Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman

Part 6

Chapter 63,702 wordsPublic domain

Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will -- Aber giebt es denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und Nachbeten bleibt?

Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie brachte.

An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die freien Höhen der Kunst zu gelangen.

Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten Glück -- von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum -- durch die Kunst. --

Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen will. --

Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich zusammen -- wie beim Erlöschen des Lichts.

* * * * *

Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes Pension um einen neuen Gast.

Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt, und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt, der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.

Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.

Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller -- Schriftstellerin.«

Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin bekommen.

Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick, die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form, die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt wurde.

Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.

»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen -- mit Verhältnissen --!«

Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen, fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung fort:

»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser -- Menschliche Wohnungen -- nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche Viehställe!

Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert fand --

Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!

Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!«

Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck:

»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen. Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da helfen zu können.

Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos davorsteht.

Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«

Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »_Das_ müssen Sie sich aber abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.

Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.

Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin Obenauf mit einer neuen Frage an:

»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?

Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre Nerven bekommen!

Die könnten Sie nicht ansehen -- und da die Fräulein Franzenius auch nicht, -- das versichere ich Ihnen!«

Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.

»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven vollkommen beruhigen.«

Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:

»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck fürchten?«

»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen Gründen schreiben sie -- und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke, die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und Traurigkeit entstanden sind -- sie reden alle von dem, wohin sich nur eines Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«

»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die Kunst muß social sein in allererster Linie.«

»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem Titel -- So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes Liebenswürdigkeit die --«

»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich, »entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief gebracht, der so adressiert war!«

Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!

Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf aus dem machen, was mir etwa nur -- Erleichterung ist.«

Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«

Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden Ausdruck.

Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.

So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich mich sehne -- Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.

Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet -- da wird man ihrer ledig -- in der Kunst --

Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen -- aber sie taugen nicht in das Leben -- da trägt man sie hinüber in die Kunst.

Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen Menschen ganze Kunst kommen kann.

Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere -- das Leben!‹«

»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus Petersilienkraut verbarg.

XII

Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde, fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen.

Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. --

In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn nach der Verlobten rufen:

»Nancy! Nancy! Hilf --«

Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« --

»Sei still, sei still!

Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.«

Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die Stille der Nacht.

Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans Bett setzte und hüstelte.

»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?«

»Bewahre, ich bin abgehärtet.«

Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt -- aber magst du noch ein bißchen dableiben?«

Esther verstand diesmal keine Antwort.

»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde wohnen --«

»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy -- »gut für uns beide. Dann haben wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen.

Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten Berichte sammeln.«

»Ach Gott ja, mein Roman! -- Elend lange liegt der nun schon!«

»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« --

»Famos ist Wusterhausen -- findest du nicht?

Der Park mit den Linden --

Und so überall diese Ruhe --

Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu Kräften kommen!«

»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber --

Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in der Bahn haben wir sie vergessen.

Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis ganz ins Wasser -- höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich für 'n Gedicht verwenden können -- wenn man nicht die Lyrik so schlecht bezahlt wäre.«

»Das elende, elende Geld!«

»Gut genug, wenn man's hat!«

»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?«

»Na, warte mal --

Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen -- wir können ja gut zusammenarbeiten -- und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege, dächt' ich?

Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos -- Du weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind -- und 's wird recht schön warm bei uns hier -- so gegen Mai hin -- dann siedeln wir über.«

»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für das Preisausschreiben?«

»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt -- nicht über 20.000 Zeilen --«

»Nicht über? -- Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht Zeilenweise bezahlt wird!«

»Tagesfragen -- liegen uns ja nahe.«

»Können wir -- mit Leichtigkeit.«

»M. w. -- m. w.!« sagte Fräulein Nancy.

»Nancy -- war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?«

»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.«

»Nancy -- ich bin -- jetzt -- müde.«

»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!«

Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. -- -- -- --

Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther hereingestürzt.

»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun aussprechen -- sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben -- an einem Blutsturz -- so ganz auf einmal!«

Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und Entsetzen.

»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.

»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«

»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was man da thun könnte!«

»Da kann nur unser Herrgott helfen -- für mich ist dieses ganze Vorkommnis ja auch sehr peinlich -- wer weiß, ob niemand deshalb auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch die Augen.

»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« --

Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das Zimmer.

Es war ein ganz winziges Kämmerchen -- ungleich dürftiger noch als das ihre.

Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes Christusgesicht.

Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.

»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine Angelegenheit.«

Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang. »Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«

Esther verneinte niedergeschlagen.

»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott helfen!«

XIII

In den Straßen ging die Luft weich und wehend. Esther spürte diesen feinen, durchdringenden Geruch des einbrechenden Frühlings, und da stieg es plötzlich in ihr auf wie eine leise Neugier nach fernen, fernen, halbvergessenen Dingen.

Wie ist doch das?

Man geht an Frühlingstagen wie durch ein Feld, auf dem Erwartung und Sehnsucht nach künftigem Genießen sproßt.

Ist es wohl so? --

Aber sie -- sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr zu erwarten haben -- denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur noch tapfer sein wollen.

Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache.

Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten.

Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft verjüngte.

Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen -- ihre Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her.

Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht. Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün.

Und dann war der Tiergarten erreicht.

Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen Blattknospen auf den Weg herab.

Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war, was sie umgab -- aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte.

Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen.

Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer, echter Schmerz lebenschaffend wirkt?

Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand -- geheimnisreich und tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen Herzen spiegelte.

Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran gesetzt. -- --

Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke.

Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen Knospen im Wasser.

Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den Brückenpfeiler.

Da kamen ihr ein paar Worte -- arme, geborgte Worte -- sie hatte wohl keine eigenen mehr: Verfehlte Liebe -- verfehltes Leben -- --

Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. -- -- -- --

»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit den Schwänen?«

Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr.

»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen Lächeln.

»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar guten und warmen Blick entgegen.

Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben gewiß nichts ansehen können?«

Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos: »Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein Schulze ja unglücklich.«

»Gern, wenn Sie mögen.«

Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen mußte.

So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück.

Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung. »Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«

Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und hatten traurige, müde Augen.

Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe, die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt. Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. -- Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama entlassen,« setzte sie lachend hinzu.

Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme war wie von Leben durchzittert.

Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen -- dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem, was er verschweigt.«

»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?« sagte Esther leise.

»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann -- ein neues Glück darauf bauen!«

»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück zulassen -- die _das_ Glück nicht zulassen?«

»Nein -- nie!«

»Sie meinen?«

»-- daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.«

»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?«

»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht mißverstehen läßt -- trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen, auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln, einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es ist für ihn der Ausnahmefall -- das Zugeständnis an die Forderung des brutalen Lebens. _Wann_ diese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt.

Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt.

Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen -- und er wird ihn hart kämpfen -- nur sich nicht zerstören lassen.«

»Aber könnte es nicht einmal -- die Pflicht eines Menschen sein, sich in diesem Sinn zerstören zu lassen!«

»Nie. -- Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch -- ganz objektiv geurteilt -- durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß, wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation sein.«

»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht zukommt?«

»Das -- muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß wissen, _wann_ er es thun darf -- er allein.

Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet -- ein gebrochener kann nur noch Unheil anrichten -- ganz unbewußt und ungewollt vielleicht.« --

Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das -- wurde nicht das Leben eingeläutet?

Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde milde.

Esther dachte: »Das war es -- ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten -- überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen, weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. -- --

»_Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!_«

Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen.

Der Kampf war zu Ende.

Dritter Abschnitt

XIV

So oft hatte Esther sich die Heimkehr in Gedanken vorgestellt, daß nun die Wirklichkeit für sie gar kein Leben gewinnen wollte.

Sie ging immer nur vor sich hin und dachte, ob es dies eine Mal auch gewiß kein Traum sei, wie so oft schon vorher.

Es war ein weicher Märztag gegen die Dämmerung zu, und überall lag noch ein Duft von Sonnenwärme. Kein bekannter Mensch begegnete ihr unterwegs. So kam sie bis an den Garten.

Sie konnte sich Zeit lassen. Niemand ahnte ja, daß sie schon hier war. Leise klinkte sie das Pförtchen auf und ging über die regenfeuchten Wege. Bräunlich war noch der Rasen von vergangenem Schnee, nur einzelne frischgrüne Lichter lagen darüber.

Aber da -- hinter den großen Erlen wuchsen Schneeglöckchen!

Wie oft hatte sie sich den Garten vorgestellt und immer gemeint, so bis auf alle Einzelheiten noch alles genau zu wissen. Und nun wuchsen da Schneeglöckchen, an die sie nie mehr gedacht hatte.

Nein, es war kein Traum, diesmal!

Ein unendlich zärtliches Gefühl -- eine kindliche, kindliche Freude erfüllte sie. Und sie meinte, es hätte ihr kein lieblicheres Erlebnis werden können, als daß daheim die Schneeglöckchen blühten.

Weich und fast heiter war sie, während ihr stille, warme Thränen über das Gesicht liefen. Alle großen, leidenschaftlichen und dunklen Empfindungen schwiegen vor der kleinen, kindlichen Freude.

Alles war gut und milde in ihr, und sie war bereit, unter glückliche Menschen zu treten. --