Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 13

Chapter 133,692 wordsPublic domain

»Guten Morgen, Herr Aktuarius!« grüßte er. »Die Gestrengen gehen heute frühe ans Tagewerk. Wie ich gehört habe, kommen diesen Morgen die zwei Priester an die Reihe, die im Schneidturme gefangen sitzen.«

»Ganz richtig,« bestätigte mit Amtsmiene der Aktuar; »die zwei Priester und der Student.«

»Das junge Studentenblut könnte mir fast leidtun,« meinte der Henker, die Folterbank prüfend.

Der Aktuar zuckte mit den Achseln. »Mir tut kein Mensch leid, der in unsere Hände fällt.«

Der Henker lachte grinsend. »Hätte es mein Lebtag nicht gemeint, daß ich so vornehme Kundschaft bekäme. Da seht mal den prächtigen Daumenschrauben! Ob der nicht ein ganz kostbares Handwerkszeug ist! Und all die anderen schönen Sächlein! Es ist eine wahre Lust, die eisernen und spitzigen Dinger zu sehen.«

Vom Dome her schlug die Glocke die achte Morgenstunde. Der Henker zog sich zurück, der Aktuarius begab sich an seinen Tisch, und alsbald trat der Gestrenge, begleitet von seinen Räten, in den Saal. Sein Blick begegnete fragend dem des Aktuars, der mit leichtem, bejahendem Kopfnicken antwortete.

»Die Delinquenten!« befahl der Oberschultheiß.

Nikodemus Hirsch, der Chorherr im neuen Münster, und Christophorus Barger, Vikarius an derselben Kirche, wurden den Richtern vorgeführt.

»Ihr Herren seid angeklagt,« begann der Gestrenge, »mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die alte Ammfrau Bernin hat, peinlich gefragt, über euch ausgesagt, ihr hättet nicht wenige Kinder getauft: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, ganz besonders im Namen des Teufels. Die armen Kinder seien dadurch der Macht und Gewalt des bösen Feindes anheimgefallen und somit das schändliche Übel der Zauberei und des Hexenunwesens gerade durch euch in besonderem Grade gefördert und gestärkt worden. Was sagt ihr nun zu solcher Anklage?«

»Daß sie falsch ist.«

»Ich habe diese Antwort erwartet,« entgegnete der Oberschultheiß mit Geringschätzung, »obwohl es Priestern besser anstünde, die Wahrheit zu sagen, als zu lügen. Freilich,« setzte er mit schneidendem Hohne bei, »wer mit dem Teufel in Geschäftsverbindung steht, pflegt sein Gewissen auf keine Goldwage zu legen.«

»Herr,« sprach der Chorherr mit einer vor Entrüstung bebenden Stimme, »was gibt Euch ein Recht, in solcher Weise mit Priestern zu sprechen? Ihr scheint zu verdammen, ehe Ihr gerichtet habt, Ihr sprechet mit voller Gewißheit von dem, was Ihr nicht wißt, noch wissen könnt. Fürwahr, die Flut der Schmach steigt hoch, wenn sie selbst das Priestertum in ihre schmutzigen Wellen hinabzieht, und mit der Schmach steigt auch das Elend, das erdrückend auf uns lastet. Mich decken graue Haare, und lange Zeit ist's her, daß mir der Bischof weihend seine Hände auf den Scheitel legte. Was er mir dort als heilige Pflicht auf meine Seele band, und was ich Gott mit vollem Herzen geschworen, habe ich durch vierzig volle Jahre treu gehalten. Ich bin nicht frei von Sünde, auch meine Seele glitt zuweilen einen Augenblick, denn der Gerechte selbst bleibt nicht frei von jedem Fehl; doch daß ich meinen Eid durch böse Tat verleugnet, daß ich die Treue, die ich Gott gelobt, dem Teufel zugewendet hätte, daß ich das hohe Amt, die pflichtenschwere Würde, die mir Gott gegeben, im Dienste des Satans führte, daß ich die armen Kleinen, die man zur Entsühnung von ererbter Schuld mir gebracht, daß ich der Taufe heiligen Quell auf sie ergösse und sie zu Kindern Gottes machte -- statt meiner Pflicht zu walten, dem Teufel weihte: das, Herr, ist ein Wort, so unsagbar abscheulich, daß es nur in der Hölle tiefster Tiefe seine Heimat hat. Und wie für mich, so spreche ich auch mit gleichem Mute, weil mit gleichem Rechte, für die Unschuld meines Freundes, der hier vor euch als Angeklagter steht. Sein Leben liegt gleich einem offenen Buche vor meinen Augen, und was in seiner Seele sich an Sturm und Sonnenschein gefunden hat, wir lebten es gemeinsam: kein Geheimnis liegt fremd zwischen uns, ja selbst der Zweifel, der des einen Geist bewegte, ward in des andern Seele übertragen, daß er dort seine Lösung finde. Ich schwöre es für mich und ihn bei Gottes heiligem Namen und bei unserer Seelen Seligkeit, daß wir keinen Teil an dem Verbrechen haben, dessen man uns zeiht.«

»Und wenn ich Euch nicht glaube?« fragte der Oberschultheiß mit einer Stimme, in der auch nicht eine Spur von Gefühl lag.

»Wer kann Euch dazu zwingen, wenn nicht die Ehre und die Pflicht?« rief Barger mit jugendlichem Feuer. »Wir haben nichts, das wir Euerer Anklage entgegensetzen könnten, als unser Wort und unser reines Gewissen. Das Wort mögt Ihr verachten, dazu habt Ihr Gewalt und einen Schein von Recht. Doch wenn Ihr wagt, mit Euerer Henkershand auch des Gewissens Heiligtum anzutasten, dann wehe Euch! Den Leib mögt Ihr töten, Ihr tragt das Schwert; doch dem Gewissen sprecht nicht Hohn, Ihr schändet sonst den Staat, den Ihr vertretet, die Macht, die Euch verliehen ist!«

»Denkt an die Folter!« mahnte abgewandten Angesichts der Richter.

Der alte Chorherr ließ sein Auge auf den Marterwerkzeugen, die ihm zur Seite lagen, ruhen. »Die Folter,« sprach er, »ist menschlicher Verirrung ärgste Ausgeburt. Seit die Folter in das Buch der richterlichen Weisheit eingeschrieben ist, seit jener Zeit spricht man von Zauberern und Hexen, und jenes Marterwerkzeug, mit dem Ihr einen selbstgeschaffenen Feind besiegen zu können hofft, ist eben jenes Feindes Ursprung. Seid ehrlich, schafft die Folter ab, und Euer Hexenwahn zerfällt in nichts. Es ist ein tiefbeschämendes Schauen, wenn man die Menschheit nach so langem Ringen, ja wenn man die, die unterm Kreuzesschatten stehen, bei dem Wahnwitz einer Folterbank stillstehen sieht, als habe sie damit der Wahrheit und dem Rechte, der Menschenwürde und Gerechtigkeit den sichern Thron erbaut. Ihr Toren, die ihr glaubt, der Satan habe ungehinderte Gewalt über Gottes schönstes Werk, den Menschen; ihr Frevler ohne Glauben, die ihr meint, ein Teil der Menschheit stünde gegen den andern mit dem bösen Geist im Bunde; ihr, die ihr mit euerer Blindheit Gott vom Throne stoßet, ihm das Zepter seiner Macht entreißet und den Teufel damit schmücket; ihr, die ihr keine Ahnung davon habt, wie weit die Gottesmacht steht über Teufelsmacht; ihr, die ihr Hexen schafft, um sie zu töten -- geht aus der Welt mit eueren Marterwerkzeugen, nehmt euer peinliches Gesetz und Recht mit euch, und holder Friede kehrt wieder und all der Wahn von Hexentum und Teufelsherrschaft bricht in sich zusammen. Wohlan, mögt ihr vor Gott am Jüngsten Tag so leicht bestehen ob euerer Richtermacht, die ihr jetzt übt, wie hier mein Freund und ich vor Gott bestehen werden vor dem Ewigen der Kinder wegen, die wir in Gottes Namen tauften, und an denen der Satan keinen Teil hat! Ja, wenn die Welt das wäre, was euer Wahnsinn aus ihr macht, wenn selbst der Priester das Sakrament der Entsündigung zum Teufelsdienst mißbrauchte, dann möchte ich selbst vom Himmel Feuer erbeten, daß es die Welt verzehre. Ihr Herren habt noch viel mehr Schiffbruch am Glauben gelitten, als die, welche ihr mit stolzem Sinn und kaltem Herzen auf euere Scheiterhaufen werft. Fangt wieder an, Gott zu erkennen und seiner Macht wie seiner Liebe unbegrenzte Allgewalt, verweist den Teufel dorthin, wohin sein Fluch ihn bindet, in die Hölle, glaubt wieder, was die Kirche lehrt, und nicht, was euch -- verzeiht das Wort, es ist das einzig wahre -- was euch die Dummheit in die Seele predigt.«

»Ihr seid verstockt; so mögt ihr mit der Folter euch abfinden!« sprach finster der Gestrenge.

»Nein,« entgegnete mit Würde der Chorherr, »nein, Ihr sollt nicht zu der Schmach, die schwer genug schon auf Euch lastet, auch die noch fügen, daß Ihr an den Gesalbten des Herrn Euch vergreift. Wir würden auf der Folter Euch dasselbe sagen, was Ihr als Schwur aus unserem Munde gehört, das Zeugnis unserer Unschuld. Glaubt Ihr dem ^Schwure des Priesters^ nicht, so fügt Euch selbst nicht jene Schmach zu, daß Ihr der ^Folter^ glaubtet. Könnt Ihr nach dem, was Ihr Gesetze nennt -- die Nachwelt wird es als rohe Macht bezeichnen -- uns nicht der Freiheit und der Ehre wiedergeben, so laßt uns heute noch sterben. Doch ladet nicht auf Euch den Fluch, die Hand an die Gesalbten Gottes gelegt zu haben. Laßt die Folter!«

»Ihr beharret also fest darauf, daß ihr ohne Schuld seid?«

»Ja!«

»Und seid bereit zu sterben?«

»Jeden Augenblick!«

»Auch ohne den gewohnten Gang des Rechtes?«

»Wo es kein Recht gibt, läßt sich leicht darauf verzichten, des Unrechts Stufengang an sich zu erproben.«

Der Gestrenge sah lange Zeit in tiefem Ernste vor sich nieder. Es lag wie Bitterkeit, wie tiefste Scham auf seinem Antlitze. Aber bald erstarrte jeder Zug zur alten Härte, das graue, stechende Auge blickte mit ungeschwächter, kalter Ruhe nach den Priestern, und ohne Beben sprach der Mund das Urteil.

»Macht euch mit euerem Gott fertig! Der nächste Morgen ist der Abend eueres Lebens.«

Einen Augenblick standen die beiden Priester wie gebannt; dann aber breiteten sie die Arme und umfingen sich.

Der Henker trat herzu, legte seine Hände auf ihre Schultern -- sie waren ihm verfallen!

Nach einer kleinen Pause ward auch der Student, den man bereits zu wiederholten Malen dem peinlichen Verhöre unterzogen hatte, vorgerufen. Aus dem frischen, lebensvollen Jünglinge war ein wankender Greis geworden; durchlebt man doch im Kerker in einer Stunde Jahre! Wie immer, so blieb er auch jetzt auf dem Bekenntnisse seiner vollen Unschuld. Und als der Richter sagte, des Studenten außerordentliche Kenntnis vieler Sprachen und seine herrliche Musik seien der deutlichste Beweis seines Bündnisses mit dem Teufel, denn alles dieses sei auf unnatürliche Weise von ihm erworben, da hatte der Jüngling als Antwort nur ein wehmütig mitleidiges Lächeln.

»Laßt mich sterben,« sprach er -- »laßt mich sterben gleich der Blume, die des Frühlings Pracht geahnt hat. Ob sie voll den Kelch erschlossen, ob die Sonne sie geküßt, ob der Mond ihr still gelächelt und die Sterne sie beschaut haben; oder ob sie knospend und ungekannt welkte, was liegt daran! Drüben in der wahren Heimat blüht sie neu zu schöner Pracht. Laßt mich sterben!« --

-- Der Oberschultheiß stand im Vorzimmer des Fürstbischofs. Ein Heft Akten ruhte in seiner Hand, aber diese zitterte. Ein Zug tiefen Unbehagens strahlte aus seinen Augen. Ein Page saß in einer Ecke und spielte mit dem Lieblingshunde des Fürsten.

»Glaubst du wohl, daß ich noch lange warten muß?« fragte der Gestrenge den Knaben.

»Kann nicht dienen, Gnädiger,« antwortete dieser, ohne übrigens sein Spiel zu unterbrechen. »Euer Gestrengen täten überhaupt besser daran, heute nicht auf einer Audienz zu bestehen, wenn es nicht unbedingt sein muß.«

»Warum?«

»Warum? Seine fürstlichen Gnaden geruhen heute sehr ungnädig zu sein.«

»Sehr unangenehm!«

»Nicht wahr? Ich finde das auch. Um Vergebung, Euer Gestrengen, sind diese Papiere in Eueren Händen Todesurteile?«

»Ja.«

»Hm, ich hätte mir das auch ungefragt denken können. Ich hatte noch nie die Ehre, Euer Gestrengen ohne Todesurteil zu sehen. Das gibt Euch ein ganz schauerliches Ansehen. Ich denke mir, die Leute in der Stadt müßten Euer Gestrengen so sehr fürchten, daß alles in die Häuser läuft und sich versteckt, wenn Ihr über die Straße geht.«

Die Glocke des Fürstbischofs unterbrach des Pagen Gespräch. Der Oberschultheiß ward zur Audienz befohlen, und er trat mit einer tiefen Verbeugung in das Prunkgemach.

»Dringende Angelegenheiten?« fragte der Fürst, an einem Marmortische stehend und den rechten Arm auf dessen Platte stützend.

»Zu dienen, Durchlaucht, sehr dringende Angelegenheiten.«

»Nun, und?«

»Hexenangelegenheiten!«

Der Fürstbischof fuhr ungeduldig auf und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab. Sein sonst so wohlwollendes Antlitz hatte sich in tiefen Unmut gehüllt.

»Immer und immer diese traurigen Hexenprozesse! Wann wird endlich einmal in dieser Sache Ruhe werden?«

»Wann die letzten Hexen ausgerottet sind.«

»Und wann wird das sein?«

»Ich hoffe bald. Sind erst diese gefallen, deren Todesurteil nur der Bestätigung Euerer Durchsucht bedarf, so wird dem Malefizgerichte wenig mehr zu tun übrigbleiben.«

»Und wenn ich nicht unterzeichne?«

Der Oberschultheiß zog die Achseln in die Höhe. »Durchlaucht möchten sich wohl zuletzt doch dazu gezwungen sehen, die Urteile zu unterzeichnen.«

»Gezwungen?« rief der Fürst voll Erstaunen. »Und von wem gezwungen?«

»Von den Verhältnissen und von dem Volke. Gerade die Hexen und Zauberer, deren Akten ich Euerer Durchlaucht unterbreite, sind von einer so ausgeprägten Bosheit, daß jede Stunde Verzug neue Gefahr bringt.«

»Aber Spee sagt, alle jene, die in Euerem Kerker liegen, seien keine Hexen.«

»Durchlaucht, der Jesuit führt mit seiner irrigen Meinung eine solche Verwirrung und Aufregung der Gemüter herbei, daß ihm entweder Stillschweigen geboten werden muß, oder ich sehe mich gezwungen, mein Amt zu dero Füßen niederzulegen.«

»Spee wird nicht schweigen; seine Seele glüht für das, was er als Recht und Wahrheit erkannt hat.«

»Dann muß er aus der Stadt!«

»Oberschultheiß, ich sage, was geschehen muß, und sonst niemand! Wohl verstanden!«

»Zu Befehl, Durchlaucht! Nur bitte ich, mich gnädigst aller Verantwortung zu entheben, wenn das Volk in seiner Aufregung die Grenzen des Erlaubten überschreitet.«

»Was meint man damit?«

»Aufruhr, Durchlaucht.«

Der Fürst sah nachdenklich vor sich nieder.

»Ist das Wahrheit, was Er mir sagt?«

»Volle Wahrheit!«

»Die Akten!« befahl der Fürstbischof, trat an einen Tisch und durchlas die Berichte. Sie waren ganz im Geiste des Hexenwahns abgefaßt, jeder tolle Verdacht als Wahrheit hingestellt und Beweise von Schuld angeführt, die wahrlich nicht existierten.

»Ich kann mich nicht überzeugen,« sprach Philipp Adolf.

»Ich bürge für die Wahrheit,« entgegnete der Oberschultheiß.

»Mit Euerem Gewissen?«

»Mit meiner Seligkeit!«

Der Fürstbischof schritt zum Tische; mit zitternder Hand schrieb er seinen Namen unter das Todesurteil der alten Bernin, der armen Kinder, der beiden Priester, des Studenten, der Gauner von Heidingsfeld und unter das von -- Elsa und Edeltraut.

Triumphierend verließ der Oberschultheiß den Fürsten, dieser aber brach auf einem Stuhle zusammen und weinte bitterlich.

14. Kapitel: ^Blutiges Morgenrot^

Im Hofe des Schneidturmes herrschte noch am selben Abende, da der Oberschultheiß mit den Todesurteilen vom Fürstbischofe geschieden war, ein hastendes, geräuschvolles Leben. Der Henker stellte in einen Winkel einen Block zurecht, der überreiche Blutflecken an sich trug; dann brachte er aus einer Gewölbekammer zwei sargähnliche Truhen, die ebenfalls schon Spuren häufigen Gebrauches zeigten; an den Block lehnte er sein langes Richtschwert, nachdem er es zuvor noch ein paarmal prüfend in der Luft geschwungen hatte.

Der alte Kerkermeister stand etwas abseits und sah den Vorbereitungen des Henkers mit trübem Auge zu.

»Um neun Uhr, Alter?« rief der Henker.

Der Angeredete nickte stumm mit dem zitternden Haupte und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Morgen wird es heiß hergehen,« fuhr der Henker fort; »so viele auf einmal sind noch nie von mir zur Richtstätte geführt worden. Sind ja an die Dreißig, die verbrannt werden!«

»Und alle unschuldig!« setzte der Kerkermeister mit einer vor Erregung zitternden Stimme bei.

»Oho, Alter, das Heidingsfelder Gaunervolk wird doch nicht unschuldig sein!« lachte der Henker.

»Insoweit sie der Zauberei angeklagt sind, sind auch sie ohne Schuld.«

»Schau, Alter, das gilt mir ganz gleich. Ich frage nicht, warum, ich frage nicht, ob schuldig oder unschuldig; schenkt mir das Gericht einen Missetäter, so tue ich mein Amt, und damit Punktum!«

Der Kerkermeister schüttelte den Kopf.

»Mir geht das Ding tiefer zu Herzen als dir. Ich habe meinen Dienst gekündigt. Morgen gehe ich.«

Der Henker blickte verwundert auf.

»Du bist wohl nicht bei Trost, daß du von deinem guten Brote laufst, und gar jetzt noch in deinen alten Tagen.«

»Gutes Brot!« rief der Kerkermeister mit bitterem Lachen. »Gutes Brot, an dem das Blut der Unschuldigen klebt! Nein, lieber sterbe ich Hungers, als daß ich noch länger in diesem Schanddienste bleibe.«

»Und wohin gehst du?«

»Fort, weit fort aus dem würzburgischen Lande. 's ist ein Schmachland geworden!«

Vom Toreingange her tönte ein Glöckchen. Pater Spee trat, die heilige Wegzehrung tragend, von einem dienenden Knaben begleitet, in den Hof. Der Kerkermeister warf einen Blick tiefen Schmerzes nach dem Jesuiten und schritt ihm dann voraus, um ihm das Gefängnis des Chorherrn und des Vikars zu öffnen. Dort waltete nun der Pater seines erhabenen Amtes und bereitete zwei Seelen zum Gange in die Ewigkeit. --

Es schlug vom Neumünster her die neunte Abendstunde, und die übrigen Glocken der Stadt fielen ein. Dann läuteten sie von allen Türmen das Ave; aber es klang heute so wehmütig und freudearm, als klagten all die Glocken tiefes Leid zum Himmel.

Aus einer Türe des Turmes trat ein stillernster Zug. Voran ging der Kerkermeister, ihm folgte Spee, begleitet von dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger. Die drei Priester beteten mit lauter Stimme den Psalm _Miserere_. Ihr Antlitz war ruhig, und eine himmlische Ergebung lag darüber ausgegossen.

Der Henker ließ, auf sein Schwert gestützt, den Zug an sich herankommen. Als die Priester neben dem Blocke standen, trat er an sie heran, reichte jedem die Hand und sprach: »Verzeiht dem Henker, wenn er an euch seines Amtes waltet!«

»Du bist ein braver Mann,« sprach Nikodemus Hirsch, jenem die Hand drückend. »Wir scheiden in Liebe und Frieden.«

Und nun knieten die Priester vor Pater Spee nieder. Ihre gefalteten Hände zitterten, die Häupter waren tief zur Erde gebeugt. Mit bebenden Lippen beteten sie nochmals das _Confiteor_. Jedes Wort des demütigen Gebetes war von Glaube und Ergebung durchglüht.

Spee breitete seine Hände segnend über sie. »_Misereatur vestri omnipotens Deus_ -- -- --«

Und nun erhoben sie sich.

»Wir sterben unschuldig und ohne Groll im Herzen. Pater Spee, Gott möge Euere Liebe Euch vergelten! Auf Wiedersehn im Paradies!«

Ein langer, heißer Kuß aufs Kreuz -- ein Blick voll Sehnsuchtsglut nach oben -- ein im Mondlicht aufblitzender Schwertstreich, und nun noch einer -- rings am Boden heißes, dampfendes Blut, und in ihm zwei Leichen! --

Der Henker legte die entseelten Körper der Priester in die Truhen. Es war das erstemal in seinem Leben, daß ihm Hand und Herz bebten und eine Träne in seinem Auge stand. Spee besprengte die Leichen mit geweihtem Wasser und betete das _De profundis_. Dann hoben zwei Knechte die Truhen auf einen Wagen, und nun ging es in langsamem, traurigem Zuge hinaus durch die Stadt nach dem Richtplatze, wo bereits ein großer Scheiterhaufen errichtet war. Auf diesen wurden die Leichen gelegt und dann das Holz angezündet. Bald züngelten die Flammen hinauf und hüllten alles in Feuer und Rauch.

Blutrot sah der Mond vom nächtigen Himmel zur Erde nieder, verhängnisvoll leuchtete des Scheiterhaufens Flamme von der Anhöhe hinab in die Stadt, und alle, welche die züngelnde Lohe und den schwarzqualmenden Dampf, der wie eine dunkle Säule zum Himmel aufstieg, sahen, beteten ein stilles, schmerzliches Gebet für die Gerichteten.

Und als es Mitternacht war, da erloschen die Flammen, und nur ein Häuflein Glut leuchtete noch durch die Nacht. Und als auch dieses erstarb, war es Morgen geworden -- der Morgen eines schrecklichen Tages.

Der Tod der beiden Priester durchlief wie eine Schauermäre am frühen Tage die ganze Stadt. Allenthalben stieß man auf ängstlich flüsternde Gruppen und Mienen voll Trauer und Gram. Besonders aber unter der Geistlichkeit war der Schmerz ein ebenso großer als gerechter; denn die beiden hingerichteten Mitbrüder hatten als fromme und liebenswürdige Männer die Hochachtung und aufrichtige Verehrung aller genossen. Man begriff sehr wohl, daß die geheime Hinrichtung weniger eine Rücksicht auf den Stand der armen Priester, als eine Tat der Vorsicht war, da die öffentliche Enthauptung und Verbrennung von Geistlichen leicht zu schlimmen Volksauftritten, mochten sie sich nun gegen die weltliche Obrigkeit oder gar gegen den Priesterstand richten, hätte führen können.

Weniger, ja gar keine Rücksichten glaubte man dagegen bei der Urteilsvollstreckung an den übrigen Gefangenen hegen zu müssen. Im Gegenteile. Der Tag und die Stunde der Massenhinrichtung ward mit Absichtlichkeit in Würzburg bekannt gemacht. Es sollte möglichst viel Volk Zeuge des schrecklichen Schauspieles sein, und zugleich sollte der Menge durch Entfaltung aller richterlichen Macht neuerdings tiefste Ehrfurcht vor dem Malefizgerichte beigebracht und der teilweise bereits wankend gewordene Glaube an Hexen und Zauberer neu bestärkt werden.

Es war ein trüber Morgen, der über der Stadt brütete. Der Himmel war von fliegendem Gewölke umzogen, das sich zuletzt zu dunkeln Massen anstaute und regenschwer über Würzburg hing. Das Licht des wachsenden Tages war dämmerig, die Luft feucht und kalt, und stoßweise fegte ein brausender Westwind durch die Gassen.

Die Kirchentüren standen schon am frühesten Morgen weit offen, und die heiligen Räume waren unablässig von Betenden gefüllt, welche einem frommen Gebrauche gemäß vor dem hochwürdigsten Gute für jene zu Gott flehten, welche heute dem Tode durch den Henker verfallen sollten.

Immer dichtere Menschenmassen wogten nach der Gegend des Schneidturmes hin und drängten sich dort um das alte, finstere Gebäude. Kein froher Scherz, kein heiteres Lachen tönte aus der Menge heraus; allenthalben war Trauer und aufrichtiger Schmerz sichtbar, und über viele Wangen perlten Tränen, von tiefem Mitleide mit den armen Opfern geweint.

Es mochte die achte Morgenstunde sein, als der Oberschultheiß, begleitet von zwei Bütteln, am Schneidturme erschien. Er hatte seine volle Amtstracht angetan und schritt mit unvergleichlichem Stolze durch die drängende Menge.

»Platz gemacht!« rief er einigen Bürgern zu, die ihm den Weg versperrten.

Murrend traten diese auseinander.

»Der Oberhenker!« brummte ein Grobschmied. -- »Herrgott, ^der^ wenn ein Stück Eisen wäre und ich hätte ihn auf meinem Ambos!«

Kein Mensch grüßte den Gestrengen. Überall, wohin er blickte, begegnete er finsteren, feindseligen Mienen. Er atmete hoch auf, als er unter den Torbogen des Schneidturmes trat und dort vom Aktuarius mit einem tiefen Bücklinge empfangen wurde.

»Das Volk scheint mir eine etwas bedenkliche Haltung anzunehmen,« sprach der Oberschultheiß in leisem Tone zum Aktuarius und ließ sein Auge langsam und prüfend über die Menge gleiten.

»Ah bah! sie schauen finster,« antwortete dieser verächtlich. »Das ist auch alles, wozu sich der Witz und Mut dieser Leute aufzuschwingen vermag. Lassen wir ihnen das wohlfeile und unschädliche Vergnügen!«

»Und doch möchte ich die Sache ernster nehmen als Ihr. Es sind noch zwei Stunden bis zur Hinrichtung, Zeit genug, daß das Volk aus finsterem Brüten zu lauter Auflehnung übergehen könnte. Ich beauftrage Euch daher, ein wachsames Auge auf die Leute zu haben, und sobald Ihr etwas Verdächtiges bemerkt, mir sogleich Mitteilung zu machen.«

Nach diesen Worten trat er in des Kerkermeisters Stube.

»Sind alle Gefangenen, die ich bezeichnete, im untern Saale versammelt?«

»Ja, Euer Gestrengen,« antwortete abgewandten Gesichtes der Alte.

»Ihr habt uns ja den Dienst gekündet?«

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil ich nicht Mördern dienen will!«

»Alter, ich warne Euch!«

»Und ich danke Euch nicht darum.«

»Aber wovon wollt Ihr in Eueren alten Tagen leben?«

»Von der Schande gewiß nicht!«

»Ihr seid ein mürrischer Kopf!«

»Aber ehrlich, Herr!«

»Vorwärts!«

-- In einem niederen, mit Quadern belegten Saale waren die vorgerufenen Delinquenten versammelt. -- Nur die armen Kinder hofften, man werde sie nun endlich einmal ihren Eltern wiedergeben, die Erwachsenen ahnten nur zu sehr, warum man sie hieher berufen.

Der Oberschultheiß trat ein, gefolgt vom Kerkermeister, der einen Stab trug. Er räusperte sich und las: