Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Part 11

Chapter 113,820 wordsPublic domain

»Du bist mir unfaßbar, du hohe Seele! Wo andere von Schmerz und Leid verwirrt sich selbst verlieren, da wachsest du an innerer Pracht. Dich stärkt das, was andere schwächt, dich hebt zum Himmel, was andere tief zu Boden drückt.«

»Das tut der Glaube, der hoch über allem Erdenleide steht,« antwortete demütig Elsa.

Tritte vom Gange her unterbrachen das Gespräch der beiden Mädchen. Die Kerkertüre knarrte träge in ihren schweren Angeln, und der Oberschultheiß trat ein. Sein Wesen war heute sanft und geschmeidig, seine Stimme bewegte sich im Gegensatze zu der sonst gewohnten Härte in den weichsten Tönen, und sein Antlitz, dem nur Rad und Galgen und ein erbarmungslos geschriebenes Todesurteil Farbe und Leben geben konnten, war in Traurigkeit und tiefes Mitleid gehüllt.

Die Mädchen empfingen ihren obersten Henker schweigend, ja Edeltraut warf ihm einen Blick zu, in dem ihr ganzer edler Stolz wieder aufzuleben schien. Dann wandte sie sich von ihm ab und trat zum Fenster.

»Ich komme nicht als Richter,« begann der Gestrenge nicht ohne Befangenheit zu sprechen, »ich komme vielmehr als Freund -- mein graues Haar gibt mir zu diesem Worte ein Recht, -- um euch, edle Jungfrauen, nach Möglichkeit zu trösten und euch zu dienen.«

»Wir danken euch für eueren Willen,« entgegnete Edeltraut mit Würde, ohne ihre Stellung zu ändern. »Wir beide, Elsa sowie ich, verzichten leichten Herzens ^auf Euere Freundschaft und auf Euere Dienste^.«

»Ihr seid stolz!« versetzte überrascht der Oberschultheiß.

»Wir werfen uns wenigstens nicht weg und heucheln nicht.«

Der Gestrenge biß sich auf die Lippen.

»Ich dächte doch, die Macht, die mir als Richter verliehen ist, ließe mich als Freund nicht wertlos erscheinen. In ^meiner^ Hand zumeist liegt euer Schicksal, ^ich^ kann es wenden, wie ich will.«

Edeltraut drehte sich rasch um. Ihr Auge leuchtete in gerechter Entrüstung.

»Und ich dächte, ein Richter hat zu richten, wie er ^muß^, und nicht so, wie er ^will^.«

»Ich will jetzt nicht Richter sein,« erwiderte etwas ungeduldig der Oberschultheiß. »Ich will euch zeigen, daß auch in mir ein fühlendes Herz schlägt.«

»Gemeine Seele!« rief Edeltraut. »Du, Alter, willst uns lügen, du hättest ein fühlendes Herz? Geh', geh' und suche einen Winkel Erde, wo dich die Schande nicht erreichen kann und wohin der Fluch nicht dringt, der sich an deine Ferse heftet. Du und ein fühlendes Herz? Hörst du die Teufel in der Hölle lachen ob deiner Heuchelei? Ja, hättest du ein Herz in deiner Brust, du hättest nicht mit kalter Stirne unsere Scham und Ehre an den Henker ausgeliefert! Hast du noch einen Tropfen Blut in deinen Adern, der nicht so schlecht geworden ist wie du, so bitte ihn, er möge dir als Schamröte in die Wangen steigen. Doch du hast keinen mehr, du bist durch und durch ein feiler Wicht, der nur als Freund noch schlechter ist denn als Richter.«

»Jungfrau, Ihr vergesset, daß, was ich als Richter tat, im Namen des Gesetzes geschah!«

»Im Namen des Gesetzes? Herr, dieses Wort deckt Euere Schande nicht. Was Ihr Gesetz und Recht nennt, ist zu oft nur rohe Macht, welcher die Gemeinheit zum Gevatter stand. Nennt nicht Gesetz, was allem Rechte Hohn spricht und was dem ewigen Gesetze, das jeder Mensch in seinem Herzen trägt, schroff gegenübersteht wie dunkle Nacht dem sonnenklaren Tage.«

»Ihr, Edeltraut, seid tief verbittert, und Euer Wort kennt keine Schranke. Ich will an Euch, Elsa, meine Rede richten; Euer Geist ist nicht so stürmisch und Euer Wort behutsam und versöhnlich. Es liegt in meiner Macht, für Euch ein gutes Wort zu sprechen und Euerem Lose manchen Trost zu bieten, wenn Ihr dazu Euch verstehen wollt, mir die Namen derjenigen zu nennen, die mit Euch am Kreidenberge waren.«

Der Alte sah mit seinen kleinen, stechenden Augen nach dem blinden Mädchen hinüber, indes er die Lippen erwartungsvoll zusammenpreßte.

»Wenn Euch nichts anderes zu uns geführt hat,« antwortete Elsa, »als ^diese^ Frage, so mögt Ihr immerhin wieder nach Hause gehen. Wer selbst jeglicher Schuld bar und ledig ist, kann nicht von Schuldgenossen reden.«

Ein zorniger Blitz wetterleuchtete über des Oberschultheißen Antlitz.

»So nehmt doch Vernunft an,« drängte er. »All Euer Leugnen nützt Euch nichts!«

»Ich würde sagen,« fiel Edeltraut darein, »Ihr solltet Ehre annehmen, wenn es Euch möglich wäre. Doch an solchem Stoffe klebt nur der Schmutz sich an. Ich will Euch Rede und Antwort stehen. Ihr heuchelt Mitleid gegen uns, da Ihr uns doch im Grunde Euerer Seele hasset. Wißt Ihr, was Euch in diesen Kerker geführt hat? Die Habsucht ist es, ganz gemeine Habsucht! Ihr hoffet, unser Geist sei so gebrochen, daß wir zu blinden Werkzeugen Euerer Hände würden und an den letzten Strohhalm uns anklammernd in fremdem Elend unsere Rettung suchten? Nein, selbst Euere Nähe, Herr, macht uns nicht schlecht, obwohl der Raum, den Euer Atem berührt, vergiftet ist. Ihr bezieht von jeder Hexe sieben Gulden Schergenlohn; um dieses Geldes willen seid Ihr gerne bereit, das Kind im Mutterleib zu schlachten und Stadt und Land zur Wüstenei zu machen. Sieben Gulden! Ein schönes Sümmchen jedenfalls für den, der nur nach Stücken rechnet und der nicht Ehre und Gewissen kennt. Ei, wenn wir hundert Namen Euch der Reihe nach anführten, wie sie der Zufall uns erfassen ließe, Ihr dächtet auch nicht einen Augenblick darüber nach, ob Ihr Lüge oder Wahrheit gehört habt, Ihr dächtet einzig nur daran, daß siebenmal hundert ein herrlich Sümmchen sei. Ja, Herr, so ist's; und daß es dahin kommen konnte, daß um des Geldes willen Scheiterhaufen rauchen, ist eine Schmach, so reich an Ekel, daß jene Stunde wahrhaftig zu segnen ist, die uns von solchen Richtern befreit. Doch, wenn Ihr in der Tat uns einen Dienst erzeigen wollt, so geht von dannen. Nie schien mir dieser Kerker häßlicher, als da Ihr, Oberschultheiß, in seiner Mitte standet.«

Der Gestrenge warf einen langen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem kühnen Mädchen; dann verließ er polternd den Kerker.

Draußen blieb er stehen und versank in tiefes Sinnen. Was war es, das diese alte, rostige Seele so ernst stimmte? Schlief vielleicht doch ein Funke von Ehre und Gefühl in dieser Brust, und fand in diesem Gehirne vielleicht doch noch ein anderer Gedanke Raum als der an Blut und Geld? Vielleicht stieg es wie Scham und Reue in ihm auf, wenn er zurückdachte an jene zwei armen Opfer, deren Gefängnis er soeben verlassen hatte? O nein! All das bewegte nicht des Richters Sinn und Seele, sein ganzes Denken galt der Zahl sieben, und wie sie sich zu Silber machen ließe!

Er befahl dem Kerkermeister, jenes Verließ zu öffnen, in welchem Zuckerwastl mit seinen Genossen sich befand.

»Wie geht es euch?« sprach er, in den Kerker tretend und einen prüfenden Blick auf die kauernden Gestalten heftend. »'s ist schlimme Wohnung, nicht wahr, Zuckerwastl; aber solchen Vögeln baut man solchen Käfig. Es geht nun in der Welt nicht anders.«

»Was wollt Ihr?« murrte der Zuckerwastl.

»Ei, was werde ich wollen?« sprach unbefangen der Oberschultheiß; »euch besuchen, nach euch sehen, fragen, ob euch nichts fehlt, ob ihr mir nichts zu beichten habt, ha, so ein kleines Geständnis! Hm, Zuckerwastl, wie meinst du?«

Der schüttelte den Kopf und höhnte: »Euch, Herr, sollt' ich beichten? Nein! Hab's überhaupt verlernt; und wollt' ich es je vor meinem Tode noch einmal tun, müßte es doch ein Priester sein und just nicht Ihr.«

»Nun, nun, so war's auch nicht gemeint! Ich dachte nur, der Zuckerwastl ist zwar ein großer Spitzbube --«

»Danke, Herr!«

»-- Aber auch ein sehr vernünftiger Mensch.«

»So, und warum paßt es Euch, mich für sehr vernünftig zu halten?«

»Du bist kein Winseler und kein Schwachkopf. Du siehst nur zu gut ein, daß deine Karre unterm Galgen steht.«

»Ihr irrt, das sehe ich gar nicht ein.«

»Beruhige dich nur, es ist doch so!«

Zuckerwastl strich sich mißvergnügt die Stirne und sah nach dem Fensterloche hinüber.

»Die Eisenstäbe dort sind sehr fest,« fuhr der Oberschultheiß, der jenen Blick wohl verstanden hatte, mit scharfer Betonung fort. »Mache dir keine überflüssige Mühe oder Hoffnung. Einmal kommst du noch ins Freie, wenn du deinen Gang nach der Richtstätte machest; das lasse dir genügen. -- Aber du könntest,« setzte er freundlicher werdend bei, »die Tage, die du noch zu leben hast, dir angenehmer machen. Was meinst du zu einer Flasche Wein?«

Zuckerwastl schaute sehr mißtrauisch den Schmeichler von der Seite an.

»Hm,« brummte er, »ich habe gegen den Wein nie eine Feindschaft getragen, ich bin ihm auch jetzt noch herzlich gewogen. Aber, verzeiht, ich fürchte, Ihr möchtet mir Eueren Wein zu teuer verkaufen.«

Der Oberschultheiß stieß ein heiseres Lachen aus. »Bewahre Gott! ich frage dich ganz einfach, ob du mir keine Hexlein oder Zauberer zu nennen weißt, und ich zahle dir für den Kopf eine Flasche. Gewiß ein schönes Angebot.«

Zuckerwastl wiegte sein Haupt hin und her und lächelte bitter; dann fuhr er mit dem Rücken seiner Hand über den Mund und sprach ein kurzes »Nein!«

»Wie töricht!« grollte der Gestrenge. »Willst du durstig an den Galgen?«

»Ist mir alles einerlei.«

»So sei vernünftig!« mahnte jener.

»Mag nicht!« war die kurze Antwort.

»So; und warum?«

»Ich will's Euch sagen. Euch liegt wenig daran, ob ich Wasser oder Wein saufe; Ihr wollt nur neue Vögel für den Käfig haben. He, Alter, das ist dein ganzer Plan! Nein, nein, aus meinem Munde sollst du nichts erfahren; da bin ich mir trotz aller Schlechtigkeit doch zu gut dazu, und es müßte wohl ein Teufel sein, der selbst in Euerer heißen Küche sitzend Euch den Braten in dieselbe jagen wollte. Bin mein Lebtag wenig nutz gewesen, aber da meine Lebensuhr auf zwölfe steht, will ich doch nicht zum schlechten Kerl werden. Sauf' deinen Wein nur selbst, du alter Gauner; mich aber laß in Ruhe!«

Der Oberschultheiß warf einen vernichtenden Blick auf den Sprechenden.

»Wir treffen uns,« knirschte er.

»Vielleicht am Galgen?« fragte Zuckerwastl und drehte sich auf die andere Seite, um zu schlafen.

»Ich mag Wein,« stotterte faul der Neunaugen aus einer andern Ecke.

Der Gestrenge wandte sich rasch nach ihm. »Und was kannst du mir dafür sagen? Weißt du Hexen?«

»Hexen? Hexen? Hm, also so etwas möchtest du wissen? Muß alles wahr sein, was ich dir sage? Ich hab' einmal gehört, ihr Herren wäret auch um Lügen froh, wenn sie euch in eueren Kram passen. Ich will Euch vorlügen, soviel Ihr wollt. Das ist doch gewiß so schön als Euer Anerbieten.«

»Ei, zu lügen brauchst du gerade nicht,« tadelte der Oberschultheiß. »Aber es ist auch nicht notwendig, daß du gewiß weißt, was du sagst. Wir Herren vom Gerichte wissen auch aus einem Verdachte etwas zu machen.«

»So, so,« gähnte der Neunaugen. »Was wisset Ihr denn daraus zu machen?«

»Esel,« schimpfte der Pappenheimer, »was man aus uns gemacht hat.«

»So!« grinste der Tölpel.

»Ich kratze dir die Augen aus, wenn du dein Maul dem gegenüber noch einmal aufmachest, alter Taugenichts!« eiferte Helena.

»Sei nur nicht so grob,« knurrte der Neunaugen verdrießlich.

»Und ich haue dir alle Knochen entzwei,« brummte Zuckerwastl in ruhiger, aber sehr überzeugender Weise.

»Ja, dann kann ich Euch freilich nicht anlügen. Tut mir wirklich leid,« stammelte der Neunaugen. »Laßt mich schlafen,« fuhr er gähnend weiter. »Schlafen ist auch gut; aber Wein wäre besser.« --

»Nun will ich's bei den Kindern noch versuchen,« murmelte der Oberschultheiß zwischen den Zähnen. »He, Kerkermeister, führt mich zu den Kleinen!«

Der gute Alte zuckte schmerzlich zusammen.

»Nehmt es nicht ungnädig, hoher Herr,« sprach er, »bringt Ihr wohl den armen Kindern die längst ersehnte Freiheit?«

Der Gestrenge blieb in hellem Erstaunen stehen. »Freiheit?« rief er. »Wer kann hier von Freiheit reden? Ihr seid ein alter Schwachkopf und wäret imstande, gerade den gefährlichsten Hexen und Zauberern das Wort zu reden. Denkt Euch nur, wenn wir die Kinder freiließen, welche Summe von Unheil in dem langen Leben, das noch vor ihnen liegt, sie stiften könnten? Nein, nein, mein Alter! Hier gilt nicht das, was man ein gutes Herz nennt, hier gilt nur kaltes, strenges Recht.«

»Und was wird nach Euerem Rechte aus den Kleinen?« fragte zitternd der Kerkermeister.

»Nun, was wird werden?« entgegnete jener, heftig mit den Armen um sich fahrend; »man verbrennt sie einfach, basta!«

Der Kerkermeister blieb stehen und hielt sich an der Wand des engen Ganges fest.

»Verbrennen?« stammelte er. »Herr, ich habe Euch wohl falsch verbanden, oder Ihr habt Euch nur versprochen?«

»So, und warum? Man verbrennt das Lumpenpack und erweist damit der ganzen Stadt den besten Dienst.«

»Herr, solche harte Rede ertragen meine alten Ohren nicht. Wie mögt Ihr die Kinder unserer besten Bürger Lumpenpack benennen? Vielleicht um des Verdachtes willen, der auf ihnen ruht? Und wenn es nur Verdacht wäre! Herr, es ist Verleumdung, die diesen Kleinen angelogen wurde, es ist Lüge, die sich an die armen Kinder wagte. Glaubt meinen grauen Haaren: die Kinder, die Ihr als Hexen in dem Kerker haltet und für den Scheiterhaufen aufspart, haben ihren Schutzengel noch nicht verloren. Noch hat er nicht trauernd sein Angesicht von ihnen abgewendet, noch hat der Satan nicht des Engels Stelle eingenommen. Ist's nicht genug, daß Laster, Frevel, dummer Wahn an unserem Glücke fressen, daß die Stadt mit Greueln sich erfüllt, ist's nicht genug, daß wir Erwachsene stets mehr und mehr dem tiefsten Elende verfallen, müssen nun auch die Kleinen ermordet und die letzten Engel aus unserer Mitte vertrieben werden? Hier, Herr, hier sind wir an der Stelle, wo die armen Kinder schmachten; geht nur hinein zu ihnen und schauet Euch ihr Elend an. Seht ihnen in die klaren Augen und fragt Euch selbst, ob Teufelslist aus ihnen schaut. Hört ihre Bitten, ihre herzzerreißenden Klagen, zählt all die bitteren Tränen, die sie weinen, und bleibt hart, wenn Ihr's vermögt; verbrennt des armen Würzburg letzte Unschuld; dann aber schüttelt den Staub von Eueren Füßen und meidet Euer Leben lang die Stätte, auf welcher der Fluch Gottes in seiner ganzen Schwere lastet.«

12. Kapitel: ^Das Elend und der Wahn wachsen^

Der Oberschultheiß stand in Gedanken versunken inmitten seiner braungetäfelten Wohnstube. Nun, da er den Nimbus der Amtsherrlichkeit abgelegt und die strenge Miene mit einer mehr häuslich gestimmten vertauscht hatte, war der Ausdruck seines Gesichtes zwar weniger unangenehm als sonst, wenn er seines Amtes waltete und ganz in demselben aufzugehen schien; allein dennoch grinste immer noch ein lauernder Dämon aus seinen Augen. Von Zeit zu Zeit trat er an einen schwerfälligen Schreibtisch, von dem er immer wieder dasselbe Blatt Papier nahm, um es stets mit demselben tiefsinnenden Blicke zu betrachten.

»Sie wollten lange nicht plaudern,« sprach er halblaut vor sich hin, »endlich habe ich doch einigen von den Kindern die Zunge gelöst. Im Grunde ist das, was sie mir zitternd erzählten, nichts, gar nichts, kindliche Einfalt, gejagt von wirren Phantasien, harmloses Geplauder über Geister und Gespenster, vermischt mit Namen, ohne böse Absicht genannt, aber doch in dem großen Gewebe wertvolle Fäden. Es ist mir so eigentümlich zumute; ich möchte fast ärgerlich werden über -- ja über was denn? Über mich selbst? Oder über die Hexenprozesse? Oder über der Kinder in blasser Furcht gestammeltes Geplauder? Ei was, dumme Grillen! Ich bleibe bei dem, was ich mir als Pflicht gesetzt habe, mögen andere darüber denken wie immer. Und die Skrupel? Nun, die verachtet man als vorübergehende Schwächen des Geistes, denen man kein Gehör schenken darf, ohne seiner richterlichen Ehre und Unabhängigkeit zu schaden. Es gilt nun, aus dem Gerede der Kinder etwas zu machen; allerdings keine zu leichte Aufgabe, sie erfordert immerhin einen so scharfen Kopf, wie der meinige ist; aber man versteht das, aus nichts etwas Verdächtiges und aus etwas Verdächtigem eine vollendete Tatsache zu machen.«

»Es war mir doch zuletzt recht unheimlich unter den Kindern. Wie sie zitterten und weinten und mit aufgehobenen Händen baten, ich möchte sie ihren Eltern wiedergeben, sie seien gewiß unschuldig. Ich wollte es ihnen auch gerne glauben, wenn ich nicht der Oberschultheiß wäre. Hm, sie sahen wirklich zum Erbarmen aus; das Elend hat ihnen die Wangen gebleicht und eingebrochen, und ihre Augen sind vor Weinen wie tot. Aber was ist da zu machen? Warum sind sie Hexlein? Ob sie's wirklich sind? Ja!«

Er ging einigemal in der Stube mit schnellen Schritten auf und ab; dann blieb er wieder stehen und stützte das Kinn auf die rechte Hand.

»Wir verklagen dich beim Pater Spee, haben mir die Kinder zugerufen, als ich ihnen sagte, ich könne sie nicht freilassen. Dieses Wort hat mich tief geärgert. So muß mir dieser Jesuit überall in den Weg treten, sogar aus Kindesmunde wird er mir zur Drohung. Ob er mir wirklich gefährlich werden könnte? Sein Anhang wächst, wächst unter dem Volke wie bei den Großen. Wie lange noch, und er und seine Ideen sind stärker als ich. Verflucht,« rief er und stampfte den Boden, »wenn mir der junge Naseweis über den Kopf wachsen sollte! Und behält er recht, und verliert das Volk den Glauben ans Hexentum und die dummblöde Furcht vor demselben, fängt es an, an der Gerechtigkeit unserer Urteile zu zweifeln, und beginnen die Lücken, die wir in so viele Familien gebrannt haben, zu schmerzen, und tritt zum Schmerz der Zorn und die Rache, entfesselt sich des Volkes wilder Sinn gegen uns, und werden wir, zu denen es bisher mit scheuer Ehrfurcht aufschaute, ihm als ungerechte Richter erscheinen, und flammt dann hoch des Pöbels Wut, wer schützt uns? Niemand. Hier gibt es nur ^eine^ Rettung; Spee muß fallen! Ist er auch Jesuit, so gefeit sind doch diese Herren nicht, daß man sie nicht verderben könnte. Wohlan, ^er oder ich^. ^Nein, er, er allein!^«

Der Eintritt seiner Ehefrau störte den Gestrengen aus seinem Gedankengange auf.

»Du scheinst ganz darauf zu vergessen, daß du heute in der Weinstube erwartet wirst,« sprach sie milden Tones. »Sei vernünftig, Alter, und gönne dir eine Erholung. Je länger diese leidigen Prozesse dauern, desto auffallender wird die Veränderung, die ich an dir wahrnehme.«

Der Oberschultheiß sah verwundert auf.

»Du staunst?« fuhr die geschwätzige Alte fort. »Ja, du siehst nicht, was ich sehe, und du hast auch nicht gehört, was ich hörte.«

»So, und was denn?« platzte der Ehegatte ungeduldig werdend heraus.

»'s war heute nacht,« versetzte jene, etwas befangen an ihrem Rocke die Falten streichend.

»Dummes Zeug! Wir waren heute nacht in unserer Schlafkammer, was kannst du da Sonderliches gehört haben?«

»Ich will dir's erzählen, Alter; aber du mußt nicht unwirsch tun, versprich mir das!«

»Sei ohne Sorge,« versetzte er mit einem Anfluge von Wärme in seiner Stimme.

»Du lagst in deinem Bette,« erzählte die Hausfrau, »und schienst ruhig zu schlafen, indes ich mich ruhelos auf meinem Lager umherwarf. Dein Atmen war erst ruhig; dann ging es in ein ängstliches Stöhnen über, und bald begannst du wirr durcheinander zu reden. Du magst wohl schwer geträumt haben, denn was du sagtest, klang gar schrecklich.«

»Und was war das?« fragte finster der Oberschultheiß entgegen.

»Erst war deine Rede unverständlich, bald aber sprachst du gar vernehmlich. Was ihr nur habt, zanktest du, so laßt mich doch in Ruhe. Geht, geht, bleibt fort in eueren Gräbern, bleibt am Galgen, und ihr, die ihr zu Asche verbrannt seid, wer hat euch denn gelehrt, aus euerem Staube wieder euere Körper zu formen und mich zu quälen? Schweigt, schweigt, ich habe euch nicht gemordet, es ist nicht wahr, ich habe nur nach Recht und nach Gesetz mit euch getan!... Ob ihr auch leugnet und mit eueren hohlen Stimmen ruft, ihr seiet keine Hexen, ja es gäbe keine, ihr seid es doch. Geht hin, woher ihr gekommen seid, und lasset ab, mich so zu quälen!«

Die Alte hielt einen Augenblick inne; ihr Gatte stand abgewandt von ihr mit verschränkten Armen und ließ das Haupt tief auf die Brust herabsinken.

»Weiter!«

»Da plötzlich strecktest du die Hände flehend aus und riefst: O nehmt mich nicht mit euch hinaus zur Richtstätte, ich kann nicht! O wie mir schaudert, laßt mich, laßt mich! -- -- Du erwachtest, und als ich dir den kalten Schweiß von deiner Stirne trocknete und dich um dein Traumbild befragte, da wandtest du dich unwirsch ab.«

»'s ist wahr, ich hatte einen bösen Traum,« sprach der Gatte und trat ans Fenster, durch das eben die letzten Sonnenstrahlen grüßend in die Stube fielen. »Es war eine schlimme Nacht; allein ich halte ganz gewiß dafür, daß mir die Hexen diese Traumqual angetan haben, um mich zu schrecken und einzuschüchtern.«

»Ei, du mein lieber Gott,« jammerte die Alte händeringend, »so meinst du wirklich, das sei Hexenwerk und Hexenrache gewesen?«

»Ohne Zweifel,« bestätigte, die Brauen hochaufziehend, der Gestrenge. »Übrigens sei ohne Sorge, ich werde mir schon Ruhe zu verschaffen wissen. Ein tüchtig Brennen nach dem andern wird doch wohl endlich mit den Unholden ein Ende machen. Und ist Stadt und Land von diesem Höllengesindel gereinigt, dann wird man mit Stolz und Ruhm meinen Namen nennen als den eines weisen und gerechten Mannes und eines Wohltäters hiesiger Stadt. Gib mir Hut und Mantel und laß mich hinter einem Glase Wein für eine Stunde jener Sorgen vergessen, die zwar meinen Geist erdrücken müßten, wäre er nicht von seltener Stärke, die aber auch einen unvergänglichen Ruhm um meinen Namen flechten. Gott mit dir, liebes Ehegespons!« --

-- Über den Gassen und Gäßlein lag tiefes Dämmerlicht. Da und dort brannte schon vor einem Madonnenbilde in der Mauernische ein rötlich flackerndes Öllicht. Munter scherzend zogen die Gesellen, den Arbeitsschurz zurückgeschlagen, Arm in Arm durch die Straßen, ein fröhliches Lied singend oder den vor den Haustüren sitzenden Mädchen ein ehrbar neckisches Wort zum Gruße zurufend.

»Bst, Martin,« stieß einer den andern an, »siehst du ihn dort den Marktplatz herunterkommen?«

»Herrgott, der Oberschultheiß! Gehen wir ihm aus dem Wege!«

»Warum nicht gar? Hat auch nicht mehr Recht auf der Gasse als unsereiner.«

»Mir graut vor dem Menschen.«

»Ja, ja, so recht liebenswürdig sieht er nicht aus!«

»Und sein ewiges Hexenbrennen! Der Mensch muß ein Stück vom Teufel im Leibe haben.«

Der Gestrenge ging vorüber. Die Burschen grüßten kecklich mit einem »Guten Abend, Herr!« Der Gruß ward gar ernst und würdevoll erwidert.

»Möcht' auch nicht mit ihm sterben,« flüsterte der eine Geselle.

»Schau nur, wie er einherschreitet, lauter Macht und Herrlichkeit! Wo ^der^ hintritt, wächst auch kein Gras mehr.«

»Pfui Teufel!« sprach der erste wieder und spuckte aus. »Die Luft stinkt nach Blut und Menschenfett, seit der zweibeinige Galgen an uns vorübergegangen ist. Komm mit mir auf einen Schoppen, Kilian; der Henker vertrage den Henker mit leerem Magen!« --

In der Weinstube herrschte bereits fröhliches Leben und Treiben, als der Gestrenge dort eintrat. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer sehr bedenklichen Weinnase, empfing seinen Gast mit vielen Bücklingen, so tief, als es eben der stattliche Bauch erlaubte. Er öffnete die Türe eines langgestreckten Kneipgemaches, das, von dem Lärme der allgemeinen Schenkstube abseits liegend, den Herren als heimische Zufluchtsstätte diente, wenn sie Sorgen vertrinken oder einer zänkischen Ehehälfte entgehen wollten. Die niedere, getäfelte Decke hing schwer über dem Gemache, die breiten Fenster waren mit altem, rundem Glaswerke eingelassen, die Mitte des Gelasses nahm ein langer Eichentisch mit gespreizten Beinen ein, um welchen die hochlehnigen, gepolsterten Stühle standen. Die aufgepflanzten zinnernen Kannen, die stillvergnügten Mienen der alten Herren und der lebendige Redefluß der Jüngeren bewiesen, daß die Würzburger auch damals schon ganz prächtig den Wein zu schätzen und zu trinken verstanden. Schmeckt doch guter Wein dreimal wohl und kommt auf einen richtigen Trunk dieses flüssigen Goldes Leib und Seele wieder zusammen!