Die Hexe von Norderoog

Part 3

Chapter 33,897 wordsPublic domain

„Ehe es so kommt, das schwöre ich dir, finden sie einmal draußen am Strand einen Mann, dem der rote Bart noch nicht lang gewachsen ist. Warum hast du mich so angeblickt, als du zum ersten Male unser Haus betratest? Warum hast du dich küssen lassen, als ich dir begegnete? Warum kommst du heut hierher, wenn du mich nicht wirklich liebst? Oder willst du mir wirklich nur Leib und Seele verzehren, wie Knut sagt? Bist du wirklich eine Hexe, wie die Leute alle glauben? Ein Kind der Sünde, wie der Pastor meint?‟

„Glaub' es und geh'!‟ Nizam sprang jäh auf, wie eine wilde Katze.

Lars zögerte einen Augenblick, sah sie erschreckt an; es war ihm, als höre er die warnende Stimme seiner Mutter, Knuts -- es war wirklich ein weiblicher Dämon, der da vor ihm stand, in das rote Manteltuch gehüllt, aus diesen Augen loderte wirklich die Sünde; dann aber stürzte er sich auf sie, von einer zornigen Leidenschaft erfaßt, und preßte sie in seine starken Arme. Der Duft ihres Haares betäubte ihn, die Glut ihres Körpers versengte sein Gehirn. Der rote Mantel umhüllte ihn wie eine Flamme. Und draußen brauten die kalten Nebel und verlöschten von neuem den Mond, Land und Meer in schmutzige, feuchte Finsternis hüllend.

Auf dem Kirchhof zu P..... schlug es elf Uhr, als Lars mit Nizam in das Freie trat.

Ein steifer Wind hatte sich erhoben.

Lars hielt die Geliebte fest im Arme, als er mit ihr den Wattstrom überschritt, um sie nach Hause zu geleiten.

Einmal schreckte Nizam zusammen und blieb plötzlich stehen. Es war ihr, als habe sie in der Richtung nach ihrem Hause einen Lichtstrahl beobachtet, der sich durch den Nebel rang.

O, es war wohl nur Täuschung, die Nachwirkung des hellen Feuers im Turme, in das sie so lange geblickt.

Sie sprachen kein Wort. Es war zu herrlich, dieses schweigende Wandern in der grauen Leere, gerade als ob sie ganz allein auf der weiten Welt wären. Sie verzögerten ihre Schritte. Über das ganze Meer hätten sie so wandern mögen, dicht aneinander gedrängt.

Plötzlich fühlten sie Land unter ihren Füßen; Norderoog war erreicht, und dort hob sich schemenhaft ein schwarzes Etwas aus dem Nebel -- die Hütte Hennings!

Lars schüttelte jetzt der Frost. Der Traum war zu Ende, er mußte zu Ende sein, er durfte das Haus nicht betreten.

Er wollte sich rasch entfernen, ohne lange Abschiedsworte. Es war besser so. Er löste den Arm Nizams, der um seinen Hals lag, -- da vernahmen sie beide deutlich ein Geräusch von der Hütte her, das Zufallen oder Öffnen einer Thüre.

Sie standen still, horchten lange.

War der Vater zurückgekehrt? Licht brannte keines.

Nizam klammerte sich fest an Lars. Wieder das Geräusch.

„Wenn es dein Vater ist, -- ich fürchte mich nicht vor ihm, er soll alles wissen, besser sogar --‟ flüsterte Lars.

„Wenn er es aber nicht ist?‟ fragte Nizam zitternd, „dann ist's jemand, der nichts Gutes will, -- dann komme ich gerade recht.‟

Ein wilder Thatendrang stieg in diesem Augenblick auf in dem erregten Jüngling, der Drang, sich als Mann zu zeigen vor ihren Augen.

Irgend etwas bewegte sich in der Dunkelheit, löste sich von der dunklen Masse des Hauses.

„Halt!‟ schrie Lars. „Wer da?‟

Keine Antwort.

Er trat vor, Nizam fest im Arme, die Faust am Messergriff im Gürtel.

Eine riesige Gestalt stand vor der Thüre des Hauses, regungslos.

Nizam schrie auf. Lars zog das Messer und sprang vor. Knut stand vor ihm.

„Schandbube! Hab' ich dich erwischt? Wart', ich will dir, mit Dirnen herumstreichen die ganze Nacht.‟ Er drang mit erhobener Faust auf den Bruder ein.

„Knut, ich warne dich!‟ Lars zuckte das Messer in blinder Wut, -- da fühlte er schon seinen Arm gepackt mit eisernem Griff.

„Oh, ich glaub' es dir, wer einmal so weit ist, wie du, der ist zu allem fähig. Jetzt marsch nach Hause.‟

Er stieß Lars zurück, daß dieser in den Schnee taumelte. „Und du,‟ wandte er sich an das Mädchen, „ich warne dich -- wenn du dem Burschen keine Ruhe läßt -- mußt du fort. Ich sorge dafür. Verlaß dich darauf, Dirne!‟

Nizam lachte gell auf. Es schien aus keinem Mädchenmunde zu kommen, dieses Lachen.

„Du sorgst dafür? Wer bist denn du? Knut Götrek! Ein verliebter Narr, den die Eifersucht hierher getrieben. Aber ich hasse dich ebenso, wie ich deinen Bruder liebe. Jetzt weißt du's -- und kannst gehen! Jawohl, blick' nur nicht so grimmig! Ich fürchte dich nicht, dich nicht und die anderen.‟

Sie sprang an Knut vorbei ins Haus.

„Gute Nacht, Lars! Lach' ihn nur tüchtig aus! Ich bleib' doch dein Schatz, und wenn sie die Hölle loslassen gegen mich.‟

Die Thür fiel in das Schloß.

In der Stube drinnen kreischte Babe aus Leibeskräften: „Larrrs! Larrrs!‟

Lars hatte sich aus dem Schnee erhoben. Die beiden Brüder standen sich gegenüber.

„Hast du's jetzt gehört? Sie haßt dich! Oder willst du vielleicht die Nacht vor ihrer Thüre zubringen?‟

Knut hob die Fäuste gegen ihn. „Mach' dich fort!‟ Lars wich unwillkürlich zurück. Furcht packte ihn. Knut trieb ihn vor sich her, über das Eis, P..... zu.

Plötzlich blieb er stehen. Aus dem Turme brach der letzte schwache Schein des verglimmenden Kohlenfeuers in Lars' heimlichem Versteck. Knut bekreuzigte sich. Es gingen unheimliche Gerüchte.

Schweres Unglück drohte, wenn sich ein Licht zeigte im Turme von P.....

Nizam hieß das Unglück, für ihn wenigstens, sie mußte fort, um jeden Preis.

Als er wieder nach Lars blickte, war dieser im Nebel verschwunden. Wohl wieder zurück, zu der Hexe.

Er zögerte, ob er nicht umkehren sollte.

Sie würden ihn nicht einlassen, ihn verhöhnen, dann geschah ein Unglück. In düstere Gedanken versunken schritt er seinem Hause zu.

Als er in den Schlafraum trat, erhob sich Lars von seinem Lager.

„Woher kommst denn du mitten in der Nacht?‟

Knut rieb sich die heiße Stirn, sein Blut pochte stürmisch in den Adern wie noch nie -- hatte er das Fieber? Träumte er? Rasch faßte er sich wieder.

Er war ja noch ein Kind, der Lars -- _sein_ Kind, das er doch liebte wie ein Vater. Mitleid faßte ihn mit dem bethörten Jungen. Hatte es ihn doch selbst gepackt, die häßliche Glut, die er stets so verachtet.

„Ich komme von einem Ort, an dem die Sünde lauert auf mein Liebstes! Ich lasse es ihr aber nicht, ich ersäufe sie eher! Im Turm von P..... zeigt sich ein Licht, -- ich kenne das Unglück, das es bedeutet, Lars --‟

„Und ich kenne das Licht und kann dir nur sagen, es hat mit einem Unglück nichts zu thun, im Gegenteil! Es sind die besten Geister, die da oben hausen --‟

Das war deutlich genug für Knut. Das war also ihr Liebesnest! Wilde Eifersucht, Haß und Neid stieg in ihm wieder auf, bei den Bildern, die sich jetzt in seinem Hirn woben.

„Na warte, ich werde sie schon ausräuchern, deine guten Geister,‟ sagte er in völlig verändertem Tone, das Licht auslöschend, „gründlich, verlasse dich darauf!‟

„Hilft nichts,‟ kicherte Lars. „Geister sind ja selbst Rauch, und der kommt überall heraus und hinein.‟

Knut antwortete nicht mehr.

Lars wurde es ganz bange in der schweren Finsternis. Es war ihm oft, als strecke sich eine Hand nach ihm aus, als spüre er Atem vor seinem Antlitz. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

„Knut! Knut!‟ rief er dann plötzlich angstvoll, „schläfst du?‟

Keine Antwort.

Er zog die Decke weg, unter die er sich gesteckt, und starrte hinüber zu dem Bruder.

Ein roter Schein fiel zum Fenster herein, gerade auf sein Antlitz. Die Stirn war in herbe Falten gezogen, der Mund trotzig zusammengepreßt, die Fäuste lagen geschlossen auf der Brust. Schweres Stöhnen entrang sich ihr.

Was war das? Brannte das Haus beim Nachbarn? Er schlich an das Fenster. Hoch in der Luft loderte eine Flamme, ihren Schein weithin werfend über die Schneefläche der Insel.

Der Turm brannte! Lars' Liebesnest!

Eine brennende Kohle war wohl aus dem Becken gefallen und hatte die Matten entzündet.

Lars starrte atemlos darauf. In wenig Minuten erlosch mit einem Schlage das Feuer. Es bot sich ihm keine weitere Nahrung in dem alten Gemäuer. Schwarz, drohend lag es wieder da in der jetzt nebelfreien Nacht, -- und auch Knuts drohendes Antlitz war wieder verschwunden.

Wenn er doch recht hätte mit dem Unglück, -- wenn sie wirklich eine Hexe wäre?

Er kroch in das Bett. Eine süße -- liebe Hexe -- ja, das war sie -- eine liebe Hexe --

III

Der Winter war ausnehmend mild, der Eisgürtel, der sich um die Insel gelegt, riß immer wieder und ließ die freie See herüberblitzen. Oft lag wochenlang kein Schnee, und die Hallig machte Miene, neu zu grünen im warmen Sonnenschein.

Doch diese launische Milde der Natur änderte nichts an den harten, knorrigen Menschen, welche gewohnt waren, eher eine neue Tücke dahinter zu vermuten.

Es war derselbe ernste, traurige Halliger Winter, der sich zwischen den engen Stuben und dem Predigerhaus abspielte.

Von der indischen Hexe war gar nichts zu sehen und zu hören, aber um so mehr gab es drüber zu munkeln und zu deuteln. Da brauchte man sein Auge ja nur auf die Götreks zu richten.

Nichts stimmte mehr in dem ganzen Hause, seit das Teufelskind die Diele betreten.

Der starke Knut schmolz förmlich zusammen wie ein Wachslicht, den Kopf, der ihm sonst so steif im Genick saß, trug er jetzt gebeugt, als habe er etwas verloren auf dem Wege, und der frohe Lars, der unermüdliche Sänger, ging jetzt schweigend umher, die Hände in den Hosentaschen, unsteten Blickes, ohne Gruß, ohne Lied, nicht mehr zu kennen. Mit der sprichwörtlichen Eintracht der Brüder war es auch vorbei, selten sah man sie mehr zusammen, und die Spinnabende bei Götreks waren abgeschafft, die gemütlichsten in der ganzen Runde, -- die Alte könne den Lärm nicht mehr vertragen, hieß es.

Doch man wußte es besser: die schwarze Hexe war an allem schuld, die hat den Unfrieden gebracht in das Haus, in das erste und letzte Haus, das sie betreten, seitdem sie auf der Insel war.

Was sie nur trieb in der verfallenen Hütte auf Norderoog? Diese ständige Verborgenheit war fast noch unheimlicher als ihre Gegenwart; mit geheimem Grauen blickte man oft hinüber auf den feinen Lichtstrahl, der in den langen Winternächten herüberzitterte.

Einige Male wollte man denselben sich fortbewegen gesehen haben, langsam in die Höhe steigen und dann plötzlich verschwinden, -- dann ging sie wohl in den Turm, von dem allerlei unheimliche Gerüchte und Sagen gingen, zum Schatzgraben oder anderem teuflischen Unfug.

Nur einmal wagte sich ein Bursche in einer dunklen Nacht hinüber zum Kundschaften -- und was sah er durch das niedere Fenster?

Die Schwarze lag auf einer Bank, das Haar gelöst, und auf ihrer Brust saß ein großer weißer Vogel mit feurigen Augen, wie man ihn hier zu Lande nie gesehen, der mit einer menschlichen Stimme in sie hineinsprach. Und sie lachte und spielte mit ihm. Der Nächste aber, der das Märchen nicht glauben wollte und sich vornahm, demselben auf den Grund zu kommen, fühlte sich, in dunkler Nacht die Hütte umschleichend, plötzlich mit rauhem Griff gepackt und so jämmerlich verprügelt, daß er, ohne nur den Versuch zu machen, sich nach dem Angreifer weiter umzusehen, die Flucht ergriff, -- aber so etwas wie große Vogelkrallen waren es, das behauptete er fest, die er im Nacken gespürt.

Seit der Zeit hatte die Hütte in Norderoog Ruhe vor allen Spähern.

Lars aber nützte die wochenlang schneelosen Pfade, die seine Spur nicht verrieten, zu seinen heimlichen Besuchen, die der alte Henning schon aus Haß gegen die feindlichen Götreks und allen übrigen Widersachern seines Kindes eher unterstützte, als hinderte.

Nizam vergaß ganz, daß Winter war draußen.

Der weiße, blonde Knabe, der ganz in ihrem Banne war, ein Spielzeug in ihren übermütigen kleinen Händen, aus dessen wässerigen blauen Augen ein seltsames Feuer brach, gefiel ihr immer mehr. Sie blühte auf wie eine Wildrose in dem engen Raume mit seiner schwülen Treibhausluft, die dunkle Erinnerungen in ihr emportrieb, während sie Lars, den Nordseemann, immer mehr erschlaffte, seine Wangen bleichte, die sonst der Meersturm gerötet.

In dem abenteuerlustigen Henning, den das Geschick auf allen Meeren umhergetrieben, erzeugte diese Winterruhe die tollsten Pläne, und er zögerte nicht, sie mit dem jungen Paare zu besprechen. Da war nichts unmöglich, alles zu erringen, zu erreichen. Wenn er auch sein ganzes Leben lang Pech gehabt, er wolle den P.....er Schlafmützen schon noch zeigen, zu was er fähig sei. Alle Meere, alle Länder mit ihren geheimen Schätzen tauchten auf vor dem atemlos lauschenden Lars, nichts schien unmöglich, nichts zu gewagt, tausendfältig winkte das Glück, der Reichtum, und die Heimat erschien dagegen in grauer, hoffnungsloser Öde. Wenn das Frühjahr kam, ging es los. Hennings Schiffbruch war kein so vollständiger, als er den Leuten glauben machte, er hatte schon noch etwas gerettet, um von neuem anfangen zu können.

„Und Lars geht mit,‟ sagte dann Nizam, „oder willst du wieder die Gänse hüten und Krabben fangen mit deinem Knut?‟

Da stieg ihm das Blut in das Antlitz, und er schwur Henning, daß er ihm dienen wolle, wie ein Knecht, treu und ehrlich, wie je ein Halligmann. Oh, wenn nur das Frühjahr schon da wäre!

Und es kam jähe in wildem Ansturm, wie man es schon gewohnt hier zu Lande, mit Wogengischt und Sturmgebraus, als ob es gelte, den grimmigsten Winter auszupeitschen.

Neues Leben zog ein in P....., überall wurde gestrichen, geteert, frisch aufgetakelt, der Wandertrieb regte sich in all den breiten Männerbrüsten. Selbst Knut erwachte und pfiff und sang leise vor sich hin, rüstete seine Boote im Wattstrome, und Lars half ihm dabei, mit einem ihm fast ungewohnten Eifer. Das war's wohl, was Knut mehr freute, als Frühjahr und Meerfahrt.

An die Stelle des Zorns über den leichtsinnigen Lars, der sich von der Indierin den Kopf verrücken ließ, war längst das Mitleid getreten mit dem Liebling, den er aufgezogen wie ein zweiter Vater, ein herber Kummer -- hatte er es doch an sich selbst erfahren, wie rasch das Gift wirkt --; nun ist er glücklich Herr worden darüber, hat alle Luken davor sorgsam verschlossen -- redete er sich ein -- was konnte der arme Lars dafür, daß es ihm nicht so gelang, er war ja noch ein Kind gegen ihn.

Mit Gewalt war da nichts auszurichten, auch nicht mit Worten, das sah er bald ein. Wenn nur der Winter bald vorüber war, nichts Schlimmeres als das Nichtsthun und Träumen in solchem Falle, nichts besser als frischer Meerwind um Kopf und Herz, und Arbeit, -- Arbeit. So hoffte er auf das Frühjahr, und es hatte ihn, wie es schien, nicht betrogen.

Er behandelte ihn, wie einen wiedergewonnenen Sohn, mit doppelter Liebe; ganz weich wurde der Knut, und Lars erwiderte die Liebe und that, als ob er etwas gut zu machen habe. Nur die Mutter, welche die böse Gicht an den Lehnstuhl fesselte, betrachtete ihn mit mißtrauischen Augen. Dieser Farb- und Stimmungswechsel gefiel ihr nicht an Lars, das war nicht Halligart. Sie wartete nur auf eines, auf Nachricht, daß die Hennings glücklich die Anker gelichtet auf Norderoog, eher war nichts zu machen mit dem Jungen. Das konnte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. Überall ging es schon an das Abschiednehmen, rüstete man die Fahrt, sei es im fremden Dienst, sei es auf eigene Faust.

Auch Lars sollte fort. So schwer es auch Knut und der Mutter ankam, es mußte sein, nur den Sommer über, auf kurze Fahrt. Knut hatte bereits mit einem Husumer Reeder Verhandlungen gepflogen. Er selbst mußte ja auf dem Anwesen bei der Mutter bleiben, so sehr es ihn auch, gerade heuer, hinausdrängte.

Ein warmer Regen war gefallen, das Meer frei vom Eise, soweit das Auge blickte. Lars war gestern nach Husum gefahren, um sich seinem künftigen Herrn vorzustellen und die nötigen Einkäufe zu machen für die Fahrt, heute abend sollte er mit dem Postschiff zurückkehren.

Der gute Junge weinte, als er von der kranken Mutter sich verabschiedete, als gelte es schon die große Fahrt, -- das echte Nesthäkchen.

Knut erwartete ihn an der Landungsbrücke von P..... Kein Lars auf dem kleinen Dampfer. „Wird wohl den neuen Kameraden in die Hände gefallen sein, dem lockeren Völkchen. Wenn er so anfängt, kann es gut werden.‟ Knut packte die Unruhe. Der innige Abschied von der Mutter fiel ihm jetzt erst auf.

Unwillkürlich warf er einen Blick hinüber auf Norderoog; die sinkende Sonne vergoldete das kleine Häuschen am Strande. Schlimme Gedanken kamen ihm, eine fliegende Angst. Er bog vom Wege ab und eilte dem alten Turme zu, der jetzt purpurn erglühte im Glanz des scheidenden Lichtes; von da aus konnte er sehen, was er sehen wollte.

Die Fensterläden waren nicht verschlossen, und doch machte das Ganze den Eindruck völliger Verlassenheit, kein Rauchwölkchen drang aus dem Kamin -- plötzlich, was war das? Ein seltsames Geräusch drang bis herüber, unartikulierte, nie gehörte Töne, wie sie nur die Todesangst einem Geschöpfe erpressen kann -- dazwischen, oder war es Täuschung? -- es mußte Täuschung sein -- „Lars! Lars!‟

Die Flut war noch aus, nur leichtes Gerinnsel drängte sich in verschlungenem Gezack durch den harten Schlick. Knut besann sich nicht mehr und watete hinein; teils trug er ihn, teils hielt er ihn mit zähem Griffe fest, -- und immer näher drang das Geräusch, der verzweifelte Ruf: „Lars! Lars!‟

Jetzt kam ihm die Erinnerung, -- eine böse, verhaßte Erinnerung. Damals in der Nebelnacht, als er den Bruder bei ihr traf, rief es gerade so heraus: „Ich hasse dich, wie ich deinen Bruder liebe!‟ rief sie, dann fiel die Thür zu hinter ihr.

Die Sorge um Lars hatte ihn hergetrieben, -- die Sorge um Lars? Da mußte er stille halten, der Schlick hielt seine beiden Füße umklammert.

Er lachte gell auf. „Betrüge dich nicht selbst, die Eifersucht, ein wildes Verlangen nach dem schwarzen Mädchen trieb dich her!‟

Und von neuem stieg es in ihm auf, glühendheiß, vom Herzen zum Kopf, wie damals. Gewaltsam riß er sich los und stampfte weiter. Und immer toller rief es: „Lars! Lars!‟ Jetzt ohne Unterbrechung.

Er stand vor der Thür, er mußte Atem schöpfen, -- wenn sie doch drinnen wäre, allein, krank, vielleicht hilflos -- verlassen. Der alte Henning wird oft schwer betrunken in Husum gesehen.

Da riß er schon an der Thür, -- sie war nicht versperrt. Das ganze Haus erfüllte jetzt der kreischende Ruf nach Lars. Aus der Stube zur Rechten kam er.

Knut schämte sich der Angst, die ihn befiel, rasch öffnete er die Thür. Doch kaltes Grauen fesselte ihn auf der Schwelle.

In dem Dämmerlicht der niederen Stube flatterte ein schneeweißes Gespenst kreischend auf ihn zu.

Weiße Flügel schlugen um sein Gesicht, und schon hakte es sich in seine Brust fest. Kleine rotglühende Augen glotzten ihn an. Er schlug danach mit beiden Fäusten, dann ließ es los, stieß gegen die niedere Decke, gegen die Wand, die Fenster, bis es zuletzt auf der Lehne eines Sessels zur Ruhe kam. Feuerrotes Tuch lag darauf, von dem sich das unheimliche Wesen in schneeiger Weiße abhob.

Knut schämte sich jetzt seiner kindischen Furcht. Es war ein Vogel, ein wirklicher Vogel, ein Köpfchen beugte sich weit vor, von einem herrlichen karmoisinroten Kamm gekrönt, der sich fächerartig spreizte; der gebogene schwarze Schnabel öffnete sich: „Lars!‟ Jetzt klang es wie eine drollige Frage, und die kleinen, jetzt kohlschwarzen Perlaugen blickten forschend auf ihn.

Er erkannte auch das rote Tuch, auf dem er saß, aber die Herrin war fort. Er durchforschte das ganze Haus -- ein geleerter Schrank stand offen, -- die alte Wanduhr stand still, -- auch der nächste Raum war leer, der Herd in der Küche kalt, die Spuren des Einpackens ringsum auf dem Boden. Der Henning war fort mit seinem Kinde, auf Nimmerwiedersehen, ganz heimlich. Das wollte man ja, hoffte man ja, besonders er und die Mutter. Warum freute er sich denn nicht? Warum? Angst? -- hatte er denn Angst?

„Lars! Lars!‟ tönte es durch das Haus. Da fuhr er sich an die Stirn, -- Lars! Wenn er mit ihr --? Wenn er nicht mehr käme -- nie mehr! Beide nie mehr? Ein unsäglicher Schmerz ging ihm durch das Herz. Aber das ist ja nicht möglich, sie muß ja wieder kommen, der Vogel ist ja da! Man läßt doch so ein Tier nicht hilflos zurück, -- verhungern.

Er eilte in die Stube zu Babe; der zeterte von neuem und fauchte und schrie: „Lars!‟

„Zum Henker mit deinem Lars!‟ Knut griff danach und würgte ihn zwischen seinen Eisenfingern, daß die Federn stoben, doch Babe entwischte, kauerte sich ängstlich in eine Ecke der Fensternische, Knut aber starrte auf das rote Tuch am Sessel, in dem die ersterbenden Lichter des Abends spielten, plötzlich fiel er auf die Knie, barg sein Haupt in den weichen Falten und schluchzte wie ein Kind.

Babe blickte erstaunt auf das fremde Wesen, dann reckte er das Köpfchen, hüpfte auf den Tisch, auf die breiten Schultern Knuts und kraute sein Haar.

Jetzt schlug dieser nicht mehr nach ihm, er nahm ihn sorgfältig in die beiden Hände und streichelte sein Gefieder, dann nahm er das rote Tuch, schlug es um den Vogel, warf noch einen Blick im Raum umher und verließ das Haus.

Ein dumpfes Rauschen drang von der See her, weiße Schaumrücken blitzten auf, weit draußen -- Knut kannte ihre Bedeutung, es war höchste Zeit, zurückzukehren --, schon füllten sich die Rinnen im Schlick von schwellenden Wassern, die ihm die Knöchel umspielten.

Babes Herz pochte in seiner Hand, er drückte das warme Gefieder gegen seine Lippen und eilte dem jenseitigen Ufer zu, dicht hinter ihm füllte sich die Wasserstraße.

Mutter Götrek wartete bangen Herzens auf Lars. Wo blieben sie denn so lange, die bösen Jungen?

Endlich Schritte am Gange, -- Lars' Schritte! Weil er nur wieder da ist, der gute Junge, oh, er darf überhaupt nicht fort. Der eine Tag hatte es ihr gelehrt, sie kann nicht leben ohne ihn. Die Thür geht auf, -- „Lars!‟ Doch die ausgebreiteten Arme sanken leer zurück, Knut ist eingetreten.

„Wo hast du Lars gelassen?‟

Da flatterte es im roten Tuch, Babe hatte sich losgemacht, -- schon sitzt er auf der Stuhllehne neben der Alten und kreischt sein: „Larrrs! Larrrs!‟

Knut lachte hell auf. „Hörst du? Sogar die Vögel rufen seinen Namen!‟

Mutter Götrek aber starrte offenen Mundes auf Babe, bleiches Entsetzen im Antlitz.

„Der Totenvogel!‟ schrie sie auf. „Aus dem Haus! Fort! Fort! Er hat Lars geholt.‟ Sie hob den Stock auf, um nach Babe zu schlagen.

Knut hielt den Schlag auf. „Laß ihn, Mutter, deinen Lars hat ein anderer Vogel geholt. Oh, nichts weniger als ein Totenvogel, ein bunter, schöner Vogel -- errätst es nicht? Die schwarze Dirne, die Henning -- auf und davon, das ganze Nest leer, bis auf den Weißen dort. Sie haben ihn ganz vergessen in ihrem Eifer, den armen Teufel, -- so nahm ich ihn mit, um doch eine Erinnerung zu haben an das saubere Paar. Na, Mutter, noch nicht zufrieden, -- wenn er lebt, erst recht lebt, der süße Junge, -- oder wäre es dir lieber, er hätte ihn wirklich geholt, der Totenvogel?‟

Die Alte nickte mit dem Kopfe. „Ja, tausendmal lieber -- lieber.‟ Schwere Thränen rollten aus den starr geöffneten Augen über die gefurchten Wangen herab. „Tausendmal lieber, Knut.‟

IV

Der Nebel war seit vier Wochen nicht gewichen, ein eisiger, salziger Nebel, der einen bitteren Geschmack im Munde zurückließ, Lippe und Zunge sprüngig machte. Das Meer hatte sich mit ihm völlig verbunden in trostloser Bewegungslosigkeit. Der Begriff des Flüssigen und Luftförmigen verwischte sich, eine schwere, unsichtbare Feuchtigkeit senkte sich unausgesetzt herab, stieg wieder auf aus der formlosen, in nichts zerfließenden Wasserfläche ringsum, deren Dasein nur ein leises, eintöniges Glucksen am Rande der Schiffswände verriet.

Um acht Uhr morgens erschien im Osten ein stumpfes weißes Licht, das sich langsam aufwärts bewegte, um Mittag sich dann und wann zu einer milchigen strahlenlosen Scheibe verdichtete, welche durch die Feuchte ringsum schwamm, um gegen drei Uhr wieder zu verschwinden. Das war der Tag, ihm folgte die schmutzig-graue Nacht, die der Finsternis entbehrte, wie der Tag des Lichtes.