Part 5
Dicht unter der Laterne war die Wachtstube Knuts; der gotische Fensterbogen mit den zerborstenen Drachenköpfen war frisch ausgeglast und bot weite Rundsicht dem Meere zu. Der Raum war groß und nahm fast den ganzen Turm ein, ein eiserner Herd, ein lederbezogenes Lager, ein eichener Tisch, die blaue Truhe der Mutter waren die einzigen Geräte. Eine Holztreppe führte hinauf in den Laternenraum. Schweres Gebälk verkleidete die Mauern; wo diese sichtbar waren, zeigten sich da und dort geschwärzte Stellen, die stammten von dem Brande des Liebesnestes. Es war derselbe Raum.
Auf dem Holzgesimse lagen halbverbrannte Muscheln, Korallenzweige, buntes Meergestein. Auf einer Stange, dicht am großen Lugaus, saß Babe, der Kakadu.
Er stritt tagein tagaus mit den weißen Seevögeln, die sich in kühnen Bogen am Fenster vorbeischwangen, den seltsamen Vetter neugierig betrachteten und ob seiner Gefangenschaft verhöhnten. Des Nachts aber, wenn der Lichtschein herabfloß von der Höhe und weit hinaus über die Wogenkämme, da saß er ganz still an der Seite seines Herrn.
Tauchte aber ein Licht auf am Horizont, dann stellte er den Kamm auf und schüttelte sein Gefieder.
Knut war glücklich über seinen neuen Aufenthalt; die alte Hütte war ihm verhaßt, es knüpften sich zu schmerzliche Erinnerungen für ihn daran.
Gewohnt, den Tod die kraftstrotzende Jugend hinwegraffen zu sehen, hatte das Ende der alten Mutter nichts Tragisches für ihn, aber den Lars konnte er nicht vergessen; der Zorn über seine schmähliche Flucht war längst verraucht, die Liebe war geblieben. Er verwandelte sich in seinen Augen immer mehr zum verführten Kinde, von einem bösen Zauber verführt, dessen teuflische Wirkung er ja selbst an sich verspürt.
Die Spur Hennings und seiner Tochter hatte er nach langem Suchen glücklich aufgefunden, bis auf den Namen des Schiffes, auf dem sie sich befanden. Daß Lars bei ihnen war, blieb immer noch Vermutung, nichts Bestimmtes ließ sich darüber erfahren. Aber Knut schwur darauf. Was auf der Welt hätte sonst seinen Lars ihm untreu machen können, als diese Hexe. Ja, das war sie, eine ausgemachte Hexe, wie man sie vor achtzig Jahren noch verbrannt hatte auf dem Markte zu P....., gerade so eine.
Seit einem Jahre bewohnte er jetzt diesen Raum. Er war doch völlig ausgebrannt damals, dann war er neu gezimmert worden, und noch immer roch es seltsam herinnen, wie nach fremdländischen Spezereien, die einem zu Kopfe steigen und schwüle Bilder erzeugen im Hirn.
Oder war nur der Vogel daran schuld, den er zu sich genommen?
Seltsame Gedanken kamen ihm oft, Erinnerungen an in der Jugend Gehörtes, Gelesenes. Wenn in ihm der ganze böse Zauber steckte? Klug war er wie ein Mensch, und wenn er ihn im Dämmerlichte der Stube so starr anblickte mit seinen roten Augen, sprach wie ein Mensch, dann ward es ihm ganz unheimlich. Wiederholt hatte er schon seinen Tod beschlossen, -- er fand nicht den Mut dazu, der Ausgang war immer, daß er ihn herzte und streichelte, seinen einzigen Freund.
Zum zweiten Male war der Herbst gekommen und kehrten die Fischerboote aus dem Nordmeere zurück. Knut las mit Eifer die Berichte, die Namen der Schiffe, der Reeder, von schweren Verlusten an Menschenleben, Schiffbruch und Verschollenerklärung.
Nichts von der „Halland‟.
Eine stürmische Novembernacht! Dichter, großflockiger Schnee fegte durch den undurchdringlichen Nebel und verklebte die Fenster. Außen pfiff und sang es um die Ecken, innen ächzte und stöhnte es durch den Schacht herauf, knarrten die schwankenden Dielen. Vom Meer her ertönte das wüste Geheul der Sirenen, dann und wann tauchte ein schwacher Lichtschimmer auf im brüllenden Chaos. Heute galt es sich bewähren für den Turm von P.....
Knut scheuerte unermüdlich an den Hohlspiegeln der mächtigen Laterne, welche, auf einen eisernen Rahmen gestellt, sich fortwährend gleichmäßig drehten, um das für den Turm vorgeschriebene intermittierende Licht zu erzeugen. Der ganze Turm schwankte, und das Uhrwerk, welches die Drehung des Rahmens besorgte, knarrte und ächzte in allen Fugen.
Er war das blendende Licht schon gewöhnt und die Glühhitze in dem engen Raum, nur wenn er dann die Wendeltreppe hinabstieg in den Wachtraum, überkam ihn oft ein Schwindel, und die sonderbarsten Sinnestäuschungen äfften ihn augenblicks.
Jetzt glaubte er Schritte zu vernehmen -- von unten herauf -- auf der Treppe -- deutlich -- ganz leise Tritte, -- als ob man so etwas hören könnte in dem Unwetter, in dem Gestöhn und Geknarr ringsum. Er horchte gegen die Fallthür hinab. Wer sollte denn kommen in dem Wetter?
Da kreischte Babe auf -- Knut kannte seine Sprache --, doch das waren ihm fremde Laute, nicht Zorn, nicht Freude, nicht Sehnsucht, -- dann wieder die Stille --
Er riß die Fallthür auf, die Lichtfülle von oben stürzte herab in den Raum, er mußte sich an das Geländer halten -- das war ein neues Phantom, das sich ihm zeigte, ein riesiger Schatten, der sich an der Decke brach, ein menschlicher Schatten.
„Wer da?‟ rief er rauh, von einer fremden Angst gepackt.
Ein unterdrücktes Weinen drang herauf, -- der Schatten bewegte sich vor. Plötzlich flog Babe kreischend vorüber. „Larrrs! Larrrs!‟ Dann folgte das eigentümliche Kollern, der Ausdruck der höchsten Freude.
„Wer da?‟
Knut stieg hastig herab. Er hatte nicht mehr Zeit, die Fallthüre zu schließen, den Arm zu dem Zwecke erhoben, blieb er wie gebannt stehen.
Vor dem Eingange zum Wachtraum stand ein Weib, Schneeflocken hingen in dem schwarzen Haar, auf dem wollig bunten Shawl, in dem sie einen Gegenstand gehüllt trug; auf der Schulter des Weibes aber saß Babe, der Kakadu, mit den Flügeln schlagend, sein „Larrrs!‟ kreischend.
Es war Knut, als ob die Stufe unter der Schwere seines Körpers wankte, der ganze Turm.
„Nizam!‟ Er wagte sich nicht heraus mit dem Namen, flüsterte ihn nur.
Die Gestalt nickte mit dem Haupte. Da stand er schon vor ihr, die Arme ausgestreckt, ihr Antlitz durchforschend, -- es war fahl und gelb, tiefe Furchen zogen sich darin hin, nur die Augen leuchteten wie einst, und das Haar erfüllte mit seltsamem Duft den Raum.
„Nizam!‟
Nochmals nickte sie mit dem Kopfe.
„Und Lars? Wo ist Lars?‟ Knut fragte drohend, Rechenschaft fordernd.
Da löste das Weib das Tuch, -- blondes Gelock leuchtete im grellen Lichte, das herabfiel durch die Fallthür, ein Kinderantlitz wandte sich geblendet, die Fäustchen vor die Augen drückend.
„Sein Kind? Meines Lars?‟ Knut beugte sich über das holde Wunder, er vergaß einen Augenblick das Weib vor ihm, den Bruder. „Und er -- er ist tot?‟ fragte er dann plötzlich mit unsicherer Stimme. „Was ist mit Lars? Sprich! Was habt ihr gemacht mit meinem Lars? Tot?‟
„Wer spricht von tot? Ich komme, ihn zu erwarten -- er muß ja wiederkommen.‟
„Erwarten? Wiederkommen? Hat er dich zum Teufel gejagt, oder bist du ihm davongelaufen? Bringt dich die Not hierher?‟
Nizam nickte mit dem Kopfe. „Die Not! Nichts sonst, verlasse dich darauf, der Kleine hier, -- mein Knut!‟ Das Weib sank in die Knie und drückte schluchzend das Kind an sich.
Knut preßte die Fäuste zusammen. „Knut heißt er? Wirklich Knut? Und Lars -- Lars hat ihn so genannt? Ich bin ganz wirr -- du mußt schon -- komm, Nizam, -- bei dem Wetter mit dem armen Kind?‟ Er hob mit bebenden Händen das Weib vom Boden auf und führte es zu dem Sitz am Herde.
„Jetzt erzähl' mir von Lars! Er lebt ja -- sagst du, -- der Lars --‟
Und Nizam erzählte von Lars, während der kleine Knut, von der behaglichen Wärme gelockt, aus der mütterlichen Hülle kroch und mit Babe sein Spiel trieb. Sie erzählte von der letzten Stunde, die sie mit Lars verlebt, wie er noch an die Mutter gedacht, und des Bruders, wie das Heimweh ihn beschlichen, von ihrem qualvollen Warten, von dem Kapitän, der taub gegen ihre Bitten, der sie eingeschlossen wie eine Wahnsinnige, von den furchtbaren Wochen, die nun folgten, verlassen, hilflos unter den rohen, lüsternen Männern, bedrängt von dem Kapitän, der sie als seine willkommene Beute betrachtete, -- und sie immer festen Glaubens an Lars' Rettung. Die „Halland‟ selbst litt schwer Schaden im Sturme, nach Monaten liefen sie erst in einem kleinen Hafen Norwegens ein.
Da stand sie nun, entweder die Beute des verhaßten Mannes, oder des Elendes! Sie wählte das letztere. Der Winter stand vor der Thür. Sie verdingte sich als Magd. Im Frühjahr genas sie eines Knaben.
Jetzt mußte er ja zurückkehren, der Lars, oft kam es vor, daß das Eis verirrte Fischer den Winter über zurückhält, -- aber er kam nicht, nur die Not kam, die bitterste Not! Niemand wußte etwas von Lars und dem Vater in dem Bureau der Reederei, zu welcher die „Halland‟ gehörte.
Im Sommer ging es. Sie arbeitete auf dem Felde, um den Kleinen zu ernähren. Lars kam immer noch nicht, -- aber der Winter kam. Sie fühlte sich krank und schwach, jetzt galt es das Leben des kleinen Knut.
Es gab nur zwei Wege -- zurück zu dem Kapitän der „Halland‟, er wird ihr nicht die Thür weisen, was er auch begehrt dafür, -- es gilt das Leben ihres Kindes, -- oder zu dem Bruder des Lars nach P.....
„Du siehst, wie ich gewählt, jetzt verstoße mich, liefere mich dem Gerichte aus, was du willst, nur den Kleinen nimm auf, das Kind deines Lars.‟
Knut verlor keinen Blick von Nizam. Sie erschien ihm jetzt wieder so blühend wie damals, als er sie zum ersten Male sah im Hause der Mutter, nur das Hexenhafte war völlig verschwunden, der sündhafte heiße Blick, der sein Blut damals sieden machte; es war nur noch Mitleid, liebevolles Mitleid, das er für sie empfand.
„Und du hoffst noch immer auf seine Wiederkehr?‟ fragte er.
„Ich muß hoffen, wenn ich leben will.‟
„Obwohl das zweite Jahr schon um?‟
„Und wenn das dritte und vierte um, ich werde noch immer hoffen und auf ihn warten.‟
„Das ist lange, Nizam, drei, vier Jahre warten.‟
„Lange?‟ Nizam sah Knut seltsam forschend an. „O, ich verstehe dich -- ich will dir nicht zur Last fallen, -- ich will hier nicht warten, --‟ sie erhob sich jäh, „nicht einen Tag -- nur das Kind, --‟ Thränen erstickten ihre Stimme, dann färbten sich plötzlich ihre Wangen dunkelrot, und die Augen leuchteten wie damals, so drohend -- „nein, auch das Kind nicht!‟ Mit hastigem Griffe nahm sie es auf und schlug das Manteltuch um die Schultern.
Doch Knut stand vor ihr in seiner ganzen Breite.
„So, meinst du, Nizam?‟ Er lachte zum ersten Male wieder, seit Lars ihn verlassen. „Und du glaubst, das geht dir so durch, mit deinem Trotzkopf? Ei natürlich, -- hier habe ich allein zu befehlen, und ich befehle: dageblieben, Mutter und Kind, -- das heißt, nicht hier, in einem Raum mit dem Knut, brauchst dich nicht zu ängstigen, -- das -- das möcht' ich selber nicht -- gewiß nicht, -- ginge auch gar nicht, schon wegen dem Dienst, -- aber drüben auf der Werft -- da kannst du hausen und warten, -- ich -- ich werde dir nicht oft lästig fallen, ich verspreche es dir. Was ich noch fragen wollte -- ihr seid doch getraut, du und der Lars?‟
„Ja, das sind wir, -- zu Bergen war es. Mir wär' es wohl gleich gewesen, aber der Lars wollte es nicht anders --‟
„Lästere nicht, Nizam, das war gut vom Lars. Jetzt mach' dir's bequem, dort auf dem Lager. Hier sind Decken und Kissen. Die Suppe steht am Herd. Ich muß nach oben sehen.‟
„Und wo schläfst du, Knut?‟ fragte Nizam.
Er wich ihrem Blicke aus. „Ich schlafe nicht heut nacht. Das Wetter ist stürmisch. Kümmere dich nicht um mich.‟ Er verschloß die Thür und stieg schweren Trittes die Wendeltreppe empor.
Nizam sah ihm starr nach. Wie er doch Lars glich! Die Lichtflut saugte ihn förmlich auf, die herabdrang zu der geöffneten Fallthür; dann schloß er sie.
Nizam war allein mit dem Kleinen und Babe.
Die wohlige Wärme des Raumes, die kräftige Suppe, die sie mit dem Bübchen teilte, das weiche Lager, das ihrer wartete, -- schon lange fühlte sie sich nicht mehr so behaglich. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Der kleine Knut schlummerte so süß, durch die Spalte der Fallthür brach es wie ein himmlischer Glanz. Auf der Lehne des Stuhles saß Babe, sie regungslos betrachtend. Sie dachte der kleinen Koje im „Halland‟, der letzten Worte des Geliebten: „Wenn er nach Norderoog kommt, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟
„Dann bin ich ihm wieder gut, -- ich war ihm überhaupt nie böse, -- er gleicht dir ja so‟ -- genau so sagte sie --, „und oben ist das Prunkgemach -- alles Gold und Samt, -- draußen das weite Meer, -- die weißen Vögel, -- die Wolken. Und Babe bekommt einen goldenen Käfig -- und eine goldene Kette um die Füße -- und eine Goldschnur ins Haar --‟
* * * * *
Neben dem Laternenraum war eine kleine Kammer, in der das Putzzeug lag, Haufen von Werg, krauses Handwerkszeug. Hier saß Knut, der Wächter, das Haupt in die Hände vergraben. Sie war das eheliche Weib seines Bruders, die Mutter seines Kindes, es war seine Pflicht, sie zu schützen. Wenn das die Mutter erlebt hätte, sie hier im Sühneturm, die Hexe von Norderoog! Unsinn! -- Hexe! Aberglaube! Spricht der Böse aus diesen Augen? Und wie zärtlich sie mit dem Kinde ist, mit dem kleinen Knut, die beste Mutter! Armer Lars, solches Glück verscherzen! Und wenn er wiederkehrt, wenn er ihm alles geben kann, was er ihm sorgfältig verwahrt, Weib und Kind! Aber er kehrt nie wieder, nie mehr, das Meer giebt keinen zurück. Zwei volle Jahre. Nie mehr!
Es litt ihn nicht mehr in dem engen Raume. Im Leuchtraum saugt das glühende Licht an seinem Gehirn, -- so trat er auf die eiserne Galerie hinaus in das Freie. Da fiel ihn der Sturm an, wie ein Feind, und der feuchte Schnee umwirbelte seine heiße Stirne -- draußen brüllte das Meer in der schwarzen Leere, und im Lichtkegel des Turmes bäumten sich weißleuchtende Fabeltiere, sich gegenseitig verschlingend, -- dann und wann tönte der Klagelaut einer Sirene, oder das Tuten eines verirrten Fischers, -- das stärkte seine arme irre Seele.
VI
Mit banger Scheu sah man wieder Licht brennen die langen Winterabende in Götreks Werft, wußte man doch, wer dort hauste, die _Hexe von Norderoog_, wie sie der Volksmund längst getauft.
Sie hatte den armen Lars, der noch in aller Erinnerung war, fortgelockt, weiß Gott wohin, kein Mensch sah ihn je wieder, und jetzt war sie wiedergekommen, wohl um ein neues Opfer zu holen. Schon hatte sie ihre Schlingen von neuem gelegt, und man wußte auch, wem sie galten. Gerade auf die Götreks hatte sie es abgesehen. Die Schneespur zwischen der Werft und dem Leuchtturm war immer wieder aufgefrischt.
Ist ja doch ihr Schwager, und der Junge seines Bruders Sohn, meinten die Wohlgesinnten.
Saubere Schwägerin, sauberer Bruders Sohn, die andern, kann man sich vorstellen, was das für eine Ehe gewesen ist. Schämen soll er sich, der Knut, der doch der eifrigste Gegner der Hexe war.
Knut kannte die Stimmung. Er wäre am liebsten alle Tage den Weg gegangen, aus Trotz, aus Zorn über die Bosheit der Leute, aber er wagte es selbst nicht, vor sich selbst fürchtete er sich, nicht vor den anderen.
Das Bild, das er da drüben immer wieder zu sehen bekam, war zu verführerisch für den einsamen Mann, die Mutter mit dem Kinde. Es hatte gar nichts Hexenhaftes, im Gegenteil, etwas ganz Himmlisches für ihn. Dann und wann kam es ihm wohl vor, als blicke aus den schwarzen Augen die einstmals so gefürchtete Heidin, die Verführerin seines Lars, aber das war nur seine eigene wilde Begierde, die immer wieder hervorbrach, sein eigenes sündiges Blut, das sich regte.
Nizam und der Knabe waren für ihn das heilige Vermächtnis Lars'. Er kehrte ja nie mehr zurück, nie mehr, tausendmal sagte er sich das, -- gleichviel, dann konnte er ihm wenigstens drüben einmal Rede stehen.
Nizam schien sich völlig einzugewöhnen. Die Pflege des Kindes nahm sie ganz in Anspruch, nur immer durchsichtiger wurde das Antlitz, immer weißer, und die Augen immer größer, brennender. Ein böser Husten quälte sie, das hatte sie noch von der „Halland‟ her, von den entsetzlichen Nebelwochen, der ewigen kalten Feuchte, die sie nicht vertragen konnte.
Knut gegenüber verlor sie rasch alle Scheu. Sie behauptete, alle Tage werde er dem Lars ähnlicher, doch schien diese ständige Erinnerung eher wohlthätig auf sie zu wirken, als schmerzlich, der Freude nach, die sie jedesmal äußerte, wenn Knut auf Besuch kam.
Das Gespräch kam immer wieder auf Lars. Knut wußte so viel Neues, der Stoff ging ihm gar nicht aus, dem sonst so Schweigsamen, und der Kleine lehrte ihn sogar das Lachen, wenn er auf seinem Schoße spielte.
Zur rechten Zeit schreckte ihn dann irgend eine Bemerkung Nizams, ein Blick, ein Lächeln, ein eigener jäher Gedanke aus seiner Sicherheit, und er blieb wieder eine Woche aus. Das waren die schlimmsten Zeiten; wie die Schwärme der Seevögel im Frühjahr den Turm, so umschwärmten ihn die Gedanken.
Wenn Lars wirklich nicht mehr kam -- und es war gewiß, daß er nicht mehr kam, -- was soll dann werden mit Nizam? Ihm selbst konnte auch einmal etwas zustoßen, beim Fischfang, beim Rettungswerk, -- überhaupt, es geht oft sonderbar, der Tod lauert überall auf einen. Dann war sie der Bosheit, dem Vorurteil der Leute ausgesetzt, die sie haßten, die sie keinen Tag mehr dulden würden auf der Insel.
War es nicht seine Pflicht als Bruder, vorzusorgen, -- trat er nicht Rechtens Lars' Erbschaft an, und das Beste, das Teuerste, was er besaß, sollte er dem Zufall preisgeben? Wer hatte denn mehr Recht auf Nizam, als er? Etwa der Kapitän, der sie verfolgt mit seinen lüsternen Anträgen, den sie haßte, verabscheute, -- oder irgend ein anderer? Ja, hatte denn Lars allein das Recht, sie zu lieben, zu besitzen? Solange er lebte, wohl, -- aber der Tote hat doch kein Recht mehr auf das Leben, -- und er war ein Toter, so gewiß, als in ihm tausendfältig neues Leben sich regte.
Seit wann ist es Sitte, daß junge Frauen ewig Witwen bleiben? Er kannte zwei Familien, in denen die Brüder die Witwen des verunglückten Bruders heirateten; allgemein wurde die Heirat nur gebilligt.
Warum für ihn und Nizam ein anderes Maß? Aber wenn Lars doch noch lebte? Alles schon dagewesen -- die unglaublichsten Fälle, -- nun, dann wartet man noch das Frühjahr ab, den Sommer, -- also das dritte Jahr. Weiter kam er nicht, dann faßte ihn das Grauen, -- ehrlich gesagt, man wartet auf die Gewißheit seines Todes, -- man hofft sicher darauf, man zittert, daß es anders kommen könnte. Er zittert, der Bruder! Furchtbarer Frevel!
So verging der Winter in schwerer Herzensnot, und das Frühjahr kam, ein rauhes, wildes Frühjahr, wie die Nordsee es liebt, mit Sturm und Hochflut und wochenlangen Regenschauern.
Nizam war bettlägerig, noch nie fühlte sie sich so schwach. Ein krankhaftes Sehnen überkam sie, fort, nur fort, der Sonne zu, dem Licht, der Wärme, förmliche Hallucinationen stellten sich ein, von blumigen Wiesen, blauem Himmel, von kühlenden Gewittern nach schwülen Nächten.
Knut hörte ihr oft besorgt zu. Sie war ernstlich krank, das verstand er jetzt. Und wenn er neben ihr saß, den kleinen Knut im Schoße, und beide ihren sonderbaren Erzählungen lauschten von fernen, sonnigen Ländern, der Mann und das Kind, und wenn sie dann plötzlich seine Hand ergriff und zärtlich drückte und ihn so flehend ansah, als wollte sie sagen: Komm und führe uns dahin, -- da frohlockte er in seinem Innern, und er glaubte, die Sprache zu verstehen. Es handelt sich gar nicht um Sommer, Licht und Wärme, um ferne Länder, sondern um etwas ganz anderes, -- um Liebe und ein treues Herz, ohne das dieses Wesen gar nicht leben konnte, danach sehnte sie sich, an dem Mangel daran starb sie noch, wenn er nicht abhalf, und er könnte abhelfen, wenn er nur den Mut hätte.
Eines Tages aber fand er den Mut.
Nizam war aufgestanden, es war ein seltener Sonnentag; sie saß am Fenster, badete sich im warmen Licht und blickte so hoffnungsvoll hinaus in die Weite. Sie schien heute eine besondere Freude zu haben über sein Kommen, das stärkte ihn.
Wie nur anfangen? Babe schnarrte heute immer sein „Larrrs‟! Das verwirrte ihn ganz, rief von neuem sein Gewissen wach. Zum Glück kam ihm der kleine Knut entgegengestrampelt. Er herzte und drückte ihn wie noch nie.
„Was soll denn aus meinem lieben Jungen werden? Was denn? Ein Seemann? Ein Soldat? Oder gar ein Studierter? Hast du schon darüber nachgedacht, Nizam?‟ wandte er sich dann plötzlich an die Frau am Fenster, vom Scherze plötzlich abspringend.
Nizam seufzte schwer auf. „Was soll ich darüber denken, -- ich! Aber es hat ja noch Zeit, -- wenn -- wenn --‟ ihre Stimme stockte, „wenn Lars einmal kommt --,‟ dann brach sie in helles Schluchzen aus.
„Nizam!‟ Knut rief es verdrossen, „das ist nicht recht von dir, das ist ein Frevel! Jawohl, ein Frevel! Was Gott will, will er, und er weiß, warum er es will, und der Mensch soll nicht trotzen.‟
„Was will dein Gott?‟ Nizams Antlitz bekam plötzlich einen strengen Zug.
Knut verwirrte ihr Blick. „Gott will -- Gott will nicht, daß man --‟ Knuts Brust hob sich mächtig, dann platzte er heraus: „Gott will, daß dieser Junge unter eine männliche Zucht komme. Gott will, daß du dich nicht zu Tode kümmerst, daß du für ihn lebst. Gerade heraus, Gott will nicht, daß du allein bleibst --‟
„Knut!‟ Nizam sprang von ihrem Sitze auf. „Wer sagt dir, daß ich allein bin, wer sagt dir das, Knut? Hast du Nachricht? Hast du?‟
„Nichts habe ich, mein Verstand sagt es mir, und noch etwas, mein Herz. Ja, Nizam, mein Herz -- ich -- ich -- sieh mich doch an, bin ich denn so weit ab von Lars? Daß ich älter bin, nun ja -- das bin ich, aber sonst --‟ Knuts Antlitz rötete sich, ein heftiger Sturm erhob sich in ihm; „er hat dich ja mir weggestohlen, der Lars, ja, das hat, -- so wahr ich leb', das hat er! Ich hätte dich ja selbst zum Weib genommen. Tag und Nacht habe ich nichts anderes gedacht, nur der Mut hat mir gefehlt -- und dann die Eifersucht -- ich sah ja, wie lieb du ihn hattest, darum schwieg ich, -- aber jetzt -- jetzt -- ich verlange ja nicht, daß du mich -- wie den Lars, -- das -- das weiß ich schon, das kommt nur einmal -- aber ich bin ja mit wenig zufrieden -- mit allem, Nizam -- nur mein Weib sollst du werden --‟
„Und Lars -- Lars ist tot?‟ Nizam war jetzt dicht vor Knut getreten.
Es war eine furchtbare Frage, eine Frage, die Knut in seinem Innersten erbeben machte und zugleich etwas wie Haß weckte gegen den unbesiegbaren, immer wieder drohend sich vor ihm erhebenden Toten.
„Ja denn, er ist tot!‟ schrie er auf, „_muß_ längst tot sein. Warum soll er denn nicht tot sein, wenn er drei Jahre nicht kommt, nichts hören läßt von sich -- ich wollte ja selbst -- war ja doch mein Liebling, der Lars aber er ist tot -- und so antworte, Nizam, ich -- ich begehre dich zum Weibe.‟ Knut war erschöpft, er mußte sich setzen.
Nizam schwieg lange, selbst der kleine Knut empfand unbewußt die heftige Spannung, die den kleinen Raum erfüllte, und blickte mit offenem Munde auf den gebeugten Mann auf dem Stuhl.
„Willst du nicht warten, Knut,‟ begann plötzlich Nizam, während sie hinausblickte in den Frühjahrstag, „nur noch zwei Wochen --‟
„Wieder warten!‟ Knut nickte mit dem Kopfe. „Das heißt, du hoffst noch -- dann -- ja dann allerdings --,‟ er erhob sich mühsam.
„Nein, -- ich hoffe nicht mehr -- hab' Mitleid, Knut.‟ Nizam schwankte, Knut nahm sie in seine Arme. Sie ließ es ruhig geschehen, er preßte sie an sich, er küßte sie -- dann riß er sich jäh los.
„Ich warte, Nizam.‟
Nizam sah ihm mit einem sonderbar listigen Lächeln nach, dann setzte sie sich wieder an das Fenster und starrte in den Frühling hinaus, als erwarte sie jemand.
* * * * *
Von neuem war der Winter Herr, er stürmte und wetterte seit zwei Wochen mit dem blöden Zorn der Verzweifelten.