Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman
Part 1
Die Hochzeit der Esther Franzenius
Roman von Toni Schwabe
Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München 1902
Erster Abschnitt
I
Auf dem Fluß hingen des Morgens Nebel, die sich in zarten Tönungen auch noch über die Uferwiesen hin erstreckten. In den Straßen sangen nach altem thüringer Brauch die »Kurrendeschüler« mit ihren schwarzen Chormäntelchen angethan. Sie zogen von Haus zu Haus, sangen mit Engelsstimmen und schimpften einander dazwischen, als die Gassenbuben die sie waren. Von den Bäumen plauzten schon die reifen Kastanien, zerbarsten und rollten schillernd über den Weg.
In wenig Tagen würde man auch das Schwimmbad schließen müssen, denn schon traute sich niemand mehr in das abgekühlte Wasser, ausgenommen Fräulein Esther Franzenius. Fräulein Esther aber würde gewiß nicht eher aufhören ihre sehr schlanken, kraftvollen Glieder gegen das Wasser zu spannen, bis ihr das erste Nachteis die Haut ritzte.
Esther Franzenius ging über die Wiesen, da steifte sich ihr der Wind entgegen und zerrte an ihren vom Wasser feuchtdunklen Haarsträhnen, die immer zu lang in das Gesicht fielen. Und sie bog ein wenig den Oberkörper zurück, und eine Tragkraft ging durch ihren ganzen Leib, als sei er ein feiner, stolzer Bau, den festgefügte Steine gen Himmel heben.
Dann ging sie durch die grauen Gassen mit dem Pflaster von Anno dazumal und zuletzt die kleine Anhöhe hinauf.
Ja, ganz versteckt lag das Haus, in dem Esther wohnte. Eine hohe, breitbuchtende Ligusterhecke umsperrte den Garten.
Maria kam über den Weg ihr entgegen. Maria war schön und strahlend -- auch in ihrem Mißmut. Maria nahm alle Herzen hin, und selbst die Baumwürzelein freuten sich, wenn sie vom Kleidersaum der Allerschönsten gestreichelt wurden. Ja, Maria hatte ein gesegnetes Angesicht.
»Ist er noch nicht bei Dir?« frug Esther die Schwester.
»Oh, er wird schon kommen.«
Und da war er auch schon.
Erst gingen seine Augen zu der blonden Maria, wie das ganz natürlich war. Sie verfingen sich förmlich in ihren Blicken, sie ließen nicht los, so daß die Hände ungeleitet zu einander tasten mußten.
In Esther klang das wieder, was er fühlte in diesem Augenblick: Es mußte ihm sein, wie ein Ausruhen nach langem ermüdendem Steigen -- ein Erlösungsgefühl -- und Dank.
Immer wußte sie, was er empfinden würde bei all den kleinen, feinen Anlässen, in denen sich das Leben unter der Hülle der Geschehnisse abspielt. Sie besaß zu seiner die Schwesterseele -- aber das wußte nur sie.
Sie erschrak förmlich, und ihr war, als hätte nun auch er ihre Gedanken begleitet, als er plötzlich die Hände seiner Braut losließ und sich nun zu ihr wandte.
»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther -- ich habe Sie gesehen.«
Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm -- aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche.
»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr. -- Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein Opfer, Marias Schönheit gebracht.
»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen selbstvergessen nur an der, die er liebte.
Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr. -- Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber.
Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet.
Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang:
»Legt Narzissen auf mein Grab, Ich habe mich zu viel gesehnt -- Schwarze Tujazweige drüber, Weil mir keiner Liebe gab. Rote Rosen streut zu Füßen, Die bedeuten meine Träume, Und zu Häupten eine Lilie, Daß mich eure Engel grüßen -- Und dann laßt mich dem Vergessen.«
Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die _schöne_ Maria war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für diesen melancholischen Liebreiz.
Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf. »Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie.
Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose Scham in ihr auf.
»Aber die Dichter lügen zu viel!« -- Hatte sie selbst denn dieses spottsüchtige Citat gesprochen?
Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria -- die arme, schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. -- -- --
Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun -- Sie gehört zu den Menschen, denen man nicht weh thun darf.«
Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.«
* * * * *
Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit dieser einzigen Farbe.
Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte über sich selbst.
Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht war.
Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend -- mit der grellen Deutlichkeit einer verzückten Vision -- -- -- --
Ein unbeschreiblicher, verschwiegener Genuß.
Zuweilen bettete der Nebel die Luft so dicht ein, daß sie unbeweglich lag -- Dann war das Gefühl jener köstlichen Gemeinsamkeit am stärksten. -- --
Anders war es in den klaren Tagen. Da lag alles wie ein Spiegel stiller und weiter Gedanken.
Das war eine gute und fruchtbare Einsamkeit, die auch oft zum Mitleben in andern, wesensfremden Naturen lockte.
Da war die Freundschaft mit Lydia.
Lydia besaß einen langen Hals und eine kränkliche Stimme. Und sie gehörte zu den Ausgestoßenen.
»Du mußt mir erzählen wie es dort ist, wo du jetzt bist,« sagte Esther.
Lydia errötete und schob das Kinn über den schwankenden Hals hinaus. »O, es gefällt mir ganz gut.«
»Du wünschest dir nichts anderes?«
»Nein.«
»Sind auch die Leute gut zu dir?«
»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen -- sie wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum sollten sie gut zu mir sein?«
»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?«
»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.«
»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?«
Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen -- alles!«
Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben -- es ist alles so fest in mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. -- Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an mich? -- Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir nicht genüge.«
»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte die andre.
Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß, und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. --
Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des häßlichen Mädchens und küßte sie.
* * * * *
Später, zum Frühling hin, geschah es.
Da war Esther einmal im Nebenzimmer, wie Maria und Lothar in der Dämmerung zusammensaßen. -- Ja, es war in der Dämmerung, wo sich die Seelen näher kommen, wo jenseits alles Fremden und Irreleitenden ein Ich zum andern findet.
Esther hörte es.
Sie hörte ihre freien, glücklichen Zärtlichkeiten und ihre Worte der Zusammengehörigkeit.
Da streifte Maria das leichte Gewand der Melancholie herunter, und sie zeigte sich ihm, wie sie im Grunde war: die Glückspendende -- die Priesterin der Seligkeit.
Sein Herzschlag mußte sich jetzt mit ihrem einen -- --
Wie denn? -- Er lachte -- denn er konnte mit all seiner Schwermut und Herbe versinken in ihrem leichten Glückswagemut.
Esther fühlte ihm nach --
Nein, sie fühlte ihm nicht mehr nach! Zum erstenmal löste sich ihre Persönlichkeit von seiner, nicht um zurückzutreten, sondern sie stellte sich ihm entgegen. Sie fühlte, wie es sein müßte, wenn er zu ihr, zu Esther gefunden hätte. So ganz anders wäre das gewesen: Schwer und mit Thränen müßten sie zusammenkommen -- und es würde sein wie ein tiefes Leid. -- Und sie würden ringen aneinander, weil keiner zum andern fände -- weil sie zu ähnlich waren und keiner den andern auslösen könnte. --
Und drüben hörte sie seine entzückte Stimme. -- »Maria Liebe -- Liebste du --«
Da war ihr, als müßte sie das Gesicht verbergen. Und sie lief hinaus in ihre Kammer. Und sie konnte nicht weinen -- und saß auf ihrem Bett und starrte in das Dunkel. -- Ja, sie sah das Dunkel von Angesicht zu Angesicht, wie es ihr schweigend entgegenblickte.
Und da fand sie einen neuen Willen.
II
Esther wollte sich Neuland erobern.
Doch es wurde Frühling und Sommer, bis sie ihren Plan ausführte. Sie hing so stark an der Heimatserde. Und sie dachte an die süße Hilflosigkeit Marias, und auch die praktische Abhängigkeit des Vaters, der als Gelehrter jeder Änderung seiner Gewohnheiten angstvoll, ratlos gegenüberstand, fiel ihr aufs Herz.
Aber ihrer Familie gegenüber fand sich Ersatz für ihre Abwesenheit.
Lydia kam in ihrer bescheidenen Selbstverständlichkeit. Lydia zog ein in Esthers Zimmer, und es war, als hätte sie nie einen andern Wunsch gehabt, als nun Hintergrund für Marias Schönheit zu sein.
Am letzten Abend ging Esther mit Lydia durch den Garten. -- Sie strich ganz heimlich mit der Hand über die Zweige der Büsche und sah das Bild ihrer einstigen Heimkehr. Sie sah sich wiederkommen -- getrieben vom Heimweh nach alten Schmerzen -- und wollte doch davon nichts wissen, denn sie ging ja in das neue Leben, um zu überwinden.
»So schwer wird mir das Fortgehen,« sagte sie müde.
Und Lydia darauf: »Ich weiß, du läßt deine Jugend zurück.« -- -- -- --
Den ganzen andern Tag hörte sie in sich dieses Wort nachklingen, stieß es zurück, holte es mit einer seltsamen heimlichen Lust an seinem Klang wieder hervor und verläugnete es um so heftiger.
Sie reiste ganz nach dem Norden von Dänemark. Die Fahrt von Hamburg nach der kleinen Küstenstadt machte sie in der Nacht.
Sie konnte nicht zum Schlafen kommen, saß die ganze Nacht über am geöffneten Fenster und spürte den tragischen Reiz der hellen nordischen Sommernacht.
Lange, lange Wiesen mit dem weidenden Vieh, das jetzt zum Schlafen hingestreckt lag, aber gleich darauf vom Lärm des Zuges geschreckt in die dämmernde Ebene hineingaloppierte.
Und am Himmel wechselte ein leuchtendes Farbenspiel. Dort glühten die sehnsüchtigen Wünsche über der verhaltenen Resignation der Ebene.
Nach Mitternacht wehte Seeluft herüber. Und dann lag im Morgennebel der bläuliche Fjord mit seinen verträumten grünen Ufern.
Weiter noch gen Norden blühte die Heide, wie in einem weiten, jubelnden Ton des Erwachens.
Nun kamen die kleinen Ortschaften, alle durch eine hohe grüne Baumhecke gegen die Windseite geschützt, zuweilen aus ihrer Mitte den kahlen und nüchternen Bau einer Missionskirche förmlich ausstoßend. -- Und einzelne Bauernhöfe lagen am Weg mit den tiefgedachten Häusern, die sich ganz niederkauern im üppigen Grün ihrer Gärten, die in Wohllustschlaf versunken scheinen ob all dem Blühegeruch ringsum.
Endlich, gegen Mittag kam das Reiseziel.
Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah. Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung. Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden Bäumen in die Stadt hineinführen mußten.
Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange noch wie von einem Traum verwirrt.
* * * * *
Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer Muttersprache geredet hatte. -- Es war so ein großer lärmender Kreis, und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe.
Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier unglaublichen Eß- und Lachlust angethan.
Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen, leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. -- Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise Melodie zwischen ihnen anhebe -- durch all den frohen Lärm hindurch eine ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. -- -- -- --
Esther wachte auf und hörte Musik.
Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein.
Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte.
Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an dem Louise saß und spielte.
Es war, als lägen die Erlebnisse weiter Vergangenheiten in diesem Raum, und wer auch zu den Fenstern hinaus auf das Meer sah, bekam ganz unwillkürlich den Blick gereifter Erfahrung in die Augen. --
Luise brach plötzlich und scheu ihr Spiel ab, wie sie Esther kommen hörte.
Sie sagte: »Oh, ich glaubte mich allein im Haus,« und strich mit einer verlegenen Bewegung über die Tasten, gleich als hätte sie einen entblößten Körper zu verdecken.
»Und wolltest du nicht spielen, wenn jemand es hörte?«
»Doch -- ja -- nur zuweilen darf niemand zuhören.«
Esther antwortete nicht. Sie setzte sich an das Fenster, von dem aus man so weit über das Meer sehen konnte, daß es den Leuten einen gereiften Blick gab. Sie sagte erst nach einer Weile: »Was für ein Lied hast du gespielt -- wenn du mir das sagen magst --?«
»Ein ganz altes Volkslied ist es -- das Lied vom ›Herre Peder‹ und der Helelide.«
»Willst du mir sagen, wie es geht?«
Luise gab leise die Melodie in den zitternden Tönen des Spinetts an und sprach dazu:
»Junkherr Peder warf Runen über den Pfad, Den Helelidens Fuß betrat. Dann lichtet' er sein Anker, Er hatte guten Wind, Und segelte von Dänemark Und seinen Frauen lind. -- Holde Worte Erfreuen die Herzen, Holde Worte Verschulden die Schmerzen -- Holde Worte!
Helelide ging am Strande harrend, In die tiefen, salzen Wasser starrend. Dann lichtet' sie ihr Anker, Sie hatte guten Wind, Und segelte von Dänemark Mit ihren Frauen lind. Holde Worte Haben mich tief bethört, Holde Worte Haben mein Herz versehrt -- Holde Worte!
Da rief der Wächter, als das Schiff in Sicht: ›Uns bringt der Wind das Sonnenlicht!‹ D'rauf hat der Junkherr Peder Vor Freuden schier gelacht, Als Helelide Ehre Und Treue ihm gebracht. Holde Worte Bringen viele Freuden, Holde Worte Schaffen manche Leiden -- Holde Worte.«
Luise stand auf und trat zu Esther ans Fenster. -- Esther fragte: »Waren die Runen Liebesworte, die Junkherr Peder zu Helelide sprach?«
Und Luise: »Ich weiß es nicht. Aber ich meine, wir hören zuweilen einen Menschen etwas sagen, das kaum für uns berechnet war, das gewiß in keiner persönlichen Absicht zu uns gesprochen wurde, und doch kommt es zu uns, ja es -- ›verführt‹ uns.«
Esther mochte nicht Louise ansehen. Sie neigte nur den Kopf und sah wie bisher weit hinaus auf das Meer. Und ganz da draußen, dort wo die Unendlichkeit beginnt, konnten sich vielleicht ihre Blicke begegnen. Und vielleicht wurde dort das Schweigen gebrochen, das sich hier jetzt über sie legte.
* * * * *
Am andern Tag wurde ein Ausflug nach einem benachbarten Gutshof gemacht.
Man ging die braun-violetten Heidehügel bergan und bergab. Der Wind strich in unausgesetztem, immer gleich starkem Zug über das Land, so daß es klang wie der thränenlose Jammer des Wahnsinns.
Stärker wurden die Stimmen und klang voller in der kräftigen Luft. Auch gab der weite Horizont dem Blick eine stolze Kühnheit.
Am Gipfel des »Himmelsberges«, ein Hügel, der die andern Buchtungen um weniges überragte, lagerte man sich.
Frau Olga Bergsö, die immer Lebensvolle, versammelte ihr kleines Heer um sich. Da lag sie halb aufgerichtet an einen hohen Merkstein gelehnt, mit ihrem seltsamen Dreimaster einem Feldherrn gleichend. Feine, energische Linien begrenzten ihr Profil wie einen Schattenriß am weißlich hellen Himmel.
Ihr zur Seite rangen Julie und Alexandra, die beiden Sechzehnjährigen, im liebevollsten Zweikampf miteinander in den weichen Büscheln des Heidekrautes.
Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren sehr gute Freunde.
Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei gelegen. -- Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. --
»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr wollt,« erklärte Olga ihren Gästen.
Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden zudiktierten Boller zu sichern. -- --
Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man »Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen.
Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster Schönheit eine große rote Rose. -- »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte Herr Adam Rude zu seinen Gästen.
In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen.
»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten.
Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe« noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit entfremdeten Dinge bereit halten. --
Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende bedeutsame Wort. -- Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und Forderungen.
Endlich sagte sie noch: »Wie reden bei Ihnen die Leute, die sich lieb haben? Giebt es ein Lied, das von ihrer Liebe erzählt? Sagen Sie mir eins, das Sie selbst leiden mögen.«
Esther fiel ein altes kleines Liedchen ein, und sie sprach es lächelnd:
»Ich bin dein, Und du bist mein -- Des sollst du gewisse sein. Du bist geschlossen in mein Herze ein, Verloren ist das Schlüsselein, Drum mußt du ewig drinnen sein.«
Eliza ließ es sich zweimal sagen und Worte, die sie nicht verstand, übersetzen. Dann meinte sie nachdenklich: »Es ist ein schönes Lied. Ich werde es mir für Sie merken, Fräulein Esther.«
Und dann: »Kommen Sie ein wenig mit mir, wo die andern nicht sind. Ich möchte einmal mit Ihnen allein gewesen sein.«
Esther folgte ihr mit einem ernsten Lächeln. Sie stand noch nicht der Kindheit fern.
So saßen sie in einer Lindenlaube und sahen durch das grüne Licht hinaus in den Garten, wo sich Camille de Rohan einsam in selbstbewußter Schönheit vor der Sonne neigte.
»Dem Vater haben Sie auch gefallen,« fing das Kind wieder an. »Ich kann es an seinen Augen sehen, wenn ihm jemand gefällt. Hat er nicht schöne Augen, mein Vater? Und ist er nicht ein schöner Mann?«
Esther sagte: »Ja, er ist ein schöner alter Herr.«
»Und meinen Bruder Arne sollten Sie sehen! Er ist jetzt nicht hier. In Kopenhagen ist er. -- Schriftsteller!« Das letzte Wort sprach sie mit nachlässig verstecktem Stolz. -- »Aber wenn Sie ihn sehen würden -- er ist der schönste junge Mann, den ich kenne!«
»Wie alt bist du eigentlich?« fragte Esther.
»Im September ist mein sechzehnter Geburtstag.«
Esther war erstaunt, sie hatte Eliza für jünger gehalten. Aber gleich darauf begriff sie. -- »Ah, du wirst also fünfzehn, wenn dein sechzehnter Geburts_tag_ ist?«
»Nein, nein! -- Ja, es ist schon so, aber Sie müssen nicht immer alles gleich entdecken!« Eliza war sehr indigniert und auf einmal eine zürnende junge Dame geworden. Aber gleich darauf erklärte sie -- wieder Kind --: »Ich wollte ja nur nicht so viel jünger sein als Sie -- ich dachte, daß man sich um jüngere Kinder weniger kümmert. Aber wenn Sie mich auch so ein wenig gern haben, ist schon alles gut -- -- --«
»Ja; ich habe dich ›auch so‹ gern!« --
Drüben, im Sonnenlicht schaukelte Camille de Rohan. -- -- -- -- --
»In nächster Zeit wollen wir Ihnen einen Besuch wegnehmen, Frau Bergsö,« sagte Herr Rude, als die Gäste sich verabschiedeten. Und Eliza drückte Esther bedeutungsvoll die Hand, denn es war zwischen ihnen schon ausgemacht, daß Esther den »sechzehnten Geburtstag« mit auf Eriksgaard feiern sollte.
III
Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam.
Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ.