Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman

Part 5

Chapter 53,551 wordsPublic domain

Dein

Adam Rude.«

Zweiter Abschnitt

IX

In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.

Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene Griff ihre Finger.

Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.

Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr schlug eine späte Abendstunde.

Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.

Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer die vielen Feldstiefmütterchen wachsen -- so immer zu hunderten auf einem Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube -- und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren flüstern -- -- -- --

Dicht und hoch lag jetzt der Schnee -- -- So ein paar Schritte zur Seite machen und sich da hinein fallen lassen -- --

Kein Mensch würde wissen --

Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an?

Doch -- das ist ja nicht wahr --

Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. --

Eine ferne Sehnsucht kam über sie -- kam und ließ sich schwer niedersinken auf ihr Herz --

Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend -- oder so wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang.

Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza, dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste?

Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! -- Aber das war ja Wahnsinn -- Unmöglichkeit! --

Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug --

Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht -- nur noch eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen hat. --

Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg hinauf.

Dann kam das Gasthaus.

Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern, die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!

Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte. Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.

Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«

Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«

Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er gewesen -- so 'ne Schande!«

Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, -- das alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!

Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die Augen aufzuschlagen wagte.

Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer Enttäuschung herauskommen?

* * * * *

Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.

Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.

Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.

»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«

»Jawoll, klingeln Sie man!«

Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch ein langgestrecktes Zimmer.

»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte das Mädchen.

Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.

Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines, dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.

»Verzeihen Sie -- ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.

»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.

Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links, dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.

Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den Koffer einen Platz zu ermöglichen.

Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die Spanierin verließ das Zimmer.

Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich unwillkürlich weit zum Fenster hinaus -- dort sah man in den Hof hinab, wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an den Wänden entlang -- die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.

Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten Liliengarten.

* * * * *

»Nancy! Nancy!«

Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?

Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und dem weißen Haus im Mondlicht? -- Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie fürchtete das Erwachen. --

»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«

Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser Hustenanfall.

Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.

Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie fühlst du dich heute?«

Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: »Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen Wagen nehmen, wie?« -- Hier eine Pause für Nancys Antwort -- Und wieder: »Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen kostet 10 Mark -- zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen für dich zu 10 Mark -- haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns zusammenthun, geht niemanden was an. -- Bin ich nicht ein Rechengenie?! Hahaha!!«

Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.

Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen verhandelten gedämpfter.

»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten Preßkohlen.

Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton würdevollster Herablassung.

»Ist der Herr sehr leidend?«

»Ja -- er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie pflegen sich immer nur einer den andern.«

»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen unwillkürlich vor sich hin.

Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! -- Und dann wollen sie sich immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«

Ein unbestimmter Ekel -- vor diesem Geschwätz -- vor ihrer ganzen Umgebung -- vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, argwöhnischen Augen.

Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen -- irgend eine kleine, gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere dankte kurz, abweisend, höhnisch.

Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung empfunden. --

»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon ausrufen. -- -- -- --

Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und Entbehrung.

Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die Macht des Ekels sie fesselte.

Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.

Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da -- und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.

X

Arbeit -- Arbeit --

Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber. Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades.

Die Seele schweigt. Nur kleine Erinnerungen ziehen vorbei -- der Zeitbegriff ist von ihnen genommen -- Begebenheiten aus der Kindheit scheinen ebenso nahe zu liegen, wie eben erlebte Geschehnisse. Doch ihre Verbindung mit der eignen Persönlichkeit ist gleichsam abgeschnitten.

Arbeit -- Arbeit --

Ein stumpfes, langsames Vorwärts -- ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. --

Viele andere sind Esther voraus. Auch welche, die zu gleicher Zeit angefangen haben. Sie arbeiten so merkwürdig reinlich und abgerundet. Es ist, als wären sie schon mit dieser gewissen Manier zur Welt gekommen. So tadellos fertig sieht alles aus, was unter ihren Händen hervorgeht. Fast scheint es, sie verlieben sich in diese eintönigen mechanischen Schwierigkeiten der Anfangsgründe. Und das ist ihr gutes Recht. Es muß sie im voraus entschädigen für alle späteren Enttäuschungen. Denn sie werden versagen, sobald die Beweglichkeit der Natur im Gegensatz zu der methodischen Steifheit der Musterblätter sie zu verwirren beginnt.

Arbeit -- Arbeit --

Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen -- gleichgültig nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen -- ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. -- -- -- --

Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu Zeichenstudien.

In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des schwindsüchtigen Brautpaars.

Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel lebte nur noch von Morphium.

Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen aufstellten.

Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen mußten sie gegangen sein?

Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?

Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen, den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als vollzählige Konkurrentin zu gelten -- vollwertig an Kraft und Gesundheit, eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit mitrechnen.

Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde. Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.

Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich selbst auflud -- zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu tragen hatte.

Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten zusammen.

Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.

Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.

»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug, alles!

Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz sage ich Ihnen, kein Platz!«

Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand: »Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine abwartende schiefe Kopfbewegung.

»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«

»So, so -- ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«

Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber lächelte vielsagend.

Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe, sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch für eine andre Individualität zu übernehmen.

Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan, daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur Entscheidung aufgerufen werden.

Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine Aussprüche hervorbrachte.

»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«

Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten, weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.

* * * * *

Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie unter einer dumpfen Angst.

Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für sie hatte -- ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben.

Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben? Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil sie es einmal eingegangen war?

Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden.

Und doch: _Hier_ lag nicht das Verfehlte -- aber dann wo? -- --

Heftete sich das Unglück an ihre Person wohin sie trat? Gehörte sie zu den Vom-Schicksal-Gezeichneten, die überall das Unheil mit sich führen -- ungewußt und ungewollt? -- --

Ein Brief von Eliza kam, einer ihrer süßen unschuldigen Briefe, die ihre Art so unvermittelt übertragen konnten.

Und sie erzählte diesmal von einer großen Neuigkeit in Eriksgaard: Arne hatte sich verlobt.

Esther unterbrach sich im Lesen. Das war ja wie eine Erlösung!

Also war sie doch im Recht gewesen, wenn sie geglaubt hatte, daß eine noch unbewußte Liebe zu Thora ihn in jene zwiespältige Lage gebracht hatte! Sie selbst war nur zur rechten Zeit gegangen, wo das Ende sich schon vorbereitete.

Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter --

Aber was war denn das?

»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter in Fredensborg kennen gelernt hat.«

Esther ließ den Brief sinken.

Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl -- nur ein peinliches Erröten -- jenes Empfinden, unter dem ein anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. --

XI

Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.

Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie sich mit immer größerem Eifer hingab.

Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.

Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall zu beherrschen.

Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst ist Können -- Kunst!

Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit überging zur Arbeit.

Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens gehören.

Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.

Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.

* * * * *

In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit. Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.

Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung, daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.

Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende Woche arrangiert wird.

Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.

Und heute --

Sie sah und sah --

Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.

»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«

Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.

In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem Heiligenbild zurückgezogen.

»Auf freier Höhe« heißt das Bild.

Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt -- und dann auf die ruhige Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.

Endlich riß sie sich los.

Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem tiefen Eindruck der Schönheit.