Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 7

Chapter 73,762 wordsPublic domain

»Ihr, hoher Herr,« fuhr dieser eifrig fort, »Ihr fasset und begreift das nicht. Ihr seid gewohnt, dem Mitleid volle Herrschaft einzuräumen und dem Erbarmen Euere Macht zu leihen. Ich kann -- ich darf das nicht! Für mich ist jeder Mensch, der unterm Schwerte oder auf dem Scheiterhaufen stirbt, ein gesühnter Paragraph -- sonst nichts. Fragt der Mensch nicht sein Gefühl nach allen Seiten, ehe er zum Verbrecher wird, warum soll ich nach dem Gefühle fragen, wenn das Verbrechen seine Sühne fordert?«

»Was Ihr da sagt, gestrenger Herr,« fiel Schönborn ein, »das hat nur einen Schein von Recht und Wahrheit. Ihr braucht aus Mitleid die Gerechtigkeit nicht zu verraten, Ihr sollt aber auch nicht aus Herzlosigkeit zu unbeugsamen Sklaven Euerer Gesetze werden. Ihr Herren seid zu hart, ihr seid wie totes Gestein, aus dem nicht eine Blume sprießt; ihr starrt verderbenbringend in das Leben rings um euch, und wo ihr glaubt, daß euer Recht verletzt sei, da stürzt ihr euch zermalmend auf das Opfer. Euch Richtern fehlt die Liebe, und doch sollte sie mit euch zu Gerichte sitzen, denn wo die Liebe fehlt, da fehlt auch die Gerechtigkeit.«

»Euere fürstlichen Gnaden werden hoffentlich des jungen Herrn Kanonikus Ansichten gleich mir sehr kühne nennen?« sprach der Oberschultheiß, mit lauernder Miene nach Adolf Philipp schauend.

»Immerhin,« antwortete dieser, »denn es gehört Mut dazu, euch Herren zu widersprechen. Und doch, was Schönborn sagt, versteht mein Herz viel besser, als mein Verstand, was Ihr gesprochen.«

»Erlaubt,« fuhr Schönborn fort, »eine Frage aufzuwerfen. Gesetzt, es wären wirklich alle, die Ihr Hexen nennt, auch dieses Lasters schuldig. Kann man sie denn dann nicht vom Irrwege heim zum wahren Glauben, vom Satansdienste zur Gottesliebe führen? Warum dem Henker übergeben, was doch dem Priester angehört? Warum in Elend enden lassen, was doch vielleicht zu retten ist?«

Der Oberschultheiß blickte hellen Zornes auf den jungen Priester. »Ihr wolltet wohl die Hexen leben lassen,« höhnte er, »und sie durch Euer Wort bekehren?«

»Mit Gottes Hilfe, ja!« entgegnete Schönborn.

»Und glaubt Ihr, daß Ihr Macht hättet über alle Teufel?«

»Wenn sie der gottgeweihte Priester nicht besitzt, wer sollte dann in Gottes Namen noch dem Geist der Finsternis gebieten können? Und erst müßtet Ihr mir noch beweisen, daß wirklich hier der Teufel im Spiele ist. Ich glaube es nicht!«

»Hm, und wenn der Priester die Teufel doch ^nicht^ besiegt? Was dann?«

»Ihr zweifelt, weil Euch solcher Zweifel zum Systeme paßt.«

»Hat nicht der Pater Spee, sooft er will, ganz freien Zutritt zu den Hexen?« fragte triumphierend der Oberschultheiß.

Schönborns Auge leuchtete, als seines Freundes Name genannt wurde.

»Ich glaube, ja. Doch klingt es fast wie Hohn, wenn Ihr verlangt, er solle unten in der Kerker grauser Nacht, und während die armen Opfer von Stumpfsinn, Gram, Verzweiflung gefesselt sind, wunde Seelen heilen! Gebt erst den Kerkern Licht, daß es das Kreuz bescheine, das der Priester rettend zu den Armen trägt. Gebt Licht, gebt Sonnenlicht, damit sie aus des Priesters Auge die Hoffnung der Erlösung lesen können; gebt Licht der schauerlich schwarzen Nacht, in der Ihr Euere Hexen lebendig begrabt, bis sie der Wahnsinn und die Verzweiflung am Herzen und am Verstande angefressen haben. Ist's da noch ein Wunder, wenn der Priester in des Kerkers tiefer Nacht nicht mehr verstanden wird, wenn dort das Wort der Liebe fruchtlos verhallt und wie vom fühllosen Gesteine, so auch von den zertretenen Herzen unverstanden abprallt? Schafft andere Kerker, wo der Mensch nicht dem Gewürme gleicht, vergeßt auch im Verbrecher nicht das Gottesbild; ist es auch verzerrt, so seid doch menschlich gegen Menschen, und das Erbarmen wird die Herzen heilen, es wird die Schuld versöhnen und den Wahnsinn bannen und das Elend enden.«

»Wo ist Pater Spee?« fragte der Fürstbischof, aus tiefem Nachdenken erwachend. »Man sende nach ihm! Ich will aus seinem Munde Aufschluß haben über das, was Schönborn eben berührte.«

Über des Oberschultheißen Angesicht flog dunkle Zornesröte. Er warf einen Blick unversöhnlichen Hasses auf den mutigen Kanonikus. Dieser aber hielt den Blick mit aller Ruhe aus, und so sehr ihn auch des Fürsten Wunsch, mit Spee selbst zu sprechen, mit hoher Freude und großer Befriedigung erfüllte, so war er doch edel genug, seine Freude nicht am Zorne seines Gegners zu messen.

Das Erscheinen des Paters Spee am Hofe erregte allgemeines Aufsehen. Man hatte bisher noch nie einen Jesuiten bei den Abendzirkeln des Fürstbischofs gesehen; nicht als ob dieser jenen Ordensmännern nicht mit ganzer Liebe zugetan gewesen wäre, sondern weil diese es sich zum Grundsatze gemacht hatten, nie unbegehrt am Hofe zu erscheinen. Spee war keine imposante Gestalt. Die große Weichheit seines Gemüts hatte sich auch dem Körper mitgeteilt, der von einer Zartheit war, die auch das lange Habit nicht zu verbergen vermochte. Das einfache, aber edel geschnittene Gesicht widerstrahlte jene beneidenswerte Ruhe, die der Stempel einer mit sich und dem Schöpfer fertigen Seele ist. Aus seinem Auge leuchtete Friede, aber dennoch war ein leiser, schmerzlicher Zug über dasselbe gehaucht, der ihm einen eigenen Reiz der Liebe lieh.

Philipp Adolf empfing den Jesuiten mit jener Herzlichkeit, mit der immer ein Priester den andern begrüßen soll. Spee war nicht frei von einiger Befangenheit, als er sich mitten in dem Prachtgemache als Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sah, und dieses Gefühl wuchs noch, als ihm der Fürstbischof die Ursache mitteilte, um derentwillen er nach ihm gesendet hatte.

»Ich soll Euch Rede stehen, gnädigster Herr, über meine Erfahrungen mit den Armen, die unter der Anklage böser Zauberei den Kerkern verfallen sind. Ich segne diese Stunde, da mein Mund vor einem edlen Fürsten der Wahrheit Zeugnis geben darf. Und doch -- ich bange! Glaubt nicht, daß mir der Mut gebricht, glaubt nicht, daß Menschenfurcht meine Zunge lähmt und meinen Worten klug berechnend die Spitze bricht. Nein! Gott und die Wahrheit über alles! Aber mein Wort wird nicht gesprochen werden können, ohne da und dort zu verwunden. Ich will nicht wehe tun, ich will nicht verletzen.«

»Der Aberglaube, jener finstere Geist, der wie der Rost am Eisen, so am wahren Glauben frißt, hat über unser Volk, gleichviel welchen Glaubens, eine nicht genug zu beklagende Herrschaft gewonnen. Dazu gesellt sich der Neid, der nicht nur auf das Glück mit scheelem Auge schaut, sondern auch auf betende Lippen sein fressendes Gift träufelt; ihm steht zur Seite zischelnde Verleumdung, Ehrabschneidung und die ganze trübe Flut der Zungensünden, die ein verdorbenes Herz nach Tausenden erzeugt. Und keine Obrigkeit, kein Gottesmann erkennt hierin den Samen zum aufkeimenden Verdachte böser Zauberei! Nicht Gott, nicht die Natur sind die Quellen dessen, was wir sehen -- alles -- alles ist ein Zauberwerk und ist Hexentat. Und nicht bedenkend, daß in Herzen, die dem Glauben und der Liebe abgestorben sind, alles Böse keimt, daß all das wüste Flüstern von des Teufels Macht und seinen Verbündeten nur in der Menschen bösen Zungen, in ihren arg verworrenen Köpfen wurzelt und nicht in reiner Wahrheit, befehlen doch die Fürsten gegen Zauberer und Hexen einzuschreiten, als ob das wirklich lebte, was des Menschen böses Herz, sein wahnwitzig gewordenes Gehirn und seine schlechte Zunge schaffen. Da drängt sich alles dann mit Richterspruch und Schwert und Feuer an das arme Opfer. Der Fürst hat ja befohlen, das Volk hat mit Fingern da- und dorthin in flüsternder Anklage gedeutet -- das scheint Grund genug, zu glauben, daß es Hexen gibt, und dem Beklagten ohne weiteres jenen Stempel aufzudrücken. Da mag die Quelle noch so trüb und schmutzig sein, der Mund, welcher Kläger ist, von Gift und Neid geschwollen, der Kopf so wirr, wie der eines Fieberkranken -- was tut's? Die Hexe ist geschaffen! Und wenn den Richter nicht die reine Liebe zur Gerechtigkeit bewegt, wenn Ehrgeiz ihm das Auge blendet und Unerfahrenheit mit stolzem Geist sich paart; ja, wenn selbst gierige Habsucht mit im Spiele ist:[Q] dann wachsen rings die Hexen gleich dem Laub an den Bäumen!«

»Und der Beweis, daß alle jene wirklich Hexen sind und Zauberer, die dem Gerichte verfallen? Dem Mörder gegenüber ist die blutige Tat, die er begangen, der bindende Beweis. Da liefert der Verbrecher ihn. Ganz anders bei den Hexen. Hier macht der Richter selbst sich den Beweis. Guter Ruf und reine Sitten, so sagen sie, sind stets der Deckmantel, mit dem die Hexen ihre Bosheit verhüllen; ein schlechter Ruf und ein zügelloses Leben sind nicht minderer Beweis, denn Schlechtigkeit erzeugt Schlechtes. Starkmut bei der Folter Qualen ist nur des Teufels Hilfe, der seine Getreuen gefühllos macht; Bekenntnis, das der Schmerz erpreßt, gilt aber für volle Wahrheit. So wird nicht aus dem Menschen heraus die Schuld bewiesen, sondern dieselbe um jeden Preis hineingelogen.«

»Doch nicht genug! Man forscht nach Menschen, seien sie auch noch so schlecht, die über der Angeklagten Vorleben aussagen sollen. Und wissen sie eine üble Tat, ein unbesonnenes Wort zu erzählen, so wird das zum Beweis, ein solcher Mensch sei auch des Bundes mit dem Teufel fähig. Wie viele tragen Groll und Haß im Herzen! Ihr Feind ist in des Richters Gewalt; welch eine Gelegenheit, der Rache ungehinderten Lauf zu lassen! Der Richter aber leiht dem Feindesmunde offenes Ohr, als spräche dieser die Wahrheit! Es mag der Angeklagte unter der Wucht der auf ihm lastenden Ungerechtigkeit laut aufschreien, er mag bei Gott und seiner Seligkeit seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht! Und wenn ein anderer für ihn sprechen wollte, man hört ihn nicht! Dem Diebe und Mörder ist ein Fürsprecher gestattet, der Hexe nicht! Freilich wehe dem, der mutig vor die Richter träte als Anwalt jener Armen, welche die ^Dummheit^ Hexen nennt: er gälte jenen Weisen nur als Mitschuldiger, der sich selbst dem Tode überliefert. Und so schweigen jene, welche reden sollten; geschlossen sind die Lippen der Guten und Einsichtsvollen, und der Wahnwitz und die Bosheit triumphieren!«

»Da möchte ich doch um des Allerbarmers willen wissen, welcher Weg, mag nun die Angeschuldigte mit oder ohne Bekenntnis sterben, sich hier zum Entrinnen öffne, ist auch das Herz so rein und schuldlos gleich dem eines Kindes? Unglückliche, worauf hast du gehofft? Warum hast du nicht beim ersten Schritte in den Kerker dich als schuldig bekannt? Armes Weib, warum willst du vielmals sterben, wenn du mit ^einem^ Male dich des Lebens entledigen kannst? Folge meinem Rate: ehe alle Pein in deinem Körper wütet, gib dich gefangen, schuldig -- und stirb! Entrinnen kannst du nicht mehr; du weißt ja, welches das Ziel des Gerechtigkeitseifers in Deutschland ist.«

»Und die Richter möchte ich fragen: warum habt ihr euch doch erst umgesehen, warum nach Zauberern und Hexen gesucht? Ich will euch zeigen, wo sie sind! Wohlan, nehmt den ersten besten Kapuziner oder Jesuiten, den ersten besten Priester! Schlagt ihn an die Folter, quält ihn mit eueren Marterwerkzeugen -- sofort wird er bekennen. Und ist er anfangs stumm und schützt er sich nach euerer Meinung durch Zaubermittel, so fahrt mit eueren Martern fort: endlich werdet ihr ihn brechen. Wenn ihr noch mehr wollt, so nehmt die Prälaten, Domherren, nehmet Gottesgelehrte, und ich versichere euch, sie alle -- alle werden schnell bekennen.«

Spee schwieg einen Augenblick. Sein Antlitz ging aus dem Feuer heiligen Eifers wieder in die gewohnte schmerzliche Weichheit über. Er nahm das Kreuz von seinem Rosenkranze und sprach, dasselbe küssend, mit milder Stimme: »Du, Herr am Kreuze, du weißt es allein, wie meine Seele blutet, daß ich dem Leid nicht Hilfe bringen kann. Wie gerne wollte ich niederknien und mein Haupt zum Opfer geben, könnte ich damit dem Wahn ein Ende machen und tausend Fesseln lösen! Du Quell der Milde, süßer Jesus, wie kannst du dulden, daß Unschuldige solche Qualen leiden? O komme durch dein Blut den tief Bedrängten zu Hilfe! Gib du Erkenntnis aller Obrigkeit, daß sie wohl sehe, wie sie richte, und nicht Gerechtigkeit in Grausamkeit und Gottlosigkeit verkehrt werde![R] Gib Priester, die den Ärmsten wahre Väter sind, und Tröster diesen Leidenden! Ja, ihr Priester Gottes, hebt die Hände bittend zu jenen Unglücklichen auf, damit sie euch vertrauen, sagt ihnen, daß ihr sie in euer Herz schließen wollt.

O lernet Mitleid haben mit dem Jammer, fühlt die Leiden, als wären sie die eueren. Sagt, ihr wolltet euer Leben für sie opfern, wenn es euch gestattet wäre; versprechet, daß ihr sie niemals verlassen werdet. Es wäre schrecklich, könnten jene Opfer klagen, sie hätten selbst aus Priestermund keinen Trost empfangen. Wenn ihr der Gottesliebe Boten seid, dann bringt den Armen das, was Heilung jedem Schmerze ist, bringt Liebe!«[S]

Des Paters Worte verursachten eine große Bewegung. Während der Fürstbischof sein sinnendes Haupt auf die Rechte stützte und in seinem Auge eine Träne glänzte, und während Schönborn in heiliger Begeisterung des Jesuiten Hände küßte, standen die anderen Herren rings mit finsteren Mienen, aus denen Groll, Zorn und Rache glühte. Spee aber war gleich dem Fels im brandungswilden Meere und blickte ruhigen Auges nach dem Fürsten.

»Nun, ihr Herren,« sprach Philipp Adolf, den Blick langsam erhebend, »was sagt ihr zu des Paters Rede?«

»Erlaubt, mein Herr und Fürst,« nahm, mühevoll nach Fassung ringend, der Oberschultheiß das Wort, »erlaubt, daß ich Euch Red' und Antwort stehe. Der Pater Spee hat früher schon in einer Weise sich der Hexen angenommen, die sehr verdächtig ist. Mit dem, was er vor Euch und uns gesagt, hat er sich offen auf ihre Seite gestellt. Das ist doch sehr auffällig. Während alle Welt, gleichviel ob katholisch oder lutherisch, mit Schwert und Feuer gegen das Hexenwesen zu Felde zieht, nimmt der fromme Pater die Unholde unter seinen Schutz. Das ist sehr bedenklich, gnädigster Fürst! Es ist nur eine Wahl: entweder wir bleiben bei unserer ausgezeichneten Praxis und töten alle Hexen und Zauberer und retten dadurch die Menschheit, oder wir folgen dem Rate des Paters, entsagen dem, was er in ^seiner^ Weisheit Hexenwahn nennt, und lassen uns dafür vom aufrührerischen Volk ermorden, das an Hexen glaubt und Schutz vor ihnen bei uns sucht. Ist's besser, daß ein junger Jesuiter recht behält, dafür aber das ganze Volk zugrunde gehe? Soll er allein die Wahrheit kennen, da doch die ganze Welt an Hexen glaubt? Soll alles des Satans werden, weil einer anderer Meinung ist? Wenn wir das Schwert, mein Fürst, aus unseren Händen legen, dann begebt Euch auch Eueres Zepters und Euerer Lande und laßt, verzeiht das Wort, den Satan herrschen. Es scheint,« fuhr er mit leisem Spotte fort, »die Herren Jesuiter haben unseres Heilandes Evangelium nicht gelesen, wo doch von Besessenen die Rede ist. Wir, die wir nicht jener Gesellschaft angehören, glauben noch an Teufel und an Hexen und lassen uns darin auch durch den Pater Spee nicht irremachen.«

»Ganz richtig!« nahm ein Prälat das Wort. »Der junge Pater ist ein junger Brausekopf und mischt sich ungerufen in den Gang irdischer Gerechtigkeit. Ich rate ihm, sich seiner klösterlichen Einsamkeit mehr zu befleißen und mit seiner Zelle sich zu begnügen. Was draußen geschieht, was für ein Elend in den Kerkern ist, wie schwer die Ketten lasten, wie sehr die Werkzeuge der Tortur peinigen und wie groß die Klagen der Gefangenen sind, das überlasse er den Richtern und schweige über Hexentum; was kann er von solchen Dingen verstehen?«[T]

»Er mehr als jeder andere!« rief Schönborn in hellem Eifer aus. »Wohlan, ihr Herren, steigt gleich ihm hinab in jene gräßlichen Gefängnisse, schaut kalten Herzens, wenn ihr's vermögt, das ungeheure Elend, hört unbewegt die Klagen und die Seufzer, hört, wie sie in rührenden Gebeten ihre Unschuld Gott befehlen und dann, von Grimm und Schmerz getrieben, ihren ^Henkern^ fluchen! Stellt euch hinein, ihr weisen Herren, ins Meer des tiefsten Elendes, laßt seine Wogen über eueren Häuptern branden, sprecht nicht hier unterm hellen Sonnenlichte solche kalte Sprache, nein, steigt hinab in rabenfinstere Nacht und hört den Aufschrei der armen Menschen! Und wenn ihr das getan habt gleich unserm Pater Spee, wenn ihr gleich ihm dem tiefsten Jammer euer Ohr und Herz geliehen habt, dann werdet ihr gleich ihm die Sprache der Erbarmung und Gerechtigkeit reden.«

»Hab' Dank, mein edler Schönborn, für das Zeugnis, das du der Wahrheit gabst!« sprach Spee, dem jungen Kanonikus mit Innigkeit die Hand drückend. »Euch aber, hoher Fürst, und euch, ihr werten Herren, gebe ich ein offenes Geständnis, das so treu und wahr ist, als stünde ich vor Gott! Wenn ich mit größtem Fleiße untersucht und auch des Ansehens der Beichte mich bedient hatte, so habe ich doch noch in keinem der Unglücklichen, die ich zum Feuer begleitet habe, etwas entdeckt, was mich hätte überzeugen können, daß derselbe mit Recht des Verbrechens der Zauberei sei angeklagt worden. Alle haben mit herzzerreißendem Jammergeschrei die Bosheit und Unwissenheit der Richter und ihr Elend beweint und in ihren letzten Nöten zu Gott als dem Zeugen ihrer Unschuld gerufen.[U] Ich schwöre es bei Gott, daß ich wenigstens bis jetzt keine Hexe zum Scheiterhaufen geleitete, von der ich nach allseitiger Erwägung vernünftigerweise behaupten könnte, sie sei schuldig gewesen.«[V]

* * * * *

Hinter zerrissenem Gewölke glänzt in mildem Scheine die silberne Sichel des Mondes. Ihr Licht fließt wie Geisterkuß an den Kirchtürmen und Häusern herab und in manches stille Gemach, wo ein Ruheloser zu ihr aufschaut. Und da kommt der leise schreitende Wächter der Nacht zu einem Fürsten, den quälende Zweifel nicht schlafen lassen, zu einem Richter, der an einem finstern Racheplan gegen den Pater Spee brütet, und zu diesem selbst, der auf den Knien liegend betet:

»Zu Gott ich hab' gerufen zwar Aus tiefen Todesbanden; Dennoch ich bleib' verlassen gar, Nicht Hilf' noch Trost vorhanden.

Der schöne Mon will untergahn, Für Leid nicht mehr mag scheinen; Die Sterne la'n ihr Glitzen stahn, Mit mir sie wollen weinen.

Kein Vogelsang noch Freudenklang Man höret in den Lüften; Die wilden Tier' trau'rn auch mit mir In Steinen und in Klüften.«[W]

8. Kapitel: ^Spürhunde^

»Und ich sag' Euch, es ist so!«

»Meister Gothart, Euer Wort in allen Ehren und alle Achtung vor Eueren grauen Haaren, aber was Ihr sagt, ist gar nicht möglich; eher sollen Mond und Sterne vom Himmel fallen und meine Kühe auf dem Maine grasen, als daß ich sage, ich glaube Euch!«

»Ihr seid ein Ehrenmann,« sprach Meister Gothart und nahm den Arm seines Freundes, des Goldschmiedes Winterholder, »jawohl, ein ganzer Ehrenmann seid Ihr; des ist Zeuge Euer Schmerz, der zu meiner Kunde so ungläubig das Haupt schüttelt. Ist aber doch so, wie ich gesagt habe. Wißt Ihr was? Wir gehen nach der Marienkapelle hin, da müssen sie uns begegnen.«

»Ich habe die Kraft nicht,« entgegnete Winterholder mit halblauter Stimme, rang die Hände und ließ das Haupt sinken. »Ich kann nicht! Freund, mir ist's, als gelte das Elend meinem eigenen Kinde! Herrgott im Himmel,« fuhr er plötzlich auf, und seine Augen flammten, »sind wir denn wie Hunde geworden, mit denen die Herren am Gerichte machen können, was sie wollen? Da soll doch --«

»Ruhig, Freund,« fiel Meister Gothart, der Bildschnitzer, seinem Freunde ins Wort. »Zürnet unserm Herrgott nicht, 's ist Frevel! Er hat das Ende aller Dinge in seiner Hand, und jedem Leide gibt er das Amen. Die Zeit ist blutig, und besser wäre es schier, im Grabe zu liegen, als dem Elend ins Auge zu schauen. Und doch -- ich sage immer wieder, -- unser Herrgott macht das Ende.«

»Meister Gothart, Meister Gothart!« rief ein junger Bursche, der die Domstraße heruntergelaufen kam.

Der Alte wandte voll banger Ahnung sein Haupt dem Lehrjungen zu, aus dessen blassen Zügen schlimme Märe sprach.

»Was soll's, Friedrich?«

»Sind gerade vom Schneidturme weg Knechte gezogen,« erzählte, nach Luft ringend, der Knabe; »sie wollen des alten Ratsherrn Göbel Edeltraut nach dem Gefängnisse führen.«

»Du schwatzest wohl im Fieber!« zürnte Gothart.

»Meister,« rief verletzt der Junge, »ich sage Euch reine Wahrheit!«

Gothart stand einen Augenblick regungslos wie ein Bild aus Stein.

»Und warum haben sie die Jungfrau gefangen genommen?« fragte er mit tonloser Stimme.

»Ei, weil sie eine Hexe ist,« gab Friedrich rasch zurück.

Der Alte zuckte zusammen. »Da,« rief er und gab dem Lehrburschen eine klatschende Ohrfeige, »da, bring' das den gelehrten Richtern und sage ihnen, sie seien entweder Esel oder Teufel!«

Der Knabe sah mit einer Mischung von Zorn, Scham und Mitgefühl zu seinem Meister auf. »Warum schlagt Ihr ^mich^?« sprach er, »hab' ich's verdient?«

»Geh', Friedrich, geh'!« entgegnete der Alte und reichte dem Jungen die Hand. »Geh' heim! Ich weiß nicht, was ich tue, noch was ich rede. Mir schwindelt Kopf und Herz. Freund Winterholder, Euren Arm! Wenn ich nur weinen könnte! -- Aber auch die Träne hat der Zorn mir aufgefressen! -- Göbels Edeltraut als Hexe! -- Freund, sagt mir, brennt Euch nicht der Boden unter Eueren Füßen, und ist's Euch nicht, als glühte die Luft? Ich meine just, ich stünde auf der Hölle!«

»Wollt Ihr denn nicht nach Hause gehen?« fragte teilnehmend Winterholder. »Euch schüttelt Schmerz und Zorn, als läget Ihr im Fieber.«

»Heim?« rief Gothart mit glühenden Augen; »ich nun heimgehen, indes der Satan unsere Stadt verwüstet? Geht, geht und schämt Euch dieses Wortes!«

»Aber um des Himmels willen, was wollt Ihr hier auf offener Straße -- halb von Sinnen, schmerzgebeugt?«

»Was ich will? Ich will mein goldenes Patenkind beschützen, daß nicht Henkershände es berühren. Seht hier diesen Dolch, der, denke ich, kann spitzig reden.«

Aus der engen, winkeligen Judengasse, welche vom Marienplatze her in die Domstraße mündet, wälzte sich ein dichter Menschenstrom. Lautlos zogen dichtgedrängt dahin die Männer und Frauen, die jungen Burschen und Dirnen, Trauer, Mitleid und Entsetzen in den Mienen. Die alten Mütterlein, die mit der Menge gingen, und manche frische Maid hielten sich schluchzend das Tränentüchlein vor das Angesicht, in manchen Mannes Antlitz zuckte Schmerz und Zorn und Wut.

Nun vier Knechte.

Und zwischen ihnen Vater Gering, an seinem Arme Elsa und mit der Linken sein junges Ebenbild, die kleine Irma, führend.

»Du zitterst, Vater!« sprach das blinde Mädchen.

Der Alte antwortete nicht.

»Vater, warum gibst du deiner Elsa keine Antwort?« fragte die Maid und schmiegte sich inniger an den Greis.

»Ich kann nicht!«

»Du weinst, Vater?«

»Weil ich nicht sterben kann!«

»Sterben?« wiederholte Elsa. »Dieser Trost wird uns zuteil werden.«

»Sind wir noch nicht am Dome?« sprach das blinde Mädchen nach einiger Zeit.

»Ja, mein Kind!«

»Ich möchte beten.«

»Darf nicht sein!« herrschte der den Zug begleitende Vogt.

»Und warum nicht?« gab Elsa ruhig zurück. »Glaubt ihr Herren eure Macht so groß, daß ihr selbst das Gebet verbieten dürft? Ist's nicht genug, daß ihr Gewalt habt über Leib und Leben, wollt ihr auch unsere Seelen knechten? Vater, rede du, daß sie mir meinen Wunsch gewähren.«

»Henker sind stets ohne Herz und Mitgefühl,« versetzte bitteren Tones der Greis.

»Vorwärts!« rief befehlend der Vogt.

Das Volk blieb vor den Stufen des Domes, die Gefangenen umringend, stehen.

»Laßt sie beten!« riefen fordernde Männerstimmen, »laßt sie beten, Henker!« grollte drohend die Menge.

Tiefe Stille rings.

Das Volk liegt auf den Knien.

Elsa, Irma und der Greis steigen die Stufen hinan. Unter dem offenen Portale sinken auch sie in die Knie. Tief zur Erde beugt das blinde Kind das lockenreiche Haupt und spricht zu seinem Schöpfer des Herzens stille Sprache. Nun erhebt Elsa ihr Antlitz, breitet weit die Arme betend aus und ruft: