Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 14

Chapter 143,782 wordsPublic domain

»Auf unseres durchlauchtigsten, gnädigsten Fürsten Befehl wird zu Recht erkannt, daß sämtliche hier anwesende Kinder ohne Ausnahme, dann die Jungfrauen Elsa Gering und Edeltraut Göbel, der Studiosus Heinrich und die Ammfrau Bernin wegen Bündnisses mit dem Teufel, ferner der Zuckerwastl, der Pappenheimer, der Neunaugen und die Streunerin Helena wegen eines Mordes und dringenden Verdachtes höchst verwerflicher Zauberei und Hexengemeinschaft zu der gewöhnlichen Richtstatt geführt und allda die Kinder an der Säule durch den Nachrichter vom Leben zum Tode stranguliert, auch alsbald die Körper mit dem Feuer zu Pulver verbrannt werden, die Erwachsenen aber bei lebendigem Leibe dem Scheiterhaufen übergeben werden sollen.«

Bei den letzten Worten nahm er den Stab aus des Kerkermeisters Händen, brach ihn entzwei, warf ihn den Verurteilten vor die Füße und verließ eiligst den Saal.

Warum fliehst du, der du dich Wächter des Gesetzes nennst, warum fliehst du und schaust nicht den Jammer, der deinen Worten folgt? Fehlt dir der Mut, die Klagen anzuhören, die steinerweichend über Kinderlippen fließen? Willst du nicht die Tränen sehen, die über edler Mädchen Wangen perlen, nicht sehen, wie der Schmerz ihre Augen erstarren macht und ihre Lippen bleicht? Und willst du nicht sehen den Jüngling, der sein Haupt dort an die Mauer lehnt und dessen Zunge des Fieberwahnsinns Sprache redet? Hast du nicht so viel Mut, das hoffnungsreiche Leben mit kaltem Auge anzuschauen, das du mit deinem Narrenrechte in den Staub getreten hast? Du hast wohl Furcht vor giftigen Blicken und jenen wilden Flüchen, die über heiße Gaunerlippen rollen und die zu Tod und Hölle dich tausendmal verwünschen? Du hast ja deine Pflicht getan, gestrenger Richter -- nun -- ^nun kannst du auch getrost dem Leid den Rücken wenden^!

-- Der Student lehnte noch immer an der Mauer, sein glühendes Haupt an den feuchten Steinen kühlend. Sein Denken war zerrissen, wie sein Herz zerfleischt in seinem Leibe blutete. Wilde, wirre Phantasien jagten durch sein brennendes Gehirn, und wieder war's, als griffen Engel in der wunden Seele Saiten und sängen drin die herrlichsten Akkorde.

Edeltraut war neben ihn getreten. Aus ihrem Auge strahlte die Sonne der Liebe.

»Heinrich!«

»Wer ruft mich?« fragte mit hohler Stimme der Student.

»'s ist die Edeltraut!«

Der Jüngling wandte sich rasch um.

»O Edeltraut, ^meine^ Edeltraut!« rief er, die Arme ausbreitend. »Du, Engel, bist wohl aus des Himmels Höhen herniedergestiegen, um meine Seele mit dir fortzunehmen! Nimm mich fort auf deinen reinen Schwingen, o bitte, bitte!«

Er sank zum Boden nieder und hob die Hände flehend auf.

»Hör' mein Leid! Ich trug einst ein reiches Hoffen in meiner Seele, dem Frühling gleich, der tausend Knospen schwellt. Es war so wundersüß! Ich hoffte, dich, reine Blume, an dieses Herz zu legen und dort so treu und warm zu betten. Die Hoffnung wuchs zur Seligkeit, da ich aus deinen Augen meiner Wünsche Himmel leuchten sah. Nie sprachst du ein Wort der Liebe zu mir -- es war ja besser, edler so. Wozu das Wort auch, wenn die Herzen ihre reiche Sprache reden! Da kam ein wilder Sturm verheerend über meine Hoffnung und brach die Knospen, und all mein Hoffen fiel wie welkes Laub vom Baume. Rings starrt der Tod, und da -- da, Edeltraut, am Morgen fange langsam auch ich zu sterben an. Noch bin ich nicht zu Ende mit dem Sterben, ein winzig Teilchen Leben kämpft noch mit dem Tode. Der Kampf wird bald zu Ende sein, die junge Sonne geht zur Rüste -- Abend wird's -- dann tiefe Nacht im Grab!«

»Wir sterben miteinander!« schluchzte Edeltraut.

»Du? du mit mir?« stammelte Heinrich, und aus seinen stieren Augen dämmerte der neu erwachende Wahnsinn.

»Am Scheiterhaufen!«

Der Jüngling schüttelte das Haupt. »Das begreife ich nicht, daß Engel sterben.«

»Sie haben mich als Hexe zum Feuertode verdammt.«

Des Jünglings Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, seinem Munde entströmte glühender Atem. »Dich, dich,« rief er, »nennen sie eine Hexe! Ja, ja, ich fühl' es, die Welt dreht sich im wirren Wahnsinnswirbel, nur ich allein bin frischen, heilen Geistes. Du, eine Hexe -- haha ha --«

Er stieß ein gräßliches Lachen aus. Dann hielt er seine Hand vor die Lippen und flüsterte: »Sei klug, mein Kind, und breite deine Schwingen und flieh hinauf hoch über alle Sterne! O flieh, flieh, die Erde ist so voll des Schmutzes und der Schande, daß sie nicht Lilien auf ihrem Boden tragen kann.«

»Ich kann nicht fliehen, teurer Heinrich; und könnte ich auch, ich möchte nicht. Ich sterbe gerne, sterbe ich doch mit dir. Gott wird uns gnädig seinen Himmel öffnen und dort in seiner Liebe unsere Liebe segnen. Leb' wohl, mein Freund, auf Wiedersehen im Jenseits!«

Sie reichte ihm die beiden Hände. Der Jüngling ergriff sie mit Inbrunst und ließ seine glühende Stirne aus ihnen ruhen. »Leb' wohl, mein Herz, mein Lieben und mein Hoffen; du Blume Gottes, lebe wohl! -- -- Du scheidest, wie der Tag, der tief in Feuergluten seine letzte Stunde hüllt, um dann als schönerer Morgen der Erde tauige Tränen aufzuküssen! -- -- Leb' wohl -- ich sterbe gerne, freudig des Lebens letzten Rest, -- auf Wiedersehen bei Gott!«

Edeltraut entzog ihm leise ihre Hände. Er schien es kaum zu fühlen. Gleich einem Marmorbilde kniete er, das Haupt geneigt, und seine Seele trank Entzücken.

-- -- Die dem Tode Geweihten wurden von dem Kerkermeister nach ihren Gefängnissen zurückgebracht. Als Edeltraut und Elsa in ihren Kerker traten, fanden sie dort Pater Spee.

»Ich bringe euch den Leib des Herrn,« sprach er, auf das Kreuz an seiner Brust zeigend, in dessen Mitte sich das Heiligste befand.

»O, Gott ist gut, unsäglich gut mit uns,« rief Elsa und sank anbetend auf die Knie.

»Nun, Kinder, reinigt euere Seelen von jedem Makel durch das Beichtgericht. Hat auch der Erde Verderben keinen Teil an euch, so denkt, daß auch der Reinste nicht vor Gott besteht, wenn sein Erbarmen nicht den letzten Hauch der Sünde von uns nimmt!«

-- -- -- »Ich arme Sünderin« -- -- --

»Gott sei mit dir, -- mit euch! Mit euch sein Friede!« sprach der Priester und reichte beiden Mädchen den Leib des Herrn.

-- »Nun laßt den letzten Schmerz ums Irdische vernarben, ihr traget Gott in euch; noch eine Stunde, eine lange, lange, und ihr schaut den in seiner Herrlichkeit, der in des Brotes demutsvoller Hülle euch im Kerker zum reinsten Troste geworden! Zaget nicht, zittert nicht, ihr lieben, reinen Tauben! Zum Himmel auf geht euer Flug, ^zum Schauen euer Glauben^!« --

Pater Spee hatte auch die übrigen Kerker besucht, um überall den gleichen Himmelstrost zu spenden; doch ward derselbe nicht von allen gerne angenommen. -- Der Student zeigte sich innigst dankbar für den Empfang dieser Gottesgnade, auch der Zuckerwastl nahm den Pater freundlich auf. Die übrigen aber wiesen ihn mit unbeugsamem Trotze von sich. Gott habe sich nie um sie bekümmert, meinte Helena; nun wolle sie auch nichts von ihm wissen und trage gar keine Sehnsucht nach ihm; es sei ihr ganz gleichgültig, ob sie zum Teufel fahre oder nicht; sie finde dort jedenfalls bessere und vornehmere Gesellschaft, als sie je auf Erden gehabt.

Auch der Neunaugen ließ sich nicht aus seinem blöden Brüten aufrütteln, während der Pappenheimer die ganze Laune seines Spottes über Gott, Glaube und Priestertum ausgoß. Wenn ihm der Pater Spee denn doch noch einen Gefallen erweisen wolle, so möge er sich von ihm den Hals umdrehen lassen, denn er hoffe sicherlich, die beste Aufnahme in der Hölle zu finden, wenn er erst einen Jesuiten geschunden habe.

Spees Herz blutete ob der hartgesottenen Verstocktheit dieser armen Menschen, die mit vollem Bedachte einem zweifachen Tode entgegengingen. Alle seine innige Liebe blieb unverstanden, all sein flehendes Bitten unerhört, alle Hinweisungen auf einen barmherzigen wie auch einen gerechten Gott fanden nur eine höhnende Antwort.

Herzzerreißend war der Kinder Jammer und Klage, als Spee auch bei ihnen eintrat. Es bedurfte langer Zeit, ehe ihn sein eigener Schmerz jene Worte der tröstenden Liebe sprechen ließ, von denen seine Lippen sonst so herrlich überflossen.

»Kinder, ihr kommt zu Gott!« das war der beste Trost, den der Priester den jungen Seelen geben konnte. Und endlich kam auch in die Kinderherzen stille Ergebung; wohl mag auch des Schmerzes lange ertragenes Übermaß die zarten Seelen ermüdet haben, so daß sie, wenn auch stille weinend, doch gottergeben zu des Priesters Füßen von ihrer Himmelsheimat sich süße Worte sagen ließen.

Edeltraut und Elsa hatten, ehe sie dem Tode verfielen, noch eine schmerzenschwere Viertelstunde zu bestehen. Beide Mädchen lagen betend auf den Knien, als deren Väter zu ihnen in den Kerker traten. Edeltraut warf sich mit dem ganzen Ungestüm ihrer hocherregten Seele in ihres zitternden Vaters Arme und schluchzte, als wollte ihr das Leid das arme Herz abstoßen.

»O Vater, Vater!« stöhnte sie, das Haupt an seine Brust bergend, »o bete, daß mich Gott an deinem Herzen sterben läßt. O diese eine -- eine Gnade soll mir Gott erzeigen! Ich will ja gern mein junges Leben sterben lassen, und alles, was ich hoffte -- liebte, mit mir zu Grabe tragen, aber lebend von den Flammen aufgefressen werden -- an jedem Gliede tausend Todesqualen leidend -- dieser Gedanke ist so unfaßbar gräßlich, daß mir das arme, von Leiden totgehetzte Herz im Leib erstarrt!«

»Ich kann dir, armes, teures Kind,« sprach mit tränenerstickter Stimme der alte Göbel, »keinen Trost geben als Gottes reiches Erbarmen. Es wird deine Leiden kürzen, Edeltraut, und deine reine Seele wird der weißen Taube gleich sich zu den Himmeln schwingen. Mein Kind, ich bin so eigen ruhig gestimmt. Ich weiß, daß du mir stirbst und mit dir meines Lebens höchste, letzte Freude welk zur Erde fällt, und dennoch klage ich nicht. Ich fühle es an meiner Herzensuhr; sie schlägt die letzten Viertelstunden; dann bricht auch dieses morsche Räderwerk in Stücke, und bald folge ich durch des Todes Pforte dir zu einem schöneren Leben.«

-- Elsa hing lange Zeit an ihres Vaters Hals und tauschte mit ihm der scheidenden Liebe heißen Kuß. Dann aber entwand sie sich seiner Umarmung und kniete nieder. »Nun deinen Segen, teuerer Vater! Mit ihm will ich hinübergehen zu meinem Gotte. Ist doch der Elternsegen des Kindes herrlichster Geleitsbrief, wenn es vor Gott erscheint. Und nun noch meines ganzen großen, treuen Herzens vollen Dank für deine Vaterliebe. Sie war mein Licht, mein Trost und meine reinste Freude in der Nacht des Lebens. Du warst so innig gut mit deiner armen blinden Elsa, und was dein reiches Herz an Liebe an sich trug, war mein schönster Reichtum. Ich gehe zu Gott -- ich sage es mit Seligkeit! -- Ist auch die Pforte grauenvoll und begleitet tiefstes Weh den letzten Lebensschritt, so kennt doch meine Seele keine Furcht. Ich gehe zu Gott, und wenn ich dort den ersten Blick ins tiefe Meer der Gottesliebe schaue, dann, Vater, wird deine Elsa betend sprechen: »O guter, großer, lieber Gott, mir lebt auf Erden einsam trauernd ein treues Vaterherz. Tröste und segne es und gib ihm aus dem Schatze deiner Liebe reichen Lohn für all das Gute, das seine Hand an mir tat.« -- Und also will ich beten, bis der Tag gekommen, an dem ich mit lautem Jubel drüben an der Schwelle des Himmels dich begrüßen kann. Dann, Vater, dann hat alles Leid ein Ende und jede Träne wird zur Seligkeit! Noch einen Kuß, ein Kreuz von deiner Hand auf meine Stirne, dann sage deinem Kinde gute Nacht -- auf Wiedersehen!«

Die Zeit der Hinrichtung war gekommen. Sämtliche zum Tode Verurteilten waren in Totenhemden gekleidet und bestiegen die für sie bereitgehaltenen Wagen.

Pater Spee saß auf dem ersten derselben inmitten der armen Kinder, die weinend und schluchzend sich um ihn drängten. Auf einem zweiten befanden sich Elsa und Edeltraut, wieder auf einem andern die alte Ammfrau Bernin und der Student, beide von der Nacht des Wahnsinns umschattet, und endlich auf dem letzten der Pappenheimer, der Zuckerwastl, der Neunaugen und Helena. Der Zug hatte sich in dem großen Hofraume des Gefängnisses geordnet und bewegte sich nun durch das enge, finstere Tor hinaus aus die Gasse. Ein Fähnlein Landsknechte eröffnete denselben. Die langgezogenen Töne einer Trompete schnitten durch Mark und Bein. Darauf folgte hoch zu Roß der Oberschultheiß, das Todesurteil zusammengerollt in seiner Linken, indes die Rechte die Zügel hielt. Hinter ihm gingen Schergen und der Henker, und diesen folgten die einzelnen Wagen mit den Verurteilten. An den letzten schlossen sich die Mitglieder der Armenseelenbruderschaft betend an. Zu beiden Seiten schritten enggeschlossen Stadtsoldaten mit gezückten Schwertern.

Erst war es tiefstille, als der Zug ins Freie kam, als wäre jeder Laut erstarrt, bald aber brach ein lautes Schluchzen aus, das immer mehr zur herzzermalmenden Klage anschwoll, und dem sich das neugeweckte Weinen der Kinder anschloß. Es war, als zitterten nicht nur alle Menschenherzen vor Leid und Gram, sondern als zöge auch ein geisterhafter Wehruf durch die Luft und hallte von den Häusern wider. Ein leiser Regen fiel hernieder, es waren Tränen des Himmels!

Kein Auge blieb trocken, auch die Wangen der härtesten Männer netzte des Schmerzes bitteres Naß. Nur der Oberschultheiß überschaute mit kaltem Blicke, dem kein Mitgefühl innewohnte, die drängende, klagende Menge. An der Ecke der Domstraße staute sich der Zug. Dort stand, in sich versunken, der alte Bildschnitzer Meister Gothard an die Mauer gelehnt. Des Greises graues Haar hing wirr um die faltenschwere Stirne, und aus den Augen brannte ungesöhnter Haß.

Als der Zug, sich langsam vorwärts wälzend, um die Ecke bog, da trat der Bildschnitzer vor, fest, mit ruhigem, sicherem Schritte, ging auf den Oberschultheiß zu, hielt die Zügel von dessen Pferd an und rief mit lauter Stimme: »Bluthund von einem Menschen, sei verflucht! Dich, aller Henker schlechtesten, sollen die Teufel ewig quälen, und schon auf Erden soll deine Seele keine Ruhe finden! Gleich giftigen Schlangen sei dir dein Gewissen, ein jeder Bissen, den du issest, wandle sich in Unrat, und jeder Tropfen Wassers, den du auf deine Zunge bringst, schmecke nach Menschenblut! Wachend soll dich aller Menschenhaß verfolgen, und deine Träume sollen dir die Teufel malen. Und wenn du stirbst, soll kein Priester dir zur Seite stehen, und bist du tot, kein Kreuz die Stätte zeichnen, wo dein elendes Herz verfault. Geh' hin, du Satan, geh' und morde deine Opfer, geh', und sei verflucht!«

Sprach's und trat zurück unter die Menge, die einen schützenden Wall um ihn schloß. Der Oberschultheiß saß weiß wie eine Leiche und starr vor Schrecken auf seinem Rosse, den Blick zu Boden geschlagen.

In demselben Augenblicke stürzte ein junges Weib händeringend und mit aufgelösten Haaren durch die Soldaten nach dem Wagen, auf welchem die Kleinen saßen, und rief mit einer Stimme, wie sie nur dem höchsten Mutterschmerz eigen ist: »Mein Kind, mein Kind, o gebt mein Kind mir wieder!«

Dabei klammerte sie sich mit der Macht der Verzweiflung an den Wagen, da die Soldaten den Versuch machten, sie loszureißen und fortzuführen. Plötzlich verließ die Ärmste alle Kraft, sie brach zwischen den Rädern zusammen, die Pferde zogen zu gleicher Zeit den Wagen an, -- er ging der Mutter übers Herz. Sterbend hob man sie vom Boden auf, sie warf noch einen Blick nach ihrem Kinde, flüsterte dessen Namen und schloß das brechende Auge für ewig! -- --

»Vorwärts!« herrschte der Gestrenge in höchster Erregung und trieb den Zug zur Eile an. Fürchtete er doch, es möchte sich das Volk zuletzt in Masse auf die Wagen stürzen und die Gefangenen befreien. Und fürchtete er wohl nicht auch für sein Leben, das dem Fluche verfallen war?

Endlich langte der Zug auf der Richtstätte an. Die Kinder wurden von starker Henkershand vom Wagen gerissen, unter den Galgen gebracht, jedem eine Schlinge um den Hals gelegt, ein Zug am Stricke -- und -- --

-- -- Die Feder will den Dienst versagen! --

Inmitten des großen Planes waren fünf Scheiterhaufen aufgerichtet, mächtig groß. Aus jedem ragte ein starker Pfahl empor. Die zum Tode Verurteilten wurden auf die einzelnen Scheiterhaufen geführt, auf denen sie enden sollten.

Pater Spee ging noch zu einem jeden, reichte das Kreuz zum Kusse und segnete alle mit der ganzen Inbrunst seiner heiligen Liebe.

»Mut, Mut, liebe Kinder,« sprach er, »Gott ist euch nahe; euere Unschuld --«

Der Oberschultheiß trat glühend vor Zorn auf den Pater zu.

»Ein Wort noch wenn Ihr von Unschuld redet, lasse ich Euch gefänglich abführen!«

»Sie sind unschuldig,« sprach mit ruhiger, fester Stimme Spee und trat von den Gefangenen zurück.

Die Opfer bestiegen die einzelnen Scheiterhaufen.

»Laßt mich mit Elsa sterben!« flehte Edeltraut den Henker an.

Dieser nickte Gewährung, half den beiden Mädchen auf einen gemeinsamen Holzstoß und band sie darauf an den Armen und Füßen um den Pfahl fest.

Und nun ward Feuer an die einzelnen Scheiterhaufen gelegt. Das Reisig, das zwischen den großen Holzstücken lag, loderte knisternd auf, und bald züngelte die Flamme um die Füße der armen Opfer. Die Rauchwolken ringelten sich erst in Wirbeln auf, dann wuchsen sie zur mächtigen Säule, deren schwarze, qualmende Wolken von den roten Flammen schauerlich durchzogen waren.

Ein leiser Aufschrei und ein Seufzer, namenlos wehklagend, drang zitternd durch die Luft.

»Elsa -- Edeltraut!« riefen zwei Väter schmerzlich aus -- und wankten zu dem Scheiterhaufen.

»Edeltraut... Geduld, mein Kind... ich komme ... nur noch... ein paar müde... letzte Herzensschläge ... o Gott ... sei gnädig ... Amen!«

Tot sank er nieder! Sein Herz war gebrochen, seine Seele flog mit der seines Kindes gegen Himmel.

Der alte Gering stürzte in stummem Schmerze über der Leiche seines Freundes zusammen. Der Gram hatte ihn zwar nicht getötet, aber die Kräfte seiner Seele wie seines Leibes waren gelähmt.

* * * * *

Nacht ist's, dunkle, finstere Nacht.

Das Feuer der Scheiterhaufen ist erloschen, fünf Häuflein Asche kennzeichnen den Platz, an dem menschlicher Wahnwitz »im Namen des Gesetzes« zum ewig verächtlichen Mörder geworden war.

Rings tiefe Stille! Zuweilen schreit ein Käuzlein, und Raben krächzen um den Galgen, an welchem die Kinder hängen, und unter dem zwei Henkersknechte finster brütend sitzen.

»Hat es noch nicht die zwölfte Stunde der Nacht geschlagen?«

»Ja.«

»So schneide die Kinder ab und wirf ihre Leichen dort auf den frischen Scheiterhaufen. Die Nacht ist kalt und schwarz, frisch vorwärts, daß der Haufen brennt, mich friert an Leib und Seele!«

Und bald züngeln neue Flammengarben in rotem Scheine durch die Nacht zum Himmel auf -- o Würzburg, deine Kinder sind's, die nun zu Asche brennen!

-- -- Im Namen des Gesetzes! -- --

* * * * *

15. Kapitel: ^Der Wahrheit Sieg^

Die Aufregung der Bewohner Würzburgs hatte den höchsten Grad erreicht! Spees Wort -- sie sind unschuldig, hatte den aufgehäuften Zündstoff außerordentlich vermehrt. Man stritt überall über die Schuld oder Nichtschuld der Gerichteten, beide Ansichten wurden mit der äußersten Hartnäckigkeit verfochten, die zuletzt geradezu in unheilbare Erbitterung auszuarten drohte.

Zu dieser bittern, gereizten Stimmung kam noch die tiefe Trauer um die Gerichteten. Alle die Angehörigen der armen Opfer waren der Gegenstand tiefsten Mitleides, das in der wohlgemeinten Geschäftigkeit fortgesetzten Tröstens den Schmerz nicht vernarben ließ. Die ohnehin schon traurigen Vorgänge jenes verhängnisreichen Richttages wuchsen im Munde des Volkes von Stunde zu Stunde an Schauerlichkeit, und statt daß Schmerz und Leid sich in ergebender Demut Trost an den Stufen des Altares und in der stillen Zurückgezogenheit der Familie geholt hätten, wurden sie nimmerruhend vom Volke hin und her gezerrt und die Wunden stets neu zum Bluten gebracht.

Acht Tage nach der Hinmordung seiner Tochter Elsa starb auch der alte Gering. Ein Schlagfluß hatte ihn gerührt, und in Spees Armen hauchte er seine müde Seele aus. Ein seliges Lächeln lag auf des Alten Angesicht erstarrt, da man ihn zu Grabe trug. Eine ungeheure Menschenmenge gab seiner Leiche das Geleite, und ward auch viel um den Gestorbenen gebetet und geweint, so ward noch mehr gemurrt. Man sah auch in ihm, und nicht mit Unrecht, ein Opfer jenes Hexengerichtes, das viele verfluchten und verwünschten.

Spee hielt auf besonderen Wunsch des Verstorbenen, den dieser schon früher geäußert hatte, die Grabrede. Er schilderte mit ergreifenden Worten die Vorgänge der jüngsten Zeit und suchte nicht nur Balsam in die wunden Herzen, sondern auch Friede und Versöhnung in die aufgeregten Gemüter zu träufeln. Der Erfolg war nur ein teilweiser. Während sich wirklich bei vielen der wilde Schmerz in stille Ergebung kehrte, benutzten die Feinde Spees einige Äußerungen desselben, sie verdrehend und schärfend, um neuerdings gegen die Jesuiten aufzureizen.

Bei der stets wachsenden Schärfung der Gegensätze gelang dies auch nicht unschwer; will doch das Volk für alles und für jedes, was ihm mißfällt, einen persönlichen Sündenbock haben. Und je mehr die einen an Pater Spee hingen, ihn liebten und verehrten, weil er sich der armen Hexen so mutig und liebevoll angenommen, desto mehr haßten und verfolgten ihn die anderen aus dem gleichen Grunde.

Am tätigsten war der Haß des Oberschultheißen, der den ganzen Ingrimm, den die jüngste Zeit in ihm angehäuft hatte, auf den Pater Spee zu entladen geschworen hatte. Sooft der Gestrenge sich auf öffentlicher Gasse sehen ließ, durfte er gewiß sein, den verschiedensten Demütigungen und Zeichen tiefster Verachtung ausgesetzt zu sein; und so sehr des stolzen Mannes harter Sinn dadurch tödlich verletzt wurde, so freute er sich doch andererseits wieder dieser Beleidigungen, weil sie ihm stets neue Waffen boten, den ihm verhaßten Jesuiten zu stürzen.

Der Aktuarius tat sein möglichstes, um unter dem Volke den Namen des Pater Spee und dessen Wirken zu verdächtigen; der Oberschultheiß besorgte dies in den höheren und einflußreicheren Kreisen. Und mit Erfolg! Denn wo fänden sich nicht solche, die mit Freuden die hilfreiche Hand bieten, wenn es sich darum handelt, einen Menschen zu verderben!

Als er seine Minen in ausreichender Zahl gelegt zu haben glaubte, ließ er sich beim Fürstbischofe zur Audienz melden.

Der Fürst empfing ihn kalt.

»Es scheint, wir haben beide viel gelitten, seit wir uns das letzte Mal gesehen,« sprach Philipp Adolf, den prüfenden Blick fest auf den Oberschultheiß richtend.

»Mir wird die Last zu schwer, Durchlaucht,« entgegnete der Gestrenge finster schauend. »Ich habe nicht darum mein ganzes langes Leben dem Schutze und der Pflege des Rechtes geweiht, um nun als Greis ein Gegenstand des Hohnes und der Verachtung zu sein. Auf offener Straße spuckt mir das Volk vor die Füße und nennt mich Mörder und Henker. Bluthund hat mich ein Mann geschmäht und mich verflucht vor allem Volke, mit einem Fluche, daß mich seitdem alle Ruhe flieht.«

»Ich weiß davon, ich weiß!« unterbrach der Fürst.

»Um so mehr werden fürstliche Durchlaucht meine Klage wie meine Bitte gerechtfertigt finden,« erwiderte nicht ohne scharfe Betonung der Oberschultheiß.

»Soweit ich kann, recht gerne, mein Werter; aber sagt mir, wer hört des Fürsten Klage, wenn er den Gram, der ihn tief drückt, in fremde Herzen schütten will? Wer ist's, der zum Throne hinansteigt und sagt, ich tröste dich? Und glaubt Ihr nicht, es hätte auch mein Fürstenherz in diesen Tagen die schwerste Sorge heimgesucht? Der schönste Glanz, womit ein Fürst sich schmücken kann, sind treue Räte, die zu Recht und Wahrheit stehen. Alle andere Herrlichkeit ist eitel Hohn! Ich kann mich nicht des Glückes rühmen, daß meine Räte mir die Wahrheit sagen. Nur einer war's, der treu zum Rechte stand, und dieser war nicht unter meinen Räten, sein Rat war gut, ich sehe es, doch leider viel zu spät.«

Der Oberschultheiß schwieg und schaute den Fürsten mit fragendem Blicke an.

»Ihr wollt den Namen wissen? Recht gerne willfahre ich Euerem Wunsche. 's ist Pater Spee. Das ist mein bester Freund und Rat.«