Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 15

Chapter 151,963 wordsPublic domain

Des Gestrengen Auge blitzte zornig auf.

»Was ist Euch?« fuhr Adolf Philipp verwundert fort. »Euer Blick widerstrahlt des Zornes Glut?«

»Der Pater ist mein Feind!« stieß jener heftig heraus.

»Euer Feind? Nein. Pater Spee ist niemandens Feind. Er ist ein Feind der Sache, die ihm böse scheint, doch Menschen haßt er nicht!«

»Ich hasse ihn!«

»Das ehrt Euch nicht!«

»Mein Fürst, verzeiht, Ihr seid hart. Wenn Ihr wüßtet, welche Flut von Leiden der Jesuit auf mich gehäuft, Ihr würdet mein Gefühl natürlich finden.«

»Natürlich, ja; doch christlich, nein! Ihr urteilt über Spee ganz irrig. Ihr wähnt, das Recht befände sich auf Euerer Seite, und jener irre; ^Ihr^ irret, und Pater Spee sagt Wahrheit.«

Der Oberschultheiß trat einen Schritt zurück. »Dann bleibt mir nichts mehr übrig, als Euerer Durchlaucht meine Stelle ehrerbietigst zu Füßen zu legen.«

Diese Worte waren mit einer vor Zorn und Ingrimm zitternden Stimme gesprochen.

»Gut!« antwortete der Fürst. »Ihr seid ein weiser Mann, Ihr gebt, ehe man von Euch verlangt.«

Der Gestrenge sah finster zu Boden.

»Also in Ungnaden entlassen,« murrte er halblaut. »Durchlaucht,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »Durchlaucht, das alles verdanke ich jenem Jesuiten!«

»Sprecht deutlich!«

»Der Spee hat mich bei Euch verdächtigt und mir die Sonne Euerer Gunst verdunkelt. Er hat mit seinem Worte Euch bestochen, Ihr solltet seiner Meinung sein, und mich stellt er als Mörder Eueres Volkes dar.«

»Weiter!«

»Er war's, der Euch geflüstert, die Nachwelt würde mit Verachtung unserer Zeit gedenken und der Richter, die auf Zauberer und Hexen schworen. Er hat Euch klar bewiesen -- wie eben Jesuiten alles klar beweisen, was sie wollen --, er hat Euch klar bewiesen, daß ich die Leute erst zu Hexen mache, und daß alle, die ich richten ließ, unschuldig starben.«

»Das saget ^Ihr^,« entgegnen Philipp Adolf lächelnd, »und Euerer Rede wohnt viel Weisheit inne. Doch Spee hat nicht vor mir gegen Euch gesprochen, seit jenem Abende, da ich ihn rufen ließ, um gegen Euere Meinung sich zu äußern. Ihr Herren müßt fürwahr nicht gar so kleinlich sein und glauben, daß, wenn in euerem Leben Mißgeschick sich findet, ein Jesuit dahinterstecke. Da seid ihr fast so klug wie das arme Volk, das hinter allem, was es nicht versteht, die Hexen und den Satan riecht.«

»Durchlaucht, Spee ist Euch gefährlich!«

»Ei, was Ihr sagt? Ich wollte, es wären es alle so wie er!«

»Er wiegelt Euer Volk auf!«

»Ich warne Euch, seid mit Euerer Rede vorsichtig!«

»Geht in die Stadt und schaut Euer Volk drin an! Finster brütend lebt es Tag um Tag im Kampfe mit sich selbst. Indes die einen sagen, es sei ein gutes Werk, daß wir die Hexen töten, murren laut die anderen und plaudern jenem Jesuiten nach und sagen, wir hätten nicht gerichtet, wir hätten gemordet; denn alle seien unschuldig dem Tode verfallen.«

»Ich glaube es nun selbst,« sprach Philipp Adolf mit dem Ausdruck bitteren Seelenschmerzes.

»Wächst die Aufregung,« fuhr jener fort, »nur noch ein geringes, so kann das Volk gar leicht zum wilden Tiere werden, das sich in seinem Grimme auf seine Quäler wirft und sie zerreißt. Und diese Gefahr ist so lange vorhanden, als Spee in Würzburgs Mauern weilt. Mein letztes Wort an Euch ist, Spee muß fallen!«

Ein Page trat unter die Türe und meldete, sich tief verneigend, der Pater Spee bitte, ihn zu empfangen.

»Ganz gut; er soll sogleich eintreten; Ihr, Oberschultheiß, bleibt!«

Spee grüßte den Fürsten ehrerbietig.

»Ich komme, Durchlaucht, Euch den Scheidegruß zu bringen; der nächste Morgen führt mich fort aus Euerer Stadt.«

»Spee,« rief Philipp Adolf mit der Miene schmerzlicher Überraschung, »Ihr wolltet wirklich von hinnen scheiden? O tut das nicht, ich bitte Euch!«

»Ihr wißt, hoher Herr, ich bin ein Jesuit, und Jesuiten leben strenge im Gehorsam ohne eigenen Willen. Meine Oberen gaben mir den Wanderstab nach Köln, ich nehme ihn freudig aus ihrer Hand.«

»Und warum so plötzlich?«

»Ich weiß für mich von keinem Warum. Euch, edler Fürst, kann ich die Frage lösen. Ich habe, sagen meine Oberen, mein Tagewerk getan, den Samen ausgestreut; die Ernte mögen andere in die Scheuern bringen. Dazu erkennen wohl meine Vorgesetzten, daß meines Körpers Kräfte fast verbraucht sind -- ein junger Greis mit weißen Haaren scheide ich aus Euerer Stadt, die ich als Mann in voller Kraft betreten.«

Der Fürstbischof sah mit einem Blicke dankbarer Liebe in das Auge des Jesuiten. Dann ging er auf ihn zu und ergriff dessen Hände und sprach: »Mein lieber Pater Spee! ich darf als Fürst euch nicht verhindern, dem angelobten Gehorsame treu nachzukommen. Scheidet denn in Gottes Frieden! Mein Dank, mein wärmster Herzensdank folgt Euch, wohin Ihr geht. Ihr habt, ein wahrer Priester der reinen Gottesliebe, mit freiem Mut für den Sieg der Wahrheit gekämpft.«

»Gott sei die Ehre, edler Fürst! Dankt, wenn ein Reis des Guten mehr in Euerer Stadt erwachsen ist, nicht mir, der ich nur ein Werkzeug bin, dankt Gott, dem Herrn und Meister. Ihr seid so gnädig, daß ich nun, ehe ich scheide, noch eine Bitte Euch tief ins Herz senken möchte. Ich bitte nicht für mich -- ich will und brauche nichts als meinen Gott, -- Euerem Volke soll meine Bitte gelten. Bekämpft, was ich mit aller Kraft bekämpfte, bekämpft den Hexenwahn! Ich weiß als Priester nur zu gut, daß die Dämonenwelt in unsere Welt herüberragt; ich leugne nicht den Satan und nicht dessen Macht. Doch was ich stets bestreite und bestritt, ist jener irre Glaube, der überall des Teufels Bündnis mit den Menschen sieht, wo Dummheit oder Bosheit ihm die Brillen leihen. Ich schwöre es Euch, von allen, die ich in des Kerkers düsterer Nacht besuchte, und die ihr ganzes großes Leid in meine Seele übertrugen, und die ich dann zum Scheiterhaufen führte, hat auch nicht einer jene Schuld auf sich gehabt. Ja, schuldlos sind sie gestorben, als Opfer eines Wahnes, und düstere Schatten bleiben sie für alle Zeit. Mein Fürst! seid groß und sprecht das Wort, das Euch stets ehren wird, sagt laut, Ihr ^wollet^ keine Hexen mehr -- ^dies eine Wort vernichtet sie^. ^Verbietet, daß man Hexen suche, und es wird sich nirgend eine finden^, verbietet, daß man Hexen richte, und rings in Eueren Landen wird kein Mensch im Bunde mit dem Satan stehen. O daß mein Ruf durch alle Lande tönte! Wehe Deutschland, so vieler Hexen Mutter! Was Wunder, daß es sich vor Gram die Augen ausweint, um sie nicht zu schauen! Daß alle mich rufen hörten: Wehe den Fürsten, die, statt Völkerhirten zu sein, die unmenschlichen Greuel unter ihren Schutz nehmen! Wehe den Richtern, deren Kastengeist aus den Hexenprozessen ein Privilegium und eine Erwerbsquelle gemacht hat! Und doch sollten sie die Schuld bedenken, mit der ein übereiltes Todesurteil das Gewissen belastet! Wehe jenen Rechtsgelehrten, die in ihren Büchern nur von Hexen und Zauberern sprechen, überall verbrecherischen Spuk erblicken und mit Gewalt zur Verfolgung anfeuern! O der Blindheit und Dummheit solcher Weisen! Da sitzen sie hinter dem Ofen in behaglicher Ruhe und hecken Kommentare aus. Sie selbst empfinden keinen Schmerz, reden aber viel von Qualen, die man den Unglücklichen antun soll, gerade wie ein Blindgeborener, der weise über Farben spricht. Auf sie kann man mit Recht des Propheten Amos Wort anwenden: Sie trinken Wein in Schalen, und mit dem Öle salben sie sich und kümmern sich nicht um Josephs Leiden. Aber setzt sie doch einmal nur ein halbes Viertelstündchen dem Feuer aus, dann werdet Ihr sehen, wie all ihre Weisheit und großmächtige Philosophie zusammenbricht. Sie philosophieren über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Und auch die Beichtväter müssen anders zu Werke gehen, als sie es bis jetzt getan. Sie müssen sich als Mittelspersonen zwischen ^Gott^ und dem ^Schuldigen^, nicht aber zwischen diesem und dem ^Richter^ betrachten. Die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten müssen dafür sorgen, daß der ewigen Zuträgerei, Ehrabschneidung und Verleumdung ein Ende gemacht wird, weil dadurch die christliche Liebe so tief verletzt, die Unschuld gefährdet und die Gerichte unsicher gemacht werden. Wehe! welche Strafe wird nicht allein die Richter, sondern auch die Beichtväter treffen, welche meinen Worten nicht folgen, nicht nur ihren Geist nicht anstrengen zum Erforschen, sondern auch darüber knirschen, daß sie unterwiesen werden.[Y] Gebt, hoher Herr, dem Volke den vollen, wahren Gottesglauben, laßt alle Kanzeln widerhallen von der Liebe des ^Gekreuzigten^, sorgt dafür, daß das Volk aus seinem dumpfen Brüten sich erhebe zum lebendigen Glauben wie zum vernünftigen Denken!«

»Mein fürstlich Wort lege ich in Euere Seele nieder,« sprach tiefbewegt der Fürstbischof, »daß Würzburg von nun an, solange Philipp Adolf hier das Zepter führt, nicht wieder unter jenen Greueln seufzen soll, die lange genug auf ihm gelastet. Mein Volk soll Gott erkennen und lieben lernen mehr und mehr, und seines Geistes Schwingen sollen frei sich erheben; die Nacht verschwindet, heller goldener Tag bricht an. Und einst, wann kommende Geschlechter dankend jene Stunde segnen, da hier der Bann des Hexenwahnes brach, so können sie dies nur, wenn sie auch dessen gedenken, der in unermüdlicher Liebe den Menschen Licht und Friede brachte, ^des wahrhaft edeln Jesuiten Friedrich Spee^!«[Z]

Inhaltsverzeichnis

Seite 1. Fahrendes Volk 5

2. In stiller Zelle 24

3. Jahrmarkt 35

4. Eine Hexe 50

5. Ein blindes Kind -- ein blinder Richter 68

6. Richterweisheit 87

7. Edle Menschen 105

8. Spürhunde 129

9. Der Jesuit im Gefängnis 147

10. Elsa und Edeltraut vor den Richtern 163

11. Der Richter im Gefängnisse 181

12. Das Elend und der Wahn wachsen 198

13. »Priester im Bunde des Satans« 217

14. Blutiges Morgenrot 234

15. Der Wahrheit Sieg 256

FUSSNOTEN:

[A] Eine der Hexerei angeschuldigte Frau wäre wegen ungenügenden Beweises freigesprochen worden, wenn sie nicht bei Pater Spee gewesen wäre. Sie hatte ihre Heimat verlassen, um sich mit dem Jesuiten zu beraten. »^Dadurch legte sie ihre Schuld an den Tag und erlitt mit vollem Rechte die Todesstrafe.^« _Cautio criminalis. Dub. XXVIII._

[B] _Spee, caut. crimin. Dub. VII._

[C] Der protestantische Superintendent D. E. D. Hauber sagt in seiner _Bibl. Magica III, 2_: »Unter anderen Mitteln, dieser schrecklichen Hexenverfolgung zu steuern und die Gewalt des Teufels zu hemmen, hat sich die göttliche Vorsehung besonders des Buches >_Cautio criminalis_< bedient und durch dasselbe nicht nur viele Gelehrte und Richter, sondern auch verschiedene Regenten also erleuchtet und zur Erkenntnis der bis dahin fast verborgen gebliebenen und, wo sie hervorscheinen wollte, unterdrückten Wahrheit geführt, daß sie von dieser Sache, der leiblichen Gewalt des Teufels und der vermeinten Hexerei, ganz andere Gedanken bekommen und der Hexenprozeß in verschiedenen Ländern eingestellt oder gemildert worden, ^welcher vielleicht ohne solches Buch^ noch viele Jahre gewährt und zum Verderben und Abnehmen des menschlichen Geschlechtes gewütet haben würde.«

[D] Hauber, _Bibl. Mag. II, 794_.

[E] Nach einem Horoskope aus Haubers _Bibl. Magica III, 771_.

[F] Hauber, _Bibl. Mag. III, 357_.

[G] Dieser Vorgang wie dessen Erklärung findet sich in Haubers _Bibl. Mag. II, 493_ ff.

[H] Haubers _Bibl. Magn. II, 497_.

[I] Hauber, _Bibl. Magica III, 808_.

[J] Im 28. Brande wurde ein Student hingerichtet, von dem es in Haubers _Bibl. Mag._ heißt... »so viel Sprachen gelernt und ein vortrefflicher Musicus _vocaliter_ und _instrumentaliter_.« _T. III, 810_.

[K] Rotwelsch -- aus eine Hexenprozesse von 1616. _Penopel_ = sage nichts. _Pendl spendl_ = wiederhole, was du gesagt hast. _Schienglei_ = die Herrn kommen.

[L] _Gestranzt_ = aufziehen bei der Tortur. _Genabist_ = geköpft, getötet.

[M] Alle diese Personen sind neben anderen Hunderten als Hexen und Zauberer angeklagt und hingerichtet worden.

[N] Diese boshafte Anklage wurden gegen eine nicht geringe Anzahl von würdigen Priestern erhoben und fand -- Glauben. In Würzburg allein wurden in wenigen Jahren 18 Geistliche als Zauberer verbrannt!

[O] Diese historischen Namen mögen hier genügen.

[P] Becher, Politischer Diskurs.

[Q] Einige Fürsten setzten für jede gerichtete Hexe den Richtern eine Geldbelohnung aus.

[R] Güldenes Tagebuch, _II_, 88.

[S] _Cautio Crim. Dub. XXX._

[T] _Cautio Crim. Dub. XV._

[U] _Vincentii Placcii Theatr. Anonym. Hamb._ 1708, 233 ff.

[V] _Cautio Crim. Dub. XXX._ 19.

[W] Spee, Trutznachtigall.

[X] _Spee, Cautio Crimin. Dub. XVI._ 3.

[Y] _Spee, Caut. Crim. D._ 29, 35.

[Z] In Würzburg hörten gleich nach Spees Abreise die Hinrichtungen auf. ^Diel^, Friedr. von Spee. 55.

Notizen des Bearbeiters:

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