Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 9
Der alte Kerkermeister stand in einer Ecke, auf den Pater wartend. Ihm gingen Herz und Augen über, als er des Jesuiten Schmerz und Tränen sah.
»Das ist eine Liebe,« sprach er zu sich selbst, indes sein Auge an dem Priester hing, »die treuen Schrittes mit dem Elend geht. Was zwingt den Mann, Tag um Tag die Kerker heimzusuchen, als seine große Liebe! Möchte wissen, welchen reichen Erdenlohn ein anderer heischte, müßte er gleich unserem Spee solch traurigen Amtes walten! Er ist doch wohl der einzige und letzte Trost, der unseren Hexen wird; denn hätten sie den Pater nicht, sie verzweifelten an Gott! Mit diesem Jesuiten leben, wäre wohl nicht süß, aber mit ihm sterben, müßte herrlich sein. Denn wenn solche Liebe nicht den ganzen vollen Himmelslohn erkämpft, dann gibt es keinen Herrgott! -- Ei, was schwatz' ich da an mich selbst hin! -- Pater Spee, laßt euer Weinen! Ihr werdet sonst noch krank, und dann sind meine armen Gefangenen erst recht übel daran! Kommt mit mir! Im unteren Loche sitzt böse Gesellschaft; versucht auch an ihr Euer Wort; ich fürchte aber, Ihr erntet schlechten Dank!«
Spee folgte dem Alten in ein schauriges Verließ. Der Kerkermeister stellte seine Öllampe auf einen Stein. Das trübe Licht wollte in der dumpfen Luft schier erlöschen und warf kaum so viel Schein, um die auf dem Stroh gelagerten Personen erkennen zu können.
In einem Winkel kauerte Helena und die Schenkwirtin vom Waldhause bei Hettstadt. Auf der andern Seite saßen, an die Wand gefesselt, der Zuckerwastl, der Pappenheimer und der Neunaugen. Die drei Gesellen schauten wilden Auges auf, als sich die Türe ihres Kerkers öffnete; als sie aber den Priester eintreten sahen, blickten sie voll Trotz zu Boden und ließen den frommen Gruß des Paters unerwidert. Spee segnete die Gefangenen, doch keiner bezeichnete sich mit dem Kreuze; höhnisch lachte dazu der Zuckerwastl und geistlos stierte der Neunaugen.
Der Jesuit fragte teilnahmsvoll nach dem Zustande der Gefangenen, deren Schuld ihm bekannt war. Er baute auf der Schuld das Glück der Sühne auf und zeigte, daß auch der bösen Tat die hoffnungsfrohe Zukunft nicht fehle, wenn die Reue des Menschen Herz vom Bösen abwendet.
»Haha, Ihr macht mich lachen,« spottete der Zuckerwastl, »Ihr plaudert da von Reue und von Sühne. Mich reut auf Erden gar nichts, als der Wein, den ich nicht getrunken, und das Geld, das ich nicht gestohlen.«
»Und deine Seele?« fragte Spee mit Nachdruck
»Weiß ich denn, ob ich überhaupt eine solche habe? Ihr Herren, ja, ihr könnt prächtig predigen! Ihr sitzt in gutem Leben und im Überfluß. Wir armen Tropfen sollen uns mit einer Seele trösten, die doch am Ende zum Teufel fährt. Laßt mich in Ruhe! Ich will von euerem frommen Geplauder nichts wissen. Wenn mich die Raben draußen am Galgen fressen, so ist's mir einerlei. Denn Seele habe ich doch keine.«
Der Jesuit sah in tiefer Trauer auf den Verstockten.
»Verzeih',« sprach er, »ich wollte dir nicht lästig sein. Laß uns von anderem reden! Willst du mir wohl aus deinem Leben etwas erzählen? Dir kürzt das die Zeit, und ich lausche gerne deiner Rede.«
»Meinetwegen,« gab der Zuckerwastl etwas freundlicher zurück, »plaudern wir eins; nur laßt alles fromme Zeug aus unserer Unterhaltung. Ich will euch einmal ein volles Gaunerleben schauen lassen. 's ist wahr, es hat gar oft an Rad und Galgen hart angestreift, aber der Zuckerwastl war stets klüger als die weisen Herren vom Rate. Wäre es möglich, daß ein Mensch als wilde Frucht vom Baume fällt, so wäre es wohl bei mir geschehen. Von Eltern weiß ich nichts. Ich hätte ihnen wahrscheinlich auch nur wenig Freude gemacht. Ein Bauernweib fand mich eines Morgens vor der Haustüre und zog mich mit ihren Kindern auf. Gibt es einen Herrgott und hat sie damit ein gutes Werk getan, so soll sie dafür gesegnet sein. Gelernt habe ich gar nichts,« fuhr er lachend weiter; »ich glaube nicht, daß je ein Menschenhirn weniger von Weisheit, Schulmeisterei und Katechismus heimgesucht worden ist, als das meine. Ist nicht schade darum; gibt gelehrte Leute genug, die die Welt verkehren und verderben. Als ich anfing, Kraft in meinen Knochen und Witz in meinem Gehirne zu verspüren, entlief ich meinen Pflegeeltern und flog wie ein Vogel in die weite, prächtige Welt. Der Wald war mein Haus und der Himmel mein Dach. Unter jedem rauchenden Schornsteine ward für mich gekocht, denn jeder gab mir gerne, um meiner wieder ledig zu werden. Den Gerichten ging ich scheu aus dem Wege, aber unter dem Galgen schlief ich so herrlich wie ein König in seinem Seidenbette. Gestohlen -- ihr reichen Herren nennt das Nehmen bei uns stehlen -- gestohlen habe ich nach guter Gelegenheit, und diese ergab sich schier alle Tage; zuweilen habe ich auch ein wenig gemordet. Anfangs wollte es mir so eigen da drinnen werden, wenn ich das fließende Blut und die brechenden Augen sah. Da schrie es in mir: es gibt einen Gott und eine Gerechtigkeit, eine Strafe und eine Hölle.«
Der Erzähler machte hier eine Pause, kreuzte die Arme über die Knie und ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. Es mochten wohl schreckliche Bilder der Vergangenheit in seiner Seele aufgestiegen sein, denn in seinem Angesichte spiegelten sich Ekel, Schmerz und Entsetzen.
Spee legte leise seine Hand auf den Arm des Verbrechers.
»Du bist so ernst,« sprach er mit dem Ausdrucke teilnehmender Liebe. »Was ist es, das deine Seele drückt?«
»Also meint Ihr gewiß, ich hätte eine unsterbliche Seele?« fragte der Zuckerwastl mit einem stechenden Blicke nach dem Pater.
»Ja.«
»Wie bestimmt Ihr das saget!« murmelte er und schüttelte den Kopf. -- »Mit einer unsterblichen Seele müßte ich in eine Ewigkeit hinüber und vor einen Richter, der Gott ist. Nein, nein, das glaube ich nicht! -- Ich mag nicht,« grollte er mit leiser Stimme fort, »ich mag nicht glauben, nein, es darf keinen Herrgott geben! He, was meint ihr dahinten,« rief er, den Kopf nach seinen Mitgefangenen wendend, »hat der Pater recht und gibt es einen Herrgott?«
»Wahrscheinlich,« unterbrach der Neunaugen sein dumpfes Brüten.
»Und ich glaube gewiß, daß es einen Herrgott gibt,« sprach Helena und stützte das Haupt auf die Hand, um den Schmerz, der aus der Tiefe der Seele auf die Oberfläche des Antlitzes trat, zu verbergen.
Spee hatte den Rosenkranz von seinem Gürtel gelöst und legte ihn mit dem daran befindlichen Kreuze in die Hand des Zuckerwastl.
Ein leises Zittern durchbebte für einen Augenblick seine Glieder. Sein Auge aber haftete mit einer durchbohrenden Kraft auf dem Bilde des Gekreuzigten.
»Es war um Weihnachten,« begann er in halblautem Selbstgespräche, »als ich mit drei Gesellen durch den Bayerischen Wald zog. Frost und Hunger quälten uns, und an den Türen der Menschen fanden wir karge Gaben und feindselige Worte. Ich sah, wie der Hofhund aus voller Schüssel fraß, und biß mit steigendem Grimme in die gefrorenen Brotrinden, die ich in meinem Schnappsacke trug. Und mit dem kalten, harten Brote aß ich heißen Zorn und Haß in mich hinein und ich schwur mir selbst, der erste Mensch, der mir des Weges käme, sollte sterben. Ich war so voll des wildesten Grimmes, daß ich schier vor mir selber Furcht empfand. Dicht fiel der Schnee vom Himmel, eisigkalter Frost schüttelte mir die starren Glieder, nur im Herzen kochte und brandete es, als säße der Teufel drinnen. Wir mochten etwa eine Stunde gegangen sein, der Wald fing an sich zu lichten und Glockengeläute drang zu uns herüber. Da trat an der Biegung des Weges uns ein junges Weib entgegen, einen Säugling auf den Armen tragend. In meiner Wut sprang ich mit gezücktem Messer auf sie zu, um sie zu morden; doch einer meiner Gesellen hielt mir den Arm. -- Tu's nicht, 's ist eine junge Mutter! -- Ich sah sie an. Sie lag auf ihren Knien, das Kind verzweiflungsvoll an ihre Brust gedrückt, und ihre Augen schauten so bittend zu mir auf, daß mir noch heute alle Sinne schwinden. -- O schone meiner um des Kindes willen! rief sie flehend -- es war ihr letztes Wort.«
»Hoch auf spritzte das Blut und rötete den Schnee. Da lag sie sterbend, das Kind noch an sich drückend, und indes ihr brechendes Auge mir bis zum Grunde meines Herzens drang, rief sie mit der letzten Kraft ihrer Stimme: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst vor seinen Richterstuhl fordere.«
»Das Wort konnt' ich nicht ertragen. Ein zweiter Stoß, in blinder Wut geführt, durchbohrt ihr Kind. Pater, Pater, das war ein grauses Schauen, als der Mutter Blut mit dem des Kindes sich vereinte und niederträufelnd den Schnee auffraß, daß sich das Moos mit roten Perlen färbte. Das Messer war meiner Hand entfallen, und mit verschränkten Armen stand ich da, um glühenden Auges den Tod zu schauen, der sich zu beiden niederneigte. Das Kind am Herzen starb die Mutter, und ihr verglastes Auge hing noch fest mit seinem letzten Blicke auf mir. Ich war dem Wahnsinn nahe. Du bist ein Teufel! rief's in mir. -- So sei's! Ich will ein Teufel sein, da ich kein Mensch mehr bin. Ich nahm das Kind aus starrem Mutterarme und trug es fort mit mir. Vor dem Dorfe stand ein offener Backofen. Dort verbrannte ich das tote Würmlein zu Asche, nahm diese und die abgehauenen Händchen mit mir und ging hinein ins Dorf.«
»Meine Gesellen hatten mich längst verlassen; ich glaube, es graute ihnen vor dem Muttermörder. Allein, in finsterm Grolle dahinbrütend, brachte ich die Nacht in einer Scheune zu. So arg der Hunger mich auch quälte, ich achtete seiner nicht. Mich quälte mehr als alles jenes jungen Weibes Wort: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst vor seinen Richterstuhl fordere.«
»Christnacht war's, als ich mit meiner Qual allein in jener Scheuer schlaflos lag. Der Klang der Glocken drang wie Friedensbotschaft durch die sternenhelle Nacht. Ich habe viel erzählen hören von jener Seligkeit, die in der Christnacht über alle Menschen komme, und wenn ich solcher Märe lauschte, ward ich wie ein Kind. Da war ich glücklich, wenn auch nur für Augenblicke; aber glücklich war ich doch, ich sag's mit Stolz. Auch damals dämmerte durch all mein Elend wieder jene süße Friedensbotschaft wie mildes Sternenlicht durch dichte, finstere Nacht, ich fing schon an, die brennende Träne in dem Auge zu fühlen, da trugen die Kirchengänger des Weibes Leiche, die sie auf dem Kirchengange gefunden, hart an mir vorüber, die einen weinten, andere aber fluchten auf den Mörder, und wieder stiegen Schmerz und Grimm in meinem Herzen auf. Ich eilte fort aus dem Verstecke, quer über Au und Feld, bis ich zum Tod ermattet niedersank. Da war's ein Weib mit einem Kinde, das mir Labung reichte. Ich dankte nicht. Hätte die Not mir nicht die letzte Kraft gebunden gehabt, ich hätte ihr Erbarmen nicht ertragen.«
»Mein weiterer Lebenslauf war wild wie Teufelsleben. Ich log den Bauern vor, ich stünde mit dem bösen Geist im Bunde. Und jeder glaubte mir; und hätte ich gar gesagt, ich sei der Böse selbst, sie hätten es mir nicht widersprochen. Warum auch? War ich doch dem Satan gleich voll Menschenhaß und Wut und böser Tat. Ich trug den Teufelswahn landauf, landab, half Hexen schaffen in der Bauern und in der Richter dummen Köpfen, und trieb selbst Hokuspokus in des Satans Namen, daß den Leuten fast die Haare zu Berge standen. Geld gab's genug; was half's? Ich trank den besten Wein und glaubte Gift zu schlürfen; und was ich aß, das roch nach frischen Leichen; und sah ich eine Mutter, so schrie es in mir -- Gericht!«
Er vergrub sein Angesicht in beide Hände und drückte dabei den Rosenkranz mit dem Kreuze fest an seine Lippen.
Die Mitgefangenen sahen verwundert zu ihm herüber; nur der Neunaugen lächelte und grinste gleichgültig vor sich hin.
Spee lag auf den Knien. Seine Seele flammte und flutete auf in heißem Beten für eine Menschenseele, die, so schlecht, so tief sie auch verdorben war, doch einen Angelpunkt noch hatte, an dem die Gottesgnade goldene Fäden anknüpfen konnte. --
Zuckerwastl erhob sein Haupt und schaute in starrem Staunen dem betenden Priester in das Angesicht, über welches bittere Tränen rollten. Und unwillkürlich kehrte dann sein Blick vom Pater auf das Kreuz zurück, das er noch immer fest in seinen Händen hielt. Es mochte ein eigenes Denken sein, das durch seine Seele zog; denn über dieses wetterbraune, von einem wilden Leben und jeder Leidenschaft zerrissene Gesicht kam allmählich ein Zug von weicher Milde, und das Auge gab nicht mehr den Blick des ungesöhnten Hasses, sondern den einer wenn auch noch unverstandenen Sehnsucht.
Der Jesuit erhob sich und reichte dem Verbrecher die Hand.
»Ihr habt gebetet?« fragte dieser.
»Ja, für dich.«
»Für mich? Das ist wohl eitle Mühe.«
»Nein. Wenn du die Hand zur Versöhnung mit Gott bietest, so sei versichert, daß er dich mit unendlicher Erbarmung in seine Arme schließt.«
Zuckerwastl schüttelte traurig den Kopf.
»Willst du nicht?« fragte Spee.
»Ich weiß, daß mir der Galgen diesmal gewiß ist. Die gemordete Hofbäuerin hat mir den Strick nur gar zu fest gedreht. Dazu bin ich der Zauberei auch angeklagt, und das allein genügt für sichern Henkerstod. Soll ich nun, weil's zu Ende geht, gleich einem Hunde winselnd zu Euerem Herrgott kriechen und um Gnade bitten? 's ist zu spät! Und jener Mutter Blut und letztes Wort -- Pater, das sühnt sich ewig nicht! Ich habe Euch mit rohem Trotz empfangen, als Ihr zu mir in das Gefängnis tratet. Ich zwang mich fast dazu. Als ich in Euer Auge schaute, da kam ein eigenes Rühren über meine harte Seele. -- Pater, ja, ich habe eine Seele -- und einen Augenblick konnte ich auch glauben, Ihr könntet Frieden für mich bringen. Aber je mehr ich meine Schuld abwäge, desto tiefer sinkt die Hoffnung -- Gott kann mir nimmer gnädig sein.«
»Er ist dir gnädig und sein Erbarmen übersteigt die Größe deiner Schuld.«
»Ihr lügt!« fuhr der Zuckerwastl heftig auf. »Ihr lügt auf Gott und auf sein Erbarmen.«
Spee nahm das Kreuz aus des Gefangenen Hand und küßte es.
»Nein, Ihr lügt und frevelt nicht!« rief jener wieder aus. »Ich habe -- 's ist wohl lange Zeit -- auf meiner irren Wanderschaft in einer Kirche das Wort gehört: Und wären euere Sünden rot wie Blut und zahllos wie der Sand am Meere -- ich will sie alle tilgen. Pater, ^das^ Wort wenn Wahrheit ist, dann gibt es auch für mich noch Versöhnung und Frieden. Ihr könnt mir beides bringen -- Ihr oder keiner. Gebt mir das Kreuz! Kann ich auch nicht verstehen, was es Euch, dem Reinen, sagt, so will ich doch so lange auf dasselbe schauen, bis auch in meine Seele das Licht der Hoffnung dringt.«
Spee breitete die Arme aus, den Sünder zu umfangen und zu küssen.
-- Das ist ja Priesterglück, verlorene Seelen retten! --
»Und ihr?« sprach der Jesuit, sich zu den andern wendend. »Wollt nicht auch ihr den Weg des Friedens gehen?«
»An Eurer Hand läßt sich's zu Gott wohl wiederkehren,« antworteten der Pappenheimer und Helena.
»Ich möchte schlafen, laßt mich!« murrte der Neunaugen und streckte sich gähnend aufs Stroh.
10. Kapitel: Elsa und Edeltraut vor den Richtern
Elsa und Edeltraut waren zwei Treppen hoch in einem engen Gemache des Schneidturmes untergebracht worden. Im Gegensatze zu den gräßlichen Räumen, in denen die anderen Hexen und Zauberer gefangen lagen, war die Lage der beiden Mädchen immerhin noch eine erträgliche zu nennen. Die Wände waren getüncht, durch das stark vergitterte Fenster floß das Tageslicht ungebrochen herein, das Lager bestand nicht aus verfaultem Stroh -- es war also doch einige Milderung der für so hoch angesehene Jungfrauen immer noch schrecklichen Verhältnisse eingeräumt, die allerdings weniger auf Rechnung der gestrengen Richter, die bekanntlich mehr Kopf als Herz und manchmal keines von beiden hatten, als auf die Gutmütigkeit des alten Kerkermeisters zu setzen war.
Die Sonne spielte mit ihrem Lichte auf dem Boden des Gefängnisses, als wollte sie die Gedanken der Gefangenen mit ihren goldenen Lichtfäden hinauslocken in die freie, herrliche Gotteswelt, hinaus in den Wald mit seinen laubreichen Hallen und efeuumschlungenen Säulen und seinen duftenden Kelchen und glühenden Beeren auf schwellendem Moose.
Edeltraut sah mit bitterem Auge dem tanzenden Sonnenstrahle zu. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihr Angesicht widerstrahlte ein tiefverwundetes Gemüt. Stolz stand sie inmitten des Gemaches, eine Königin im Kerker. Das volle blaue Auge blickte mit brennender Sehnsucht nach der Freiheit, die durch die kalten Eisenstäbe mit Himmelsbläue in den Kerker grüßte. In des Fensters Außennische saß eine Schwalbe und bog das Köpfchen voll Mitleid nach der armen Maid da drinnen, daß sie nicht auch gleich ihr in voller Lust der Freiheit Freuden trinken könne.
»Elsa!« rief Edeltraut.
»Schwester,« antwortete das blinde Mädchen, das Haupt langsam erhebend, »deine Stimme ist so scharf und dein Herz noch nicht im Frieden.«
»Nein! Sage mir, wann kommt denn endlich über deine Lippen der Klage bitterer Laut? Bin ich es allein, welche ihrem Schmerze Worte leiht und welche die Sprache der getretenen Ehre führt? Indes ich zürnend meinem Schicksal und meinen Quälern grolle und über den Wahn und die Bosheit jener Menschen klage, welche dich und mich an diesen Ort der Schmach gezerrt; indes meine Seele gleich dem Meere stürmt und brandet und hohe Wellen schlägt; und während über meiner Seele ein düsterer, sternenloser Himmel brütet: bist du der Ruhe voll und gleich dem Spiegel des stillen Sees in tiefem Tannengrund, den nicht der Sturm erregt und der keine Woge schlägt. Du bist wie eine Blume, welche aus der Flut der Wetter sich ihren Demant bricht und ihn als lieben Schmuck in ihrem Kelche wiegt.«
»Ich klage nicht,« gab Elsa mild zurück. »Glaube nicht, daß nicht auch hier an dieses Herz das Leid mit unbarmherzigem Finger pocht; glaube nicht, daß nicht auch mir die Seele blutet, wenn ich meines armen Vaters gedenke. Treu seiner Liebe ging er an meiner Seite, als sie mich zum Gefängnisse führten. Doch an der Schwelle, welche die Freiheit von dem Kerker scheidet, mußte er mich verlassen. Sein Wort war damals arm und doch so endlos reich. »Mein armer Engel, Gott mit dir! Mir bricht das Herz!« So sprach er und gab mir eine große, volle Träne zum Geleite ins Gefängnis. Nun sitzt er einsam in der Stube und sucht die blinde Elsa und die kleine Irma und kann sie nur dann finden, wenn sein Gedanke sich zu Schmach und Kerker wendet. Schmucklos ist die stolze Eiche geworden. Die Krone brach, als meine Mutter starb. Und nun sinkt Ast um Ast vom lebensmüden Stamme, und an dem Marke nagt der Wurm des Harmes und des Todes. Und ich kann ihn nicht trösten! Siehe, süßes Herz, du liebe Blume du, sieh, das ist Leid, dem kein Wort genügend Ausdruck gibt; das ist wie Grabesläuten, und du begräbst dich selbst dabei, dein Herz, dein Hoffen und dein Lieben!«
»Das, dächte ich, wäre Grund genug zu bitterer Klage,« entgegnete mit Schärfe Edeltraut.
»Grund genug; du hast wohl recht. Doch Recht dazu? sag' mir den Grund!«
»Kind, ich versteh' dich nicht. Du zählst selbst einen Teil der Leiden auf, welche deine Seele drücken und deine Liebe tief verwunden. Nimm noch dazu das schreckliche Geschick, das auf uns lastet, den häßlichen Verdacht, der unserem Namen anklebt, die Schmach, die wir ertragen. Nimm dann dazu, was uns erwartet: Richter, grausam, wahnbefangen, unerbittlich; Qualen, wie sie nur die größte Gefühllosigkeit erdenken kann, und endlich Flammen, die den jungen Leib zu Asche brennen und all das reiche Hoffen, das in einer jungen Menschenseele knospt, ertöten. Sterben ist ein schauriges Wort, am Scheiterhaufen enden, schrecklich; aber in der Jugend süßer Blüte dem Tode unschuldig verfallen, ist ungerecht von Gott!«
Elsa erwiderte nichts. Ihr Antlitz war von Schmerz und Mitleid erregt. Sie richtete das Auge, aus dessen toten Sternen eine klagende Seele sprach, nach der Freundin.
»Du antwortest mir nicht,« sprach Edeltraut verletzt.
»Was sollte ich dir sagen? Der Schmerz, der aus dir redet, ist mit Bitterkeit gemischt. Da laß mich schweigen, bis die Seele ruhig geworden ist und ein Wort des Friedens Widerhall in dir zu finden vermag.«
»Das klingt wie Tadel, Elsa?«
»Es soll gewiß nicht Tadel sein, mein armes Herz,« besänftigte die Blinde. »Du, Edeltraut, bist stolz gebaut an Leib und Seele und deiner Gefühle Wellenschlag ist ein lauterer und stürmischerer als der in meiner Brust; du bist wie eine Palme, ich wie des Feldes Blume; dich faßt des Sturmes wilde Vollkraft, über mich aber fegt er hinweg, kaum meinen Herzenskelch berührend. Komm her zu mir und laß dir sagen, wie es kommt, daß deine kleine Elsa inmitten solchen Leidens den Frieden und die Ruhe nicht verliert!«
Edeltraut kniete sich vor das blinde Mädchen, die Hände auf deren Schoß kreuzend und mit den blauen Augensternen bewundernd auf die liebe Maid schauend.
»Hier bin ich, Engel,« sprach sie mit voller Innigkeit. »Hier ist die stolze Palme; gib ihr von deiner Kraft, von deinem Frieden!«
»'s ist tiefes Leid,« sprach Elsa, »das seine dunklen Schwingen über uns breitet. Wir sind, wie heute der menschlichen Gerechtigkeit verkehrte Wege gehen, dem Tode verfallen, und unser Andenken wie unser Name gehört der Schmach und Schande, bis eine spätere Zeit die Schmach den Richtern zuwendet und dem Wahne, dessen fügsame Diener sie gewesen, dagegen den armen Opfern eine Träne warmen Mitleids weiht. Die Welt wälzt trübe, schmutzige Wellen vor sich her. Das Laster steigt, und stolzer hebt von Tag zu Tag der Sinne kecker Übermut das Haupt. Der Kirche Leib ist frevelhaft zerschnitten. Da sie den Glauben, wie sie sagen, reinigten, schnitten sie ihm die Lebenswurzeln ab und ließen üppig alles Unkraut wuchern. Der Gottesglaube ward zum Schleierbilde, das jeder sich nach seiner Willkür deutet. Und siehe, je mehr ringsum das Bild des wahren Gottes und seiner hehren Lehre in Erdenlust, in Übermut, ja selbst in haderndem Gezänke untersank, mit desto stolzerem Mute drang des Glaubens Fratze, der Aberglaube, vor. Gott haben sie verkannt; nun glauben sie dem Teufel und seiner Macht. Nicht Gott regiert das Weltall; nicht er gibt Sonnenschein und Regen und Mißwachs oder Segen; nicht er verteilt des Glückes Gaben, das Leid, die Lust, den Schmerz. 's ist alles Satanswerk, getan durch böse Kunst und schlimmen Bund. Die Menschen schwören ihrem Gotte ab, dem Teufel zu, und haben Gewalt, die Ordnung Gottes aufzuheben, und der Satan sitzt auf dem Throne. Das ist die Frucht der Glaubensdürre, an der die Menschheit heute sterbend siecht. Das Blut Gemordeter schreit nicht ^mehr^ zum Himmel auf, als jener finstere Geist, der nun die Welt beherrscht. Es ist das Opfer Kains, das auf zum Himmel qualmt, und auf das der liebe Gott nicht segnend schauen kann. Es fehlt Abels Opfer, das Gott zu sühnen strebt. Ich will es sein. Ich weiß, wie arm, wie klein und schwach ich bin dem Riesen gegenüber, der Gottes Rache herausfordert. Und doch verzage ich nicht.«
»Du edle Seele!« rief Edeltraud »Du willst dein junges Leben, dem so wenig Freuden blühten, für eine Missetat zum Opfer bringen, die nie an deiner Seele Anteil hatte! Wie groß und schön du bist im Lichte deiner Liebe!«
»'s ist wahr, mein Leben wiegt nicht schwer, sind Freuden, die mir geworden, das Maß, nach dem sein Wert gemessen werden soll. Und schaue ich in die Zukunft, so sehe ich nichts, das einer Freude gliche. Mein Vater ist ein Greis. Bald graben sie am Friedhof draußen sein Grab und ich stehe allein in fremder Welt. Sein Tod bricht meine letzte Erdenliebe, und das Herz kennt nur mehr der Himmelssehnsucht Pulsschlag. Doch nicht nach Freuden soll man des Lebens Wert messen, sondern nach Opfern, die das Herz entsagend bringt.«
»Ist's nicht des Opfers überviel,« unterbrach Edeltraut, »daß dir der Augen Licht versagt und deine Welt in finsterer Nacht begraben ist? Selbst deines Vaters Angesicht zu schauen ist dir versagt. Und allem, was du liebst, fehlt die Gestalt, selbst deine Schwestern, des Feldes Blumen, denen du dich so gerne vergleichst, sind dir ein ungelöstes Rätsel. Du lebst nur, wenn dich Träume mit ihren Bildern laben, wachend bist du des Leides voll.«