Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 4
Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.
Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen rollten.
»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«
»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer Zeit!« -- --
Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.
Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es ist, als sei der Mond untergegangen.
Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.
»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«
Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und küßte den Alten.
»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich die Augen trocknend.
»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt? Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«
»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst sie ja! Und hinter ihr ging -- zwischen Schergen -- gebunden -- ach!«
»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«
Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen zusammengebrochen.
Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.
Sie suchte nach des Vaters Hand. »Nun ist's besser.«
Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.
»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch einmal schaute, -- »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren Heinrich.«
»Nicht möglich!« rief der alte Göbel händeringend aus. »Heinrich, der goldene Junge?«
»Es ist so. Nun sollt' ich Euch ein ernst Geständnis machen; doch versagt die Seele und die Zunge ihre Kraft. So Ihr mich liebt, mein teurer Vater, schickt nach dem Pater Spee. Sagt ihm, es gelte einer wunden Seele Trost und Labung zu bringen und, wenn es möglich ist, auch Heilung tiefem Schmerze.« --
Die Schatten des Abends wurden länger und tiefer und der Hauch der Lüfte kühler. Die Rosen an dem Erker des alten Ratsherrn Göbel senkten müde das Haupt und schlossen ihre Kelche mit zartem Blattwerk, damit nicht Mondlicht zu tief ins kleine Blumenherz sich drängte.
Ein letzter Sonnenstrahl flog grüßend über Edeltraut -- vielleicht hat er ihr Licht ins dunkle Herz geschienen.
-- »Gott segne es Euch, mein Pater, daß Ihr gekommen seid,« grüßte der Ratsherr, den eintretenden Jesuiten in seinem Gemache empfangend. »Meine Tochter verlangt nach Euch. Das Kind drückt tiefes Leid, das Ihr ihm lindern sollt. Doch erst noch eine Frage. Kennt Ihr den Heinrich Schmauß, den prächtigen Studenten? Ihr kennt ihn also! Der Junge kam gar oft in unser Haus, weil mich sein Lautenspiel und Sang, sowie sein reines, frisches Herz erfreute. Ich liebte ihn wie ein zweiter Vater und er hing einem guten Sohne gleich an mir. Nun haben sie ihn heute eingefangen, zugleich mit dem alten, bösen Weibe, der Ammfrau Bernin.«
»Ich weiß darum,« entgegnete der Pater. »Ich komme eben aus Heinrichs Kerker, da er sogleich nach seiner Gefangennahme nach mir verlangte. Er ist rein und schuldlos, dies Wort mag Euch zum Troste dienen; aber töricht war es von ihm, jetzt, da die Welt in Finsternis sich badet, auch nur den Schein des Bösen auf sich zu laden. Nennt es Keckheit, Übermut, vielleicht auch Frevel, was er tat. Er hatte längst von jener Alten gehört, die mit ihrem abergläubischen Treiben aus reinem Eigennutz so vieles Unheil stiftete. Er stritt und kämpfte mutig überall mit seinem klaren Geiste gegen Wahn und Aberglauben, und um dies noch besser tun zu können, suchte er die Alte selbst auf und ließ sich zeigen, worin denn ihre Kunst und ihr Geheimnis bestünde. Und eben, als die Ammfrau Bernin ihm ihr gottlos albernes Handwerk zeigte, traten Vogt und Schergen bei ihr ein.«
»Glaubt Ihr, mein Pater, es könnte für den Jungen von übeln Folgen sein?« fragte bekümmert der Ratsherr.
»Ich fürchte alles, hoffe wenig,« antwortete Spee. »Ja,« fuhr er fort, »wenn Vernunft und Gerechtigkeit zu Gerichte säßen, dann könnte die Unschuld wieder frei aus Kerker und Banden hervorgehen. Solange aber eine verblendete Justiz die Mordfackel schwingt, Scheiterhaufen baut und Verbrecher ^macht^, ist jede Hoffnung Torheit. Doch, überlassen wir die Zukunft Gottes weiser Fügung! Er wird auch hier stets und überall der Sieger sein.«
Der Pater trat mit dem Ratsherrn Göbel in Edeltrauts Gemach, das von einer Lampe schwach erleuchtet war.
»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.
»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch -- es ist -- wie soll ich's nennen nur -- ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das --«
»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«
»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes, heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater, -- habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war -- 's war Liebe! Wie oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach -- ich ahnte es nicht -- er wollte es nicht -- und doch, es ist geschehen!«
Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein tiefes Rot lag über ihrem Antlitze -- ein Engel hatte es wohl über sie gehaucht.
»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart -- ich kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott, vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt mich glücklich sein!«
»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«
»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.
»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach feierlich der Greis.
»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei. Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet? -- Ihr saget nein -- habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«
5. Kapitel: ^Ein blindes Kind -- ein blinder Richter^
In einer Gasse, nahe der Marienkapelle, ragt unter den hochgiebeligen, schmalen Häuschen, an denen mehr die Laune als der Zirkel und das Winkeleisen maßgebend war, ein stattlicher Bau hervor. Die Fenster gucken nicht in bunter Regellosigkeit aus dem Mauerwerke, sondern teilen sich gleichmäßig in die hohe, breite Wandfläche. Das Eingangstor ist niedrig und von Säulen getragen, Larven grinsen vom Torbogen hernieder, nun Zorn, nun Mut, Trotz und Verachtung im Steine widerspiegelnd. Ein schönes Stiegenhaus führt nach dem ersten Stocke, der Wohnung des gestrengen Rates Gering.
Ein mürrischer alter Herr. Der Körper ist noch wuchtig, das Alter hat ihn noch nicht angefressen, es hat ihn nur etwas außer Rand gebracht. Die Haare sind kurz geschnitten und stark ins Graue spielend. Die Augen groß und stechend, das Gesicht fleischig und hochgerötet, der Mund trotzig aufgeworfen.
Die Arme über die Brust verschränkt, geht er mit festen Schritten in der großen Familienstube auf und ab. Ein tiefer Unmut scheint sein Herz zu quälen und seine Gedanken zu peitschen; denn zuweilen stampft er zornig auf den Estrich oder trommelt Sturm an den kleinen Fensterscheiben, daß sie klagend klirren.
In einer Ecke sitzt ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren. Die dunkeln Locken fallen in lieblicher Unordnung über die weiße Stirne und an den blassen Wangen herab. Die ganze Gestalt ist unendlich fein gegliedert; mehr ätherisch als der Körperwelt verwandt. Das glanzlose Auge stiert tot bald nach der Decke, bald nach der Stelle hin, wo der Ratsherr sich hörbar macht. Stille Ergebung ist über das bleiche Antlitz gehaucht, jener eigentümliche Zug, der wie lächelnder Schmerz, wie ein blumiges Grab anmutet.
Ein Schwesterchen von sechs Jahren sitzt neben dem blinden Mädchen und schmiegt sich furchtsam an dasselbe, indes die großen, klugen Augen unverwandt auf den Vater gerichtet sind, der so unwirsch tut und, seit er aus der Gerichtsstube heimgekehrt ist, noch kein freundliches Wort für seine Kinder gefunden hatte.
Nun bleibt der Rat vor den beiden Mädchen stehen. Der Anblick der blinden Tochter stimmt ihn weich. Und je länger er auf seinen Liebling schaut, um so milder wird sein Ausdruck, um so friedlicher sein Auge. Er beugt sich nieder und drückt einen stummen Kuß auf den lockigen Scheitel.
»Vater!« ruft Elsa und breitet die Arme.
»Hier bin ich, mein Kind!«
»Dank für den Kuß, tausend Dank!«
»Elsa!«
»Was willst du, Vater?«
»Hast du heute für mich gebetet?«
»Ja. Ich tat's aus ganzer Seele. Als du am Morgen von uns schiedest, da botest du mir auf, dich ganz besonders in mein Gebet zu schließen. Ich ließ mich in die Marienkapelle führen, und dort gedachte ich deiner und der Sorge, die dich drückt. Wir Blinde,« fuhr sie lächelnd fort, »können, ich glaube es wenigstens, viel besser beten als die anderen Menschen. Uns stört kein äußerer Eindruck, wir sind mit Gott allein. Uns decket Nacht und Finsternis, kein Sonnenlicht grüßt freundlich durch das Auge in das Herz, und was ihr Glückliche von Blumenpracht und Frühlingsherrlichkeit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem wir nicht Gestalt noch Farbe geben können. Gilt es aber ein Leiden mitzufühlen, des Nächsten Schmerz zu fassen, dann sind wir nicht mehr blind, dann sehen wir gleich anderen, weil wir doppelt fühlen. Und erst, wenn eines Blinden Seele betet, Vater, da wird es Licht, so hell und klar und fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht schöner leuchtet. Da gibt uns Gott ein Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen wir, was ihr nicht sehet, und fühlen uns so nahe Gottes Herzen, weil wir so ganz von der Welt geschieden sind.«
»Das nennst du Glück!« sprach der Ratsherr in weichem Tone. »Gott erhalt' es dir! Denn ohne Trost ist Blindheit wie ein Grab, in dem man lebend seines Todes harrt.«
Er nahm seine Tochter und führte sie nach seinem Sorgenstuhle.
»Setz' dich hieher und laß mich mit dir reden. Gerade weil dein leibliches Auge nie die Welt geschaut hat und alles, was du sprichst, ein reiner Widerhall deines Herzens ist, lege ich so gerne, was mich drückt, in deine Seele nieder. Sieh', diese Hand, die hier auf deinem Scheitel ruht, hat heute wieder ein Todesurteil unterzeichnet.«
Das Mädchen schrak zusammen. Zitternd entzog es sich der Berührung und streckte die Hände abwehrend aus.
»Verzeih', Vater, ich fürchte dich! O rühre mich nicht an, nur heute nicht, ich bitte dich!«
»Elsa, sei vernünftig,« mahnte der Alte etwas verdrossen. »Wie magst du so hart gegen deinen Vater sein?«
»Laß mich,« sprach das Mädchen. »Ich kann meiner Seele nicht gebieten, wenn sie in kalten Schauern liegt. Mich friert's im Herzen, als wäre Tod und Nacht dort eingekehrt.«
»Weißt du nicht, törichtes Kind, daß Gott dem Richter jenes Schwert gab, das zwischen Recht und Unrecht, Tod und Leben, Schmach und Ehre strenge scheidet? Wie magst du in der Seele Schrecken fühlen, wenn ich dieses Schwert in Gottes Namen richten ließ?«
»Du hättest recht, wenn es nicht jenen armen Wesen gälte, die ihr Gestrenge als Hexen an den Henker liefert. Vater,« -- des Mädchens Stimme ward nicht bittend, ward befehlend -- »Vater, sage mir vor Gott, gibt es Hexen?«
»Törichtes Ding, das du bist, ja!« stieß der Alte hastig heraus.
»Und glaubst du und kannst du es mir, deinem armen blinden Lieblinge, auf Hand und Wort und treue Vaterliebe versichern, daß alle jene wirklich Hexen waren, die dein und der anderen Räte Spruch dem Tode weihte? -- -- Vater, du antwortest nicht? -- Habe ich mit meiner Frage zu tief ins Herz, wohl gar in dein Gewissen mich gedrängt? -- -- Vater, sprich, ich bitte dich!«
Der Alte sah mit einer Mischung von Zorn und Schmerz und Liebe auf seine Tochter nieder.
»Was soll dies alles?« zankte er mißmutig. »Habt ihr Frauen euch in unser ernstes Amt zu mengen?«
»Nein, Vater. Ich weiß, des Weibes und der Tochter Heim ist Haus und Familie. Darüber hinaus soll sie nicht ihr Denken und Begehren richten. Aber gerade darum, weil der Kreis so enge, noch mehr, weil er so heilig ist, will auch das Frauenherz, daß alles, was mit ihm die Luft des Hauses und der Liebe atmet, rein sei, ohne Fehl und Makel.«
»Das ist ganz schön und recht und gut. Ihr Frauen seid, so hart man euch entbehren würde, mit eueren Herzen und Gefühlen eine wahre Last.«
»Sag' das nicht, Vater! Das spricht der Unmut nur aus dir. Hab' ich dich lieb?«
»Weiß Gott,« rief der Alte feuchten Auges, »du bist durch deine Liebe all mein Reichtum!«
»Und glaubst du, daß nur ^ein^ Wort über meine Lippen käme, das nicht die Liebe zu dir spricht?«
»Gewiß, mein golden Kind, gewiß!«
»So laß mich reden. Du weißt, Vater, wie arm ich bin. Nichts -- nichts ist die Welt für mich. Was euch, wenn ihr gestorben seid, die Erde ist, ein gähnendes Grab in schwarze Nacht gehüllt, das ist das Leben mir. Ihr pflückt mit euerem Auge tausend Lebensfreuden, ich kann das nicht! Wo das Herz allein nach Freuden sucht, da ist die Beute arm, doch soll sie dann doppelt wertvoll sein. Was habe ich Gutes hier als dich, mein Vaterherz? Doch dich -- dich möchte ich mit all dem Reichtume meiner Liebe überschütten können, den ich -- ich möchte sagen, Gott sei Dank, der Welt nicht schenken kann! Ich vermag dich nicht zu sehen, Vater, wie du bist. Dein Wort, dein Kuß, dein liebendes Walten zeichnet mir dein Bild. Und sieh, dies Bild ist mir so unantastbar heilig, daß niemand es entweihen darf, auch du nicht, -- du am wenigsten!«
Der alte Gering ließ die Tränen, die ihm aus den treuen Augen flossen, ungehindert über die Wangen gleiten. Waren es doch Tränen, mehr vom Glücke als vom Leide geweint.
»Sei zufrieden, Elsa! dein Vater sucht sein Glück in deiner Liebe und Trost aus deinem Munde. Laß mich dir klagen, was mich heute so tief erregt, daß ich nicht Ruhe finden mag, es wäre denn, du, Else, löstest mit dem Kampfe mir auch das Leid. Du weißt, daß jüngst die alte Ammfrau Bernin als Hexe gefänglich eingezogen wurde. Im ersten Verhöre blieb sie kalt und trotzig und kein Geständnis irgendwelcher Schuld kam über ihre Lippen. Da ward die Marter an ihr versucht, und nicht geringe. Sie stöhnte, ächzte, fluchte -- endlich als die Kraft zu brechen schien, versprach sie ein Bekenntnis ihrer Schuld. Das sollte heute abend vor sich gehen. Ich weiß, was die andern Räte von solchen Bekenntnissen halten, sie sind ihnen allen bare Wahrheit, auf die sie dann Erkenntnis und Richterspruch aufbauen. Du weißt, wie oft ich zu Gericht gesessen, mit Gott und guter Ehre; so schwer, so ahnungsdüster aber wie heute war mir nie zumute. Da drinnen wühlt ein nagender Gedanke, mir ist's, als hinge schweres Unheil über dir und mir.«
»Ist Gottes Hand nicht gnädig über uns?«
»Ich weiß es nicht!«
»Doch, Vater! Gott schützt uns. Und willst du dieses Schutzes sicher sein, so sei barmherzig mit den Armen, die ihr Herren Hexen nennt. O, folge nicht dem dunkeln Wahne, daß überall des Teufels List und Macht sich finde. Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter seid es, die den Hexenglauben und den Teufelsspuk nicht sterben lassen. Tritt nicht, mein Vaterherz, in jene falschen Spuren, sei stärker, weiser als die Welt um dich, gib du Gott und deinem Glauben allein die Ehre, und auch in ^deinem^ Herzen werden dann Friede und Gerechtigkeit sich küssen.«
Der Alte stand mit verschränkten Armen vor seinem Kinde, das sinnende Haupt tief auf die Brust geneigt. Friede und Gerechtigkeit -- ein goldenes Wort, wenn diese im Menschenherzen sich begegnen, küssen! -- --
Die Turmuhr vom Dome her schlug die vierte Abendstunde. Der alte Gering warf seinen Mantel um, drückte den Hut sich auf den Kopf und schied mit stummem Kusse von seiner Tochter. -- --
Durch die hohen Fenster, geziert mit buntgemalten Schilden und Wappenbildern, fällt der abendliche Sonnenstrahl in einen großen, niedern Saal. Die Wölbung der Decke ruht auf kurzen, dicken Säulen, der Boden ist mit rotem Sandsteine in großen Quadern eingelegt, nach oben steht ein langer Tisch mit Kreuz und Evangelium darauf, um ihn hochlehnige Stühle mit gepreßten Lederpolstern.
In einer Ecke stehen die Räte des Malefizamtes, teils miteinander gar geheimnisvoll flüsternd, teils mit hochgezogenen Brauen in den Akten blätternd. Auch Gering befindet sich unter ihnen, mißmutig, schweigsam, nur hie und da mit stummem Nicken oder Achselzucken eine an ihn gerichtete Bemerkung erwidernd.
Der Eintritt des Oberschultheißen, begleitet von zwei Sekretären und dem Malefizschreiber Petrus Hänflein, macht die Räte verstummen.
Der Oberschultheiß, ein kleiner, hagerer Mann, grüßt gnädig nach rechts und links und nimmt seinen Platz ein, zu beiden Seiten reihen sich die Räte an. Auf seinen Wink wird durch eine Seitentüre die alte Bernin hereingeführt. Die Hände sind mit Ketten belastet, der Gang ist schleppend, zögernd, als stäche bei jedem Schritte ein tiefer Schmerz durch den bebenden Leib.
Sie steht den Richtern gegenüber, zornig -- trotzig blickend, die Ketten schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.
»Sie, Gertraud Bernin,« hob der Oberschultheiß an, »sonst auch die Ammfrau genannt, ist angeklagt der bösen Zauberei. Man hat Sie heute erst in Güte, dann in strengem Ernste gefragt, was Sie zu bekennen habe, und ist endlich zur Tortur geschritten, worauf Sie flehentlich bat, man möge Ihrer schonen, Sie wolle alles getreulich bekennen.«
»Ich habe nichts versprochen,« entgegnen kurz die Alte und schüttelte den Kopf mit den losen weißen Haaren.
»Sie scheint dem alten Trotze zu verfallen? Gedenkt Sie noch der Marter, unter der Sie heute morgen ächzte?«
»Ja. Die Herren ließen die Sache deutlich genug machen, daß man sie so leicht nicht vergißt.«
»Will Sie nun bekennen?«
»Was denn?«
»Daß Sie eine Unholdin ist und eine Hexe!«
»Nein.«
»Wenn Sie auch nicht bekennen wollte, so ist solch großer Trotz schon sicherer Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«
»Meint Ihr?« grinste die Bernin. »Und wenn ich nichts zu bekennen hätte? Wenn all euere Weisheit, ihr Herren, sich vergebens an mir abmüht, um jene Schuld zu finden, von der ihr träumt, die ich aber nicht auf mir habe? Ich bin nicht Unhold, bin nicht Hexe -- ich schwöre es euch, so wahr ein Gott im Himmel lebt!«
»'s ist schrecklich, wie Sie lästert! Hat Sie denn nicht geheimnisvolle Kräuter in Menge in ihrer Stube aufbewahrt?«
»Geheimnisvolle Kräuter!« höhnte die Alte. »Kennt Ihr denn nicht die Springwurz?«
»Springwurz!« wiederholte der Oberschultheiß nachdenklich. »Was sagte doch die dicke Hökerin, die wir verbrannt, von diesem Kraute aus?«
»Ist mir sehr wohl erinnerlich,« sprach Hans Offterdach, der zweite Rat. »Die Springwurz, bekannte jene Malefizperson, muß, wenn sie anfängt in die Blume zu schießen, in des Bösen Namen gepflückt werden. Hält man solch ein Kraut ans beste Schloß, so springt es auf, als würde es mit dem Schlüssel geöffnet.«
»_Bene, optime_,« bestätigte der Oberschultheiß; »sieht Sie nun, welch böses Kraut die Springwurz ist, und wie es sonnenklar am Tage liegt, daß sie es mit dem Teufel hält?«
»Wie klug ihr Herren seid! Wenn doch die Springwurz solche Kraft besitzt, wie kommt es dann, daß nicht die Türen, Tore und Kisten und Kasten von ganz Würzburg damit aufgesperrt und ausgeplündert werden? Oder macht die Probe! Gebt mir meine Springwurz zurück und laßt es mich versuchen, die Schlösser hier an meinen Ketten und das Eisenschloß an meiner Kerkertüre aufzusprengen; gelingt es mir, dann mögt ihr mit mir tun nach euerem Belieben; wenn nicht, ist's euere Pflicht, mich wieder freizugeben.«
»Da sei Gott vor!« rief der Oberschultheiß aus; »Sie will die schwere Schuld, so auf Ihr lastet, mit losem Spotte von sich wälzen? Nein, solchem Frevel leiht ein frommes Gericht nicht Ohr noch Hand. Item. Man fraget Sie, was in den Fläschlein allen enthalten, so sich bei Ihr gefunden?«
»Läusewasser für die dummen Bauern,« gab die Ammfrau fest zurück.
»Nicht möglich.«
»So, warum denn nicht? Wohl weil es Euch nicht in das Kredo paßt. Ist doch so!«
»Und der Totenschädel?«
»Das dacht' ich wohl, daß Euch der bange mache. Der Totenschädel ist vom Hochgerichte. Dort fand ich ihn unterm Galgen. Die Raben hatten ihn vom Fleische freigemacht, wohl auch die Ameisen. Mir gefiel er, ich nahm ihn mit nach Hause. Was geht das Euch an?«
»Zu welchem Zwecke?«
»Ich wollte Gimpel damit schrecken.«