Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 8
»Herr Jesu Christ, du süßer Gottessohn, du heilige Liebe meines ganzen Herzens! Sieh gnädig nieder auf meinen Schmerz, der zu dir um Hilfe aufschreit. Du, Gott der Liebe, des Erbarmens, sende einen Gnadenstrahl in mein Herz, das Leid und Todesangst umnachtet! Schau nieder auf die Erde! Die blinde Elsa, die dich reinen Herzens liebt, bringt sich zum Opfer für ihren armen Vater. Nimm mich an und rette ^ihn^, den Besten! Ein wilder Wahn hat die Welt erfaßt; ^sie^ kennt ^dich^ nicht mehr, ^sie^ versteht nicht mehr ^dein Wort^ und ^deine Liebe^. Statt unter dem Schatten deines Kreuzes allem Leide Heil zu holen, zwingt Aberglaube, Haß und Gottentfremdung den Satan auf die Erde und in die Herzen. Wie unter dem giftigen Hauche der Pest ungezählte Leben enden, nun altersmüde, nun zur vollen Knospe erst erblüht, und wie des Todes Sichel mäht, nicht achtend Kraft und Jugend: so faßt des Wahnes Wirbeltanz seine Opfer, gleichviel ob schuldig oder nicht, ob fromm, ob schlecht -- der wilde Wahn hat weder Herz noch Verstand, er mordet, er mordet Schuld wie Unschuld.«
»Du weißt es, Herr, wie fremd mein Herz dem argen Frevel ist, dessen sie mich zeihen. Mein Weg führt auf die Richtstätte; denn Recht und Wahrheit sind der Erde jetzt fremd geworden. Noch bin ich nicht gehört, und doch bin ich verdammt. Ich weiß es. Aber ich klage nicht für mich. Ich steige aus dem Grabe, in welchem ich jetzt lichtlos atme, zu einem anderen Grabe nieder, aus dem die Seele lichtvoll zu dir sich aufschwingt. Darum zage ich nicht. Mir ist der Tod ein neues Leben. Aber, o Herr der Liebe, meinen Vater schirme, sein altes, ehrengraues Haupt, sein Herz voll treuer Liebe!«
»Und dieses Kind -- ein Engel noch an Unschuld, rein wie die Lilien des Feldes und edel wie die Rosen -- o schütze beide, Herr! Ich aber, großer Gott, ich will zum Opfer werden -- zur Sühne für den Frevel, den die Welt mit deinem Namen treibt. Und nun segne mich, Herr, mit deiner Liebe, mit deiner Allmacht, mit deines Herzens Allerbarmen!«
»Wohlan,« sprach sie, sich erhebend und zum Volk sich wendend, »laßt uns gehen! Mein Blut, mein junges Leben gebe ich zum Opfer, zur Sühne -- möge Gott es gnädig nehmen!«
Elsa stand hochaufgerichtet über der knienden Menge, ihr sonst so seelenloses Auge schien von einem himmlischen Strahle durchleuchtet, über ihrem Angesichte lagen Friede und Ergebung.
Lautes Schluchzen drang zu ihren Ohren. Ein schmerzlicher Zug lagerte sich über Elsas Antlitz.
»Ihr weint! -- Ich kann euch mit des Leibes Auge nicht schauen und euere Tränen nicht sehen. Aber euere Klagen, euer Schmerz spricht laut zu mir. Ich will, wenn ich vollendet habe, eueren Jammer drüben vor dem Throne Gottes niederlegen und beten, beten ohne Ende, daß die Schmach, die auf uns und unserer Stadt lastet, daß der Frevel, der mit Gottes heiligem Willen hier getrieben wird, zur Rüste gehe und Friede, Freude wiederkehre.«
»Amen -- Amen!« rief das Volk mit lauter Stimme. Und weiter ging der Zug durch Gassen, über Plätze, bis dort am Schneidturme des Kerkers gähnende Nacht ihre Opfer verschlang.
* * * * *
Fast zu gleicher Zeit, als Elsa mit ihrem Vater und der Schwester die Schwelle des Gefängnisses betrat, banden die Schergen die schönen Hände der Edeltraut Göbel, um die Jungfrau als Hexe gefänglich einzuziehen.
War Elsa Gering bei ihrer Gefangennahme das herrliche Bild edler Ruhe, unbedingter Hingebung in Gottes herbe Zulassung, so war Edeltraut, so sanft und milde sonst ihr Wesen war, bei der Ankündigung ihrer Schuld voll kraftvoller Entrüstung. Das Bewußtsein ihrer Unschuld erhob sich gegenüber der schmählichen Anklage und dem rohen Wesen der Schergen zu jenem Zorne, der nicht der Leidenschaft angehört, sondern dem strengen Rechtsgefühle, das jede Ungerechtigkeit verdammt. Stolz, ungebrochen, wenn auch das schöne Antlitz Totenblässe deckte, schritt sie, umgeben von den Schergen, nach dem Gefängnisse.
Das Volk murrte laut und immer lauter. So sehr es sich bei seiner geistigen Verworrenheit um so sicherer fühlte, je mehr die Herren am Gerichte gegen Zauberer und Hexen wüteten, so konnte es doch nicht glauben, Elsa und Edeltraut seien gleich der alten Ammfrau und dem fahrenden Gesindel in jenes gräßliche Laster verstrickt. Die beiden Mädchen waren der Stolz der Stadt, Elsa durch ihre unbegrenzte Liebenswürdigkeit, Edeltraut durch ihre hervorragende Schönheit und Tugend, die sie damit verband. --
-- Der heutige Tag mit seinen Ereignissen hatte den Bürgern tief ins Auge und Herz gegriffen, und ein finsterer, banger, ahnungsvoller Geist durchzog die Stadt. Die Schenken standen leer, auf den Gassen schlichen die Menschen mit hängenden Köpfen dahin, hie und da stieß man auf flüsternde Gruppen mit zornglühenden Augen und schneidiger Rede. Jeden drängte es fort in sein Heim; denn wer war nun noch sicher, daß nicht im nächsten Augenblicke auch bei ihm die Henker eintreten und Weib und Kind als Hexen fesseln würden?
Angstvoll scharten sich die Kinder in der Familienstube um die weinende Mutter, finster und wortlos stand der Vater in seiner Werkstätte und schaute in eine Zukunft voll banger Sorge. Mancher Geselle vom Rhein und der Donau schnürte sein Bündel und kehrte der armen, schönen Frankenstadt den Rücken und trug die traurige Märe von Würzburgs Hexen hinaus in die weite Welt.
-- -- Und noch mehr Opfer!
Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, saß mit seinem Freunde Christophorus Barger, Vikarius an selber Kirche, in trautem Zwiegespräche.
Es war der Abend leise verdämmernd zur mondenklaren Nacht geworden. Im Rebgeranke, das sich um die Fenster schlang, schlug vollen Tones die Nachtigall ihr Lied, und draußen zirpten in den Gärten und den Wiesen muntere Grillen.
Die beiden Priester sahen schweigend aus dem offenen Fenster, durch das der blühenden Rebe balsamischer Odem in das Gemach strömte, nach den dichtbelaubten Hügeln, über denen leichte Nebelwolken tanzend hingen, einem Schleier gleich, den die schlummernde Erde über ihre Stirne zieht.
-- »Nun ist's erst wieder schön auf Erden, nun ruht das wogende, drängende Leben und des Menschen Seele fühlt aus dem Atem der Natur des Schöpfers Nähe.«
»Sehr wahr, mein lieber Nikodemus. Der Mensch versteht seinen Gott am besten in der Einsamkeit. Und eben darum, weil der Mensch sich immer mehr dem Lärm der Welt vertraut, verliert er auch den Geschmack am Göttlichen und dessen Verständnis.«
»Und doch, zum Teufel laufen die Menschen, zu Gott aber hinken sie. Es will sich keiner mehr selbst verlieren, darum findet auch keiner mehr seinen Gott.«
»Und was man Gott entzieht, fällt dem Teufel zu.«
»Ein traurig wahres Wort, besonders in unserer Zeit, die sich so sehr dem Aberglauben in seiner schlimmsten Gestalt überläßt. Es ist dem Menschen ein natürlicher Gedanke, an Hexen und an Wesen, die mit den Geistern der Finsternis verbündet sind, zu glauben. Das Bewußtsein, daß der Mensch durch die Sünde unter die Herrschaft der bösen Geister gekommen sei, ist zur gräßlichsten Entartung verzerrt worden. Und was nun der von Gott losgerissene Mensch von seinem Schöpfer nicht mehr erhoffen zu dürfen glaubt, das meint er durch ein Bündnis mit dem Bösen erreichen zu können. Das Eingreifen der Geisterwelt in die Geschichte der Menschheit ist unleugbar; aber der Glaube ist zum Aberglauben und schlimmsten Wahn, zu trauriger Täuschung und teuflischer Vorspiegelung ausgeartet. Auf der einen Seite tiefe Unwissenheit, auf der andern ein in Glaube und Sitte verwildertes Volk; Fürsten, die den Glauben ihrer Untertanen heute so und morgen wieder anders festsetzen, als gälte es einen Steuerzettel zu bestimmen; dazu der Krieg mit seinen Lastern und Greueln; die Entfesselung aller Leidenschaften und nirgend eine dämmende, hemmende Macht; Menschenblut und Menschenleben ohne Wert; Bosheit, Neid und Mißgunst, giftige Zungen, die an jeder Ehre lecken: -- wahrhaftig, solche Faktoren lassen allein die gräßliche Hexenkrankheit, an der die Menschheit leidet, erklärlich machen.«
»Und das Salz der Erde?«
Feste Männertritte, welche von der Stiege her ertönten, unterbrachen das Gespräch der beiden Freunde. Ihre Verwunderung war keine geringe, als sie den Vogt, der heute bereits eine so große Tätigkeit entwickelt hatte, bei sich eintreten sahen. Sein Wesen war etwas befangen, wenigstens fand er nicht den ihm sonst eigenen harten Ton, den er so meisterhaft verstand, wenn er im Namen »einer hohen Obrigkeit« seines Amtes waltete.
Er rieb sich die Hände und machte einige Verbeugungen, die wohl mehr seine Verlegenheit verbergen, als seine Hochachtung ausdrücken sollten.
»Ich komme in später Stunde,« stammelte er, nach Fassung ringend und nicht wagend, den beiden Priestern ins Auge zu schauen. »Nehmt es nicht ungütig, es ist die Pflicht, die mich hieher führt.«
»Dann sollt Ihr uns doppelt bereit finden, Eurem Willen zu gehorchen,« sprach der Chorherr. »Was verlangt Ihr von uns?«
»Daß die beiden Herren unverzüglich mit mir gehen.«
»Und wohin?«
»Ins Gefängnis.«
»Ins Gefängnis?« wiederholte Nikodemus Hirsch nicht ohne Überraschung. »Herr Vogt, mir scheint, Ihr irret Euch!«
»Nicht doch! Ich habe strenge Weisung, den Chorherrn Nikodemus Hirsch und den Vikarius Christoph Barger zu verhaften. Vier andere Priester sind bereits vor einer Stunde eingezogen worden.«
»Und nun bei finsterer Nacht? Scheut Ihr des Tages Licht für Euer Tun?« rief Barger unmutig.
»Nein! 's ist Rücksicht nur für eueren Stand, ihr Herren, daß ich zur Nachtzeit zu euch komme. Es gäbe zu viel Lärm und nutzloses Gerede unterm Volke, so man euch am hellen Tage nach dem Schneidturm führte.«
»Nach dem Schneidturme?« stieß der Chorherr voll Unwillen aus. »Dort verwahrt man ja die Hexen!«
»Und die Zauberer,« setzte der Vogt trockenen Tones bei.
»Man wird uns doch nicht --«
»Man weiß,« unterbrach der Vogt, der immer mehr seine Sicherheit wiederfand, »man weiß, daß ihr dem Teufel dient. Ja, ja, ihr Herren, das hohe Gericht kennt euere Schuld. Es ist freilich mehr als himmelschreiend, wenn selbst die Priester, statt das Volk zu lehren und zu retten, sich dem Dienst des Satans weihen und selbst unschuldige Kinder ins Verderben ziehen.«
»Spart Euere Worte!« entgegnete der Chorherr mit Würde. »Aus Euerer Rede läßt das Unheil sich erraten, das über unsern Häuptern hängt. In Gottes Namen, lieber Freund,« fuhr er zu Barger gewendet fort, »gehen wir den Weg des Leidens und der Schmach. Du siehst, selbst bis ins Heiligtum dringt schlimmer Wahn, und auch den Priester schützt sein Stand nicht gegen böse Zungen. Die Unschuld geht mit uns in das Gefängnis und vor die Richter, sie wird uns dort zum Retter werden aus Schmach und Schande, und Gott, der einen Daniel der Susanna sandte, wird auch uns seine Hilfe nicht entziehen. -- Herr Vogt, wir sind bereit!«
-- -- Ein trüber Morgen brütet über der Stadt. Der Regen fällt in schweren Tropfen aus dem grauen Gewölke und ein scharfer Nordwestwind fegt durch die Gassen. Es ist so frostig draußen, daß die Blumen die Kelche hängen lassen und ihre bunte Kleiderpracht durchnäßt am Stiele klebt. Was Wunder auch, wenn leise der Himmel weint und rings die Blumen trauern, wenn sich die Sonne in der Wolken Trauerschleier verhüllt und nicht mit klarem Lichte die Stadt begrüßen kann, die eine Nacht voll Schrecken durchlebt hat!
Im hohen Rate hatte man der Ammfrau Bernin Aussage von den zwanzig Mädchen, welche dem Hexensabbate am Kreidenberge beigewohnt haben sollten, sehr ernst genommen. Man forschte nach Namen, und die Alte, stumpf geworden durch seelischen und körperlichen Schmerz und tief verbittert durch der Richter Unerbittlichkeit, nannte, was ihr an Namen eben in den Sinn kam. Möglich auch, daß Haß und Rache mit dabei im Spiele waren und sie, die ihren Tod gewiß vor Augen sah, ein möglichst zahlreiches Geleite nach der Richtstätte haben wollte.
Neben dem großen Eifer, der den Gerichtshof ohnedies schon in Verfolgung der Hexen und Zauberer bis zur äußersten Grenze beseelte, kam noch eine tiefe Mißstimmung der Herren, die in jenem Abende, wo Pater Spee in Gegenwart des Fürstbischofs so einschneidende Worte geredet hatte, ihren Grund fand. Man wollte durch massenhafte Anhäufung des Hexenmaterials die Rede des Jesuiten Lüge strafen, man wollte zeigen, daß das schreckliche Laster des Satansdienstes immer allgemeiner werde und der menschlichen Gesellschaft der Untergang drohe. Dadurch sollte auf den noch wankenden Fürsten ein Hochdruck ausgeübt, er mit dem peinlichen Verfahren der Hexenrichter versöhnt und endlich, was im ganzen Plane nicht das Geringste war, hiebei ein Schlag gegen die Jesuiten und ganz besonders gegen den Pater Spee geführt werden. -- So viele Umstände nun der Verwirklichung dieser Absichten günstig waren, so war es doch geboten, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen; denn trotz all ihrer Macht waren sich die Herren nur zu wohl bewußt, daß Spee mit seiner apostolischen Unerschrockenheit und seinem scharfen Verstande ihnen um so gefährlicher werden mußte, je durchsichtiger ihre Pläne gehalten und je lockerer die Maschen gezogen waren.
Während nun die Räte und ihre Gesinnungsgenossen in Würzburg selbst ihre Tätigkeit aufs äußerste anspannten, schickten sie vertraute Leute aufs Land hinaus, um die Gemüter der Bauern gegen die Hexen aufzureizen. Die geängstigten Landleute, denen von jenen Sendlingen die schauerlichsten Bilder vorgemalt wurden, wenn sie nicht mit aller Macht gegen die Hexen ankämpften, wandten sich an den betreffenden Inquisitor und flehten um seinen Beistand. Er ließ ihnen dann gnädigst melden, er werde kommen und diese Pest vertilgen. Hierauf sandte er Steuereintreiber voraus, die von Haus zu Haus gingen, um eine reiche Sammlung vorzunehmen, als Handgeld, wie sie sagten. Nach Empfang dieser Summe erschien der Hexenrichter, regte aufs neue die ohnedies schon schwer geängstigten Gemüter durch Erzählung der Greueltaten und Verschwörungen auf, welche die Hingerichteten bekannt hätten, stellte sich dann, als wollte er wieder abreisen, bis die Frauen flehentlich baten, der gnädigste Herr Hexenrichter möge doch bleiben, bis alle Hexen bei ihnen vertilgt seien; sie wollten ja gerne nach besten Kräften zahlen; man möge ihnen nur um Gottes willen alle Zauberer und Hexen wegbrennen.[X]
In Würzburg selbst galt es, einen Hauptschlag zu führen. Gerings Elsa, sowie Göbels Edeltraut, als Hexen angeklagt, mußten nicht nur bei der öffentlichen Meinung -- und wo und wann gälte diese arge Törin nicht? -- sondern auch im Urteile des Fürsten schwer ins Gewicht fallen, noch schwerer die gegen einzelne Priester gerichtete Anklage des Bündnisses mit dem Satan: und nun erst noch die unschuldigen Kinder!
Der Oberschultheiß hatte einzelne Schulmeister zu sich entboten, um mit ihnen über etwaige auffallende Erscheinungen an den Kindern Rücksprache zu nehmen. Und was war damals nicht alles auffallend? Dann denke man sich einen Schulmeister damaliger Zeit vor einem gestrengen Oberschultheiß -- die zitternde, ersterbende Demut vor der stolzen, kalten Macht!
Der Gestrenge hatte schon ziemliche Ausbeute aus den Unterredungen mit den Schulmeistern gewonnen. Dem einen schien es auffällig, daß gewisse Kinder beten, und wieder, daß andere fluchen; dem andern, daß selbst die Kinder schon von Hexen reden. Ein dritter erzählte, er habe einmal mit hellem Entsetzen gesehen, wie seine Schüler in der freien Zeit »Scheiterhaufen« spielten; da habe der, welcher den Angeklagten gemacht, ganz merkwürdige Dinge geredet und ein gar eigenes Wesen zur Schau getragen. Nun habe er aber gar in Erfahrung gebracht, daß das Unwetter, welches gestern über der Stadt sich entladen hatte, von einem Schulknaben gemacht worden sei. Derselbe habe nämlich auf dem Nachhausewege von der Schule einem Mitschüler gegenüber die höchst verdächtige Äußerung getan, es werde heute noch ein großes Gewitter über Würzburg gehen. Und sei zu jener Stunde noch gar kein Gewölke am Himmel zu sehen gewesen, während in der Nacht wirklich ein ganz unnatürliches Donnerwetter gehaust habe.
Diese und ähnliche Aussagen waren für den Hexeneifer des Oberschultheißen vollkommen ausreichend. Er ließ sich sowohl von der alten Bernin als auch von den einzelnen Schulmeistern jene Kinder bezeichnen, die im Verdachte des Bündnisses mit dem Teufel standen. Dann gab er Befehl, die bezeichneten Kinder zur Nachtzeit gefangen zu nehmen und nach dem Schneidturme zu bringen.
Es war gegen Mitternacht und alles lag in ruhigem Schlafe, als die Schergen in die einzelnen Häuser eindrangen und die Auslieferung der armen Kinder von den tödlich erschrockenen Eltern verlangten. Die Mütter lagen händeringend auf den Knien und schrien und weinten zum Himmel um Schutz für ihre Kleinen; die Väter fluchten und verwünschten Richter und Gericht und schwuren Rache, blutige Rache; die Kinder selbst aber klammerten sich mit der Kraft der Verzweiflung an ihre Eltern an, bis sie der rohen Gewalt weichen und gar manche aus ihnen von den heftigsten Krämpfen befallen nach dem Gefängnisse getragen werden mußten.
Dort hatte man bereits einen eigenen Raum für diese jungen Hexen und Zauberer bereitgehalten, und noch ehe der Morgen mit trübem Lichte durch die kleine, vergitterte Maueröffnung, die als Fenster diente, dämmerte, kauerten zwanzig Kinder in einem Alter von sechs bis elf Jahren weinend und wehklagend auf dem faulen Stroh, mit welchem der Boden des Gefängnisses bestreut war.
Die Stadt lag in tiefer Trauer. Die Männer standen finster grollend zusammen und stritten und schmähten. Die Mütter umringten die Altäre und bestürmten den Himmel mit glühenden Gebeten. Die Schulen wurden geschlossen und die Kinder einer strengen Aufsicht unterstellt.
Der Oberschultheiß aber stand in seiner Amtsstube und nahm mit hoher Befriedigung die Nachricht von der Gefangennahme der Priester und Kinder entgegen.
9. Kapitel: ^Der Jesuit im Gefängnis^
Pater Spee hatte sogleich, nachdem er Kunde von den neuen Gefangenen erhalten, sich aufgemacht um dieselben in ihren Kerkern zu besuchen, sie zu trösten und ihnen jede Hilfe zu bringen, die in seiner Macht stand. Für ihn, der die Leiden des Kerkerlebens aus täglicher eigener Anschauung kannte und sich schon glücklich fühlte, wenn er durch seine unermüdliche Liebe den Gefangenen einige Erleichterung verschaffen konnte, war der heutige Gang nach dem Schneidturme ein so unendlich bitterer, daß er zitternd und weinend erst in des Kerkermeisters Stüblein treten mußte, um sich dort zu fassen und Mut und Kraft zu sammeln, damit er all dem Elende ins Angesicht schauen konnte, das seiner heute wartete.
Der Alte empfing den Jesuiten mit ehrerbietiger Vertraulichkeit. »Nehmt Platz in meinem Sorgenstuhle, lieber Pater! Ist's doch ein echter Sorgenstuhl geworden!«
Dabei schüttelte er das Haupt und wischte mit dem Rücken der Hand über die Augen.
»Ich wollte,« fuhr er fort, »ich könnte dem hohen Rate die Kerkerschlüssel zurückstellen. Meine ich doch, ich könne es nimmer übers Herz bringen, die da drunten zu besuchen. Pater, Kinder, arme, unschuldige Kinder haben sie mir heute nacht gebracht, 's ist zum Herzbrechen! Und Priester und die ehrbarsten Jungfrauen der Stadt haben bei mir Quartier neben dem schlechtesten Gesindel. Sollen sie alle Hexen und Zauberer sein? Sagt mir, lieber Pater, glaubt Ihr das?«
»Gewiß nicht eines von ihnen!« antwortete Spee.
»Seht, Pater, da denkt Ihr wie ich. Die armen Kinderlein und die Edeltraut und die Elsa... es ist zum Rasendwerden!«
»Was machen die Kleinen?« fragte der Jesuit mit bebender Stimme.
»Ach, du mein Gott!« rief der Alte und faltete die Hände, »die armen Würmlein rufen nach ihren Eltern, daß es einen Stein erbarmen möchte. Dann knien sie sich wieder zusammen auf den Boden und beten und weinen. -- Herr, ich konnt' es nicht mit ansehen, die hellen Tränen stürzten mir aus den Augen. O Pater, da müßt Ihr mit Euerer Liebe helfen, unsereiner hat für solchen Jammer wohl eine Träne, aber kein tröstendes Wort.«
Spee erhob sich rasch.
»Gott sei mit mir!« sprach er, einen flehenden Blick nach dem Himmel sendend. »Kommt, guter Alter, und führt mich zu den Kindern!«
Die beiden Männer gingen über den Hof, dann eine enge Treppe aufwärts und traten in einen düsteren Raum, in welchem nur ein schwaches Tageslicht mit der Finsternis rang.
Als der Kerkermeister die schwere Türe öffnete und die Kinder den Jesuiten erblickten, stürzten sie mit dem Rufe: »der gute Pater Spee!« auf ihn zu, hingen sich an seinen Talar und weinten und klagten ohne Ende.
»O führt uns heim zu Vater und zu Mutter, lieber Pater! Hier ist's so schauerlich, zum Sterben schauerlich! O wir haben's alle dem lieben Gott so fest versprochen, wir wollen nun gar fromm und folgsam sein, nur möge er uns aus diesem schrecklichen Gefängnisse befreien!«
Spee setzte sich zu den Kindern auf das Stroh und ließ es gerne geschehen, daß diese sich von allen Seiten an ihn drängten, ihre Ärmlein um seinen Hals schlangen, ihn küßten und immer wieder riefen: »Gelt, lieber, guter Pater, Ihr nehmt uns mit Euch fort, o bitte, bitte!«
Der Jesuit weinte bitterlich.
»Warum weinst du denn?« fragte ein Mädchen von acht Jahren. »Mußt du wohl auch hier im Gefängnisse bleiben? Dann bist du freilich so arm wie wir, guter Pater!«
»Nein, liebes Kind,« antwortete Spee, »ich weine nur aus Mitleid, weil ich euch, die ich so innig lieb habe, gar so unglücklich sehe. Aber, Kindlein, ihr sollet nicht verzagen. Der liebe Gott führt euch recht bald zu eueren Eltern....«
»Ach ja, recht bald, heute noch, gleich jetzt!« schrien die armen Kleinen.
»Kinder, ihr müßt geduldig sein! Der liebe Gott bestimmt die Zeit, und so lange müßt ihr warten. Ich glaube gerne, daß ihr alle brav und gut seid; aber saget mir aufrichtig, habt ihr nicht doch zuweilen eueren Eltern mit eueren kleinen Fehlern Kummer bereitet?«
»Freilich ja, aber nicht zanken, bitte!«
»Nein, ich zanke nicht. Allein seht, der liebe Gott im Himmel droben will euch ganz brav wissen und hat euch nun gestraft. Nun müßt ihr ihm versprechen, nie mehr böse zu sein, und wenn ihr das tut, dann werdet ihr wieder zu eueren Eltern heimkehren dürfen.«
»O, wir versprechen alles -- alles!«
»Geh' du zum lieben Gott und sag' es ihm, daß die kleine Irma nicht mehr trotzen will.«
»Schön, mein Kind!« lobte Spee.
»Und Hans will nicht mehr lügen.... Und ich will schneller gehorchen!«
»Gut, gut, ihr lieben Kinder! Nun muß ich euch noch etwas fragen. Sagt mir, habt ihr nie von Hexen gehört?«
»Ach ja!«
»Und wißt ihr, wie eine Hexe ist?«
»Etwas recht Böses.«
»Seid ihr auch Hexlein und Zauberer?«
»Aber, Pater Spee, wie du nur so fragen kannst!« rief ein kleiner Junge voll Entrüstung aus.
»Böse Menschen,« sprach der Jesuit mit liebevollem Tone, »haben von euch ausgesagt, ihr wäret mit dem Satan im Bunde und treibet gar schlimme Dinge. Ist das wahr, liebe Kinder?«
»Nein, nein, es ist abscheulich, so auf uns zu lügen!« riefen die größeren, während die kleinen voll Angst sich an den Priester schmiegten.
»Ich glaub' euch gern, Kinder. Wie solltet ihr denn auch so böse sein? Seid nur zufrieden! Bald, recht bald führe ich euch wieder zu eueren Eltern. Bis dahin verhaltet euch ruhig. Es ist so düster hier, daß euere kleinen Herzchen gar zu leicht der Traurigkeit verfallen. Da müßt ihr selbst euch helfen. Du, Trine, mußt als die Älteste wie eine Mutter für die Kleinen sorgen. Du mußt mit ihnen beten, spielen und sie trösten. Und du, Jörg, sollst der Knaben Vater sein. Ich komme heute abend wieder, und da soll es mich recht herzlich freuen, wenn ich höre, daß ihr alle geduldig und brav gewesen seid.«
»Du lieber, guter Pater Spee!« riefen des Dankes voll die Kinder und umdrängten und küßten ihn von neuem.
»Und nun laßt uns noch zusammen ein frommes Gebet sprechen, liebe Kinder!«
Die Kleinen knieten sich um den Priester und falteten die zitternden Hände.
»Ave Maria...«
Spee erhob sich, segnete jedes Kind und schied. Vor der geschlossenen Kerkertüre blieb er stehen, lehnte das Haupt an die feuchte Wand und weinte.