »Nun ist's genug; schlaft wohl, ihr beiden!«
Gern wäre Bruno noch mit Egenolf allein sitzen geblieben, um ihm beim Becher seine Liebe zu Isabella zu beichten, aber das wollte Egenolf heute vermeiden. Er sprach daher: »Komm! es ist spät geworden.«
Da erhoben auch sie sich und suchten ihre Schlafgemächer auf.
XIV.
Vier Tage waren vergangen, seit Bruno von der St. Ulrichsburg abgeritten war und seinem Vater von Schmasmans Entschluß, die Thiersteiner nicht angreifen zu wollen, Mittheilung gemacht hatte. Aber noch war keine Kunde hierher zurückgelangt, was Burkhard bei so veränderter Sachlage zu thun gedächte, ob er nun den Fehdeplan aufgab, oder ob er, auch ohne die Hilfe der Rappoltsteiner, auf der Durchführung des feindlichen Unternehmens nach wie vor bestand. Dieses Ausbleiben jeglicher Nachricht versetzte Schmasman in große Unruhe, denn er konnte sich Burkhards Schweigen nicht erklären. War dieser so wüthend auf ihn, daß er ihn keiner Botschaft mehr würdigte? oder wollte er seine Entschlüsse und Veranstaltungen vor ihm geheim halten, um ihn mit einer vollendeten Thatsache, einem nicht zurücknehmbaren Schritte zu der Entscheidung zu zwingen, mit ihm oder wider ihn zu sein? Denn wenn es wirklich zum Kampfe kam, so konnte Schmasman diesem nicht als Unbetheiligter müßig zuschauen, sondern mußte auf der einen oder der anderen Seite handelnd eingreifen.
All die Tage her und manche halbe Nacht hatte er sich mit den abenteuerlichsten Gedanken darüber herumgeschlagen und sich schon die Frage vorgelegt, ob die von Loder belauschte Unterhaltung Burkhards mit Müllenheim und des Ersteren dabei geäußertes Verlangen nach dem Besitz der Hohkönigsburg auch wohl ernst zu nehmen sei. Er hielt es jetzt für möglich, daß Burkhard dem Schloßherrn von Girbaden nur hatte auf den Zahn fühlen wollen und daß seine Einladung an ihn zum Weihnachtsfest dort oben nur ein prahlerischer Scherz oder eine muthwillige Fopperei gewesen war. Denn er konnte Burkhard noch immer nicht die Tücke zutrauen, ihn im Widerspruch mit der jeden Nebenzweck verneinenden Versicherung so gröblich täuschen zu wollen, und war auf dem besten Wege zu der Überzeugung, daß er seinem rauflustigen Freunde mit diesem Verdacht Unrecht thäte. Aber Gewißheit, was er von ihm denken sollte, mußte er um jeden Preis haben, und dazu konnte er nur gelangen, wenn er vor Burkhard hintrat und ihn Auge in Auge zur Rede stellte.
Mit dem Entschlusse, dies zu thun, kam er am fünften Morgen nach Bruno's Besuch in das Gemach seiner Gemahlin und theilte ihr sein Vorhaben und dessen Begründung mit.
Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was Frau Stephania geschrieben hatte.
Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!
Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen, zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin, was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen. Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und ihn nicht im Stich zu lassen.
Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.
Zu aller Lieb und allem Dienst
Eure
treuverbundene Freundin und Gevatterin
Stephania von Rathsamhausen.
Schmasman war vom Lesen dieses Briefes tief erschüttert. Er schritt ein paarmal schwer athmend im Zimmer auf und ab und rief mit grollender Stimme: »Wortbrüchig, bundbrüchig nennt er mich, -- das ertrag' ich nicht!« Dann blieb er vor Herzelande stehen. »Hab' ich es euch nicht gesagt: ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort? Sie hat ganz Recht, ich kann nicht zurück, ich muß steifhalten, was ich gelobt habe. Ein Wortbruch ist das Abscheulichste, was ich kenne.«
»Und willst ihm helfen, die Hohkönigsburg zu erstürmen und sich darin festzusetzen?« fragte Herzelande.
»Nein! das nicht, das nicht!«
»Ja, was dann? der andere Endzweck, von dem Stephania spricht, liegt doch für uns klar auf der Hand.«
»Dabei hat der Kaiser auch noch mitzureden; er ist der oberste Lehnsherr.«
»Der Kaiser!« sagte sie mit geringschätziger Miene, »Du weißt besser als ich, wie weit des Kaisers Macht reicht und wie weit sie nicht reicht. Und was ist denn schlimmer, Wortbruch oder Friedensbruch?«
Er drückte die geballten Fäuste gegen die Stirn und stöhnte: »Es ist grausam, vor eine solche Wahl gestellt zu sein.«
»Entscheiden mußt Du Dich für's eine oder für's andere.«
»Mach mich nicht rasend, Frau! ich weiß mir nicht aus noch ein. Wortbrüchig! wortbrüchig!« und wieder lief er hin und her wie ein Löwe im Käfig. Dann riß er die Thür auf und rief hinaus, daß es laut durch die Gänge schallte: »Reimar! Reimar!« Der Kämmerling erschien. »Geh hinauf zum Thürmer; er soll blasen, daß meine Brüder kommen, sogleich kommen.«
Der Hornruf ertönte, und nun horchten sie auf die Antwort. Bald klang es von Giersberg und auch von Hohrappoltstein zurück: ich komme.
»Wozu Wilhelm rathen wird, weiß ich im Voraus,« sprach Herzelande. »Bei Kaspar ist es mir zweifelhaft, er ist eine friedliebende Natur.«
»Sie werden beide so rathlos sein wie ich.«
»Ich hoffe, ihr werdet einen ehrenvollen Ausweg finden.«
»Einen anderen gehen wir nicht, Herzelande!« sagte Schmasman. »Ich erwarte sie oben bei mir; sorge, daß wir nicht gestört werden.« Damit schritt er hinaus und stieg die Treppe hinan.
Kaum hatte er das Gemach verlassen, als Isabella und Egenolf zugleich eintraten, die Eine in den Augen die stumme, der Andere auf den Lippen die laute Frage: »Was ist geschehen, Mutter? die Oheime sind herberufen; etwa Nachricht von Herrn Burkhard?«
»Nicht von ihm selber, aber von Frau Stephania,« erwiederte Herzelande mit einem Tone, aus dem Leid und Sorge herauszuhören waren.
»Willst Du mir sagen, Mutter --«
»Herr Burkhard besteht auf blutiger Fehde gegen die Thiersteiner und verlangt des Vaters Beistand.«
»Und der Vater?«
»Ist in der schwierigsten Lage und weiß nicht, was er thun oder lassen soll. Er will mit seinen Brüdern Raths pflegen.«
»Was sie ihm auch rathen werden,« sprach Egenolf, »ich kann mir nicht denken, daß sich der Vater zur Absage an Graf Oswald entschließen wird.«
»Dann giebt es Fehde mit Burkhard,« sagte Herzelande.
»O mein Gott!« entfuhr es Isabella's zuckendem Munde.
Darauf schwiegen die Drei, und Jeder gab sich seinen trüben Gedanken hin.
Graf Kaspar traf als der Nächstwohnende zuerst auf der St. Ulrichsburg ein und mit ihm seine Gattin Imagina.
»Na, vergnügte Gesichter macht ihr grade nicht, seht aus, als wäre euch Gott weiß was verregnet.« Mit diesen Worten begrüßte Imagina beim Eintritt ins Gemach die Anwesenden, von einem zum andern blickend. »Was ist denn los hier?«
»Der Teufel ist los,« brummte Egenolf.
»Burkhard speit Feuer und Flammen, nicht wahr?« fragte Kaspar.
Herzelande nickte: »Er hält Schmasman bei seinem Worte fest, -- Fehde gegen Thierstein.«
»Brr!« machte Imagina, »da spielen wir nicht mit.«
»Werden wohl müssen,« sagte Kaspar ärgerlich.
»Schmasman erwartet Dich oben, und Gott gebe euch einen guten Rath ein,« erinnerte Herzelande ihren Schwager, und dieser ging nun zu Dem, der seiner harrte.
»Könnt' ich nur dabei sein bei ihrer Berathung!« sprach Egenolf unwillig.
»Der Vater wird seine besonderen Gründe haben, daß er Dich nicht dazu aufgefordert hat,« meinte Herzelande.
Bald kam auch Graf Wilhelm an, aber ohne seine Gemahlin, und begab sich sofort hinauf zu seinen Brüdern.
»Mich werdet ihr hier nicht los, bis ich erfahre, was sie da oben ausgeheckt haben,« sprach Imagina und kauerte sich wie ein Kätzchen so recht behaglich in einen bequemen Lehnstuhl.
»Wenn sie's uns überhaupt anvertrauen,« warf Egenolf ein.
»Hm!« lächelte Imagina und sah ihn mit einem Blick an, der wohl sagen sollte: dafür laß mich sorgen.
Egenolf hätte sich am liebsten in den Sattel geschwungen und in einem scharfen Ritt seine Unruhe vertrieben, aber auch er wollte nicht von hinnen, ehe er wußte, wie die Entscheidung ausgefallen war, zumal er noch immer hoffte, daß nichts Feindliches gegen die Thiersteiner beschlossen wurde.
Eine Viertelstunde nach der anderen verging in banger Erwartung. Isabella schnürte die Angst die Kehle zu, daß es gegen die Rathsamhausen gehen könnte, und auch Herzelande ward es schwer, ihre innere Erregung vor den Andern zu verbergen. Nur Imagina behielt ihren Gleichmuth; sie blinzelte schläfrig mit den Augen, und ihr rothes Mündchen öffnete sich, so weit es konnte, zu einem lieblichen Gähnen, das sie mit der Hand zu verdecken suchte. »Kinder, ist das langweilig!« sagte sie dann, »Geduld ist meine starke Seite nicht.«
Die Anderen beharrten in ihrem Schweigen, und die Minuten schlichen stumm durch die endlose Zeit. Ein tiefer Athemzug, ein halb unterdrückter Seufzer waren die einzigen bemerkbaren Geräusche.
Plötzlich aber ließ sich vor dem Gemach ein Rauschen und Zischeln vernehmen; die Thür ward aufgestoßen, und Leontine kam hereingeschossen.
»Grüß Gott!« rief sie fröhlich, »da komm' ich gestoben wie der Wirbelwind über die Stoppeln. Ja, was thut ihr denn hier? sitzt da zu Vieren, und kein Laut ist zu hören? haltet ihr hier eine stille Andacht ab?«