Die Höhe des Gefühls: Ein Akt

Part 2

Chapter 23,620 wordsPublic domain

Oh, daß ihr hier seid, ihr lieben Freunde! Ihr werdet mich in meinem Glück sehn . . . ihr werdet sehn . . . Nein, nichts von Störung . . .

KLÜGRIAN:

Und wenn wir dich auch stören! Dies ist jedenfalls wichtiger, größer, was wir bringen. Nichts kann für dich heute und von heut an mehr Bedeutung haben. Also denke nur, der Fürst . . .

KUNSTREICH (sich erinnernd):

O dieses Unglück!

KLÜGRIAN:

Dieses Glück, dieses Glück! . . . In einigen Minuten wird der Hofmarschall erscheinen, er selbst, er folgt uns auf dem Fuße. O der Glanz, die große Welt. Ich sage dir, wie Rubens, wie Tizian . . . Es soll der Künstler mit dem Kaiser gehn . . . Er holt dich ab . . . Verstehst du, verstehst du es? . . . Doch ich muß von vorn beginnen. -- Verstehst du?

OROSMIN (nickt langsam):

Ja . . .

KLÜGRIAN:

Ja? . . . (erstaunt) Er versteht es . . . Aber . . .

OROSMIN (spricht viellangsamer als Klügrian):

Alles verstehe ich jetzt. Nichts kann sich mir entziehn . . . Siehst du, ich sitze hier den ganzen Nachmittag. Das ist mein Glas (zeigt es ihm), das ist mein Tisch . . . (Er legt beide Ellbogen auf.) Aber bemerke nur du, genau so wie ich hier jetzt mit meinen Armen eine Fläche auf den Tisch abgrenze und einschließe, ganz für mich, da kann jetzt niemand herein ohne meine Erlaubnis, da bewegt sich nichts als der Schatten, den die Höhe meines Ärmels wirft und den ich ausbreiten oder schmälern kann, das ist mein, nur mein . . . so ist von mir eingeschlossen dieser ganze Platz vor uns, ja die Gasse, die Brücke, ebenso alle Leute, die wandeln, wie die beständigen Bäume dort; ja die ganze Welt . . . Da kann nichts geschehn als kraft meines einzigen Gedankens, im Steigen und Fallen dieses Gedankens, alles ist abhängig von mir, also um so mehr mir verständlich . . .

KLÜGRIAN:

Keine Dummheiten, bitte . . . Sind wir nicht heutige Menschen? (Die Hand auf Kunstreich ausgestreckt; dieser stimmt bei.)

OROSMIN (gedankenlos, verbindlich):

Sehr gut, bravo, sehr gut . . .

KLÜGRIAN:

Gewiß, wir sind ja _eine_ Partei! Also rede nicht wie ein Impressionist, blamiere mich nicht . . .

KUNSTREICH:

Du wolltest erzählen . . . (zaghaft.)

KLÜGRIAN (ohne Übergang, gleichsam aus sich heraus):

Der Fürst ist in der Sternburg eingekehrt, bei deinem Vater, Orosmin, dem er ja schon einige Male die Ehre seines Besuches . . . Ich bin kein Fürstenknecht, ihr wißt. Aber die Macht, die Macht. Was kann es Herrlicheres für einen großen Künstler geben als die Macht. Nietzsche (bricht ab) . . . Diesmal kam der Fürst mit allem Gefolg. In der Nacht sollte zur Jagd aufgebrochen werden.

KUNSTREICH:

O die schönen Bilder (verbirgt sein Gesicht in Händen.)

KLÜGRIAN:

Wie es geschah, weiß niemand. Die einen sagen, ein unvorsichtiger Sattelknecht, der seine brennende Pfeife ausklopfte. Kurz und gut, plötzlich steht das ganze Schloß in Flammen. Im Hof wartet die edle Gesellschaft, die Pferde kaum mehr zu halten. Auf einmal Vernichtung, Feuersäulen, Glocken im Dorf. Wer nur kann, hilft mit. Der Fürst hetzt seine Hofleute an die Spritzen, ein tätiger, energischer Mann . . . er verspricht Bestrafung des Schuldigen, Ersatz für alles . . .

KUNSTREICH:

Aber kann man das ersetzen! Denk dir nur, Orosmin, dein Atelier ist verbrannt, alle Gemälde von dir, deine Skizzen und Studien, . . . oh, ich ertrag es nicht . . . die Arbeit von so vielen Jahren, so viel Blut und Kampf und Glück . . . (er weint) auch deine Tagebücher sind mit verloren und dein Hauptwerk: Jesus im Tempel . . .

KLÜGRIAN:

Laß ihn, rege ihn nicht unnütz auf . . .

KUNSTREICH:

Und die »östliche Landschaft«, die »Springenden zwischen Klippen«, die »besonnten Schilfe« . . .

KLÜGRIAN:

Es ist ein arger Verlust, aber hör nur, wie er aufgewogen wird . . . du bist ja noch jung . . .

KUNSTREICH:

Nein, bleiben wir dabei. Es ist das Wichtigste. Armer Kamerad! (er nähert sich ihm, fast knieend.)

OROSMIN (streicht über sein Haar):

Erzählt nur ruhig weiter.

KUNSTREICH (entsetzt):

Er ist untröstlich . . .

KLÜGRIAN (beginnt schon gefühllos):

Der Fürst läßt hierauf . . .

OROSMIN:

Nein, ich bin ja so namenlos froh und zufrieden. Nicht, daß deine Nachricht meinen guten Zustand noch erhöhen könnte . . . er ist ja so von innen an meine Schädeldecke gepreßt, daß es höher hinauf gar nicht mehr geht (Geste dazu) . . . aber doch fühl ich mich erleichtert, meines Ballasts befreit. Wie ein göttliches Zeichen ist das . . . Alle Tagebücher sagst du, alle Gemälde . . .

KLÜGRIAN:

Er übertreibt. Einiges wurde gerettet, ein Buch mit Entwürfen . . .

OROSMIN:

Schade!

KUNSTREICH (weicht von ihm zurück):

Wie sprichst du? Was meinst du eigentlich?

OROSMIN:

Oh, mögt ihr mich nicht mißverstehn, meine Guten . . . Ich will ja durchaus mein früheres Treiben nicht schelten, es waren schöne Tage, manchmal ist es mir auch vorgekommen, als gelinge mir etwas, und vor allem: sie haben mich hierher geführt . . . Aber sagt selbst, wie wertlos muß das alles einem erscheinen, der weiß, daß er jetzt so ganz, so unbändig im Rechten ist! So wertlos, daß es dem Glücklichen beinahe schon schädlich dünkt . . . Böse Erinnerungen, die einzigen Fesseln, die mich noch hielten . . . Dank euch, ihr Götter, daß ihr auch die von mir genommen habt . . .

KLÜGRIAN:

Bravo! Die Zukunft, das ist alles . . .

OROSMIN:

O süße Gegenwart . . .

KLÜGRIAN (überhört ihn):

Und was steht nun alles vor dir, du Glücklicher, welche Pracht des starken Mannes . . . Nun laßt mich zu Worte kommen, die Freude überwältigt mich . . . Der Fürst also besichtigt das Gerettete, die Ballen und Möbel, er bemerkt deine Skizzenbücher, er interessiert sich für sie . . . Kurz, er fragt deinen Vater nach dir, er hört von deinem Leben, deinen strengen Grundsätzen . . . Man bringt ihm dein Werkchen »Sentenzen«, das der Vater mit seinen Juwelen im Panzerkästchen aufgehoben hatte. Der Fürst bittet es sich zur ausführlicheren Lektüre aus . . . Und am andern Morgen dringt er geradenwegs zu deinem Vater, voll Entzücken: er möchte dich selbst kennen lernen, einen so ausgezeichneten jungen Mann, ja er wünsche, dich beständig am Hof zu haben. Man berät sich. Der Sohn des Fürsten soll jetzt einen Erzieher bekommen, einen Begleiter auf seinen Reisen. Niemand scheint geeigneter als du, niemand würdiger. Mit einem Wort: du bist zum Lehrer des Prinzen ausersehn . . .

OROSMIN (als sei von einem Fremden die Rede):

Nein, wie das Schicksal spielt . . .

KLÜGRIAN:

Nebenbei Zeichenlehrer, doch vor allem Leiter der gesamten Einführung, der ganzen Kultur dieses Jünglings -- mit andern Worten, wenn du dich behauptest, und das wirst du, der erste Mann in Kunstsachen am fürstlichen Hof. Kannst du fassen, was das bedeutet! Für dich vor allem -- und dann für unsere Richtung. Wie man uns bisher aus allen großstädtischen Ausstellungen verbannt hat, wie die alte Clique auf allen Subventionen, allen Staatsaufträgen ihre Hand hielt. Und nun plötzlich, endlich anerkannt, in der Morgenröte fürstlicher Huld, alle offiziellen Wege uns geöffnet -- was werden wir da leisten, wie werden wir zeigen, was in uns steckt, in der Jugend, wie werden wir steigen und die Welt umgestalten . . . Das war ja dein einziger Wunsch, Orosmin, erinnerst du dich noch an unser letztes Gespräch im Park, das war unser aller Wunsch. Und nun -- erfüllt ist er mit einem Schlag . . . Oh, ich bin ganz außer mir . . . Und dazu trifft es sich so gut, daß ich jetzt gerade in Paris war. Ja, ich komme aus Paris, gefestigt, bestärkt . . .

OROSMIN:

Aus Paris?

KLÜGRIAN:

Ich habe mit den Indépendants gesprochen. Es herrscht nur _eine_ Stimme unter den jüngern Malern: unsere Gruppe gehört zu ihnen . . . Oh, ich bin reif geworden, ich bin auf der Höhe . . . Synthetisch denken, das ist alles. Unsere Zeit hat keine Lyrik. Die Impressionisten waren Lyriker. Das Licht, die Luft sind lyrische Elemente in der Malerei, wie die Linie das epische Moment darstellt, die Fläche das pathetische, die Form das tragische . . .

OROSMIN:

Ich habe schon lange an diese Dinge nicht mehr gedacht. Aber sie machen dir Freude, nicht wahr . . .

KLÜGRIAN:

Ich weiß jetzt alles. Ich bin ganz klar. Jetzt, genau jetzt ist der Moment für unsere großen Taten gekommen . . . Und du am Hofe, das haben die Götter geschickt! . . . Ich habe in Paris mit Matisse, mit Delaunay gesprochen, wir waren sofort einig . . .

OROSMIN (interessiert, ohne Hohn):

Worüber denn? Über das Tragische der Form? . . .

KLÜGRIAN:

Ja, die Form ist Tragik, Distanz zu den Dingen. Das konstruktive Prinzip der Bilder . . . Alle Großen haben es befolgt. Rembrandt, Greco. Man kann direkt die schematischen Linien ihrer Kompositionen nachweisen, bald sind es Ellipsen, bald Kreise oder Systeme von Geraden . . . Lionardo . . . Ich habe fünfhundert Bilder von Rembrandt daraufhin durchgearbeitet, nachgemessen . . .

OROSMIN:

Du bist fleißig . . .

KLÜGRIAN (wirklich erhaben):

Ich weiß, was ich will. Und ich bin jetzt auf dem richtigen Wege, das weiß ich, zum großen Stil, im Leben wie in der Kunst . . . Vor allem eins hat uns ja bisher geschadet, die Enge, der kleine Krieg, die kleinen Erfolge. Der große Erfolg, werdet ihr sehn, macht auch uns besser, uns und unsere Bilder. Man muß erst einmal gesiegt haben, um ein Held zu werden. (Er ist gewachsen, er strahlt) . . .

OROSMIN (zerstreut):

Du hast in Paris gemalt? Was denn?

KLÜGRIAN (zieht die Brauen hoch, öffnet die Faust, skeptisch die Handfläche nach oben, und schnalzt dazu . . . nach einer Pause):

Kitsch . . . Was hab ich bisher in meinem ganzen Leben gemacht . . . Kitsch . . . Auch in Paris hab ich einen »Mäcen« gefunden, er wollte Kitsch von mir, anderes nicht . . . Man muß doch vor allem schaun, seine Bilder zu verkaufen . . .

KUNSTREICH:

Ich habe noch nie ein Bild verkauft.

KLÜGRIAN (sieht ihn streng an, die Hand gestreckt).

KUNSTREICH:

Aber . . . aber . . . man muß . . .

KLÜGRIAN:

Das ist es, was der Künstler braucht. Sich lebendig fühlen im großen Maschinenhaus, nicht zwecklos, nicht ausgeschaltet aus dem Wirtschaftsorganismus, Werte erzeugen, Werte beziehn . . . Das ist der moderne Mensch, die großzügige Gesinnung kriegt ihr anders nicht heraus . . . Oder meinst du, wenn ich um Hungerlohn in Paris die Fußböden der Kneipen wusch, das hat meinem Schaffen genützt; das war wirklich Paris für mich? Oder Kunstreich konnte ins Herz der Welt dringen, so lange er in seinem Kleinstadtwinkel halb verbauert saß . . .

KUNSTREICH:

Das ist wahr. Aber . . . (wagt es) was hat es mir am Ende geschadet . . . Ich war glücklich und ruhig an der Staffelei.

KLÜGRIAN (grob):

Davon verstehst du nichts. Male und überlaß mir das Nachdenken . . . O wie heftig fühle ich die Wahrheit meiner Theorie, wie bin ich jetzt entschlossen, erleuchtet. Das galt doch immer als ausgemacht unter uns: Die Theorie ist meine Angelegenheit, -- du, Kunstreich, bist die manuelle Begabung der Gruppe -- verzeih, wenn ich es so ausdrücke -- ein Rokokopoet hätte es zierlicher gesagt . . . na, und Orosmin, du gabst nebst aller Tüchtigkeit das Geld her, du hast viel geopfert, dein Vater auch. Aber was konntet ihr schließlich, kleine Landjunker . . . verzeih . . . Jetzt aber, du Säule aus Gold, du Glückskind . . . (stößt ihn ironisch an) du Höfling . . . (gleich wieder ernst). Nein, im Ernst, es gilt klug zu sein. Die Gelegenheit zu packen. Mögen auch vielleicht die Motive des Fürsten nicht die lautersten sein, mag er wenig von dem Eigentlichen verstehn, was du willst, was wir wollen, ja, mag er lediglich von dem praktischen Zweck geleitet sein, deinem Vater für gute Bewirtung und Schaden einen Gegendienst zu erweisen -- einerlei, seiner Politik setzen wir unsere Politik entgegen . . . Heutzutage in der Zeit des allgemeinen Kapitalismus, braucht auch der Künstler kein lyrisches Herz dort, wo den andern nur Portemonnaies sitzen. Wir sind gleichfalls vernünftig, diplomatisch . . . Denk an Shaw . . . Wir nehmen ihn beim Wort, wir nehmen den Prinzen, wir packen ein und fahren nach Ägypten zuerst, dann nach Indien, Japan. Das heißt: du fährst. Denke nur, was du alles sehn wirst. Und wenn du dann zurückkommst, diese Umstürze! Aber die Reise geht ja nur dich an, da rede ich nur in deinem Namen . . . O Gott, wie wird das alles an dir vorbeispritzen, flüchtig, aber silbern, das ist ein Gewinn fürs ganze Leben. In Expreßzügen wirst du manchmal entlangschlendern, und plötzlich im Dunkel zwischen zwei Waggons, an jener Stelle, wo rechts und links harte, faltige, rauchige Tuchwände absperren, wo die verbundenen Eisenplatten unter deinen Füßen zittern, -- urplötzlich wird es dich befremden, dein traumhaftes Glück, du wirst den Abstand nicht ermessen können zwischen deiner trüben Vergangenheit und diesem Glanz! Oder nachts an Grenzstationen, wenn du zur Verzollung in die kalte Luft aussteigen mußt, am Zug hingehst und ein Frauengesicht halb-deutlich, halb-mürrisch dich anlächelt, hinter dem Fenster im verdunkelten Coupée, ein Gesicht, das du jetzt ansiehst, dem zu Liebe du während des Zugaufenthalts einigemal an eben diesem Coupée auf- und abgehst -- und du weißt, daß du ihm im Leben nie mehr begegnen wirst, du würdest es ja nicht erkennen. O dieses Mysterium! Und die unbekannten Berge ringsum, das rauhe Land, der sanftgewölbte Sandstreifen zwischen den Gleisen, die Rufe der Kondukteure. Himmel, was für Empfindungen, was für Melancholien! Mensch, eine Welt tut sich vor dir auf -- und du schweigst --.

OROSMIN:

Das alles hört sich sehr hübsch an . . .

KLÜGRIAN:

Hübsch . . . du klingst matt . . . Ich bin ja so glücklich. Aus Entzücken, aus reiner Freude rede ich von all diesen Dingen. Dieser Umschwung in unserem Leben ist etwas so Wichtiges, daß man von ihm aus alle Dinge neu betrachten muß, gleichsam zum erstenmal . . .

OROSMIN (zerstreut):

Paris hat dich sehr angeregt . . .

KLÜGRIAN:

Nur noch eines: du befindest dich jetzt etwa in der Lage Goethes, ehe er sich entschloß, nach Weimar zu gehn. Vorwärts, in den großen Stil, dorthin gehört das Genie . . . Oder Wagner bei Ludwig von Bayern . . .

OROSMIN (hält sich die Ohren zu).

KLÜGRIAN:

Was ist . . .

OROSMIN:

Wozu die fremden Namen? Sie schneiden so in die Luft ein. Ich bin hier, vor dieser Straßenkreuzung, wo es jetzt Abend wird -- und genügt das nicht? Ich bin konzentriert. Ich bin begeistert . . .

KLÜGRIAN:

Heutzutage hat ein Künstler nicht mehr begeistert zu sein. Nun? . . . (Da Orosmin schweigt, wendet er sich an Kunstreich.) Nun? . . . (KUNSTREICH ist inzwischen, während Klügrians großer Rede schon, zur Seite gerückt, hat dem Krüppel etwas zugeflüstert und begonnen, auf einem rasch hervorgeholten Blatt ihn begeistert zu zeichnen. Jetzt wacht er flüchtig empor.)

KUNSTREICH:

Du hast recht (zeichnet weiter.)

KLÜGRIAN:

Das war vielleicht zurzeit der Impressionisten noch am Platz. Damals zogen die Leute, wie Manet, aufs Land, in die Dörfer und dort sagte man »Ah« und »Oh« und »Ach, wie schön ist die Natur, dieser Bach, die Luft, das Licht« . . . Das war Kantilene, Diatonik; eigentlich ein Rückschritt gegen Monticelli . . .

KUNSTREICH (eifrig zeichnend):

Was er alles weiß! Ich bewundere ihn . . . Gib ihm nach, er hat ganz sicher recht . . .

OROSMIN (vor sich hin, sanft):

Ich bin so verliebt.

KLÜGRIAN:

Was bist du?

OROSMIN (lächelnd):

Verliebt.

KLÜGRIAN:

Vorhin begeistert. Jetzt verliebt . . . Was sind das für Ausreden, Seitensprünge! Am Ende scheint es mir gar, daß du von meiner Botschaft gar nicht so entzückt bist . . .

OROSMIN:

Entzückt . . . Ich bin so entzückt, daß ich auch deine Botschaft gern mit hereinbeziehe. Ja gewiß, ich danke dir. Du plauderst reizend und so in geordneter Verwirrung; wie eine Wolke kommt das aus dir heraus, wie eine Wolke, aus der sich aber ein Kontinent von festem Boden niederschlagen könnte. Verzeih, vielleicht erscheint es nur mir so. Verzeih, aber ich habe dir wirklich nicht ganz genau zugehört. Ich sitze da und sehe, wie die ersten Straßenlampen, angezündet, den Sternen zuvorkommen. Es ist mir nicht anders, als säße ich zu Hause und schraubte an meiner Tischlampe den Docht höher oder niedriger. So gemütlich, das ist es, -- gemütlich denkt es sich an die Liebe . . .

KLÜGRIAN (ärgerlich):

An wen denn?

OROSMIN (klatscht kindlich in die Hände):

Ja, sprechen wir lieber von ihr. Das ist doch viel besser, das tue ich gerne. Da dank ich dir wirklich . . . Der Gedanke an sie ist meine heimatliche Gegend, meine Sorgenlosigkeit. Manchmal gehe ich herum, aber nur zum Schein, oder ich rede, das ist nur Schein, oder ich atme diese schon verlöschende Sommerluft, -- scheinbar --, denn das ist nur, wie wenn jemand im Bett zwischen zwei Träumen den Kopf erhebt und sich umschaut, im nächsten Augenblick sinkt er wieder in die Höhlung seines Kissens zurück, läßt sich Finsternis in die Ohren strudeln . . . das kann ich jeden Moment bewirken. Ich habe mich in der Hand, jeden Moment bin ich bereit, zurückzusinken . . .

KLÜGRIAN:

Wie heißt sie? (examinierend.)

OROSMIN:

Du redest überspannt, wirklich . . . Es wäre doch schrecklich, wenn ich noch dazu genau wüßte, wie sie heißt. Das könnte kein Mensch ertragen. O nein, wenn sie kommt, dann geht etwas wie Nebel von ihr aus, das verhüllt sie so wohltuend. Meinst du etwa, ich bin mir bewußt, was ich rede, wenn sie dabei ist, was ich will, was ich sehe . . .

KLÜGRIAN:

Ist sie klug?

OROSMIN:

Oh, wenn du wüßtest -- wenn ich dir erzählen könnte -- (er packt ihn an der Hand, auch den Kunstreich, den er im Zeichnen stört.) Frag lieber, -- nicht, ob _sie_ klug ist -- ob sie _mich_ klug macht? Wenn ich mit ihr gehe, wie mir die Gedanken zustürmen, in eins gerichtet, ohne Ablenkung, wie ich manchmal schweige, an den richtigen Stellen, um meine Eingebung noch zu steigern, wie ich förmlich sehe, ohne Spiegel, daß ich in diesem Moment aufblühe und schön werde . . .

KLÜGRIAN:

Seit wann kennst du sie?

OROSMIN:

Seit acht Tagen, seit ich hier in der Stadt bin. Ich traf sie gleich auf dem Bahnhof. Sie war mir vorbestimmt, zweifellos. Was sonst als mein Schicksal hätte mir eingeflüstert, in diese Stadt zu fahren, gerade hierher, wo ich keinen einzigen Bekannten habe . . . Was, es ziemt mir nicht, von all diesen Dingen zu reden. Ich will nur von ihr reden, an sie denken, alles andere ist ja so überflüssig. -- Nur das eine sage ich dir noch, damit du mich nun endlich verstehst. Früher war ich ein vielbeschäftigter Mensch, ich hatte einen Wandkalender und einen Taschenblock für Notizen und tägliche Besorgungen, ich strich die einen durch, schrieb neue, manche blieben wochenlang unerledigt und quälten mich unsäglich. Immer hatte ich Briefe vor oder Bücher, Bilder, Besuche, Satiren, Angriffe. Oft, wenn ich an eine Sache dachte, stieg verhüllt eine andere Gedankenkette in mir auf, ein ganzes System, in sich geschlossen wie Bergland und gar nicht mit dem zusammenhängend, was ich gerade arbeitete. Es wollte in mein Bewußtsein, es war da, zum Beispiel: »Die Ansichten Ruskins über die Welt«, ich fühlte seinen Druck wie von dunklen Wassermassen in der Nacht, hinter einer Schleuse . . . nur so im allgemeinen, ohne daß ich die einzelnen Gedanken sehn konnte . . . in sternenloser Nacht . . . Und da entstand dieses unleidliche nervöse Gefühl des Komplizierten, Unübersehbaren in meinem Leben. Als sei ich verpflichtet, zugleich mit meiner Arbeit den ganzen Ruskin und überhaupt alles in der Welt parat im Kopf zu haben, so daß ich es sofort jedermann erklären könnte. Unmöglich erschien mir das, verzweifelt und doch so nötig. Warum nötig, das wußte ich nicht -- ich fühlte es unmittelbar, eben diesen hydraulischen Druck im Gehirn, flüssige, glatte, lastende Flächen . . . Gottlob, wie ist das jetzt vorbei, alles vorbei. Ich war wahnsinnig, jetzt bin ich gesund. Ich war tot, jetzt lebe ich . . .

KLÜGRIAN (trocken):

Und wie lange wird das dauern?

OROSMIN:

So etwas dauert nicht, merke dir's. -- So etwas trägt die Zeit in sich und alle Dinge der Welt kannst du fragen, wie lange sie, an meiner Liebe gemessen, dauern werden; nicht aber meine Liebe an ihnen gemessen. -- Unseliger, du begreifst mich nicht. Aber ich habe ja alle Trümpfe so in der Hand, ich bin so im Recht, ich könnte dich so leicht vollständig überzeugen. Es ist eine Wollust, so vollständig im Recht zu sein . . . Sprich doch etwas Vernünftigeres, damit ich mich nicht zu sehr überhebe . . .

KLÜGRIAN (lacht und klopft ihm auf die Schulter):

Jetzt genug der Imagination. Ich würdige deine poetische Laune vollkommen, aber sie scheint mir nicht zeitgemäß . . . Über die fürstliche Einladung selbst ist ja weiter nichts zu reden. Siehst du ihre Vorteile nicht sofort jetzt ein, so wirst du sie allmählich einsehn . . . Ich wäre auch nicht dagesessen und hätte mit dir von allem möglichen geplauscht, wenn nicht alles Wichtige schon längst besorgt wäre . . . Wir soupieren jetzt, dann benützen wir den Nachtzug in die Residenz, deine Koffer haben wir schon vorausgeschickt, deine Hausfrau hat sie freundlichst gepackt. Die Wohnung ist bezahlt und gekündigt. Hier überreiche ich dir noch ein Schreiben deines Vaters, der es sich nicht nehmen lassen wollte, dir zu deinem außerordentlichen Glück selbst zu gratulieren. Hier ist ein Kreditbrief (er überreicht die Schriften, die Orosmin nimmt und vor sich säuberlich auf dem Tisch aufschichtet), hier persönliche Empfehlungen an den Khedive. Der Hofmarschall bringt dir weitere; in eigener Person, zu höchster Ehre holt er dich ab . . . Hier ist er . . .

* * * * *

(Der HOFMARSCHALL kommt die Treppe herauf, eleganter Überzieher, Zylinder. Ihm folgen zwei livrierte Diener. Trompetenfanfaren eines Autos hinter der Szene . . . Aufsehen unter den Vorübergehenden, den Kartenspielern, auch der Wirt und Marie treten näher . . . Es ist Nacht geworden.)

KLÜGRIAN (nähert sich dem Hofmarschall mit Bücklingen):

Alles in Ordnung, Exzellenz . . . Erlaube mir Ihnen vorzustellen: (burschikos und devot zugleich) Freund Orosmin, unsern liebenswürdigen Kollegen . . . Er ist bereits über alles Nötige informiert . . . (tritt an die Seite des Hofmarschalls, der sich steif dem Tisch nähert.)

KUNSTREICH (an der Seite Orosmins, der sich ebenfalls steif erhoben hat):

Es ist der Hofmarschall, der oberste Beamte am fürstlichen Lager . . . Begrüße ihn . . .

<PAUSE.>

KLÜGRIAN (zum Hofmarschall):

Die anfängliche Schüchternheit jedes tieferen Gemütes . . .

KUNSTREICH (zu Orosmin):

Die Grandezza, hinter der sich wahre Würde verbirgt . . .

KLÜGRIAN (zum Hofmarschall):

Er hat sich entschlossen, wenn auch nicht ohne Bangen . . .

KUNSTREICH (zu Orosmin):

Er bezwingt sich und macht dir, einem Bürgerlichen, den ersten Besuch . . .

(PAUSE. Orosmin setzt sich wieder, wie er früher gesessen ist, halb dem Platz zugewendet, schaut hinaus . . . Der Hofmarschall wird von Klügrian näher herangeführt.)

KLÜGRIAN (zum Hofmarschall, um ihn zu beschäftigen):

Das Souper habe ich im »Löwen« bestellt, dem ersten Hotel am Platz . . .

KUNSTREICH (zu Orosmin):

Du solltest hier zahlen. Wir brechen gleich auf . . .

KLÜGRIAN (springt zu Orosmin):

So steh doch auf, rede doch, bemüh dich, suche einen guten Eindruck zu machen . . .

KUNSTREICH (hat seinen Platz gewechselt, so daß er neben dem Marschall steht):

Exzellenz, sprechen Sie mit ihm über ein künstlerisches Thema, Sie verbinden ihn damit, das versteht er am besten . . .

KLÜGRIAN (wütend an Orosmins Ohr):

Was ist mit dir? . . . Der Fürst hat befohlen, dein Vater will es . . . und ich . . .

KUNSTREICH (schiebt den Hofmarschall noch näher):

Verzeihn Sie, er ist wenig weltläufig . . .

OROSMIN (dreht sich ärgerlich, gelangweilt, doch ohne jede Aufregung, dem Hofmarschall zu, der in diesem Moment ganz nahe steht, und wirft ihm die Papiere, die auf dem Tisch liegen, leicht ins Gesicht . . .)

DER HOFMARSCHALL (weicht zurück):

Ah! -- (Er mustert von fern Orosmin, die beiden Freunde, die mit entsetzten Gebärden ihn beschwichtigen wollen) . . . Ah! -- (Er geht ab. Die Diener folgen ihm. -- Fanfare.)

KLÜGRIAN (stürzt auf Orosmin los):

Du . . .

KUNSTREICH (fällt ihm in den Arm.)