Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 2
»Hab' nur gemeint,« gab jener trocken zurück. »Weiß auch den Opferstock, den du um diesen Taler und anderes Geld leichter gemacht hast. Ja, ja, der Junker Zuckerwastl geht gerne zur Kirche. Ist ein gar frommer Geselle!«
»Nun ist's genug!« brüllte der Gehöhnte und schlug den Spötter mit kräftigem Arme über die Bank hinunter.
Der zerbrochene Paulus erhob sich mühsam vom Boden. Das rechte Auge war blutunterlaufen und stierte wie tot aus der verschwollenen Höhlung. Das linke aber warf einen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem Gegner. Eine Weile standen sich beide gegenüber, sich zornig messend, dann drückte der zerbrochene Paulus seinen Hut fester auf den Kopf und hinkte hastig aus dem Hause.
2. Kapitel: ^In stiller Zelle^
Es war ein frischer Sonntagsmorgen. Vom wolkenlosen Himmel flutete weiches, mildes Sonnenlicht herab auf die herrliche Frankenstadt am Main und vergoldete all die Zacken und Zinnen, die Türme und Türmlein mit goldenem Glanze. Und wie das Lichtmeer den feingegliederten Turm der herrlichen Marienkapelle umfloß und dann die alten gemalten Fenster mit den frommen Schildereien durchglühte, daß die Farben wie Smaragde und Rubinen brannten! Und dort der Dom in seiner stillen Majestät, ein zu Stein gewordenes Gebet voll heiliger Gedanken!
Ein herrliches, farbenprächtiges Bild! Die langgedehnte Domstraße mit ihren alten stolzen Häusern, dran gar trauliche Erker, aus deren Fenstern frische Rosen auf all das frohe Leben niedergrüßen, das da unten wogt. Um so finsterer schaut das Rathaus: wuchtig, ohne Schmuck und ohne Zier, hart und kalt wie ein Richterspruch auf Rad und Tod. Man sieht's ihm an, nicht froher Bürgermut hat dieses Haus gebaut und seinen Reichtum dem Steinmetz und Künstler anvertraut; mürrisch, wie ein lebensmüder Alter, lehnt es sich an den Grafeneckartsturm, nur hie und da zeigt ein zartgewundenes Säulchen, daß auch Kunst im Rathaus gerne eingezogen wäre, wenn nicht die kecke Bürgerschaft Zeit und Geld zu Meutereien gegen ihre Bischöfe verbraucht hätte. Dort ist der grüne Baum angemalt -- ein lustig Wahrzeichen, das dem jungen Volk vom Kilanstanze und Adauktusjubel frohe Märe flüstert.
Und nun zur Brücke! Da unten der milde, mächtige Main, belebt von Hunderten von Schiffen mit schwerer Fracht und leichtem Volke. Und rings die Ufer! Hier noch finsteres Mauerwerk, sich keck und trotzig an die kühle Wasserstraße drängend, dort weiter hinaus der Reben grüne Flut, von sanften Hügeln nach dem Strome fließend und mit ihm kosend wie ein eitel Kind mit seinem goldenen Spiegel. Und drüber schmucke Dörfer, Burgen und Kapellen.
Doch wieder zurück zur Stadt. Am Brückenkopfe steht ein altes, niederes Haus. Aus dem halbgeöffneten Fenster grinst ein häßliches altes Weib. 's ist wahrlich schade um den Sonnenschein, der auf diesem starren Menschenantlitz zittert!
Rechts hinein in enge Gassen, wo das Leben ruhiger ist und die Schatten länger sind. Hei, welche Mauern, tot und kalt wie Grabeswände! Und wie die Menschen hier so nüchtern schauen und so schlicht gewandet sind, nicht Gold und Sammet und strahlendes Geschmeide.
Dort um die Ecke steht ein mächtiger Bau in hochgereckten, langgestreckten Massen. 's ist eigener Glast, der aus diesen Fenstern strahlt; 's ist eigene Luft, die um diese Mauern streicht. Alles still! Doch nein, dort singen frische Knabenstimmen:
_O Jesu! ego amo te, Non quia tu amasti me...._
Ein Kloster!
Ja, gottlob ein Kloster! 's ist wie ein frommes Feldkreuz, das zum Beten mahnt, wenn mitten in der Städte hastendem Gewirre ein Kloster aufsteigt, dem Monde gleich über giftigen Nebeln, den Sternen gleich über Erdennacht.
Am Ende eines langen, kühlen Korridors ist eine Türe und an ihr ein Schild mit der einfachen Aufschrift: _P. Fridericus de Spee S. J._
Treten wir ein.
Die Zelle ist geräumig, weiß getüncht und mit einem ganz einfachen Hausrate versehen. Nichts, wohin unser Auge schaut, was auch nur eine Linie über den notwendigsten Bedarf des Lebens hinausginge, nichts, was der Annehmlichkeit oder dem Überflusse diente. Durch das geöffnete Fenster zieht die Frühlingssonne ihre goldenen Fäden über das Bild klösterlicher Armut und küßt mit glücklichen Lippen dieses Heim des Friedens. An einem Tische, auf dem sich ein großes Kruzifix und einige Bücher befinden, sitzt ein Priester, angetan mit dem Kleide der Jesuiten. Sein Antlitz zeigt neben unendlicher Milde einen unverkennbaren Zug tiefen Seelenleidens. Der kurze Bart sowie das Haupthaar sind fast ganz gebleicht, ein rätselhafter Gegensatz zu dem frischen, blühenden Aussehen des Paters und dessen hochaufgerichteter Gestalt.
An seiner Seite sehen wir einen andern jungen Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren mit einem schön geschnittenen Angesichte, aus dem eine große Seele leuchtet. Das sanftglühende Auge schaut mit liebender Begeisterung auf den Pater, im jungen Manne paart sich edles Blut mit edlem Geiste. Es ist der Kanonikus Johann Philipp von Schönborn, der sich als nachmaliger Bischof von Würzburg und späterer Kurfürst von Mainz ein goldenes Blatt in der Geschichte als Wohltäter der Menschheit und ^wahrer^ Aufklärer erworben hat. Von ihm sagt eine alte Inschrift: »Er streute das lautere göttliche Wort aus, und was in diesem Worte gesagt wird, ^das tut er selbst^.«
Ein schönes Lob für einen Kirchenfürsten, so schlicht die Sprache auch ist, in die es gekleidet ist.
Während draußen auf dem bunten Markte des Lebens sich große Pläne und Torheiten um die Zukunft stritten; während die Gerichtshöfe, wie die Schenken und innersten Räume des Familienlebens -- nun verurteilend, erbarmungslos, von blutigem Wahne angestachelt, nun zitternd und bange flüsternd -- nur von Hexen widerhallen, und der Sturmflut gleich, die alles mit sich reißt, sich all die Kerker mit den Opfern jenes Wahnes füllten; und während Vogt und Räte um so stolzer durch die Gassen gingen, je mehr sie Henker und den Scheiterhaufen in Bewegung setzten: ist's eine einsame Klosterzelle, wo in einem Priesterherzen das Mitleid mit den armen Hexen zur Morgenröte einer besseren Zukunft wird.
P. Spee ließ die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten und schaute lächelnd zu seinem Freunde hinüber.
»Nicht doch, mein lieber Schönborn. Ich möchte dich gar nicht in unserem Kloster wissen. Nicht, daß ich dich nicht mit freudigem Herzen Bruder nennte, nicht, daß ich dir den Frieden vorenthalten wollte, der in diesen Mauern lebt; dein Platz ist da, wo du bist. Dorthin hat dich Gott gestellt, und damit sei du zufrieden. Und was das innere Glück betrifft, so findet das mein teurer Philipp auch, umrauscht vom Weltgetümmel, in seinem guten Herzen und seiner edlen Gesinnung.«
»Immer zu gut, immer zu nachsichtig,« antwortete kopfschüttelnd der Kanonikus. »Der Schönborn möchte gerne gut sein; aber er ist es nicht.«
»Er ist es,« entgegnete Spee mit fester Stimme. »Er ist es; und ich sage das mit heißem Danke gegen Gott. Denn je mehr die Geister der Menschen einer unheilvollen Verblendung anheimfallen; je mehr die dreifache Lust an Glaube, Zucht und Sitte rüttelt; je dichtere Nebel eitler Menschenwahn vor Gottes wahres Bildnis breitet: desto notwendiger sind in dem großen Wirrsale Menschen von hellem Kopf und treuem, goldigreinem Herzen, wie mein Schönborn ist.«
»Mein teurer Spee, heute bist du böse. Du solltest mich die Demut lehren und machtest mich so leicht hochmütig, wenn ich nicht wüßte, daß deine Worte mehr gut gemeint, als auf mich passend wären.«
Spee antwortete nicht. Seine erst so milden Züge sanken plötzlich wieder in jene tiefschmerzlichen Linien, die seit einiger Zeit fast beständig auf seinem Antlitze lagen. »Hier ist wieder ein großes Stück Sorge,« sprach er, auf einen Stoß Papiere zeigend. »Wahn, schrecklicher Wahn -- und Blut.«
»Schon wieder ein Hexenprozeß?« fragte schüchtern Schönborn und streifte mit bangem Blicke die verhängnisvollen Blätter.
»Ja, immer das alte, schreckliche Thema,« bestätigte der Jesuit.
»Aber, mein lieber Pater,« wendete Schönborn ein, »du nimmst dir diese Angelegenheit auch gar zu tief zu Herzen. Können wir wenden und ändern, was wir schmerzlich beklagen? Ist's ^unsere^ Schuld, daß solches Elend an dem Herzen der Christenheit frißt?«
»Ja, wenigstens zum Teile!« gab der Jesuit mit steigender Wärme zurück. »Auch ^wir^ tragen einen Teil der Schuld an diesen Greueln, die zum Himmel schreien. Warum sind wir keine Paulus, die mit des Wortes zündender Gewalt gegen dieses Brennen, Rädern und Morden eifern; warum sind wir keine Johannes, die mutig vor Thron und Richterstuhl hintreten und sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Warum gehen wir nicht durch die Gassen und über alle Wege, warum nicht in die entlegensten Schlupfwinkel und predigen wieder und wieder Christum den Gekreuzigten, ^der die Sünde und den Satan besiegt hat^? Freilich, man würde uns an vielen Orten mit halbem Ohre anhören, mit halbem Herzen glauben. Wie der Löwe, nachdem er Blut gerochen, mit heißen Nüstern nach neuer Beute spürt, nicht Rast und Ruhe kennend, bis die lechzende Zunge sich wieder am Blute satt geleckt hat, so spürt auch das, was man jetzt Gerechtigkeit nennt, nach neuen Opfern, deren eines die Gier nach einem andern weckt. Ist nicht die Welt zum großen Irrenhause geworden, wo Wut und Wahn die Geister rastlos peitschen und die Vernunft zum Aschenbrödel erniedrigt ist? Philipp, diesen Scheitel deckten jüngst noch dunkle Haare. Nun sind sie greisenhaft geworden. Das hat das Leid getan, das tiefe Leid um jene armen Wesen, die unter unfaßbaren Qualen den Hexenstempel sich auf die Seele drücken lassen müssen, stumpf geworden unter Henkers Hand, im Geist umnachtet durch des Kerkers Nacht, nur einen Gedanken noch mit heilen Sinnen denkend, den der Unschuld, nur eine Sehnsucht in dem todgehetzten Herzen tragend -- Erlösung!«
»Schrecklich, schrecklich, lieber Pater!« rief mit bebender Stimme der junge Kanonikus. »Das Bild, das du entwirfst, erfaßt die Seele mit namenlosem Grauen und tränkt sie mit unnennbarem Schmerze.«
»Dich faßt eisigkalt mein armes Wort,« sprach der Jesuit; »wie erst, wenn dein Auge in den Kerkern jenen Jammer schauen müßte, den dort die wahnwitzig gewordene Gerechtigkeit aufhäuft! Wahrlich, man müßte ein Herz von Stein in seinem Busen tragen, um nicht aufzubranden in wildem Schmerze gleich der sturmgepeitschten See. Und doch, so tiefe Nacht, der Greuel voll, auch jetzt sich auf der Menschheit niederläßt, du, Herr am Kreuz, du Gott im Himmel droben, siegst auch hier! O sei gegrüßt, _spes unica_!«
Bei diesen Worten nahm Spee das Kruzifix von seinem Tische und küßte es mit heiliger Inbrunst.
Und wie wenn plötzlich sich die Wetterwolken teilen und zwischen ihrem unheilvollen Dunkel milde Sonnenstrahlen leuchten, so ward auch unseres Paters Antlitz immer weicher -- milder, je länger er den Blick dem Kreuze zugewendet hielt.
»Mein lieber Schönborn,« fuhr er fort, dem jungen Manne die Rechte reichend, »in dir schlägt ein Herz, das stets der Wahrheit dient. Mag dich Gott hohe Wege führen, mag dein Leben still und unbemerkt verfließen, das eine sei dein Vorsatz -- mit Wort und Tat gegen den Wahn Krieg zu führen und ein wahrer Freund aller derer zu sein, die, sei's aus Schuld, sei's ohne Schuld, mit Leiden ringen. Das Gute, das wir tun im Alltagsleben, reicht nicht zum Himmel aus, wenn nicht der Armen gestillter Schmerz, ihre in Trost gekehrten Tränen, wenn nicht das goldene Werk der Nächstenliebe die schönsten Stufen baut.«
»Es sei! Solch einem Worte kann ein Schönborn nicht sein Herz verschließen,« rief begeistert der junge Priester aus. »Es ist ein beneidenswerter Weg, der meinem Geistesauge sich erschließt. Schmal, steil, voll spitziger Dornen zwar für das spröde Körperauge, doch voll des Friedens für die Seele. Gleich dem guten Hirten heilt der Mensch, was rechts und links an seinem Lebenswege krank und bittend die Hände hilfesuchend breitet, und wo die Macht zu helfen und zu heilen fehlt, da mag ein Wort der Liebe die Dornen in Rosen verwandeln und dem Leide die Ergebung als Trösterin beigesellen.«
»Und welche Zeit wäre geeigneter,« sprach Spee mit einem dankbaren Blick nach dem jungen Priester, »als die unsere? Was ist es, was die Scheiterhaufen aufrichtet und ihre mordenden Flammen durch das Land verbreitet? Ist es nicht des Volkes Unwissenheit und Aberglaube, was die Hexen schafft? Ziehen dunkle Wetterwolken übers Firmament und senden Wolkenbrüche, Verderben nieder, verwüstet Hagelschlag des Feldes Segen, unterwühlen Mäuse rings die Äcker, bricht ein Sterben unter Menschen oder Tieren aus, ja, weicht eine Krankheit der Kunst des Arztes nicht: so ist's dem Volke nicht des Himmels Strafe, nicht ein Werk der zürnenden Gottheit, -- nein, die Hexen und der Satan sind es, welche die Natur auf böse Bahnen gezwungen. Mit der Unwissenheit ist gepaart der Neid. Dem Nachbar geht es wohl, ein reicher Gottessegen füllt sein Haus. Da neigt der Neid sein grinsendes, giftiges Angesicht zum Menschenherzen und flüstert ihm zu: Warum dort Glück und Wohlstand und warum nicht bei dir? Weißt du warum? Jener dankt es dem Bösen, dem er seine Seele verkaufte für irdisches Glück. -- Er betet doch und ist fromm? -- Gerade dieses ist ein sicheres Zeichen, daß er es mit dem Bösen hält. -- Mußt' ich doch kürzlich von angesehenen Männern den Ausspruch hören, daß, wenn sich einer als frommer Sohn der Kirche zeigt, sich öfters mit Weihwasser besprengt, in den Kirchen fleißig betet und besonderer Andacht pflegt, er sogleich dem Verdachte der Zauberei verfalle. Denn, so urteilen die verblendeten Menschen: jene müssen einer besonderen Frömmigkeit sich befleißen, sonst haben sie vor dem Satan keine Ruhe. Welch ein Urteil! Und so gräßlich töricht und vermessen auch dasselbe ist, so übte es doch bereits solche Macht über die Menschen aus, daß jedermann sich scheut, seine Frömmigkeit nach außen kundzugeben, ja, daß selbst Priester, die sonst täglich Messe lasen, dies nun schon lange unterlassen, oder wenn sie das heilige Opfer darbringen, es im geheimen tun, damit das Volk nicht ihre Namen mit dem Verdachte der Zauberei befleckt.[B] Wohin, um der Barmherzigkeit Gottes willen, soll es führen, wenn das, was heute Recht und Gerechtigkeit genannt wird, solche Früchte zeitigt! Müssen wir nicht immer mehr der Gottlosigkeit, ja dem nackten Unglauben verfallen, wenn Gottesliebe und Gottesdienst die Zeichen frevler Zauberei sind und über Schmach und Qual und Schande nach dem Scheiterhaufen führen! Steht nicht die Welt an ihrer Neige, wenn das Herz nicht mehr sich frei zum Schöpfer erheben darf, ohne daß ein frommes Gebet den Richter zürnen macht und ihn in blindem Wahne Gott mit dem Satan, Gottesdienst mit Gottesmord verwechseln heißt!«
Schönborn sah dem Pater mit wehmütiger Bewunderung ins flammende Gesicht.
»Dem Wahne Krieg und Haß,« sprach er, seinen Arm auf Spees Schulter legend. »Es ist Wind und Sonne nicht gleich geteilt unter den Kämpfenden, wenn wir beide gegen eine Welt in Waffen stehen. Aber Gott ist mit uns, die Wahrheit unser Schild, die Gerechtigkeit unsere Liebe und die Liebe unsere Macht!«
Die Freunde schieden.
Spee trat an das Fenster seiner Zelle und lauschte dem kunstlosen Gesange eines Vögleins, das sich im Schatten einer Fliederstaude wiegte. Die Züge des Mönches gewannen wieder jene schmerzliche Weichheit, die ein Widerschein einer in rastloser Liebe ringenden, schaffenden Seele war.
Ein Lächeln glitt, einem flüchtigen Sonnenblicke gleich, über sein Antlitz. »Hab' Dank, du kleiner, gefiederter Gottessänger! Du hast mir Friede gesungen.«
Dann kehrte er an seinen Tisch zurück, betete mit Inbrunst, zog ein Heft Papiere aus dem Schiebfache und schrieb eifrig, mit dem Herzblute seiner Liebe, jenes unsterbliche Werk: Die _Cautio criminalis_.[C]
3. Kapitel: Jahrmarkt
Es ist Sonntag und Jahrmarkt in Heidingsfeld, einem gewerbsamen Orte, eine Stunde oberhalb Würzburg gelegen. Der Weg dahin führt zwischen Weinbergen, die sich eben mit dem ersten Laube schmücken, und dem Maine, der sich hier hart an die staubige Straße drängt.
Rings buntes, fröhliches Leben, das sich auf Straße und Fluß singend und lachend fortwälzt. Lustiges Studentenvolk, Arm in Arm und kecken Lebensmut im frischen, klaren Auge. Dralle Dirnen, stolz im Sonntagsrocke, flüsternd, kichernd, nach den Jungen schielend und dann wieder züchtig schmollend. Handwerksgesellen, derb in Wort und Lied, das Wams vorne aufgenestelt, um mit der ganzen Brust zu atmen; ihr Sang ist keck, ihr Lachen kräftig, wie die Faust, die sonst den Hammer oder Hobel führt. Nun ehrenfeste Meister mit bärtigen Gesichtern, die zufrieden schauen, wuchtig schreitend, jede Linie Bürgerstolz. Das Tuch ist fein und tadellos die Krause, echt das Geschmeide wie der Stein im Ringe. Und erst die Frauen, die an ihrer Seite gehen, züchtig, freundlich, reich geschmückt in Sammet und Spitzen! Und gar die minnereichen Töchterlein, des Vaters und der Mutter Stolz! Wie sie die Augen senken und heben, je nachdem sie von Jünglingen gegrüßt werden oder in Neugier da und dorthin schauen! Dann ehrentapfere Herren vom Rate, gnädig grüßend, langsam schreitend, alles helle Würde und Erhabenheit. Nun Junker, tänzelnd, fein vom Bärtchen bis zur Degenspitze, jeder Dirne dreist ins Antlitz schauend, den Bürgergruß kaum gnädig achtend, blitzend in Geschmeide -- und endlich Landsknechte, in festem, gleichem Schritte die Straße stampfend, brüllend, lachend, mit den Dirnen schäkernd.
Und über all dem bunten Wogen und Drängen helle Sonnenflut und von den Bäumen her und rings aus allen Büschen Vogelsang und Frühlingsgruß.
Am Marktplatze von Heidingsfeld floß all dies wogende Leben, wie im Meere die Ströme, zusammen und staute sich. Rings um die wetterschwarze Kirche standen schlechte Buden, aus Brettern leicht gezimmert. Dort pries der Krämer wie der Jude seine Ware feil und lockte die Dirnen und die Frauen, daß sie lüstern nach dem Taffet und den Ringlein schielten. »Zum Brautschmuck,« schmeichelt süß der Jude und fängt mit solchem Worte ein Maidlein um das andere in seinem Netze. Und wie sie glücklich sind, die guten Dirnen, daß ein goldener Ring nun an ihrem Finger glänzt! 's ist helle Pracht!
Die Bürger schreiten stolz vorüber. »Ist schlechte Ware; und wollt ihr gute, kauft bei mir. Das Judenpack und das fahrende Krämervolk betrügen euch nur!« Und ob die Hausfrau auch zuweilen meint, 's ist gute Ware, und just dies und das tät' dem Haushalt not -- der Alte brummet: »Nein; 's ist Lumpenware.«
Doch sieht der Meister den Schild zum »grünen Drachen«, so blickt er minder strenge. 's ist gute Herberg, die dort winkt, der Wein so goldig blinkend und so blumig duftend.
In der großen Stube mit den schweren Eichentischen herrscht lautes Leben! Becherklirren, froher Sang und ernstes Wort. Das Naß ist wonnig gut. Siehst du, wie oben auf dem flüssigen Golde der Kobold froher Laune, heitern Scherzes sich schaukelt; und weiter unten sitzt der Minnebub und spitzt die Pfeile, und auf dem Grunde liegt ein wüster Geselle, das ist der Rausch!
»He, Meister Rimphold, tapfern Gruß und Trunk! Ich bring' es Euch und Euerer werten Hausfrau!« ruft ein dicker Zecher, neue Ankömmlinge mit dem Becher grüßend.
»Dank' Euch, Meister Brinhard. Euer Wohl!«
»Ei, nehmt hier Platz; viel Schaf' in einem Schafstall,« lachte er, gegen die Ecke rückend.
»Wie wohl es tut, die frische Luft zu trinken, statt der Stadtluft,« sprach Meister Rimphold.
»Trink lieber Wein!«
»Ist auch nicht schlechte Wahl!«
»Was wißt Ihr neue Zeitung?«
»Just nichts Gutes. Das arme Würzburg!«
»Was meint Ihr damit?«
»Nun, was denn sonst, als jenes leidige Hexenverbrennen.«
»Ah,« rief Brinhard und stemmte seine Arme auf den Tisch, »das nennt Ihr leidig? Bei Gott, ich nicht! Seht, Rimphold, wenn ich Vogt oder Ratsherr wäre, ich ginge noch viel schärfer drein. 's ist ausgemacht und so gewiß, als über uns die Sonne scheint, daß Hexen, Zauberer und Unholde in ganz schrecklicher Menge Luft und Brunnen, Mensch und Vieh und Feld und Frucht verderben. Da ist's doch wahrlich gute Pflicht, dies Satansvolk zu verbrennen.«
»Woher wißt Ihr, daß es Hexen gibt?«
»Sagen's nicht die Richter und die weisen Räte?« gab dieser stolz zurück. »Also muß es wahr sein. Erlaubt, daß ich Euch das Ding genau erkläre. So ist die Sache. So eine eine Hexe werden will, ruft sie den Teufel. Der kommt, als Jäger meistens, macht den Handel ab, verlangt die Seele und einen Pakt, mit Blut geschrieben, und gibt dafür Gewalt, an Mensch und Vieh zu schaden. So ist's.«
»Glaub's nicht. Wo bliebe da unser Herrgott?«
»Was schiert ihn das? Will er es nicht hindern, daß ich ihn durch die Sünde verleugne, warum soll er mich hindern, daß ich des Teufels werde?«
»Hört, werter Meister, tut mir den Gefallen, und lasset den Gottseibeiuns aus unserer Rede! Mir ist's, als röch' ich Schwefel und atmete siedendheiße Luft.«
»Wir Ihr wollt. Aber das müßt Ihr mir zugeben, daß in unserer schönen Stadt schon lange kein so verdienstliches Werk geschehen als nun in unseren Tagen, da die Herren mit dem Hexenvolke kurzen Handel machen.«
Meister Rimphold schüttelte den Kopf und schaute trüben Blickes in seinen Weinbecher.
»Begreif' Euch wohl,« fuhr Brinhard eifrig fort. »Ihr seid gar weich gemütet, da tut Euch solches Morden weh. Aber gut und recht ist's doch, ich kann's Euch sagen. Es muß das schlimme Volk mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, sonst ist die ganze Welt verloren. So ist's!« Und trank den Becher leer.
»Hört mal die Kunde, die aus dem Bambergischen kam!« fuhr er wieder fort. »Da haben sie in Zeil in kurzer Zeit mehr denn hundert Menschen, darunter acht vom Rate, wegen Hexerei verbrannt. Item: Zwei Metzger -- denkt euch solche Bosheit! -- haben die Weide um Bamberg vergiftet, daß das Vieh elendiglich umkam. Dann haben sie der Leute Augen verblendet, daß sie das tot in die Stadt geschleppte Vieh für lebend hielten, haben das Fleisch verkauft und nicht wenig Menschen dadurch um Leben und Gesundheit gebracht. Was sagt Ihr jetzt zu solcher Kunde?«
»Erklärt mir erst, wie jene die Weide vergiftet haben und wie sie der Leute Augen blenden konnten?« warf Rimphold zweifelnd ein.
»Das ist ganz klar,« gab jener schnell zurück, »das taten sie durch Satanskunst.«
»Das ist, verzeiht mir, fades Gerede!«
»Sind aber doch justifiziert worden!«
»Das ist erst gar kein Beweis für solche Schuld.«
»Hört, Meister Rimphold, Ihr seid ganz schrecklich ungläubig!«
»Ich halte es mit dem Pater Spee.«
»Weiß schon, weiß schon,« eiferte Brinhard, »der junge Jesuiter meint, er wüßte allein, was Wahrheit ist. Will Euch was sagen. Mag sie alle nicht, sind ein gar stolzes Volk, die Jesuiter! Die hätten wohl aus unserem Würzburg wegbleiben können.«
»Wie mögt Ihr solches reden!« tadelte Rimphold.
»Sag's ich allein? Gewiß nicht! Ihr wißt nicht, was ich weiß. Die Räte und die Herren am Gerichte maulen schon ziemlich laut, man soll die Jesuiten weiterjagen. Stecken ihre Nase in alles, was sie nichts angeht, sogar ins Hexenwesen. Als ob sie davon nur ein Tüpfelchen verstünden! Gott steh' mir bei! Hätten wir nicht so kluge Räte und Richter, es wäre längst um uns geschehen.« -- --
-- -- Hinter den Häusern ist eine große Wiese, deren östliche Seite von einem sanft ansteigenden Hügel begrenzt wird. Hier hat der Jahrmarkt seine Genüsse für das tanzlustige und gaffende Volk ausgebreitet.
Einige zigeunerhafte Gestalten vollbringen eine schrille, quiekende Musik, zu der die Dirnen und die Burschen sich in wildem Tanze drehen. Dort raufen stramme Handwerksgesellen mit übermütigen Soldaten, bis der Büttel Ordnung schafft. In einem Winkel, überschattet von dem jungen Grün einer Buche, sitzt ein altes Weib. Vor ihr steht ein kleiner Tisch, und auf diesem liegt ein Pack grober Zettel.
»Kommt, Jungferchen,« ruft sie mit kreischender Stimme, »kauft Euch einen Zettel! So Ihr ^den^ im Hause habt, geschieht Euch alles, was Ihr wünscht, wär's noch so viel.«
Die Dirne schaut verlegen bald auf die Alte, bald auf die Zettel.
»Zeigt mir 'mal!«
Die Alte breitete ein Stück Papier aus. Auf demselben stehen folgende Buchstaben: