Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle
Part 10
»Daß ich nicht Gottes Pracht in seiner Schöpfung und meines Vaters Antlitz sehe, ist ein Opfer, mit dem ich längst die Rechnung abgeschlossen habe. Gott, der euch Menschenkindern lichte Augensterne gab, gab mir die Nacht. Er tat's, ich bin's zufrieden. Und ist es ein Opfer, das ich Gott darbringe, so mag es für meine eigene Schuld als Sühne gelten. Doch für die Schuld, die nun auf vielen lastet, und deren Sühne zum Himmel schreit, will ich mein junges Leben zum Opfer bringen. Ist's auch nur wenig, wie wenn ein Tropfen Tau die dürre Erde tränken wollte, so habe ich doch getan, was in der Schwachen Kraft gelegen, und ist mein Tod die Rettung ^eines^ Lebens, so bin ich reich belohnt -- denn ich habe gelebt vor Gott.«
»Wenn ich dich schaue, goldne Elsa, in deiner Seele hohen Pracht, so bricht der Stolz, die Lebenslust, der wilde Grimm über meine Quäler machtlos zusammen. Kind, du bist groß! Du schreitest mit festem Fuße über Leid und Gram und Schmach, und selbst der Tod ist dir nur eine Brücke, die zu Paradiesesauen führt. An dich willst du nicht denken. Die Welt, die du nicht siehst, umfängst du mit einer Liebe, die aus dem Herzen Gottes stammt.«
»Wie arm« -- fuhr Edeltraut in leisem Tone fort -- »wie arm muß sich die Erde dünken, wenn sie dich, liebes Blümchen, tot in ihrem Schoße birgt! Mag ihr wohl sein, als wär' der Lenz gestorben und alle Blüte sei zu Eis geworden und alles Leben starr und alle Liebe welk. Du hast mich viel gelehrt, Elsa. -- Die Menschenliebe bricht vor deinem Wort und Geist in morsche Stücke, die Gottesliebe baut sich herrlich auf. Nun faß ich dich, nun dank' ich dir aus voller Seele, daß nie ein Laut der Klage deinen Mund bewegte. Ja, Gott ist groß in seinen Werken, am größten doch in jener Liebe, die er in reinen Herzen für sich weckt.« -- --
Ein Geräusch an der Kerkertüre störte das Gespräch der beiden Jungfrauen. Der Kerkermeister trat ein. Ihm folgten Pater Spee und Elsas Vater.
»Gott sei mit euch!« sprach zum Gruß der Jesuit.
Elsa erhob das Haupt. »'s ist Sonnenstrahl,« rief sie, »den Gott mir schickt. Mein Pater, segnet mich!«
Spee hob die Augen auf zum Himmel. »Gott segne dich,« sprach er. »Und wenn mein Segen je auf ein frommes Herz fiel, so gelte er heute vor Gott.«
Der alte Gering sah mit feuchtem Auge seine Tochter auf dem Estrich knien.
»Elsa,« sprach er zitternd.
»Mein Vater!«
Der Alte weinte bitterlich, als er des Lieblings Haupt an seine Brust drückte.
»O weine nicht, du treues Herz,« sprach Elsa; »nun hat die Träne jegliches Recht verloren. Wir gehen hinüber, Vater, zu unserem Gott, zum Licht, zum Paradiese. Miß nicht die Zeit, die uns noch an die Erde bindet; gedenke nicht der Augenblicke, da noch der Leib der Seele Schwingen hemmt. Der Tod -- das Grab, sie sind für uns goldene Schlüssel zu einem Liebesleben, das nimmermehr durch ein Leid uns stört. -- Wie gut du bist, du lieber, lieber Vater, du suchst dein Kind im Kerker heim! Sei nur getrost, es naht die Zeit, da die Schwalbe in die Heimat kehrt!«
»Du bist die Schwalbe,« bestätigte tiefbewegt der Alte, »und der Himmel ist dein Heim. Fürwahr, du bist zu gut für diese Erde!«
»Elsa,« sprach Pater Spee, »du hast wohl recht, die Schwalbe zieht zur Heimat. Die Richter rufen dich und Edeltraut.«
Letztere erblaßte und ein heftiges Zittern schüttelte ihre Glieder. Aus Elsas Augen trat eine große Träne, ein Demant, den der Schmerz aus tiefem Seelenschachte sich gebrochen.
»Gott ruft, laßt uns nicht zögern!« rief sie heiter blickend. -- »Mein teuerer Vater, deinen Kuß; und Eueren Segen, Pater!«
* * * * *
Die Richter sitzen stumm und ernst. Es liegt wie schwere Anklage auf ihnen, da sie nun über die edelsten Jungfrauen der Stadt in so schmählicher Sache richten sollten. Fühlten sie vielleicht selbst, daß sie auf dem betretenen Wege zum himmelschreienden Massenmorde kommen müßten? Oder fingen sie an zu begreifen, daß sie über ein Verbrechen zu Gericht saßen, in welchem sie blindlings umhertasteten, ohne irgend welches Verständnis, ohne irgend einen Halt als den, den ihnen die Torheit gab? Ahnten sie vielleicht, daß sie mit dem, was sie Gerechtigkeit nannten, in den Blättern der Geschichte in der Reihe der Henker, ja der Mörder stehen würden? Sahen sie das ferne Wetterleuchten jener ungeheuern Schmach, die ihrem Namen ankleben würde? Dachten sie vielleicht an jenen jungen, kühnen Jesuiten, der mit dem Schwerte der wahren Liebe und Aufklärung sich ihrer blinden Wut entgegengestellt hatte?
Nur der Oberschultheiß sah mit kaltem Auge auf die Angeklagten, seine Seele bewegten weder Leidenschaft noch Mitleid, sein starrer, stolzer Sinn kannte nichts, wovor er sich beugte, als das, was er seine Pflicht nannte, und das peinliche Recht. Ihm galt es gleich, wer vor ihm als Angeklagter stand; ^so spricht der Paragraph, so richte ich^, das war seine höchste Weisheit!
»Elsa Gering,« brach er das Schweigen, »du weißt, was dich an diese Stelle führte!«
»Euer Befehl.«
»Und dein Verbrechen,« ergänzte der Richter.
»Was ich an Sünde an mir habe, das klage ich in Reue meinem Gotte und meinem Beichtiger. Von schwerer Schuld jedoch weiß ich mich frei, und jenes schreckliche Verbrechen, dessen Ihr mich zeihet, hat keinen Teil an mir.«
»Du leugnest, jedoch vergebens! Die alte Ammfrau Bernin sah dich und Edeltraut Göbel mit vielen anderen auf dem Kreidenberge, wo sich die Hexen um den Satan scharen.«
Edeltrauts schönes Antlitz färbte tiefes Rot. Ein edler Zorn blitzte aus ihren stolzen Augen.
»Ihr Herren,« sprach sie mit hoher Würde, »was ihr die arme Elsa fraget, werdet ihr auch mir entgegenhalten. Ich will euch darum zuvorkommen und ungefragt euch antworten. So hört! 's ist eine Schmach, die ewig über Würzburgs Mauern schweben wird, daß Männer zu Gerichte sitzen, die nicht viel besser sind als Mörder. 's ist eine Schmach, daß man, um dem tollen Wahne stets neue Opfer zu schlachten, jedem Worte Glauben beimißt, das wilder Schmerz, Verzweiflung, das euere Grausamkeit erpreßte. Noch mehr! Es ist eine Schmach, daß man an Hexen glaubt, wie ihr, daß man von dieser Stelle aus das Volk in seinem Glauben, seinem Glücke, in seinem Leben mordet. ^Ihr stolzen, harten Herren seid es^, die in dem armen Volke das Gift nicht sterben lassen, ^ihr seid es^, welche die Scheiterhaufen bauen und die Schwerter schleifen. ^Ihr habt nicht Herz noch Hirn^; denn hättet ihr eines, so säßet ihr nicht hier. Ihr stürztet schamerfüllt hinaus aus diesem Saale und suchtet einen Erdenwinkel, wo euch die Schande nicht erreicht. Ich weiß, ich spreche kühn, und euere Augen sprühen Zorn. Und doch ist mein Wort, und tauchte es auch in Wermutfluten, nicht so herb als euer Tun! ^Euch ist nichts heilig mehr als euere Torheit.^ Den Räubern gleich dringt ihr in die Häuser und ^stehlt, um dann zu morden^. Mich habt ihr herzlos weggerissen aus meines Vaters Armen, den nun der Schmerz um seine Tochter aufs Krankenlager warf. Daß Göbels Haus und Ruf ein Schmuck für unsere Stadt gewesen ist, daß an dem Namen, den mein Vater trägt, und der mir als heiliges Erbe galt, kein Makel hängt, das habt ihr schnell vergessen, seit euch ein altes Hirn im Schmerzenswahnsinn grause Märchen erzählte. Wo ist der Mensch, der mich auf schlimmen Wegen sah, wo ist die Zunge, die, ohne falsch zu zeugen, mir auch nur den Schatten des Lasters aufbürden kann, dessen ihr mich zeihet? ^Stolz^ nannten sie mich, die Edeltraut Göbel, weil sie nicht zum gemeinen Haufen niederstieg mit Kopf und Herz, ^stolz^ schalten sie mich, da ich mit Verachtung auf die klugen Köpfe niedersah, die keine höhere Weisheit kennen, als Hexen spüren. Jetzt sollt ihr recht bekommen. Ja, ^stolz^ will ich euch gegenübertreten, will euch sagen, daß ich euch tief verachte. Ich weiß, dies Wort macht euere Herzen noch bitterer; auch das verachte ich, ^wie ich die Welt verachte, die solche Richter trägt^.«
»Laßt mich; noch bin ich nicht zu Ende. Bis jetzt sprach ich für mich. Nun laßt mich auch für Elsa Gering sprechen. Wenn in euch noch nicht der letzte Funke von Gefühl erloschen ist, ^wenn ihr als Väter noch^ von Liebe gegen Kinder wißt, so schaut mit kaltem Auge dieses Mädchen an, ^wenn ihr es vermögt^. Als Kind der >kleine Engel< von allen Lippen genannt, war sie der Schmuck der Stadt. Zur Jungfrau aufgeblüht, fand man sie nur im Gottes- und im Vaterhause. Auch nicht die schlimmste Zunge wagte sich an ihren Ruf. Sie ist wie eine Lilie, die aus dem Sumpfe blüht. Habt ihr sie beten sehen? Wohl kaum. Dazu habt ihr nicht Lust noch Zeit! Und hättet ihr sie beten sehen, so sprächet ihr nicht jenen Wahnwitz aus, Elsa Gering sei zur Hexe geworden. Ich will euch etwas sagen, gar weise Herren, was ihr wohl nicht versteht. Wollt ihr des Menschen inneren Wert ermessen, wollt ihr wissen, wie fest er in der Tugend begründet ist, so schaut ihn beten. Hier tritt des Menschen Seele auf die Oberfläche, hier könnt ihr wägen ihren Wert. Und hättet ihr nur einmal meine Elsa beten sehen, ihr hättet euch geschämt, sie als Hexe vor euch zu rufen. Dann nehmt das Leid, das auf ihr lastet. Ihr ist die Welt ein Buch mit ungelösten Siegeln. Sie kennt die Nacht mit ihrer Finsternis, doch nicht den Tag mit seinem Sonnenlichte. Was immer hier auf Erden lebt und was Schönes aus des Schöpfers Hand das Weltall schmückt, ist ihr ein Geheimnis, wie sie dem Bösen, das des Menschen Geist erdenkt, nicht Form noch Gestalt zu geben weiß. Sie, die die Nacht der Augen mit der Geduld des Engels erträgt, und deren Leben Liebe, Opfer und Gebet ist, sie soll im Bunde mit dem Satan stehen! Welche Weisheit! Oder sagt, ist Elsa wohl ein fahrendes Weib, das heimatlos aus unbekannten Fernen kam, und von dem ihr Herren gar nichts wißt, als was die böse Zunge einer Alten vor ihr redet? Ist sie nicht unter eueren Augen aufgewachsen, habt ihr sie nicht bis noch vor kurzer Zeit den Engel euerer Stadt genannt? Und nun? Fürwahr, ihr Herren seid große Geister, und euer Urteil ist fest wie Kartenhäuser, die das Kind sich spielend baut. Ein starkes Geschlecht fürwahr sind die Männer, nur schade, daß sie gleich den Windfahnen sind!«
»Ihr blicket finster, und euer Auge widerleuchtet Groll und Zorn. Immerhin! Wer hier, wie ich und Elsa, an der Scheide seines Lebens steht, der hat ein Recht zu offenem, freiem Worte. Ich hab's gesagt, ihr habt's gehört. Tut nun, was ihr nicht lassen könnt, an Recht und Pflicht ermahne ich solche Richter nicht.«
Die Räte und der Oberschultheiß sahen in der Tat mit zornglühenden Augen nach der kühnen Maid, die solche Worte sprach, als sei sie Richter und diese die Verbrecher.
»Ihr seid wohl mehr als kühn, Ihr seid geradezu frech,« stieß der Oberschultheiß in heller Wut hervor.
Edeltraut zuckte heftig zusammen, und tiefe Blässe deckte ihre schönen Züge.
»Frech!« rief sie, »frech nennt Ihr eine edle Jungfrau Euerer Stadt! Herr Oberschultheiß, dieses Wort entehrt mich nicht, es schändet den, der es gesprochen. Ich beuge gerne jeder Obrigkeit mein Haupt und meinen Sinn. Doch fordere ich für den Gehorsam, den ich leiste, und für die Achtung, die ich zolle, mein ganzes, unverkürztes Recht. Wo die Obrigkeit jedoch nach blinder Willkür waltet und Unrecht Recht und Wahnsinn Weisheit nennt, da hat der mißhandelte Untergebene wohl noch jenes letzte Recht, ^das des freien Wortes^. Ihr könnt auch dieses nehmen, Ihr dürft ja nur zum Schwerte greifen, zu Galgen, Rad und Scheiterhaufen, denn gegen diesen Eueren letzten Machtspruch schweigt jede Widerrede.«
»Ihr tolles Geschwätze läßt vermuten, daß Sie beim Pater Spee sich Rats erholte,« bemerkte in höhnischem Tone der Oberschultheiß.
Über Elsas Antlitz zog tiefer Unmut. »Herr,« sprach sie, »Herr, wie könnt Ihr jenen schmähen, der nur die Lippen öffnet, um von Liebe und Verzeihung zu uns Gefangenen zu reden? Wie könnt Ihr glauben, das, was Edeltraut gesprochen, sei Widerhall von dem, was Spee uns lehrte? Was Ihr gehört, das war die Sprache eines zum Tod gekränkten Frauenherzens, ein Priester spräche anders. Wenn Euch mein Wort noch Glauben wecken kann und wenn Ihr einer Jungfrau glaubt, die nie der Lüge diente und nun, da sich ihr Leben schnell zur Rüste wendet, sich nicht mit falschem Zeugnisse beflecken will, so nehmt aus meinem Munde die Versicherung, daß nie aus Spees Munde ein bitteres Wort über euch, ihr Herren, kam. Wenn sich die Klagen der Gefangenen zur hellen Zornesflamme steigerten, wenn sie, von Schmerz verwirrt, euch verfluchten und euch Henker, Mörder nannten, dann war es Pater Spee, der solche Rede ernst verwies und mit des Kreuzes Balsam allen Unmut heilte. O seid nicht ungerecht! Jeder Arme, der in eueren Kerkern schmachtet, trägt ^seine^ Leiden nur und stirbt nur ^seinen^ Tod. Doch Spee trägt aller herbes Leiden in voller Liebe mit und stirbt mit jedem seinen blutigen Tod. Schmäht auf die Priester nicht, die unsere Wunden heilen, und legt nicht neue Dornen ihnen auf den Weg der Liebe! ^Dankt Gott aus voller Seele, daß noch Priester sühnend in den Abgrund steigen, in welchem die Torheit und die Sünde gleich giftigem Gewürme die Menschheit morden.^ Nehmt dem tiefsten Elend, das sich hier in eueren Kerkern häuft, den letzten Trost des Priesters, dann mögt ihr sehen, wie der Wahnsinn euere Opfer schüttelt und der Selbstmord sie euerem Spruche entzieht; dann mögt ihr hören, wie euch glühende Lippen fluchen, wie sie euch Henker und Satane nennen. Und habt ihr das geschaut und eueren Fluch gehört, dann ringt die Hände und ^dann ruft wieder nach Priestern, welche mit der Liebe Wort die Wunden des Herzens heilen und jede Leidenschaft zum stillen Opfer kehren^.«
Elsa hatte diese Worte mit einer so hohen Begeisterung, mit solcher Wärme und Innigkeit gesprochen, daß selbst die Richter tief beschämt zur Erde sahen. Der Oberschultheiß blätterte mit fieberhafter Hast in einem Akte, um seinem Zorne Zeit zu gönnen, sich zu legen. Dann erhob er sich in seiner kalten Strenge und sprach:
»Ich frage Euch, Edeltraut Göbel, ob Ihr Euch schuldig gebt des Bundes mit dem Satan, der Hexerei und bösen Zauberkünste?«
»In Ewigkeit, nein!« erwiderte mit unvergleichlicher Würde Edeltraut.
»Euch, Elsa Gering, frage ich dasselbe.«
»Ich diene meinem Gotte; ihm gehöre ich. Ich habe nie dem Bösen einen Teil an mir gegeben, Gott ist mein Zeuge, mein Herz drückt keine Schuld.«
»Und wenn ich euch nicht glaube?« fragte spitz der Oberschultheiß.
Edeltraut warf einen empörten Blick nach demselben.
»Habt Ihr den Glauben an ein reines Herz verloren, so nennt Lüge, was wir sagten. Doch glaubt Ihr noch an Wahrheit und Treue, so ist es Euere Pflicht, daß Ihr Euch unserem Worte beugt.«
»Ich verweise auf den Henker!« drohte der Oberschultheiß.
»Er kann, er wird uns nicht zum Lügner machen,« sprach Elsa mit mildem Ernste.
»Ihr wollt also die Wahrheit nicht gestehen?«
»Wir haben sie gesagt!«
»Der Henker trete ein!«
»Gerechter Gott!« rief Edeltraut und fiel der zitternden Elsa um den Hals. »O laß mich sterben!«
-- -- Und er trat ein! -- --
11. Kapitel: ^Der Richter im Gefängnisse^
Das war ein Tag der Schande.
Die Sonne tat wohl gut daran, daß sie hinter dichtes Gewölke trat und nicht mit hellem, vollem Glanze auf ein Schauspiel niederleuchten wollte, das jeden fühlenden Menschen aufs tiefste empören mußte, nur nicht jene erbärmlichen Hexenrichter.
Aus den Wolken fiel erst leichter Regen nieder, der, immer mehr anwachsend, zum strömenden Gusse wurde. Ja, der Himmel verhüllte sein Angesicht und weinte; war doch, was er auf Erden schauen sollte, gleich schändlich und gleich schrecklich.
Der Henker hatte an beiden Jungfrauen sein Werk getan. Nur wer Spees _Cautio Criminalis_ gelesen hat, weiß, welch eine Schmach in jenem Worte liegt. Der Hexenwahn trieb die Richter zu Dingen, die jeder Scham unbarmherzig Hohn sprachen. Es war ja nicht genug, der Mädchen jungen, zarten Leib mit ausgesuchter Pein zu martern, es mußten auch die Peinen der Seele sich noch dazu gesellen!
^Aber auch das geschah im Namen des »Gesetzes«, und so heilig dieses Wort an sich dem Menschen sein muß, so große Niedertracht hat es schon in sich geschlossen.^
Elsa und Edeltraut ertrugen die Folterqualen, mit denen sie körperlich mißhandelt wurden, mit einer Geduld, die nur als eine besondere Gottesgnade angesehen werden konnte; denn der rohe Henker ließ sich die Gelegenheit, so seltene Delinquenten unter seinen Händen zu haben, ganz besonders angelegen sein. Was sie aber nicht ertrugen, das war jene »gesetzmäßige« Gemeinheit, die ihrer weiblichen Ehre aufs verletzendste Hohn sprach.
Die Geisteskräfte der armen Opfer gingen in diesem schmutzigen Meere von Qualen unter, Nacht und Bewußtlosigkeit hielten ihre Sinne gefangen -- es war eine wahre Erbarmung, daß sie eine tiefe Ohnmacht umfing, und daß man sie wie leblos in ihren Kerker zurücktrug.
Da lagen sie auf sprödem Stroh, und neben ihnen kniete des Kerkermeisters Weib und suchte die Wunden zu verbinden und die zarten, so arg mißhandelten Körper durch Balsam und stärkende Wasser neu zu beleben. --
Es war ein eigenes, tiefwehmütiges Bild, die gute Alte, dem sterbenden Herbste gleich, neben den geknickten, mit blutigem Tau bedeckten Blumen des Frühlings zu sehen! --
Ein trüber Morgen dämmerte nach einer leidenvollen Nacht durch die kleinen Fenster des Gefängnisses. Edeltraut lag, das Haupt auf den rechten Arm stützend, in einer Ecke. Ihr sonst so sonnenhelles Auge schien wie mit einem Nebel umzogen und sah glanzlos auf den Estrich nieder. Die langen, goldenen Haare waren dem Schermesser des Schergen zum Opfer gefallen; denn »an den Haaren hängt des Teufels Macht über den Menschen«, so behauptete jener souveräne Blödsinn, den man hohe Weisheit nannte. Zuweilen leuchtete noch der alte, stolze, edle Blick aus den beiden Vergißmeinnichtaugen; aber es war nur mehr das Aufflackern einer sterbenden Kraft, es war das Ringen eines untergehenden Lebens mit dem aufsteigenden Tode, es war wie das hoffnungsleere letzte Aufleuchten des erlöschenden Lichtes.
-- -- -- »Was ist aus dir geworden, arme Edeltraut?« flüsterte das Mädchen in leisem Selbstgespräche. »Was ist aus dir geworden? -- -- -- Ich weiß es nicht. -- -- -- Mir glüht das Hirn, indes mein junges Herz zu Eis erstarrt. -- -- -- Wo bin ich nur? -- -- -- O wie es öde und kalt und schaurig hier in diesen Räumen ist! -- -- -- Vater, lieber Vater!« rief sie schmerzlich und breitete die Hände bittend aus.
»Edeltraut,« entgegnete die blinde Elsa sanft, »rufe auf zum Vater, der im Himmel ist!«
»'s ist Elsas Stimme!« frohlockte Edeltraut. »Wo bist du, liebe Blume? -- -- -- Komm, komm zu mir und küsse meine Lippen; vielleicht bringt es Ruhe in meine arme Seele, wenn eines Engels Hauch mich liebevoll umweht! -- -- -- 's ist gut! Hab' tausend Dank! -- -- -- Sag', liebe Elsa, wie kommt es doch, daß ich noch lebe? Glaubte ich doch, ich sei gestern gestorben, als sie mir im Gerichtssaale -- -- --«
Sie sprang von ihrem Lager auf und starren Auges sah sie nach der Decke.
-- -- -- »Und du dort im Himmel droben hast es zugelassen, daß die Henker mich mit einer Grausamkeit quälten, daß kein Wort zum Dolmetsch des Schmerzes werden kann. Meinen jungen Leib haben mir die Schergen zerrissen, und alle Pein kam über meine Glieder. Allein darüber wollte ich nicht klagen; denn wer Wölfen und Hyänen in den Rachen fällt, kann nur Schmerz und Blut und Tod erwarten. Aber daß sie mir auch mit frevelhafter Hand in das Heiligtum der Seele gegriffen und eine Flut von Schmach und Schande über mich ausgegossen haben, daß sie auch an meiner Reinheit und Ehre zu Henkern wurden: das klage ich mit gebrochenem Herzen dir, o Gott! Hast du die Blumen nur darum so rein und zart geschaffen, hast du sie nur darum gelehrt, ihren Kelch selbst dem Silberauge des Mondes zu verschließen, damit dann eine rohe Hand den Blütenstaub von ihren Blättern streift und Gift und Tod in ihren Kelch versenkt?«
»O klage nicht!« bat Elsa.
»Und warum nicht?« fuhr stolz das Mädchen auf. »Nimm einem Menschen alles, was er hat und liebt, nimm ihm sein Glück, den Frieden, ja selbst den Himmel: das Recht der Klage kannst und darfst du ihm nicht nehmen. Es ist der letzte, wenn auch arme Trost, welcher jedem Leide bleiben muß. Und diesen letzten Trost will ich in vollen Zügen genießen -- es ist der letzte Lichtstrahl vor dem gewissen Tode!«
Edeltraut war wieder in sich zusammengebrochen; seelenlos blickte das Auge aus den rotgeweinten Höhlen, und schlaff hingen die Arme an dem zitternden Körper herab.
»Elsa, du bist so stille,« flüsterte das Mädchen. »Ahnst du die Ruhe des Grabes?«
»Und mehr noch die Wonne des Himmels,« ergänzte lächelnd die Blinde.
»Die Wonne des Himmels!« wiederholte Edeltraut und schüttelte nachdenklich das Haupt. »Qualen, gräßliche Qualen hat meine Seele verkostet, und meinen Leib haben sie gemartert, sie, die Menschen ohne Herz und Ehre und Erbarmen -- aber Wonne des Himmels? Ich verstehe das nicht! -- -- Gut Elschen, arme, süße Blume, was sagst du von Himmelslust?«
»Dein Geist ist wirr und deine Seele müde, liebe Edeltraut,« sprach Elsa. »Darum laß dir von dem Frieden sagen, den wir im Jenseits finden. Dir mag die Erde noch vor kurzer Zeit ein Garten voll Blumenpracht gewesen sein; mir war sie stets ein düsteres Grab. Die Anker, welche der Mensch aus seinem Herzensmeere auf der Erde sandigen Boden senkt -- sie halten niemals stand in Sturm und Leiden. Hin über alle Sterne, teure Freundin, muß die Hoffnung schauen. Gott muß unser Kompaß und Anker und Segel sein, das Ziel unserer Sehnsucht und unseres Lebens, unserer Leiden Unterpfand, die goldene Abendröte nach dem wetterschweren Tage. Sieh, teure Schwester, wenn die Stunde gekommen ist, in der wir durch Tod und Grab zum Leben eingehen, in unseren Händen nichts als arg geknicktes Hoffen tragend, das sich in herbem Leide zur Dornenkrone flocht; wenn wir alle die Tränen vor unseres Herrgotts Füßen ausschütten, die wir geweint; wenn wir unser Herz zeigen, das der Schmerz wund gerissen, und, ohne unsere Lippen an dem sündigen Kelche der Erdenfreude je genetzt zu haben, bettelarm an irdischer Lust vor unseren Richter treten; noch mehr, wenn alles Leid, das die Tage unseres Lebens ausgefüllt hat, wenn die Träne und der Seufzer und jede welk gewordene Hoffnung zum stillen Opfer werden, das der Mensch aus seinem Leben in das Jenseits trägt: dann breitet Gott die Arme seiner Liebe zum Willkommen und teilt die angemessene Herrlichkeit, die er in sich genießt, mit einer solchen treuen Seele.«
»Einst hätte ich wohl erfaßt, was mir dein Wort schmeichelnd in das Herz zu reden weiß. Das war in jenen Tagen, da das Leid gleich flüchtigen Wolken über meinem Himmel zog, und noch nicht Schmach und Schande und Entehrung meine reine Seele drückten. Seit sie den Frieden und des Herzens Frühling mir gestohlen haben, ist auch mein Geist gebrochen, und die Schwingen meiner Seele sind erlahmt. Ist's doch, als läge düstere Nacht über meinem Geiste und erstarrte der Gedanke in meinem Gehirne. Es ist, als stünde alles Leben in mir stille, ich weiß, daß ich nicht zu den Toten zähle, und fühle doch mein Leben schon erstorben. O Elsa -- Elsa, wenn zu allem Elend, das ich stöhnend trage, auch noch des Wahnsinns Schrecken kämen! Und sie werden kommen, ja, sie müssen kommen; warum soll die stolze Edeltraut nicht auch dieses Leid noch kosten? Vielleicht liegt ein süßes Erbarmen in der Nacht, die meinen Geist umschatten wird, vielleicht sind jene Bilder, die des Wahnsinns Griffel zeichnet, nicht so häßlich, nicht so schrecklich, als was ich zu tragen kaum mit letzter Kraft vermag!«
»Sei dir nicht selbst zur Qual, du müde Taube,« tröstete Elsa. »Frage nicht, was kommen wird. Sage du dir nur, Gott ist's, der Licht und Nacht verteilt, der Kraft dem Schwachen gibt und Mut dem Sinkenden. Wohlan, sei groß und stark, wie du in schöneren Tagen es gewesen bist. Sei du das Opfer mit ganzer Seele, zu dem dich Gott erkoren. Demut stärkt den Geist und schirmt ihn gegen Untergang.«