Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 12

Chapter 123,794 wordsPublic domain

»Ehrerbietigen Gruß, Euer Gestrengen!« rief der Spittlmeister vom Dietericher Tor, ein gar gelehrter Mann mit einer allzeit frohen Lebensader, dem Eintretenden entgegen. »Laßt es Euch an meiner Seite belieben! Was wollt Ihr trinken? Frankenwein Krankenwein, Neckarwein Schleckerwein, Rheinwein fein Wein. Herrgott, am besten wäre es, es tränke einer alle drei!«

»Ei, ei, macht Euch der Wein schon wild?« neckte der Oberschultheiß mit kaltem Lächeln.

»I bewahre; wollte mir der Wein zu wild werden, ich schlüge ihn mit der Wasserstange. Übrigens drei Kannen für einen Mann, wie ich bin! Hei, seht nur mein Bauchfäßlein an und sagt, ob nicht Wein genug Platz hat.«

»Und der Kopf?« fragte der Gestrenge, mit voller Würde an seiner Kanne nippend.

»Der Kopf? sagt Ihr. Seht, der arme Schädel sitzt den ganzen Tag über den Büchern und brütet Weisheit, daß es ganz erstaunlich ist. Will es aber Abend werden, so geht mir richtig immer das Öl in der Hirnlampe aus, und gösse ich nicht Wein auf, weiß Gott, ich würde trotz all meiner Weisheit in einem Jahre wieder so dumm, als ich war, da mir meine selige Mutter zum dritten Geburtstage Schläge gab, weil ich ihre liebste Katze halbtot geschunden habe. Herr, der Wein ist an sich selber gut; trinkt ihn aber ein Mensch ziemlich und mit Maß, so schärft er den Verstand. So ist's! Komm, alter Junge,« rief er in seliger Weinlaune, »komm und sag' mir was ins Ohr!« Dabei setzte er die Kanne an den Mund, trank, stieß sie auf den Tisch und sprach: »Der Wein allein schon beweist, daß es einen Herrgott im Himmel geben muß.«

Der Oberschultheiß konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, als er diese Rede seines Nachbars hörte.

»Ihr seid ein glücklicher Mann,« sprach er, bedächtig mit dem Zeigefinger an seiner Kanne auf- und abfahrend. »Freilich, Ihr wißt kaum, was Sorgen heißen; aber ich kann davon erzählen.«

»Ja, ja, Euere Hexen, nicht wahr, lassen Euch nicht ruhig schlafen,« neckte der Spittlmeister.

Der Gestrenge sah ihn mit einem Blicke voll Erstaunen an.

»Was wißt Ihr?« fuhr er seinen Nachbar an.

Dem aber lachte der Schelm aus den Augen.

»Ei, ich weiß alles,« versetzte der Spittlmeister. »Wenn Ihr den ganzen Tag hinter Eueren Blutakten gesessen seid und kommt nach Hause, so schleichen Euch ein Dutzend Hexlein nach; und legt Ihr Euch zu Bette und vermeint schlafen zu können, so kommen sie über Euch im Traume und quälen Euch zum Lohn dafür, daß Ihr mit ihnen so unbarmherzig verfahret.«

Des Oberschultheißen Augen ruhten stechend auf dem Spittlmeister.

»Hört,« sprach er, »Euere Rede ist vermessen oder verdächtig.«

»Am Ende haltet Ihr mich auch für einen Hexenmeister,« spottete der Spielmeister. »Weiß Gott, man dürfte schier ein Hexenmeister sein, um in diesen Zeiten noch den frohen Sinn aus all dem Elende zu retten, das uns umgibt!«

»Hm,« knurrte der Gestrenge. »Heutzutage kann man von keinem Menschen wissen, wer und was er ist. Denkt an Edeltraut und Elsa; haben diese nicht für die tugendhaftesten Jungfrauen unserer Stadt gegolten und haben sich dennoch als ganz gefährliche Hexen entpuppt?«

Der Spittlmeister trommelte Sturm auf dem Tische mit seinen dicken Fingern. Auch die übrigen Gäste wandten ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Gespräche der beiden zu, um so mehr, als die Hexenbrände das ganze Interesse der Bewohner Würzburgs in Anspruch nahmen.

Am Ende der Tafel saß ein großer, feister Mann. Das rötliche, kurzgeschnittene Haupthaar war schon stark mit Grau untermischt; unter der gebogenen Nase hing, den Mund verdeckend, ein gewaltiger Schnurrbart, den der Alte beständig zwischen den Fingern drehte. Eine schlecht verharschte Narbe zog sich vom rechten Ohre über den Backen nach dem Mundwinkel, die von starken Brauen beschatteten, katzenartigen Augen waren von einer durchbohrenden Kraft. Der heruntergekommene Anzug ließ den ehemaligen Feldhauptmann erraten, einen Menschen, halb Soldat, halb Bramarbas, in Summa aber ein kecker Geselle.

»Alle Wetter,« schrie er mit seiner schnarrenden Baßstimme, »Herr Oberschultheiß, ich habe so etwas gehört, als wollte Euch ein Pfäfflein von den Jesuitern in Euerem Handwerk unbequem werden. Hm, nette Leute das, die Jesuiter! Was? Will Euch was sagen. Der Gescheiteste von euch zweien ist der dritte, das bin ich. Der eine glaubt zuviel an unsern Herrgott, der andere zuviel an den Teufel. Ist beides Unsinn. Ich glaube an mich und für den Augenblick an meine Kanne Wein; ist diese leer getrunken, glaube ich auch nicht mehr an sie, bis sie der Wirt wieder gefüllt hat. Das ist Lebensweisheit, und alles andere ist Narretei. Aber begierig wäre ich doch, wer von euch den andern unterkriegt, Ihr den Spee oder der Spee Euch. Ist wahrlich schade, daß ihr um des Kaisers Bart streitet, und Ihr, Gestrenger, Euere Schrift mit Blut schreibt und mit Menschenasche bestreut; Ihr solltet eigentlich das Ding mit dem Schwerte ausmachen, gäb' ein herrlich Schauen, euch im Kampfe zu sehen.«

Des alten Haudegen plumpe Rede fiel wie ein grober Steinhaufen unter die Gäste. Niemand antwortete. Da räusperte sich gar behutsam eine spindeldürre, hektische Gestalt, ein Aktuarius in Ehren und in Nöten, und sprach:

»Ich möchte für den Augenblick ganz davon absehen, wer in besagter Hexenfrage recht behält. Wollte ich nach den Grundsätzen wahrer Aufklärung urteilen, so müßte ich sagen, der Jesuit hat recht; allein ich halte dafür, daß ein Jesuit auch dann, wenn er das Rechte will, es nie aus guter Absicht will, und daß man allzeit am besten tut, nein zu sagen, sooft ein Jesuit ja sagt. O,« rief er und legte gar gelehrt den Zeigefinger an die Nase, »o, ich sage, man sollte lieber die Hexen sein lassen und auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten. Haben wir sie gebraucht und gerufen? Nein! Wir haben genug an den anderen Mönchen in unserer Stadt. Und was nützen sie? Kaum hatten sie sich ihr Nest warm gerichtet, waren sie auch schon die Herren von ganz Würzburg. Ich rede gar nicht davon, daß sie das Frauenvolk ganz in ihrer Gewalt haben, aber denken die Herren an unsere Studenten, welch verschrobene, andächtige Köpfe aus ihnen gebildet werden! Und die Wissenschaft? Es ist geradezu zum Lachen, was die frommen Jesuiter unter Wissenschaft verstehen, und wieviel sie davon gnädigst zu naschen gestatten. Sie sind wahre Schergen aller freien Forschung. Mit ihrem thomistischen _Distinguo, nego, concedo_ ersticken sie den letzten Funken selbständigen Denkens. Freilich brauchen sie für ihre Zwecke keine Denker, sondern willenlose Maschinen, und daß sie diese sich aus unserer Jugend heranziehen, ist ebenso wahr als traurig. Darum meine ich, man sollte vor allem auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten, ehe man sich mit untergeordneten Fragen befaßt.«

Der junge Mann ließ seinen Blick triumphierend über die Versammelten schweifen, gleich als wollte er mit voller Genugtuung den Eindruck seiner Rede in einem in sich aufnehmen.

»Herr Aktuarius,« platzte da der Spittlmeister vom Dietericher Tore heraus, »was schwatzt Ihr da für Unsinn! Hätte gemeint, wer als Student Jesuitersuppe gegessen hat, sollte nicht in die Schüssel speien, aus der er sein Futter geholt hat. Wenn die Jesuiter just aus Euch keinen hellen Kopf gemacht haben, so bedankt Euch dafür nur bei Euch selbst. So. Und was Ihr von Vertreibung der Jesuiter meint, das ist, mit Vergunst, barer Blödsinn. Ihr, Herr, solltet Euch mit vernünftigerem Denken befassen und nicht daherschwatzen, als sei Euch ein Rad im Hirnkasten gebrochen.«

»Haut ihn nur gleich in die Pfanne,« rief der Feldhauptmann. »Was ist's, wenn der Aktuarius die schwarzen Raben nicht mag? Mag sie auch nicht leiden, und wäre es mir just ganz lieb und angenehm, so sie aus Stadt und Land davonflögen.«

»Wenigstens einzelne,« ergänzte der Oberschultheiß. »Wenn so zum Beispiele der Pater Spee auf die eine oder andere Weise veranlaßt werden könnte, unsere Stadt zu verlassen, und zwar recht bald, so wäre das ein gar großer Gewinn für uns.«

»Das sehe ich nicht ein,« stritt der Spittlmeister entgegen. »Der Spee ist gerade ein rechter Segen für unsere Stadt. Alle Achtung vor den andern Priestern, aber nennt mir einen, der mit solch rastloser Aufopferung sich der Armen und Kranken annimmt, der so eifrig im Beichtstuhle und auf der Kanzel ist wie unser Spee? Der Mann ist aus reiner Gottesliebe zusammengesetzt, und ich kann gar nicht begreifen, warum gerade der Spee aus Würzburg fort sollte. Oder ist er Euch, Gestrenger, vielleicht unbequem, weil er nicht so dick an Hexen glaubt als Ihr? Ja, ja, in dem Punkte mag er Euch ein wenig im Lichte stehen; ist aber wahrlich kein geringes Verdienst von dem jungen Priester, der Wahrheit auch dann Zeugnis zu geben, wenn man allein gegen viele steht. Übrigens halte auch ich es in der Hexensache mit dem Spee. Ich weiß nicht, hat der edle Mann mehr Verstand oder mehr Liebe, aber Weisheit und Wahrheit ist es, was er gegen das Hexenwüten sagt. Ja, gestrenger Herr, wenn der Spee nicht wäre, Ihr brenntet uns zuletzt noch Stadt und Land aus.«

Der Oberschultheiß schoß Blitze auf den Sprechenden.

»Hätte nimmer geglaubt,« höhnte er, »daß ein reifer Mann so Ungereimtes reden kann. Es mag Euch um des genossenen Weines willen nicht zu hoch angerechnet sein, was Ihr gesprochen. Doch warne ich Euch in Freundschaft vor dem Pater Spee und vor dessen Verteidigung.«

Das war dem Spittlmeister nun zu viel. Voll Zornes fuhr er von seinem Platze auf und maß den Gestrengen mit stolzem Auge.

»Ihr, Herr, vergesset, wer ich bin, und daß Ihr gar kein Recht besitzt, hier guten Rat auszuteilen. Behaltet den für Euch, sonst müßte ich Euch zum Danke auch einen Rat erteilen, der Euch aber weniger zur Ehre gereichte als mir der Euere. Ich habe Euch wohl durchschaut; glaubt mir, was Ihr vermögt, vermag ein anderer auch noch. Und da Ihr Euch einen besonderen Zorn und Grimm auf Pater Spee einbildet, so wisset, daß mit nächstem Morgengrauen mein Weg mich zu dem Jesuiter führt, um ihn zu warnen, und dann zum Fürstbischofe, um auch mit ihm ein ehrliches Wort zu reden.«

Ohne Abschiedsgruß schied der brave Mann aus der Schenkstube. Fest, wie sein Sinn, war auch sein Schritt, und so hochauf auch seine Seele flammte, in seinem Wesen blieb er ruhig und gemessen.

»Wollt Ihr mich begleiten, Herr Aktuarius?« fragte der Oberschultheiß, seinen Mantel umhängend.

»Es soll mir hohe Ehre sein,« antwortete dieser und öffnete dem Gestrengen die Türe.

Und draußen sann über der vieltürmigen Stadt des Himmels nächtige Sternenpracht, wie eine Mutter an der Wiege eines schlummernden Kindes sinnen und Liebesträume denken mag. All die ungezählten flimmernden Lichtäuglein waren wie Gottesgrüße, die zur Erde niederschauten, ein so unendliches _Sursum corda_ für reine Herzen! Zwischen den Türmen des Domes brannte in mildem Silberfeuer des Mondes Sichel, ein Wächter überm Heiligtume, ein Lichtkuß vom Himmel auf die Wohnung des eucharistischen Gottes.

Im Schatten einer Kirche standen zwei Männer in flüsterndem Gespräche. Der Nachtwächter hatte sie angetreten und zum Nachhausegehen ermahnt.

»Schert Euch zum Teufel!« war die kurze Antwort, die er erhielt. Ein Oberschultheiß durfte schon sagen, was in eines einfachen Bürgers Mund sehr verbrecherisch geklungen hätte.

»-- Warum nicht?« fuhr der Aktuarius flüsternd im Zwiegespräche weiter. »Man muß eben nicht so engherzig sein und Beweise verlangen, wo einfache Verleumdungen denselben Dienst tun. Man hängt dem Manne etwas Ergiebiges an, hundert gegen eins, er geht, d. h. seine Obern versetzen ihn.«

»Ganz gut,« entgegnete der Oberschultheiß mit teilweiser Befriedigung; »aber was hängt man dem Pater Spee an? Ich gestehe aufrichtig, daß, so sehr ich diesen Mann hasse, ich doch keinen wunden Fleck an ihm finde, an dem sich -- 's ist ein elendes Wort -- an dem sich die Verleumdung kristallisieren könnte.«

»Ist auch nicht notwendig,« gab der an Leib und Seele Fadenscheinige zurück. »Wir brauchen dem Jesuiten gar nichts Arges nachzusagen; man würde uns seinem heiligmäßigen Wandel gegenüber auch gar nicht Glauben schenken, wollten wir ihm eine Weltsünde anlügen. Wir sagen einfach, der Pater ist gut, der Pater ist fromm, der Pater ist sehr barmherzig, aber --«

»Nun, aber -- ich brenne vor Neugierde.«

»Aber er hat nicht den rechten Glauben.«

»Mit Vergunst, Ihr seid ein Esel!« rief der Gestrenge.

»Bitte sehr,« erwiderte der Aktuarius, »Euer Gnaden belieben mir unrecht zu tun. Man beweist dem Volke, der Pater glaubt nicht an Hexen, alle Welt aber glaubt daran -- _ergo_ --«

»Hm, das Ding klingt besser, als ich gemeint hatte. Und glaubt Ihr, mit Euerer Sache durchzudringen?«

»Ja. Das Volk ist dumm gemacht durch all die Hexenhetze. In diesem Zustande bringt man ihm alles bei. Es glaubt alles, was nicht vernünftig ist.«

Der Oberschultheiß biß sich auf die Lippen. »Aber der Fürstbischof?«

Der Aktuar lächelte und blies über seine flache Hand.

»Meint Ihr?« fragte der Gestrenge.

»Ich meine nicht. Ich weiß.«

»Gut.«

»Noch eines! Belieben Euer Gestrengen noch etwas Silber an die Sache zu gießen, damit sie einen besseren Klang und Glanz bekomme!«

Der Oberschultheiß räusperte sich sehr unzufrieden.

»Hm, ich kann nicht recht einsehen, wozu das Silber notwendig ist. Mein Kampf gegen den Pater ist ein rein geistiger.«

»Soll ich die Menge bearbeiten, so muß ich sie in den Schenkstuben aufsuchen. Hinter dem Arbeitstische ist der Mensch zu nüchtern und vernünftig. Erst wenn ein Zug über Durst getan ist, findet auch die Dummheit den Schlüssel zum Gehirne.«

»Nun ja, zugestanden. Also geht fleißig in die Schenken.«

Der Aktuar konnte nur mit Mühe seiner Ungeduld Meister werden.

»Herr,« sprach er, »ich weiß nicht, ob Ihr auch schon das Brot eines Aktuars gehungert habt. Wenn nicht, so glaubt mir freundlichst, wenn ich Euch sage, daß unter den Groschen, die ich erschwitzen muß, kein Weingroschen sich befindet.«

»So? Kommt morgen zu mir. Aber ich ersuche Euch, hetzt, was Ihr könnt, die Zeit drängt.«

Die beiden schieden mit stummem Gruße.

Der Oberschultheiß ging nachdenklich seines Weges, der ihn am Kloster der Jesuiter vorüberführte.

Dort angelangt, blieb er mit verschränkten Armen stehen.

»Da wohnen sie und ruhen sie; ruhen gewiß sanfter, als ich je ruhen werde. Diese Jesuiter sind ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag. Man kann sie in einem Atemzuge hassen und beneiden. Sehe ich einen von ihnen, so komme ich mir vor wie ein schwankendes Schilfrohr neben einer Eiche. Sind denn diese Menschen ohne Leidenschaften geboren, daß sie so ruhigen, sicheren Fußes über die Erde und durch das Leben gehen? Oder ist diese Seelenkraft eine errungene? Weiß Gott, da stünde ich lächerlich klein neben einem Jesuiter da! -- -- Ich kann sie hassen, aber ich muß sie auch achten; und stünde mir der Pater nicht unausgesetzt im Wege, ihn achtete ich am meisten. Warum kämpft er auch gegen mich, oder besser gesagt, gegen meine Stellung und Amtstätigkeit? Er oder ich! Ich kann, ich will nicht zurück.«

Mit hastigen Schritten ging er seiner Wohnung zu. War es der Wein oder die Aufregung oder der Rest von Gewissen, was ihn so unruhig machte?

In seiner Stube angekommen, zündete er ein Licht an und trat an seinen Schreibtisch.

»Spittlmeister,« sprach er, »wie konntest du wissen, daß mich die Hexen im Schlafe quälen? Alter, Alter, wir werden doch vielleicht noch guten Rat miteinander tauschen, vielleicht auch schlechten.«

Er setzte sich und schrieb.

»Der Spittlmeister am Dieterichertor ist angesichts dieses wegen dringenden Verdachtes der Gemeinschaft mit Hexen und Zauberern zu verhaften und in den Schneidturm abzuführen.«

Ein Diener trug den verhängnisvollen Zettel nach der Wachstube -- in einer Stunde lag der Spittlmeister unter dem Dache des Schneidturmes.

Der Mond trat hinter aufsteigendes Gewölke und ein Stern nach dem andern löschte sein Licht aus.

Der Morgen dämmerte trüb und träge aus dem Osten herauf.

13. Kapitel: »Priester im Bunde des Satans«

Die Aufregung in der Stadt wuchs von Tag zu Tag. Die gefängliche Einziehung des Spittlmeisters am Dietericher Tor beschäftigte die Würzburger aufs lebhafteste. Jedermann war dem hochgelehrten, treuherzigen Herrn aufrichtig gewogen, jedermann dachte sich ihn ohne Fehl und Arg, und besonders die Kinder vermißten ihren lieben Freund sehr schmerzlich.

»Da haben sie just den Rechten eingefangen,« meinte ein Alter, der unter einer Gruppe von Männern und Frauen vor dem Hauptportale des Domes stand, wo sie eben die Frühmesse gehört hatten.

»So, und warum?« fragte ein anderer heftig entgegen. »Will euch was sagen. Wir haben ein wahres Schandregiment in der Stadt; Gauner, Spitzbuben, fahrendes Gesindel lauft lustig in unseren Gassen umher und treibt, was ihm gefällt; die besten Männer dagegen reißt man des Nachts aus ihren Betten und wirft sie in den Kerker! Ist das nicht eine Schmach? Und es wird nicht besser, bis nicht wir Bürger der Stadt fest zusammentreten und zum Fürstbischofe gehen und ihm sagen: Gnädigster Herr, wir Bürger möchten ein anderes Regiment.«

»Und doch sage ich,« wiederholte der erste, »sie haben am Spittlmeister den Rechten eingefangen. Seht, da glotzt ihr mich an und streckt die Hälse und versteht mich nicht. Ich sage euch, der Spittlmeister mit seinem scharfen Verstande und mit seiner gewaltigen Rede wird den Herren beim Malefizgerichte ein solches Licht aufstecken, daß ihnen die Augen aufgehen.«

»Glaub's nicht; denen geht nicht Herz noch Auge und Verstand auf. Die sind hartgesotten wie wahre Teufel, und solange der Fürstbischof nicht unter die ganze Rotte fährt und sie auseinanderfegt, geht kein Ende mit dem Einfangen und Hinrichten her. Herrgott, ist es jetzt doch schon schier, als sollte unsere Stadt zum Grabe werden! Nirgend mehr Lust und froher Sang, überall finstere, traurige Gesichter; und die Geschäfte erst; alle liegen sie danieder, der Henker ist der einzige, der jetzt guten Verdienst hat, Kreuzsternbombenelement -- --«

»Ob du ruhig bist,« herrschte ihn seine Alte an und legte ihm die knochige Hand auf den Mund. »Ich will dir als ehrsamer Bürger fluchen!«

»Frau, halte dein Maul,« gab der zurück und stieß die Hand weg; »du verstehst das gar nicht. Gegen einen richtigen Zorn hilft oft gar nichts als ein tüchtig Scheltwort.«

»Das sagen alle Fuhrknechte und Soldaten,« zürnte die Alte vorwurfsvoll.

Der Aktuarius trat fast demütig grüßend zu den Plaudernden. Er trug ein gewaltiges Aktenbündel unter dem Arme und legte sein langes, hageres Gesicht in gar bedenkliche Miene.

»Besten guten Morgen!« sprach er, nach allen Seiten grüßend. »Schon andächtig gewesen? Schön, schön! Ernste Zeiten jetzt; es tut Gebet wirklich not. Jawohl! Ist nur das Traurigste, daß auch unsere Priester zu wanken beginnen. Und was soll aus dem armen Volke werden, wenn die Geistlichkeit aufhört, dessen Stütze und Richtschnur zu sein?«

»Was könnt Ihr über unsere Priester klagen?« murrte der Alte unzufrieden.

Der Aktuarius deutete mit seinen Spinnenfingern nach den Aktenstücken, die er unter seinem Arme hielt. »Heute wird man mit dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger ins Gericht gehen. Ich sage Euch, das sind ganz schreckliche Zauberer. Und stünden sie allein! Aber man hat bereits an vierzig Priester im Verdachte, daß sie's mit dem Teufel haben.«

Er ließ den Kopf gar wehmutsvoll auf die flache Brust herabsinken, seufzte tief auf und wischte sich über die halbgeschlossenen Augen.

»Das glaub' ich nicht,« schmähte eine Frau, »und wenn es auch klügere und größere Herren sagten, als Ihr seid. Habt Ihr nicht genug daran, daß Ihr die halbe Stadt bereits um Ehre und guten Namen gebracht habt, wollt Ihr nun auch unsere Priester schlecht machen?«

»Euer Unwille ehrt Euch, beste Frau,« sprach der Aktuarius und verdrehte die Augen. »Ihr habt vollständig recht, daß, wenn alles zu Trümmern geht, wenigstens unsere Priester als Wächter des Glaubens unerschütterlich feststehen sollten; wir haben ein heiliges Recht, dies von ihnen zu fordern; allein dies schließt weiter die Möglichkeit nicht aus, daß auch das Salz der Erde schal wird. Spricht man doch von einem Priester, der sich die Hochachtung aller, die ihn kennen, zu erwerben verstand, daß auch seine Rechtgläubigkeit angefangen hat, verdächtig zu werden.«

»So. Und wer wäre dieser Priester?« fragte gereizt ein Bürger.

»Ein Jesuit ist es,« antwortete der Aktuarius und rieb sich die Hände.

»Was nicht gar?« lachte der andere; »wollt Ihr uns nicht am Ende vormachen, der Pater wolle lutherisch werden?«

Der Aktuar sah mit stolzer Überlegenheit seinen Gegner an.

»Was würdet Ihr sagen,« begann er, seiner Stimme einen besonderen Nachdruck verleihend, »wenn ein katholischer Priester, ein Ordensmann, behaupten würde, es gäbe keinen Teufel?«

Er hielt einen Augenblick inne und blickte forschenden Auges auf seine Zuhörer.

»Bedenkt,« fuhr er sehr gelehrt fort, »bedenkt, daß, wer den Teufel leugnet, notwendig -- wir Gelehrte sagen logisch -- auch unseren Herrgott leugnen muß. Und ist einer einmal dahin gekommen, so bricht aller Glaube zusammen.«

»Ja, ja,« meinte ein alter Bürger, »soweit habt Ihr ganz recht. Es muß einer alles glauben; Stückwerk führt zum Unglauben. So etwas versteht auch ein einfacher Handwerkerverstand. Aber wer ist denn der Jesuit, von dem Ihr da redet?«

»Das ist der Pater Spee!« entgegnete der Aktuarius.

»Oho, Ihr beliebt mit uns zu scherzen, Herr! Wenn Ihr uns doch ein Märchen aufbinden wolltet, hättet Ihr wenigstens den Spee weglassen sollen; der paßt nun einmal gar nicht hinein.«

»Und doch ist es so, wie ich gesagt habe,« gab mit kaltem Stolze der Aktuar zurück. »Ihr sagt, was ihr wollt und wünschet, ich, was ich ^weiß^.«

Dabei deutete er sehr wichtig tuend auf sein Bündel Akten.

»Es ist bereits so weit, daß sich das Gericht mit dem Pater Spee befassen muß, und es wird am besten sein, wenn man den Pater veranlaßt, Würzburg, je eher je lieber, zu verlassen. Er muß fort,« fuhr er leidenschaftlich werdend weiter, »er ist an all dem Elende schuld, das über unsere Stadt gekommen ist. Der Fürstbischof hat ihm nicht umsonst seine Gnade entzogen; -- ein höchst gefährlicher Mann -- betet, daß uns Gott von ihm erlöse!«

Leicht grüßend ging er seines Weges weiter und berechnete die Ernte, welche wohl aus dieser Aussaat aufgehen könnte. Und diese war nicht auf ganz unfruchtbaren Boden gefallen. Die Bürgersleute standen gar nachdenklich beieinander, und jeder wog die Zweifel ab, die seine Seele bewegten. Der Pater Spee war ihnen bisher eine höchst ehrwürdige Erscheinung gewesen, der sie mit allem Vertrauen entgegenkamen; eine einzige Rede genügte, um über den Mann einen trüben Schein zu breiten und Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit zu wecken.

»Hätte es mein Lebtag nicht gedacht,« sprach der eine kopfschüttelnd, »daß sogar ein Pater Spee im Glauben verdächtig sein könnte! Hm, was man nicht alles erleben kann.«

»'s ist doch ein wahrer Trost,« meinte ein zweiter, »daß unsere Herren am Gerichte noch auf Strenggläubigkeit halten; um dessentwillen kann man ihnen wieder gar viel verzeihen.«

»Ich glaube es noch nicht ganz fest,« keifte eine Alte, »daß der Spee nicht ganz rechtgläubig ist. Aber ich mag ihn doch nicht mehr recht leiden. Er täte wohl am besten, er ginge fort aus Würzburg. Mit dem Respekt ist es doch zu Ende. Du mein Gott, wenn wir Bürgersfrauen nicht zum rechten Glauben stünden, es wäre zuletzt um unseren Herrgott geschehen. Die richtigen Frommen sind doch immer wir Frauen der Stadt.«

Der Aktuar rieb sich sehr vergnügt die Hände, als er durch die kleinen Scheiblein des Malefizsaales auf die Straße heruntersah. Hatte er doch mit der Lösung seines Versprechens, gegen Spee zu arbeiten, wie er hoffen durfte, mit gutem Erfolge begonnen, und wußte er doch, daß das Volk seiner Zeit nicht weniger wankelmütig sei, als jenes war, das aus einer Kehle »Hosanna« und »Kreuzige« rief.

Der Henker trat in den Saal und ordnete an seinen Marterwerkzeugen herum. Er tat dies mit jener vollen Seelenruhe und Gleichgültigkeit, als wären es Äpfel, die er auf ihren Platz legte.