Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 3

Chapter 33,725 wordsPublic domain

_I. C. H. G. D. W. S. M. S. P._

»Und was soll dies heißen?« fragte das Mädchen.

»Das heißt, merk' fein auf,« mahnte die Alte und fingerte an den Buchstaben, »das heißt also: _I_ch _C_hristus _H_eiße _G_eschehen _D_ies _W_under _S_ei _S_ehend. Und hier _M. P._ das bedeutet, daß unser Herr den Zettel selbst geschrieben hat. Wird also wohl ein wertvolles Schreiben sein!«[D]

»Ei freilich!« stammelte die Dirne. »Ist aber der Zettel auch geweiht?«

»Dummes Ding,« schmähte die Alte; »was braucht es hier noch Weihe! Untersteh' dich nicht, den Zettel einem Priester zu zeigen! Hast du gehört?«

»Hab' schon gehört! Und was kostet denn dies kostbare Papier?«

»Einen Batzen.« -- -- --

* * * * *

»He, Alte,« ruft ein Landsknecht, »kannst du auch wahrsagen?«

»Vielleicht mehr als Euch lieb ist,« gab diese kurz zurück.

»Hoho, wüste Krähe,« lachte der Soldat, »nur nicht so patzig! Laß 'mal hören!«

»Was wollt Ihr wissen?«

»Ja, was denn nur? Sag' meinetwegen, ob's nicht bald ein lustig Krieglein gibt? Aber so du mich anlügest, klopf' ich dir dein altes Fell!«

»Ihr Herren seid doch immer ungeschlacht!« zürnte die Alte, ein Brett mit bunten Zeichen auf den Tisch legend. »Ihr könnt leicht übermütig sein; euch ist fürs Tagedieben ein besserer Tisch gedeckt als dem Bürger für die Arbeit.«

»Nimm guten Rat an und schweige!« mahnte der Landsknecht. »Soldatengeduld reißt leichter als dünner Zwirn.«

»Seht hier das Horoskopium. Die Frage ist, ob Krieg. Nun hört: Weil [Symbol: Mars] als der Herr des Horoskopes des Fragenden Bedeuter und das Gefragte ist, und [Symbol: Konjunktion?] darüber steht und zwar quer von [Symbol: Venus], so wird's bald großen Krieg geben, absonderlich, da [Symbol: Mond] das _VII._ Haus über sich hat, selbes mit einem [Symbol: Trigon] ansieht und damit in glücklichem Fortgange steht, in [Symbol: Konjunktion?] [Symbol: Sonne] sich befindet und wachsend ist, und dabei [Symbol: Jupiter] im _VIII._ Hause die [Symbol: Konjunktion?] [Symbol: Mars] [Symbol: Venus] mit einem [Symbol: Trigon] aus [Symbol: Merkur] günstig anschaut.«[E]

»So,« sagte der Landsknecht, spreizte die Beine und stemmte die Arme in die Hüften. »Wo hast du denn den unsinnigen Hokuspokus gelernt? Hahaha, das Ding ist dir wie Rotwelsch aus dem Maul gegangen!«

Und lachend wandte er sich zum Gehen.

»Einen Sechsbätzner!« herrschte die Alte.

Der Landsknecht drehte den Kopf nach ihr. »Einen Sechsbätzner?« höhnte er. »Den zahle ich nach dem Kriege.«

Die Alte murmelte einen Fluch zwischen den Lippen, nahm das Horoskop und wickelte es wieder sorgfältig in ein Tuch. -- --

-- -- -- Hinter einer Ecke abseits dem Tummelplatze kauerten drei Gestalten, zwei Männer und ein Weib. Ihre Rede ist flüsternd, ihr Auge streift zuweilen forschend, lauernd durch das Dickicht.

»Heute nacht ist's passende Zeit.«

»Du oder ich?«

»Das Feuer leg' ich.«

»Und ich plündere?«

»Ja. Helena muß aber erst auskundschaften.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Hier!«

»Wann?«

»Um zwölf Uhr.«

»Daß du mir nüchtern bleibst!« mahnte der Zuckerwastl.

»Sei ohne Sorge. Morgen ist bessere Zeit zum Trinken,« gab der Neunaugen zurück. -- --

-- -- Eine Schaubude. Vier Stämme sind in die Erde gesteckt und mit Brettern umzogen. Vor dem Eingange steht ein widerlicher Kerl und schreit mit heiserer Stimme: »Wer das größte Wunder sehen will, der komme hieher. Ein leibhaftiger Alrunn, vor hundert Jahren schon ganz ausgewachsen.«

Das Volk gaffte, zögerte und trat ein. Da lag auf einem Tische eine gespaltene Mandragorawurzel,[F] die Gestalt eines verstümmelten Menschen im Dämmerlichte einigermaßen wiedergebend.

»Bst!« mahnte der Gaukler die langgestreckten Hälse. »Geht zurück und seid stille! Ihr seht ja, daß der Alrunn schläft, und wenn er erwacht, dann ist er so gewaltig böse, daß er alles zerreißt. Nehmt euch in acht!«

Noch ein schneller, scheuer Blick, und hinaus drängt sich das verblüffte Volk.

-- -- An einer anderen Stelle steht auf einer Tribüne ein großer, starker Mann. Er weiß sich mit großer Würde zu tragen und sieht auf die dichtgedrängte Menge mit unverkennbarer Geringschätzung herab. Er ist ein sogenannter Wasserspritzer und Feueresser, eine für jene Zeit ganz unheimliche Erscheinung.

Nachdem er einen Augenblick hinter einen Vorhang, der ihn den Blicken der Zuschauer entzog, getreten war, kehrte er wieder auf die offene Bühne zurück, ließ sich acht Gläser frischen Brunnenwassers geben und trank dieses. Dann gab er es in einzelne Gläser wieder von sich, aber nicht als Wasser, sondern als Wein von jeder Färbung, vom dunkelsten schwärzlichen Neapolitaner angefangen bis zum hellgoldigen Würzburger Landwein herab. Dann ließ er wohlriechende Wasserstrahlen aus seinem Munde ausgehen, oder er schoß Wasser wie ein Röhrenbrunnen aus seinem Magen in die Luft.[G]

Die verblüffte Menge ward starr vor Erstaunen, als sie dies alles sah. »Der hat den Teufel im Leibe,« flüsterten die Leute untereinander; »ein gewöhnlicher Mensch kann solche Wunder niemals tun.«

Unterdessen hatte sich der Gaukler ein Becken glühender Kohlen bringen lassen. Davon nahm er etwelche in den Mund, zerkaute und aß sie. Dann zündete er einen Klumpen Schwefel und Pech an und verschluckte ihn mit der blau brennenden Lohe. Ein glühendes Eisen leckte er mit der Zunge, daß es zischte, und ein anderes nahm er zwischen die Zähne und trug es eine gute Weile im Munde umher.[H]

»Nun sag' mir einer, daß es nicht Zauberei und Hexenkünste gebe,« rief Meister Brinhard, der unter der Menge stand, händeringend aus. »Wer von uns begreift solch arge Kunst? Da gibt es nur ^einen^ Schlüssel, das ist der leidige Satan. Hätte der Mann da aber nicht Gemeinschaft mit dem Bösen, nimmer könnte er Feuer essen; aber der Teufel hat ihn fest gemacht. Liebe Leute, 's war großes Unrecht, daß wir ihm zugesehen haben, und eine richtige Obrigkeit sollte solch ein Höllenspiel gar nicht dulden. Mich reut der Anblick, verzeih' mir Gott die Sünde!«

»Ja, ja, 's ist Teufelsspuk,« murmelten die Männer kopfnickend nach, die Weiber aber schlugen Kreuze und liefen weit davon.

-- -- Am nördlichen Ende von Heidingsfeld steht ein großer Hof. Hohe Mauern umschließen ihn und gewähren nur durch das Tor von der Straße her den Eingang in das Innere. Rechts im Hofraume stehen lange Ställe, links Getreidekästen, in der Mitte mehr nach rückwärts befindet sich das stattliche Wohnhaus.

Die Abendschatten liegen bereits in langen Dämmerstreifen über dem stillen Gehöfte. Die Bewohner sind alle nach dem Markte gegangen, um an dem frohen Treiben, muntern Zechen sich die Laune neu zu beleben; nur in der Küche steht ein junges Weib, damit beschäftigt, über hellflackerndem Feuer aus brodelndem Schmalze jene starkduftigen Kücheln zu backen, die auf dem deutschen Bauerntische der willkommene Markstein festlicher Zeit sind. Der Hausstand muß wohl zahlreich sein; denn trotz der Berge von goldbraunem Gebäcke fährt die Hausfrau emsig fort, neuen Teig in das heiße Schmalz zu legen.

Das Anschlagen des Hofhundes stört sie aus ihrer geschäftigen Ruhe. Durch das nach dem Hofraume gehende Fenster sieht sie ein scheu um sich blickendes Weib dort eintreten, das bald vor ihr unter der offenen Küchentüre steht. Die demütige Miene paßt schlecht zu dem rohen Gesichte, das unter den halbgeöffneten Lidern hervorlauernde Auge schlecht zu der bittenden Rede.

Die Bäuerin hatte nach etwas Kupfermünze gesucht, um die Bettlerin damit zu beschenken.

»Vergelt's Euch Gott und Unsere Liebe Frau!« dankte die Landstreicherin. »Stoßt mich nicht von Eurer Schwelle, bin ein armes fahrendes Weib, das kein Heim hat. Gönnt mir einen Augenblick Rast in Euerem Hause; Gott möge es Euch an Eueren Kindern lohnen!«

»Hab' keine Kinder,« gab das Weib kurz zurück. »Kommt in die Küche, da mögt Ihr rasten, solange es Euch gefällt.«

Helene folgte schüchtern der Einladung und setzte sich in einen Winkel, wo sie die ihr geschenkten Speisen verzehrte. Dabei ließ sie ihre Augen bald nach allen Seiten rollen, bald schlug sie dieselben nieder, als wäre sie ein Bild von Zucht und guter Sitte.

»Ihr sagtet vordem, Ihr hättet keine Kinder. Habt Ihr wohl Feinde, die Euch solches Leid angetan haben?«

»Kann man denn das?« fragte die Bäuerin nicht ohne Schrecken.

»Ei freilich; durch böse Kunst, durch Hexen, Zauberer wird solches leicht bewirkt.«

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Gott sei's geklagt!« seufzte die Landfahrerin. »Ihr ahnet nicht, was böse Menschen alles können.«

»Ihr seid wohl reich?« fuhr Helena nach einer Pause weiter. »Da fällt Euch solch Entbehren doppelt hart. Dem Armen ist's oft Wohltat, wenn er Not und Hunger nicht mit einem Kinde zu teilen braucht. Aber der Reiche, der dem Kinde ein sorgloses Dasein schenken könnte, ist wahrlich arm bei allem Reichtume, wenn ihm der Kindersegen fehlt.«

»Ist wahr; hab' Geld und Gut genug, um zehne zu ernähren. Gäb' all das Silber im Kasten oben gerne her, hätt' ich ein Kind dafür. Will's aber unser Herrgott nicht, so murre ich auch nicht.«

»Ich hätte wohl ein sicheres Mittel gegen Euren Kummer. Soll ich Euch helfen?« fragte Helena nach einer Weile.

Die Bäuerin sah sie lange mit ihren klugen Augen an. »Ich meine, wenn Ihr hier Rat und Hilfe wüßtet, so brauchet Ihr nicht betteln gehen. Da gäb' es Gold genug. Dank' Euch für Eueren Willen.«

»Wie's Euch beliebt,« sprach Helena in weniger demütigem Tone. »Laßt Euch bedankt sein für Speise und für Rast. Behüt' Gott!«

Sie erhob sich und ging, als bände Müdigkeit noch ihre Glieder, schleppend aus dem Hause, spähend, in alle Winkel lugend. Doch kaum aus dem Hoftore getreten, ward ihr Wesen wieder keck und fest. Mit einem trotzigen Blicke schaute sie über die Mauer nach dem Dache des Gehöftes, über welchem eben die ersten Mondlichter zitterten. --

Der Abend war zur Nacht geworden. Die Fiedeln in den Schenken wurden stille, das Lärmen, Johlen, Singen war zu Ende. Ein Licht ums andere erlosch und immer dichter ward die Nacht. Wetterwolken zogen ihren düsteren Schleier über Mond und Sterne und der Sturmwind heulte klagend, pfeifend, zürnend durch die Gassen.

Es ist Mitternacht. Zwölf dumpfe Schläge, die der Sturm sich aus den Glocken bricht und mit sich fortträgt über die nächtige Flur!

Was glüht dort durch die Nacht? -- Nun schwache Röte gleich dem Dämmerlichte im Nebel, nun plötzlich wachsend bis zur Flammenflut, den schwarzen Mantel der Nacht mit rotem Glaste überströmend!

Hilf Gott im Himmel, welch ein Feuer! Und wie die Glocken wimmern, Menschen klagen, Tiere brüllen! -- Ein schreckliches Bild!

4. Kapitel: ^Eine Hexe^

Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus. Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige Wetterfahne.

Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich fast bis zur Mitte des Gemaches.

Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch, schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.

Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.

Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.

Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett, und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie. Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«

»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger Gedanke -- wenn's zum Teufel ginge!«

»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. -- Dummes Gebein!« knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.

»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in ihrem Selbstgespräche weiter. -- »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin, die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«

Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.

»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug, um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz versuchen wollten!«

Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der Türe.

»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte aufs pochende Herz.

Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend, seine Mütze ab und grüßte freundlich.

»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J] und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt? Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«

Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.

»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.

»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser Totenschädel,« beteuerte der Student.

»Den laßt in Ruhe,« knurrte die Alte und hob den Schädel auf, um ihn wieder auf den Kasten zu stellen. »Und nun Euer Begehren?«

»Bin, wie Ihr seht, ein junges, frisches Blut voll Lebensdrang und keckem Mut. Von armen Eltern stammend, doch mit hellem Geist begabt, hab' ich, dank edlen Priestern, des Wissens viel errungen. Doch nicht genug! Mein Geist will weiter forschen, bis er satt geworden, aber -- dies macht mein Glück nicht voll. Zwei Fragen sind es, die mich quälen. Und diese sollt Ihr lösen durch Euere Kunst.«

»Erstlich sagt mir: Worin und wo ich mein Glück finden werde?«

Der Blick des Jünglings und jener der Alten begegneten sich und ruhten eine Weile forschend aufeinander. Dann erhob sie sich, ging nach dem Ofen und kehrte mit einem Stück Kohle zurück. Sie zeichnete mit demselben einen Kreis auf die Tischplatte und teilte ihn durch Ellipsen. Die einzelnen Segmente füllte sie mit Zahlen und kabbalistischen Zeichen, nur die Mitte ließ sie frei.

Der Jüngling sah mit lächelnder Miene ihrem Treiben zu. »Habt Ihr gut schreiben gelernt!«

»Stille!« mahnte die Alte und schrieb weiter. »So; nun gebt mir Blut, einen Tropfen.«

Der Student reichte der Alten seine Hand und ließ sich mit einem scharfen Messer die Haut ritzen. Das aufgefangene Blut ward in die Mitte der sich kreuzenden Ellipsen gestrichen.

»Setzt Euch!« sprach sie, nach einem Stuhle hinterm Tische zeigend.

»Euer Stern steht hier. Ihr seht dies Zeichen? Es deutet hohes Lebensglück und stolzes Hoffen. Ehre und Amt winken Euch, und Gold und Minne.«

»Das klingt ganz gut,« warf der Jüngling zufrieden ein.

»Schweigt!« herrschte die Alte und horchte nach der Straße, von der herauf verworrene Stimmen drangen. Einen Augenblick starrte Angst aus ihren Zügen, dann fuhr sie fort: »Dies Zeichen hier sagt Euch nichts Gutes. Übermut verleitet Euch zu einer Tat, die Euch das Leben kostet, ehe Ihr noch wißt, wie süß das Leben sei. In langer Kerkernacht wird Euch ein Trost noch werden, -- das deutet dieses Bild, doch dann --«

Mit einem Stoße flog die Türe auf und Vogt und Schergen traten ein.

Die Alte ward zu Stein, die Augen drangen aus ihren Höhlen und stierten auf den Richter.

»Was wollt Ihr?« krächzte sie und hielt sich mit der Rechten an dem Tische fest.

»Dich, Gertrud Bernin, insgemein die schielende Ammfrau genannt,« entgegnete der Vogt mit hoher Amtsmiene.

»Mich? Und warum?« grinste die Alte.

»Sie ist dringend verdächtig, ja schier schon überwiesen, daß Sie sich mit höchst verdammlicher Zauberei und Hexenkünsten befaßt hat.«

»Schier schon überwiesen?« wiederholte die Alte höhnisch. »Die Herren sind schnell.«

Der Vogt blieb in einiger Entfernung von der Alten stehen, indes diese von den Schergen an den Händen gebunden und ihr überdies noch zu größerer Sicherheit ein Strick um den Hals gelegt wurde. Die Bernin ließ dies mit scheinbarer Ruhe an sich geschehen; wer ihr aber tiefer ins Auge schaute, konnte dort Schrecken und Ingrimm flammen sehen und an dem konvulsivischen Zucken, das zuweilen ihre Glieder schüttelte, die furchtbare Erregung, die sie erfaßt hatte, erkennen.

Unterdessen hatte sich der Vogt dem Studenten genähert, der mit nicht geringer Überraschung den Vorgängen folgte, deren Zeuge er so unverhofft geworden.

»Ah, also auch hier?« zürnte er. »Wie ist es möglich, daß man, da man doch in Künsten und Wissenschaften so wohlerfahren ist, auch bisher sich eines christlichen guten Rufes erfreute, nun in solch höchst gefährlicher Gesellschaft sich befindet?«

»Herr Vogt,« entgegnete der Studiosus mit schwer verhaltener Entrüstung, »ich hoffe --«

»Ihr habt hier gar nichts zu hoffen,« eiferte jener. »Mitgefangen, mitgehangen. Juridischer Grundsatz das. Doch,« fuhr er fort, den Kreis mit den kabbalistischen Zeichen auf dem Tische erblickend, »was seh' ich hier? Gott stehe mir bei! Reine Teufelskünste! Und Blut!« rief er schauernd.

»Blut von mir!« gab der Student mit mürrischem Trotze zurück.

»_Indicium maximum!_ Man binde auch diesen Studenten, da solcher sonder Zweifel eine höchst gefährliche Malefizperson ist.«

Der Student zog seinen Degen, um die Schmach von sich abzuwenden; allein die Schergen fielen ihm von rückwärts in die Arme und fesselten ihn nach kurzer Gegenwehr.

Nun hatte der Gestrenge auch Muße, sich im Zimmer umzusehen, was unter nicht geringem Kopfschütteln und allen möglichen Ausrufen des Entsetzens geschah. Und als er seinen Amtsschreiber vorrief, daß dieser ein kurzes Protokoll aufnehme, weigerte sich dieser ganz entschieden, auf einem Tische zu schreiben, auf welchem Teufelszeichen und Menschenblut zu sehen seien, oder auf einem Stuhle zu sitzen, auf dem gewiß Hexen, wenn nicht gar der leibhafte Gottseibeiuns gesessen. Lieber wollte er sein kleines Amt und mageres Brot verlieren.

»Kann ihm nicht ganz unrecht geben,« bestätigte der Vogt, mit seinem tiefroten Kopfe gnädigst nickend. »Aber ein Protokoll muß sein, und müßte es in der Luft geschrieben werden.«

»Solches wäre doch reine Hexerei!« spottete der Student.

»Ein ganz erschrecklich böses Maul!« polterte der Gestrenge. »Man wird augenblicklich schweigen. Er aber, Petrus Hänflein, mag sein Protokoll dort am Fenstergesimse schreiben. _Quod non est in actis, non est in mundo._ Pah, man weiß, was Rechtens ist. Also, ist Er bereit?«

»...... Nach solchem ging man an Untersuchung des Zimmers und fand, wie folgt:

1. Auf dem Tische mit Kohle gezeichnete, sonder Zweifel ganz teuflische Gestalten und böse Zeichen, beinebst einigem Blute.

2. Auf dem Schranke neben dem Bette einen greulichen, wahrhaften Totenkopf, höchst wahrscheinlich bei einem Hexensabbate vom Bösen zu zauberischen Zwecken gegeben.

3. Unterschiedliche Büchslein mit ganz verdächtigen Kräutern.

4. Eine nicht geringe Menge von Gläsern und Fläschlein, gefüllt mit Wassern und Fett, so vermutlich von gebratenen Kindern herrührt.

5. Ist sonderlich auch als ein gar schrecklich Zeichen sicheren Bündnisses mit dem Satan zu bemerken, daß im ganzen Zimmer nicht Kreuz noch Weihbronnen zu finden.«

Der Schreiber spritzte die Feder aus, und der Vogt wischte sich den Schweiß von der Stirne. Als er die Alte ansah, bemerkte er, daß ihr Blick fest nach einem Winkel des Zimmers gerichtet war. Und als er dort eine mächtig große Spinne erschaute, die langsam mit ihren dünnen Beinen an der grauen Wand hinankrabbelte, da drückte er seinen Hut fester auf den Kopf und eilte mit den Worten: »Das ist der Teufel selbst!« aus der Stube. Ihm nach folgten die Schergen mit den beiden Gefangenen und zuletzt Herr Petrus Hänflein, große Kreuze mit zitternder Hand schlagend.

Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich anstießen: -- »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«