Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 5
Der Oberschultheiß fuhr des Zornes voll in die Höhe. »Weiß Sie, daß Sie eine ganz unnatürlich boshafte _Persona_ ist? Solch lose Rede käme nicht aus Ihrem Munde, wenn nicht der Satan aus Ihr spräche. Ein neuer, deutlicher Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«
Die alte Bernin sah den Richter mit unverkennbarer Verachtung an.
»Dann,« fuhr der Schultheiß fort, »ist Sie auf frischer Tat angetroffen worden, wie Sie einem _Studioso_ aus geheimen Zeichen wahrgesagt.«
»Ja, das kann ein jeder, der es will; er braucht nur einen, der ihm glaubt.«
»Und Blut war auch dabei?«
»Ei freilich! Ohne diesen Saft glaubt ja kein Mensch an Wunderbares. Ihr Herren selbst habt ja das Blut so gerne. Nur zapft ihr alles ab; mir war ein Tropfen Blutes genug.«
»In Ihrem ganzen Losament war weder Kreuz noch frommes Bildwerk, noch ein Weihbronnen zu sehen. Das hat Ihr wohl der Teufel anbefohlen, als Sie ihm Leib und Seele verschrieb?«
»Was Ihr nicht alles wißt! Nein, nicht der Teufel, ich selbst hab' Kreuz und Weihwasser von meiner Stube ferngehalten. Ich mag beides nicht. Das ist der Grund!«
Der Oberschultheiß und die Räte rückten vor Entsetzen mit den Stühlen und wischten sich den Angstschweiß von der Stirne.
»Hab' euch erschreckt, ihr Herren. Tut mir leid. Ich glaub' an einen Herrgott, ja. Doch mehreres? -- Da lasset mich in Ruhe! Wenn wahr wäre, was ihr Gott und Gottesliebe nennt, dann wäre nicht die Welt in Glück und Elend auseinandergerissen, dann säße nicht die Schuld auf dem Richterstuhle und verdammte die Unschuld.«
»_Horribile!_ -- Ihr werten Herren Räte, beachtet wohl das Übermaß von Trotz und Bosheit, so aus diesem Weibe spricht,« mahnte der Oberschultheiß, sich an seine Beisitzenden wendend.
»Endlich hat man beobachtet,« fuhr er fort, »daß sich in Ihrem Zimmer eine ganz unnatürlich große Spinne gezeigt hat, mit der Sie höchst verdächtige Blicke gewechselt hat. Das war doch wohl der leidige Gottseibeiuns?«
»Herr, Ihr werdet lustig. Wer hat die Spinne gemessen? Und bin ich's allein, an deren Wänden Spinnen laufen? Ei, geht doch durch die Stadt und forscht und spürt nach Spinnen; ich wette, 's wird Euch bange, die ganze Stadt ist dann des Teufels, und Ihr auch.«
»Sie verharret also hartnäckig in Ihrem frechen Leugnen?«
»Hab' nichts zu bekennen.«
»Der Henker trete ein!«
Die Alte zuckte zusammen. Angst, Haß und wilder Zorn blitzten aus ihren Augen, ein Schauer schüttelte ihren Leib, daß die Ketten klirrend aneinanderschlugen. Einen Augenblick schien sie zu wanken; dann reckte sie den Leib in wildem Grimme, warf stolz das Haupt empor und maß den eintretenden Henker mit glühenden Blicken.
»Bekennt Sie nicht?« fragte der Oberschultheiß zum letzten Male, sich erhebend.
Die Ammfrau stieß ein grelles »Nein« heraus.
Der Richter winkte.
Die Alte ward an Brust und Rücken entblößt. Ein Jammerbild von einem Leibe, dem Tode gleich, der sich in welke Haut gekleidet.
Der Henker band sie auf einen Stuhl und sah fragend nach dem Oberschultheißen hinüber. Dieser gab das Zeichen, und Streich um Streich fiel auf den knochigen Rücken.
Streng und kalt sahen sie dem Schauspiele zu, die weisen Herren; sahen, wie ein alter Menschenleib sich unter wilden Schmerzen krümmte, wie Blut die Stellen bezeichnete, wo sich die Rute in das welke Fleisch gegraben; sie hörten, wie die Brust dem Schmerze durch Stöhnen, Ächzen, schrille Schreie Ausdruck gab: -- sie sahen's alle mit ruhigem Auge an, nur einer wandte den Blick und zuckte bei jeglichem Streiche, bei jedem Schmerzensrufe -- es war der Ratsherr Gering. Ein gräßliches Bild stieg da vor seiner Seele aus. Ihm war's, als quälten sie dort die blinde Elsa, seinen Liebling; und jeder Streich, der schwirrend, pfeifend niederfiel, und jedes Ach, das durch die dumpfe Stille drang, schrie: Elsa! --
»Genug!« befahl der Oberschultheiß nach dem sechzehnten Rutenstreiche.
Der Henker trat zur Seite, seine Rute prüfend.
Die Ammfrau warf einen Blick nach dem Gestrengen, aus dem einen Augenblick ein Strahl von Dankbarkeit leuchtete; sogleich aber ging dieser wehmilde Zug wieder in Grimm und Haß über, welche ihre Seele quälten, wie der grausame Schmerz den Leib.
»Wird Sie nun wohl bereit sein, Ihre Schuld zu gestehen?« fragte tonlos der Oberschultheiß.
Die Alte starrte vor sich nieder. Ihre Glieder zuckten, die Lippen aber blieben fest geschlossen.
»Ich warne Sie vor dem nächsten Grade peinlicher Tortur!«
Sie schlug die Augen auf und sah die Richter der Reihe nach mit trockenem, glühendem Blicke an. Und als sie dem Ratsherrn Gering ins Antlitz schaute, da war es erst wie Frage, wie Bitte um Erbarmen, dann wieder wie Rache, blutige Rache, was ihr Auge sprach.
»Ich habe nichts zu bekennen.«
Ein neuer Wink an den Henker.
Dieser löste die angstvoll schauende Alte vom Stuhle los, legte sie auf den Boden und band ihr Hände und Füße. Dann zog er durch die Bande einen Strick, der durch einen Ring laufend von der Decke hing, erfaßte das Ende desselben und zog, seine Füße fest gegen den Boden stemmend, die Ammfrau ruckweise in die Höhe.
-- Und sie schauten auf, wie die Alte zwischen Decke und Estrich hing, ein Knäuel, ächzend, stöhnend, röchelnd, die Schergen der Gerechtigkeit, nicht ahnend, daß ihr Andenken in Ewigkeit der Schmach, der tiefsten Schmach, anheimgefallen! --
»Noch kein Geständnis?«
Ob wohl die Arme diese Frage hörte? Ob nicht der Schmerz die Sinne band und sie in seinen dunkeln Wellen begrub?
Keine Antwort.
»_Ad tertium torturae gradum!_«
»Ich denke, 's ist genug, mehr als genug,« platzte nun in hellem Eifer Gering heraus. »Was soll das heißen -- Gericht oder Mord? Wißt Ihr denn überhaupt, ob nicht der Tod sie schon erlöste von Euerer Weisheit! Herrgott im Himmel, hängt Euch daran, Gestrenger, und Ihr gesteht, daß Ihr den Teufel zum Vater hattet. _Dixi._«
»Hm,« näselte der Oberschultheiß und zog die Brauen hoch. »Vermessene Rede das, liebwerter Herr, fürwahr, sehr vermessen! Hier liegt das peinliche Recht, hab' ich's gemacht? Nein! Hab' ich danach zu richten? Ja! _Ergo -- fiat justitia!_ Henker, vorwärts!«
Gering erhob sich rasch, daß der Stuhl hinter ihm zu Boden fiel, und verließ den Saal.
Der Henker aber nahm ein Gewicht von mehr als einem Viertelzentner. Das hing er, den Strick um die Hüften geschlungen, der Schwebenden unter.
Ein markdurchbohrender Schrei, so namenlos wehklagend, daß er dem Henker selbst einen Blick des Mitleids abrang.
Die Glieder krachten, immer länger sich dehnend und streckend, die Sehnen bis zum Zerreißen spannend. Nun fiel der Kopf nach rückwärts, die Haare hingen fast zum Boden, mit Totenglast überzogen starrten die Augen. Und nun drang Blut hervor zwischen den regungslos geöffneten Lippen und träufelte auf den Boden.
-- Auch eine Schrift in Stein, und was für eine! --
»Genug.«
Der Henker atmete auf, mit einem Rucke war die Alte zur Erde gelassen und schnell von dem Steine befreit.
»-- Wehe -- o wie wehe -- das haben nicht Menschen getan -- nicht wilde Tiere -- es ist ^Höllenqual^! -- O -- sie haben mir alles zerrissen -- ha, Blut hier -- 's ist Herzblut!«
Die Ärmste richtete sich mühsam auf, das Haupt auf den rechten Arm stützend.
»Bekennen soll ich! -- Was denn? -- Ja, wenn ich es nur wüßte! -- O, wie es brennt und schneidet in allen Gliedern! -- Rache! Ja, ich will bekennen!«
»Gebt mir Wein!« sprach sie, aus dem Geflüster ihre Stimme zu lauterem Tone erhebend. »Gebt mir Wein, dann will ich alles -- alles bekennen.«
»Gott sei Dank!« rief der Oberschultheiß. »Man bringe der Malefizperson guten Wein -- auf meine Rechnung -- weiß Gott, ich hab' ein weiches Herz, -- und dann mag sie die schwere Schuld, die auf ihr lastet, von sich wälzen durch offenes Bekenntnis.«
Die Ammfrau nippte erst, dann trank sie in langen, gierigen Zügen den großen Becher leer.
»'s ist gut -- das letzte Gute wohl in dieser Welt. Habt Dank! -- Und nun -- nun sollt Ihr alles wissen, -- was ich weiß. -- 's ist kein Bekenntnis, -- 's ist Schmerz und Wahnsinn, was mich sprechen lehrt. --«
»Es war vor Jahren -- ich weiß nicht mehr, um welche Zeit, -- da saß ich auf meiner Stube. -- Der Abend war zur Nacht geworden. Wilder Sturm heulte durch die Gassen und rüttelte an meinen Fenstern. -- Mein Herz war traurig -- bittere Not, wohin ich sah -- und nirgend Trost! Da faßte mich ein wilder Grimm -- ein langes Leben hinter mir und keine Freude drin -- ich fluchte Gott und rief den Satan. -- Er kam -- ich kann euch die Gestalt nicht gut beschreiben -- ich sah ihn wie in einem Feuernebel. -- Hast du mich gerufen, sprach er; sag', was willst du? -- Was kannst du geben? -- Alles, nur nicht den Himmel. -- Den brauch' ich nicht! -- -- Er lachte, daß mir die Seele zu Eis wurde und die Pulse stockten. -- Verleugne Gott! -- Ich verleugne. -- Und die, die ihn geboren. -- Auch sie. -- Und alle, die im Himmel sind. -- Alle. -- Wohlan, nun gebe ich dir Gewalt über Mensch und Tier, du sollst gebieten über Wind und Wetter, und willst du mehr -- so rufe mich aufs neue -- ich werde kommen. -- Drauf ward es wieder finster um mich her -- ich --«
Die Alte sank zurück.
* * * * *
»Laß Ruhe dir in deine Seele beten, Herzensvater! Dein Kind weiß keinen andern Trost.«
»O Elsa, bete, bete!«
»Gedenke, Mutter der Barmherzigkeit, daß unerhört kein Bittender von deinem Throne ging. Du, die du über Sternen thronest, des Himmels schönster Stern -- gib Friede -- Friede -- Friede!«
»Amen,« sprach tiefbewegt der alte Gering und küßte seines blinden Lieblings Wangen. --
6. Kapitel: ^Richterweisheit^
Durch das Burkharder Tor drängte eine bunt zusammengewürfelte Menge. Wie der Sturzbach, was er in seinem wilden Laufe zu erreichen vermag, erfaßt und mit sich fortträgt, so ergriff der durch das Tor hereinflutende Menschenstrom alles, was ihm auf seiner Bahn entgegenkam, und riß es mit sich fort, ein Wildbach, der schnell zum Strome anschwoll.
Ein Fähnlein Knechte, deren Hellebarden aus dem Menschenknäuel herausragten, führte in seiner Mitte eine gar abenteuerliche Gesellschaft. Wilde Gesellen, Gift aus den Lippen und Dolche in den Augen. Ihre Hände sind auf den Rücken gebunden, das phantastische Gewand hängt zerfetzt vom Leibe, das Auge des Kleineren ist ausgeschlagen und sind noch die frischen Blutspuren auf dem dicken Gesichte bemerkbar. Hinter ihnen, gleichfalls gefesselt, geht ein altes und ein jüngeres Weib, die eine trotzig den Blick auf den Boden heftend, die andere keck nach der Menge schauend und höhnisch Fratzen schneidend, sooft ein derbes Wort, eine Verwünschung zu ihren Ohren dringt.
»Zuckerwastl,« flüsterte der Pappenheimer, »wir gestehen nichts; sie mögen uns drinnen fragen, wie sie wollen.«
»Keine Silbe sollen sie erfahren,« gab dieser fest zurück.
»Wenn nur das Weibsvolk schweigen kann,« warf der Neunaugen leise hin.
»Sag' ihnen, sie sind des Todes, wenn sie auch nur einen Laut --«
»Verstehe,« unterbrach der Neunaugen. Er wandte sich nach den Frauen und rief: »_Penopel_!«
»_Pendl spendl_,« flüsterte Helena, sich vorbeugend.
»_Penopel!_« wiederholte ihr Mann zornig.
»_Schienglei!_« antwortete die alte Diebesmutter aus dem Wirtshause und stieß Helena mit dem Arme.[K]
Der Rottenführer hatte kaum das heimliche Gespräch bemerkt, als er mit seinem Lanzenschaft Helena in den Rücken stieß. »Ich will euch rotwelsch plaudern, Gaunervolk! Hab' euch wohl verstanden. Hilft euch doch nichts, wenn ihr tausendmal _Penopel_ sagt; deswegen werdet ihr doch _gestranzt_ und _genabist_.«[L]
»Ah, auch schon Spitzbube gewesen?« spottete Helena.
»Da!« rief der Soldat und schlug ihr ins Gesicht, daß es hoch anschwoll.
Nun ging der Zug über die steinerne Brücke.
»Hei, was für Gesindel führen sie da in unsere Stadt!« rief der Torbäck und kreuzte die fleischigen Hände auf dem stattlichen Bäuchlein. »Sieht doch aus, als wäre es frisch vom Galgen gepflückt. He, Freund,« und faßte einen Vorübergehenden am Wamse, »was ist das für ein Volk?«
»Haben den Großhof außer Heidingsfeld angezündet und die Bäuerin ermordet!« antwortete dieser flüchtig und eilte dem Zuge nach.
»Mordbrenner!« stammelte der dicke Bäck. »Ja, ja, das sieht den Kerlen gleich. Nun, die Herren am Gericht wissen schon das rechte Mittel gegen solches Ungeziefer.«
Dabei fuhr er sich mit der Hand um den Hals.
»Na, das muß man sagen, wir haben doch eine Justiz. Es wird zwar ganz schrecklich geplündert und gemordet, aber so die Herren der Spitzbuben habhaft werden, machen sie kurzen Prozeß. Und erst mit den Hexlein! Puh, da geht das Geschäft dutzendweis. Recht so, brav; 's ist doch eine Prachtstadt, unser Würzburg!«
»He,« rief der Rottenführer, am Schneidturm angelangt und mit seiner Bande unter den finstern Torbogen eintretend, »he, Meister Ruprecht, neue Gäste!«
»Hm,« brummte dieser und musterte mit scharfem Blicke die Ankömmlinge, »schöne Ware das! Wohin damit,« polterte er und rasselte mit dem Schlüsselbunde, »wohin damit? Ist alles übersetzt, alle Kerker voll!«
»Also heuer ein ganz gesegnetes Spitzbubenjahr?« lachte der andere.
»Ja!« gab der Alte kurz zurück. »Du,« fuhr er nach einer Pause fort, mit seinem klugen Auge die Gefangenen stets wieder prüfend, »du, das scheint mir besonderes Korn zu sein?«
»Mordbrenner!«
»Ah! Für die braucht es gute Mauern. Kommt nur mit!«
Er ging über einen engen Hof voraus. Links in der Ecke war ein niedrig Türlein in gewaltigem Mauerwerke. Das erschloß er mühsam. Die Angeln knarrten, und dumpfe Nacht gähnte von innen heraus. Dann zündete er eine Laterne an und stieg behutsam die steinerne Treppe hinab in ein Verließ, das wahrlich alle Schrecken eines Gefängnisses aus alter Zeit in sich zu vereinigen schien. Das trübe Lampenlicht reichte mit seinem matten Strahle nicht bis zur gewölbten Decke, sondern leuchtete nur schwach von den feuchten Quaderwänden wider, von welchen dämmeriges Naß herunterträufelte. Auf dem Boden lag halbverfaultes Stroh, von den Steinquadern hingen schwere Ketten herab, mit denen die Gefangenen festgeschlossen wurden.
»Ein schändliches Quartier!« rief der kleine, dicke Neunaugen, sich rings umsehend. »Ich denke, daß wir bald ein besseres bekommen werden.«
»Am Galgen, ja,« antwortete trocken der Kerkermeister.
»Soweit sind wir noch nicht,« warf Zuckerwastl übermütig hin. »Ich hoffe noch viel fröhliche Zeit zu verleben.«
»Wird sich zeigen!«
Die Gefangenen waren in Ketten gelegt, der Eisenmeister warf noch einen prüfenden Blick nach allen Seiten, dann trat er seinen Rückweg an. Immer düsterer ward es unten, -- und nun ist's tiefe -- tiefe Nacht.
Und draußen heller, froher Sonnenschein mit Vogelsang und Lerchenjubel! -- --
-- Oben im Saale, wo gestern die Ammfrau Bernin den Anfang eines Bekenntnisses gewimmert, an dessen Vollendung sie eine Ohnmacht gehindert hatte, gehen in eifrigem Zwiegespräche zwei Männer auf und ab.
Der kleine Hagere mit seinen unruhigen Augen und beweglichen, kurzen Armen ist der Oberschultheiß, der andere im langen, schwarzen Talar der Jesuit Spee.
»Ich habe Euch bitten lassen, Pater, heute Zeuge der Vernehmung der alten Ammfrau zu sein. Ihr habt ja ein so außerordentliches Interesse an unsern Hexen,« fuhr er mit leichtem Hohne fort, »daß Ihr mir für solches Anerbieten nur dankbar sein werdet.«
»Ganz gewiß,« entgegnete ruhig Spee; »denn um die Ärmsten in ihrem Kerker zu verstehen, ist es geradezu unerläßlich, zu sehen und zu wissen, wie mit ihnen hier verfahren wird.«
»Ich verstehe. Man ist nicht sehr begeistert vom peinlichen Rechte; ich kenne das. Allein,« -- und er blieb stehen und tippte lebhaft mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Arm des Paters -- »allein man sage mir, was würde aus uns, wenn uns nicht dieses peinliche Recht helfend zur Seite stünde? Was? ich frage Euch, hochwürdiger Herr!«
»Vernünftige, gerechte Richter,« antwortete Spee in dem Tone fester Überzeugung.
»Ah, das klingt ja, als ob wir Richter jetzt nicht vernünftig, nicht gerecht urteilten!« rief der Oberschultheiß heftig aus. »Wißt Ihr, Pater, daß das ein kühnes Wort ist?«
»Und wenn es wahr wäre? Wenn ich Euch hier vor Gott und meinem Gewissen sagen muß, daß jedes arme Menschenleben, das Ihr bisher dem Hexenwahn zum Opfer gebracht, nicht ein gerecht gerichtetes, nein, ein gemordetes war? Stellt Euch vor, wie durch die ganze Welt viele arme, gefangene Sünder und Sünderinnen, Schuldige und Unschuldige in Kerkern und Banden liegen. Gar viele werden unschuldig gefoltert, gepeinigt, gegeißelt, geschraubt und mit neuen unmenschlichen, grausamen Martern ihnen so hart zugesetzt, daß sie, der Wucht der Qualen unterliegend, sich selbst und andere dessen schuldig bekennen, was sie nie getan, ja nicht gedacht haben. Und sind sie auch vor Gott frei von jeder Schuld, sie finden bei euch Richtern keinen Glauben, sie müssen durch Gewalt und Zwang -- es gehe, wie es wolle -- schuldig sein, und erst, wenn sie sich schuldig lügen, finden sie Gehör. Nicht Wort, nicht Schwur, nicht Tränen, ja das gebrochene Herz selbst nicht -- nichts kann sie retten -- ^sie müssen^ schuldig sein! Man peinigt sie so lange, bis sie bekennen oder sterben. Ertragen sie die Martern, ohne zu bekennen, so saget ihr, der Satan stärke sie und binde ihre Zunge, und darum müssen sie erst recht, als mit dem Bösen eng verbündet, hingerichtet werden; bricht aber die Qual und der Schmerz des Widerstandes letzte Kraft, sehnt sich der arme Mensch hinaus aus den Martern nach dem Scheiterhaufen, der ja doch seines Schicksals sicherer Markstein ist, kommt ein Bekenntnis, das man nur Lüge heißen kann, über die todesdurstigen Lippen, dann -- dann hat der Ärmste sich dem sicheren Tod geweiht, und ihr frohlockt und sagt, das ^Recht^ hat gesiegt. Das Recht? O wenn ihr, die ihr hier oben strenge richtet, gleich mir hinabgestiegen wäret in die tiefe Nacht des Kerkers und hättet dort geschaut, was ich gesehen, und hättet hören können, was mir die Seele zerrissen, ihr sprächet nicht von einem Rechte, das durch euch gesiegt. Oder wollt ihr euer Herz mit eurem vermeintlichen Rechte waffnen, wenn euch gräßlichste Verzweiflung entgegengrinst? Denkt euch eine Seele, die sich rein und schuldlos weiß. Ihr quält und quält und kennt kein Erbarmen! Wie gerne kaufte sich die Todesmüde durch Bekennen die Erlösung, aber wie? Wenn du bekennst, was gräßlich ist und nie an dir einen Teil gehabt hat, bist du dann nicht für ewig, unrettbar verloren? -- So kämpft und ringt die Seele, bis die Kraft des Widerstandes schwindet, die des Schmerzes, der Verzweiflung siegt. Endlich -- es ist wie schauriges Totengeläute -- endlich sagt die Ärmste >Ja< auf alle euere Fragen, -- und ihr jubelt, indessen eine Seele in Betrübnis, Schmerz, Verzweiflung untergeht! Ich habe das geschaut und bebend mitempfunden und konnte nichts, als meinem namenlosen Wehe des Predigers Worte leihen: >Ich wendete mich zu anderem, und ich sah die Gewalttaten, welche unter der Sonne geschehen, ich sah die Tränen der Schuldlosen und keinen Tröster; sie können der Gewalt nicht widerstehen und sind allerseits der Hilfe beraubt. Da pries ich die Toten glücklicher als die Lebenden und hielt für glücklicher als beide den, der noch nicht geboren und die Übeltaten nicht geschaut hat, welche unter der Sonne geschehen.<«
Der Oberschultheiß schaute finster. »Ihr predigt gut, sehr gut, mein werter Pater; nur schade, daß Ihr von Dingen redet, die Ihr nicht versteht. Glaubt Ihr, wir ^zwingen^ einem Angeklagten ein Bekenntnis ab? Wir fragen, fragen peinlich, ja, 's ist wahr! Im übrigen aber halten wir uns strenge an das Recht und an die vorhandenen Indizien.«
»Ihr schlagt euch selbst,« sprach Spee. »Denn nichts ist armseliger, nichts ist himmelschreiender, als was ihr sichere Anzeichen für die Rechtmäßigkeit der Anklage nennet. Ist eine Angeklagte schlechten Rufes, so ist euch dies Beweis genug fürs Hexentum; denn eine Schlechtigkeit erzeugt die andere, sagt ihr. Ist aber ihr Ruf so rein wie Sonnenstrahlen, so ist euch dies erst recht ein Beweis für das, was ihr behauptet; denn also, sagt ihr, pflegen sich die Hexen zu verhüllen und streben jederzeit nach äußerm guten Scheine. Man führt sie in den Kerker. Zeigt sie keine Furcht, da sie doch weiß, welch großen Martern sie entgegengeht, so zeugt das davon, daß sie auf des Satans Hilfe hofft und ihrem eigenen Trotz vertraut. Quält aber Furcht und Angst die Seele, dann ist das ein stilles Bekenntnis ihrer Schuld, ihr eigenes Gewissen klagt sie an. Noch mehr! Ihr schreitet zum Verhöre. Bekenntnis besiegelt euch die Schuld als eine unfehlbare. Beteuerung der Unschuld ist euch nichts als Trotz, den nur der Satan in die Seele blasen kann. Und findet ihr kein Ja und Amen auf das grausame Fragespiel, so greift ihr zur Marter. Beugt sich der Schmerz, so habt ihr, was ihr wollt; und widersteht die Zunge und das Herz dem Zwang des Henkers, so ist's der Satan, der die Kraft zum Widerstande leiht.«
»Ihr laßt nicht gelten,« zürnte der Oberschultheiß, »was dem Rechte feste Stütze ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Gottesdiener mit dem Rechte so verfährt; freilich --« und seine Stimme nahm eine ganz eigene Färbung an -- »freilich, die Herren sind auch ganz eigene Leute.«
»Wie meint Ihr das?« fragte mit größter Ruhe Pater Spee.
»Weil Ihr mich fragt, mag ich es Euch wohl sagen,« gab rasch der andere zurück, mit seinen Armen um sich fahrend. »Ihr Herren nennt alles schlecht und unbrauchbar, was nicht von euch gemacht und gutgeheißen ist. Ihr wollt die Welt regieren, ihr wollt Gewalt über alles haben, alles wollt ^ihr^ ordnen und regeln, alles soll euch dienen, euch untertänig sein. Daß ich es Euch nur frei gestehe, es ist mir gar nicht lieb, daß überhaupt ein Jesuiter mit den Hexen zu verkehren hat, und daß gerade Ihr es seid, das ist mir mehr als leid.«
Es trat eine Pause im Gespräche ein. Der Oberschultheiß sah in hellem Zorne auf den Boden. Eigentümlich; so keck die Rede war, er wagte doch nicht, dem Angegriffenen ins Auge zu schauen. Er fühlte wohl, er hatte seiner Zunge freieren Lauf gestattet, als es klug gewesen, und zu laut wohl das gesagt, was bisher nur als leises Geflüster von Ohr zu Ohr ging.
»Ihr redet gut,« sprach Spee mit sanftem Lächeln; »nur schade, daß auch Ihr von solchem redet, was Ihr nicht gut versteht. Euch geht es wie so vielen: Ihr fürchtet das, was Ihr nicht kennt, und gebt schmähend wieder, was Euch die Verleumdung ins Herz geblasen. Wir Jesuiten sind die Männer nicht, vor denen Ihr zu zittern braucht. Wir wollen keine Herrschaft, wir wollen nicht regieren und dort nicht dazwischentreten, wohin unsere Pflicht uns nicht ruft. Aber wo es sich um Recht und Wahrheit handelt, wo Gottes Ehre auf dem Kampfplatz steht, wo es die Liebe Gottes und des Nächsten gilt: da werdet Ihr uns Jesuiten allzeit kampfgerüstet finden; da kennen wir kein kleinliches Wägen, ob es der Welt gefällt, ob nicht, ob man uns lobt oder nicht: hie Recht und Pflicht und Jesuit -- so ist's, so muß es bleiben.«
»Nun ja,« entgegnete der Oberschultheiß höhnisch, »ihr Herren seid die Lämmlein, wir die Wölfe. Wir kennen das! Nur müßt ihr dafür sorgen, daß man euch auch alles glaubt, was ihr von euch behauptet. Kann euch versichern, ihr habt große Gegner hier!«
»Das bringt der Name Jesuit mit sich,« scherzte Spee. »Seid überzeugt, wir fürchten keinen Gegner, wie wir keinen hassen. Das Maß der Liebe ist für alle gleich.«
-- -- Der Eintritt der beisitzenden Räte unterbrach das Zwiegespräch. Spee verfügte sich in eine Ecke des Saales, um dort dem Gange der Verhandlung folgen zu können, indes die Herren ihre Plätze einnahmen und die Angeklagte, begleitet von zwei Schergen, eintrat.
Der Stuhl des Rates Gering blieb unbesetzt; ein leichtes Unwohlsein hinderte den Ehrenwerten an Erfüllung seiner Richterpflicht.
Die alte Ammfrau stand zitternd vor dem Gerichtshofe. Die Folgen der ausgestandenen Torturen zeigten sich noch deutlich an den geschwollenen Gelenken, das Antlitz deckte eine geisterhafte Blässe.
»Die Angeklagte soll in dem Bekenntnis weiterfahren!« befahl der Oberschultheiß.
Die Alte schüttelte den Kopf und sah mit schmerzlicher Miene zu Boden.