Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman

Part 7

Chapter 73,850 wordsPublic domain

Sie ging langsam auf das Haus zu. Amseln rannten vor ihr über den Weg und versteckten sich zwitschernd in den kahlen Büschen. Das Haus lag stolz und feierlich vor ihr. Alles war ihrem Herzen ein weiches Entzücken.

Da trat jemand auf die Veranda heraus. War das Lydia? Sie schien so viel weiblicher, anmutiger.

Sie ging hin und her, dann blieb sie am Geländer stehen, und ihre Finger spielten in den dürren Weinranken.

Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!«

Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb.

»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb bin ich herausgekommen.«

Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser einfachen Begrüßung.

Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus hinein.

»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen, die sie in Gedanken hatte trennen wollen.

Sie waren schöner noch geworden -- beide. Und es schien, als könne man sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk, das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt.

Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen entstanden war.

Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht.

Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben?

Das alles lag so fern.

Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das tödliche Begehren schwieg.

»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar.

Esther fühlte etwas Fremdes an ihm -- vielleicht, daß seine Freudigkeit leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt.

»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben -- und nie wieder gehst du fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!«

Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich.

»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte Esther.

»Ja -- nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort mochtest.«

Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum Herzen dringt.

Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln.

»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther.

Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen.

»Mein liebes Kind -- mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand.

»Vater --« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu erinnern.

»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. --

Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären.

Lydia hatte Würde bekommen.

Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden.

* * * * *

Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten.

Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir dann.«

Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen, wie ein verwundetes Tier.

Sie blieb vor Maria stehen.

»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen --«

Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht.

Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war, zwischen ihnen.

»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd.

Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern -- und sie ging wortlos weiter.

»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr hinschreitend.

»Nichts -- o, nichts von Bedeutung.«

»Arme Esther, du siehst so gequält aus -- du mußt viel gelitten haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das Kleid der Allerschönsten streifte. --

Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von einst kam er zu ihr -- die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch ihn durchdrungen.

Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht mehr wie damals mit Schmerzen folgen -- er ist glücklich.

Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude zurückgewichen war, durchdrang sie wieder.

Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um nach »Menschen« zu greifen.

Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit vergreift.

Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber zu sehen -- um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen gleiten zu lassen.

Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus fremder Hand. --

Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte.

Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite.

Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der Schwester mehr.

Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen können,« dachte sie.

Seine Augen aber glitten an ihr vorüber. Und er verstand sie nicht. --

O sie wußte wohl, er war nicht von jener feilen Art, die sich durch ein Wohlgefallen von ihrer Liebe ablocken läßt, wie jener, an dem sie sich geirrt hatte --

Aber das was sie ihm bot, mußte er doch fühlen als das Kostbarste, was je ein Mensch dem andern bewahrte -- die Sehnsucht eines ganzen Lebens --

Diese todesstarke Sehnsucht mußte ihn zu ihr zwingen. --

XV

Und der Frühling kam so mit Macht!

Einmal noch hatte der Winter das frühe Grün überdeckt, aber nun tauten schon wieder die Wasser von den Bergen und schossen durch das Flußbett. Weidenruten wurden im raschen Vorüberbrausen ergriffen, bogen sich, wehrten sich, wurden von der Strömung in die Länge gezogen und schnellten das Wasser peitschend zurück. Die Wiesen aber glichen Teichen, aus denen das Erlengesträuch mit hilflos erhobenen Armen emporstarrte. Und fortwährend war ein Rauschen in der Luft, als stürme die Sehnsucht durch das Land.

Ja, alle Einsamkeit wollte sterben, und in jedem Auge war Hoffnung. --

Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land, wo der Frühling so anders kommt als anderwärts. Wo er kommt wie ein plötzlicher starker Wille nach langer Beherrschung, wie ein Wille, der niedergekämpft lag in langen Zeiten -- niedergehalten mit ehrlicher Kraft. Und nun steht er auf -- wild und riesenstark geworden, während er gebändigt darniederlag.

Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land. -- -- -- --

Und das Wasser trat zurück und leuchtete in der stolzen schimmernden Ruhe der Blütenzeit.

Wie mit weißem Schaum bedeckt standen die Bäume. Und war es nicht, als hörte man die Erde knistern unter dem Hervorbrechen der Blumen?

Alle Farben waren blank und glatt vor Unberührtheit. Ein feiner, schwebender Duft ging wie Liebesahnung durch die Natur, wurde voller und stärker und strömte zuletzt wie ein einziger tiefer Klang über alles Land. --

Hätte jetzt jemand Esther gefragt: »Ist es so? Ist es das: Du gehst umher und suchst den mit Gewalt an dich zu reißen, den du liebst -- du bist schön geworden, weil du siegen willst, ist es das, Esther?« -- Hätte jemand so gesprochen, so würde sie antworten müssen: »Ja, so ist es.« Und sie hätte auch noch gesagt: »Sieht mir das nicht ein jeder an? Ich bin schön geworden, weil ich seiner begehre!«

Wie eine köstliche Gewißheit trug sie es in sich, daß er zu ihr kommen würde, kommen mußte eines Tages. Ihr schien, sie hätte nicht mehr gejubelt und nicht mehr geweint, wäre es so gekommen -- sie hätte es souverän entgegengenommen, als das was ihr gebührte.

Da war kein Zweifel mehr und auch kein Zurückschrecken vor dem Leid, das sie der Schwester damit thun wollte --

Es gab nur noch das eine Recht, das sie sich kraft einer todesstarken Sehnsucht errungen hatte. -- --

Sie ging im Garten und hörte auf seinen Schritt. Sie wußte immer im voraus, wenn er kommen würde. Sie brauchte sich nicht einmal nach ihm umzusehen -- sie kannte ein jedes Geräusch, das mit seinem Kommen zusammenhing.

An den Fliederbäumen blieb sie stehen, die ihre kleinen Blüten noch wie Fäustchen ballten.

»Bis der Flieder blüht, sollst du mir gehören,« dachte sie.

Und wenn er vor ihr stand, sagten ihre Augen: »Komm zu mir! Komm zu mir!«

Und sie ging hinaus in die Berge. Und dort, wo alle verschwiegenen Plätze ihre alten Geheimnisse kannten, warf sie sich an den Erdboden -- mitten hinein in die honigduftenden, sonnengelben Schlüsselblumen und dehnte ihre festen jungen Glieder und that die Augen weit auf vor dem Licht.

Und dann fühlte sie die Liebe wie ein leises Beben am Herzen und horchte -- horchte hinein in den Frühlingstag. -- -- -- --

Einmal aber, wie sie draußen vor dem Gartenzaun vorbeiging, hörte sie dort drinnen Lothar zu Maria sprechen. Und er sagte: »Esther ist so schön geworden -- anders noch als früher. Man möchte immer von ihr denken, daß sie ein beglückendes Geheimnis in sich trägt.«

Und Maria lachte. Leicht und sorglos lachte Maria. Maria, die Schönste, Maria, die Geliebteste hatte keine Antwort als ein kleines Lachen.

XVI

Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers.

Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd und hell über der Erde.

Es war gegen Abend.

Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten.

Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten Luft wie erstickt abbrachen.

»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach dem Berggarten sehen?«

Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen.

Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends.

Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von Schlehengestrüpp durchwachsen war.

Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im Erblühen.

Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber.

Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten.

Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel.

Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor und strich zögernd über den Himmel.

Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden Ton, der wie Seidenrauschen klang.

Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien. Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie.

Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige Land.

Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen, rätselhaften Geheimnissen.

»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich -- --

Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in dieser Nacht?«

Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land.

Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir zu Hause -- bei mir allein.«

Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick.

Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen. Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen zusammenfließen -- dort draußen -- weit -- zwischen Himmel und Erde.

Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit. Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin.

Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen? Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« --

Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du jetzt?« fragte sie Lothar.

Der wandte sich wie zögernd ihr zu.

»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie doch fühlen kann in einem Augenblick.«

Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt.

Und sie weinte ganz still -- sie weinte die wunderbaren Thränen um eine erste bräutliche Berührung. -- -- -- --

Maria war es, die zuerst sagte: »Es wird spät, wir müssen heim.«

Und wie sie wieder den Weg hinabgingen, schmerzte es Esther gar nicht mehr, daß Lothar und Maria sich an der Hand hielten wie Menschen, die allein für einander bestimmt sind.

XVII

Die Schwermut des Verblühens lag über dem Land.

Im Garten beugten sich die Lilien, die Reseda wucherte in den Rosenbeeten, und das Grün der Blätter vertiefte sich.

Ein schwerer Duft rang sich aus der Erde los, und die Schatten waren sehr dunkel. --

In dieser Zeit traf es sich einmal, daß Esther mit Lothar allein war.

Sie gingen nebeneinander den Kiesweg auf und ab, der ganz unten im Garten an der Ligusterhecke entlang führte.

Und Esther fühlte die Zeit verrinnen, als sei sie kostbar wie das Wasser, das der Durstende in der hohlen Hand geschöpft, und das nun Tropfen um Tropfen zwischen den Fingern hindurchgleitet.

Endlich sagte Lothar: »Sie muß bald kommen.« Er dachte an Maria.

»Ja, sehr bald,« antwortete Esther. Sie dachte: Tropfen für Tropfen verrinnt -- Tropfen für Tropfen. Aber was will ich denn noch? Ist nicht jeder Wunsch zur Ruhe gegangen in jenem geheimnisvollen Glück?

Und sie fühlte, wie ihr die schwermütige Lieblichkeit des Spätsommertages zu Herzen ging -- sie gleichsam heimatlich berührte.

Lothar sagte: »Ich liebe diese Zeit in der Natur mehr als irgend eine andere. Sie ist mir näher, vertrauter als manche, die ich schöner finde.«

Esther lächelte nur, wie er ihre Gedanken aussprach. Sie sagte: »Es giebt so viele Dinge, mit denen es so ist. Wir gehen vielleicht von ihnen fort, um etwas anderes über die Maßen schön zu finden -- aber dann treibt es uns eines Tages doch wieder zurück zu dem, was uns heimatlich ist.«

Lothar fiel ihr ins Wort. »Und dann das -- es ist das Sonderbarste: Wir wissen uns verwandt mit irgend einer fernen Zeit -- einer Zeit, die lange vor uns lag. Und alles, was uns im Leben von dorther berührt, macht uns Heimweh.«

»Ja,« sagte Esther, »ich habe auch zuweilen gedacht, daß es jene Zeit ist, der wir angehören sollten. Nun glaube ich aber mehr noch, es ist die Verlassenheit, die auf allem Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten liegt, es ist die Vergangenheit an sich, die so bethören kann.

Dort suchen wir uns dann eine Heimat, wohin wir alle erträumte Schönheit tragen können -- eine Heimat, die sie mit uns vor den Menschen verschweigt.«

Esther sprach nicht weiter und fühlte nun seinen Blick. Sie hörte auch seinen Atem wie in Erregung tiefer gehen, sah aber nicht auf zu ihm.

»Esther -- Sie sagen das -- was in mir ist --«

Seine Worte waren zögernd, wie eine Frage gesprochen.

Esther dachte: »Warum soll er es nicht wissen, daß wir einander ähnlich sind wie nie zwei Menschen zuvor? --«

Und sie erwiderte ihm nichts.

Da sagte er, und seine Stimme klang seltsam bewegt: »Ja, Esther, wir sind uns sehr gleich. Und es thut gut, einen Kameraden im Leben zu wissen, zu dem die Dinge kommen wie zu uns selbst.

Maria ist anders.

Marias Heimat liegt in dieser Zeit und doch in einer höhern Welt. Zu ihr kommen die Geschehnisse schon geläutert und vergeistigt -- gleichsam wie mit Engelsflügeln.

Aber alles Frohe und Leichte bedarf der Schonung. Es giebt so viele Freudenzerstörer. Sie braucht jemand, der sie schützt vor allem Schmerz -- einen von uns Schweren, die in der Erde wurzeln und die Heimat in irdischen Vergangenheiten suchen. Einen von uns, die wir noch die Sehnsucht als Schmerz und Vereinsamung empfinden -- und eben deshalb lieben müssen, was strahlend und leicht und erdenfern ist.

Einen von uns, dem sie Erlösung und Erhöhung ist.

Niemand kann wie Sie meine Liebe zu Maria verstehen, Esther --«

»Ja, das kann ich,« sagte Esther so langsam und leise, daß ihre Stimme klang wie ein verwehter Ton. --

Marias weißes Kleid schimmerte schon durch die Büsche --

Und dann kam sie selbst -- schön und gütig wie das Licht.

XVIII

Da kam ein Brief aus Dänemark von Eliza.

Sie schrieb zuweilen diese kleinen Briefe, die klangen wie zärtliches Vogelgezwitscher. Und Esther waren sie immer eine schmerzliche Freude.

Als Esther den Umschlag öffnete, fiel aus dem zusammengefalteten Briefbogen eine Karte Adam Rudes. Die las sie zuerst, denn sie fürchtete schlimme Nachrichten.

Er schrieb:

»Mein liebes Kind!

Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann.

Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen Entschluß erschweren könnten.

Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah -- bis auf das eine Mal.

Dein

Adam Rude. --«

Zitternd faltete Esther Elizas Brief auseinander.

Da stand:

»Meine süße Esther!

Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr nach Dir.

Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch!

Deine

Eliza,

die sich so schrecklich freuen würde, wenn Du kämst!«

»Was hast du denn, Esther?« fragte Maria, die der Schwester allein gegenübersaß.

»Fort -- ich muß gleich fort!« sagte Esther wie geistesabwesend.

Sie fragte niemand, sie zog niemand zu Rate -- es war, als sei ihr ganzes Wesen schon dorthin enteilt, wo ihre sorgenden Gedanken waren.

Maria klagte: »Aber dann wirst du ja nicht hier sein zur Hochzeit!«

»Nein, das werde ich dann nicht,« sagte Esther mit einem seltsamen Lächeln und strich sich das Haar aus den Schläfen.

»Ach -- aber -- gelt, du bist doch nicht böse, wenn wir nicht warten bis du wiederkommst, Schwesterchen?

Du weißt doch, wir haben schon so lange warten müssen, bis Lothar die Anstellung bekam.

Lydia kann ja --«

»Ja, ich weiß, Lydia kann mich hier ersetzen,« sagte Esther und ging hinaus, ihren Koffer zu packen.

Dann telegraphierte sie nach Eriksgaard: »Ich reise morgen früh ab.« --

Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen.

Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde. Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren.

Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug.

Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen.

Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft gelesene Lieblingsstelle enthalten.

Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano:

Einsam will ich untergehn, Keiner soll mein Leiden wissen, Wird der Stern, den ich gesehn, Je vom Himmel mir gerissen, Will ich einsam untergehn Wie ein Pilger in der Wüste!

Einsam will ich untergehn Wie ein Pilger in der Wüste! Wenn der Stern, den ich gesehn Mich zum letzten Male grüßte, Will ich einsam untergehn Wie ein Bettler auf der Heide!

Einsam will ich untergehn Wie ein Bettler auf der Heide! Giebt der Stern, den ich gesehn, Mir nicht weiter das Geleite, Will ich einsam untergehn Wie der Tag im Abendgrauen.

Einsam will ich untergehn Wie der Tag im Abendgrauen! Will der Stern, den ich gesehn, Nicht mehr auf mich niederschauen, Will ich einsam untergehn Wie ein Sklave an der Kette!

Einsam will ich untergehn Wie ein Sklave an der Kette! Scheint der Stern, den ich gesehn, Nicht mehr auf mein Dornenbette, Will ich einsam untergehn Wie ein Schwanenlied im Tode!

Einsam will ich untergehn Wie ein Schwanenlied im Tode! Wird der Stern, den ich gesehn, Mir nicht mehr ein Friedensbote, Will ich einsam untergehn Wie ein Schiff in wüsten Meeren!

Einsam will ich untergehn Wie ein Schiff in wüsten Meeren! Wird den Stern, den ich gesehn, Jemals meine Schuld verscherzen, Will ich einsam untergehn Wie der Trost in stummen Schmerzen!

Einsam will ich untergehn Wie der Trost in stummen Schmerzen! Soll den Stern, den ich gesehn, Jemals meine Schuld verscherzen, Will ich einsam untergehn Wie mein Herz in deinem Herzen!

Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria.

Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm gewichen.

Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der Ernst, schwer am Leben zu tragen.

Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in ihm berührten -- daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria, der Einzigen.

Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte.

Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe, der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern.

Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen -- ein fernes, unterdrücktes Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte.

Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde -- wie um ein jedes Einverständnis abzuweisen.

Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung auf sich dulden.

Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die zwischen ihnen bestehen sollte. --

Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer.

XIX

Sollte es schlimmer mit Eliza gehen? Da war niemand zur Bahn gekommen, um Esther abzuholen, wie es sonst gewiß geschehen wäre.

Esther fühlte, wie sich ihre Kehle in einer plötzlichen Angst zusammenpreßte.

Und dann lief sie, ohne um sich zu sehen, den wohlbekannten Weg über die Heide. Zuweilen tauchte ganz in der Ferne eine menschliche Gestalt auf. Vielleicht war es nur eine Verspätung, und sie würde unterwegs noch einem Bewohner von Eriksgaard begegnen. -- Aber jedesmal war es ein Fremder, ein Bauer, der mit hervorgestoßenem »go' dau!« vorüberstolperte, oder ein neugieriger Sommerfrischler, der den Hut zog und sich dann heimlich umblickte.