Die Hexe von Norderoog

Part 2

Chapter 23,934 wordsPublic domain

Er schlich näher, stieg auf die Bank vor der Thüre und blickte hinein.

Nizam saß am Tisch, das schwarze Haar gelöst, die Augen voll Thränen.

Der Vater ging unruhig im Zimmer auf und ab.

Rückwärts am Ofen saß der ältere Bruder, der Besitzer des Hauses.

„Ich kenne das Muckervolk! Der Teufel hat mich hergeführt! Was kann denn das Mädel dafür?‟ polterte Henning. „Und der Winter vor der Thüre. Wo will ich denn hin?‟

„Betteln, Vater, auf der Straße frieren und hungern, nur bei diesen Menschen laß mich nicht bleiben. Ich hasse sie -- ich -- ich -- bleibe nicht!‟

Nizam sprang auf wie eine gereizte Katze und warf das Haar zurück.

„Unsinn!‟ grollte der Vater. „Du bleibst wo ich bleibe. Sie meinen es auch nicht so. Die Götreks sind sonst brave Leute. Der Lars zum Beispiel, ich sah's ihm an, es that ihm leid, wie sein Bruder uns sozusagen die Thüre wies, ein guter Mensch, der Lars --‟

Nizam trocknete sich die Thränen mit dem Haar.

„Das ist wahr! Ich werde es ihm auch nicht vergessen, ich hab' ihn lieb, den Lars.‟

„Sei so gut,‟ Henning blieb vor ihr stehen; „das fehlte gerade noch, du und ein Halligmann!‟

„Mit Hunden würden sie euch hetzen,‟ bemerkte der Mann am Ofen.

„Das wär' wohl nicht nötig, wenn's so weit käme,‟ sagte Nizam erregt, „wir gingen schon selbst --‟

„Wie?‟ Der Alte hinten am Ofen lachte. „Du vielleicht! Aber der Lars doch nicht!‟

„Meinst du?‟ bemerkte Nizam, „nun, ich meine anders.‟

„Weibergeschwätz!‟ brummte Henning. „Nimm dich in acht! Geh in dein Bett.‟

Knut lauerte vorsichtig am Fenster, kein Wort entging ihm. Sein Auge sog sich an Nizam satt. Sein ganzes Leben lag so öde hinter ihm, wie das Watt ringsumher. Ein neues, stürmisches regte sich in seiner breiten Brust. Das Unglück war schon fertig, das er geweissagt.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter; Lars stand hinter ihm mit einem bösen Lachen.

„Ei, Knut, was suchst du denn die Sünde auf in ihrem eigenen Hause, nachdem du sie aus dem deinen vertrieben?‟

„Dich sucht' ich auf, Schleicher!‟

„Schleicher? Wer schleicht denn? Du, meine ich. Daß ich nicht drinnen bin, hast du ja längst gesehen, und doch ließ es dich nicht los -- da brauch' ich mich ja gar nicht zu schämen, wenn du, der vernünftige Knut, mein Herr und Meister -- oh, jetzt sag ich's gerad heraus -- sie hat mir's angethan, die Indierin --‟

Knut packte Lars am Arm und zog ihn gewaltsam fort, als ob er dem Zauber ihrer Nähe entrinnen wollte.

„Und ich sag dir‟ -- er sprach im rauhen Flüstertone, und seine Finger krallten sich in den Arm Lars' -- „ich ersäufe sie eher, als daß ich sie als dein Weib dulde --‟

„Weil du selber sie begehrst --‟

„Du lügst, weil es dein Unglück wär', deins und meins.‟

„Weißt du, was das größte Unglück ist?‟ erwiderte Lars, „so zu leben, wie ich bis jetzt gelebt, wie ein stumpfes Tier, wie ein Maulwurf, den das Licht der Sonne blendet.‟

Lars lief davon. „Gute Nacht, Knut,‟ rief er aus der Ferne, „ich kann nicht schlafen. Ich geh' in meinen Turm, zu meinen Eulen, die verstehen mich noch besser, als ihr.‟ Fort war er.

Knut ging nach Hause, das schwere Haupt in hellen Flammen. Von diesem Jungen ertappt zu werden! Wie Haß war es eben in ihm aufgestiegen. Deshalb! Deshalb nur? Er fühlte das Blut in das Gesicht steigen. Sein Lars, sein Liebling! An dem er Vaterstelle vertrat seit Jahren! Und an dem allen war diese Teufelin schuld. Er entschuldigte Lars bei der Mutter, er sei nun wieder einmal auf sein Lugaus gegangen im Turm und komme gleich nach.

Knut wachte noch, als Lars nach einer Stunde in die gemeinschaftliche Kammer trat, bleich und verstört.

„Lars,‟ sagte er, „sei nicht böse, ich meine es ja gut mit dir. Laß das Weib, es taugt nicht für einen Halligmann. Es zehrt einem Leib und Seele auf.‟

Lars war ganz kleinlaut. Er drückte des Bruders Hand, wie er es täglich gewohnt, sprach ein kurzes Gebet, von Knuts Stimme begleitet, und kroch in sein Bett.

Es war eine stürmische Nacht auf P... Der dumpfe Lärm der Brandung, das Stöhnen der Kaminen und Knarren der Schiffe unten im Wattstrom, die an den Ankerketten rissen, dazwischen der melancholische Schrei des wilden Schwanes, der scharenweise nach dem Süden zog -- das war die Melodie zu den schwülen Träumen, welche die Schläfer äfften.

II

Im Westen von P..., dicht vor dem alten Turm, liegt die Hallig Norderoog.

Die Hennings besaßen dort Weideland, eine kleine Hütte, bisher nur den Futtervorräten dienend, stand darauf.

Diese bezog der Vater Nizams für den Winter, nachdem sie einigermaßen wohnlich in den Stand gesetzt worden war.

Der Aufenthalt in P... war ihnen gründlich verleidet. Der Bruder selbst machte eine bedenkliche Miene. Er war ihm zur Last mit seinem Kinde.

Man sträubte sich nun einmal, dieses fremdartige Element aufzunehmen, man fürchtete es geradezu. In so reger Verbindung man durch den Beruf der Männer als Seeleute mit dem ganzen Auslande war, mit den entferntesten Ländern, so andächtig man davon erzählen hörte am Herdfeuer, nach innen schloß man sich ängstlich ab, wahrte man mit unnachsichtlicher Strenge die alten Sitten. Mochte einer ein halbes Leben lang alle Zonen der Erde durchwandert haben, wenn er zurückgekehrt, war er der Halligmann, wie er als Knabe aufgewachsen auf kahler Düne.

Das Meer, das die ewige Brücke bildete in aller Herren Länder, es war auch zugleich die unüberwindliche Schranke zwischen Fremdem und Eigenem. Und vor allem waren es die Frauen, welche dieselbe heilig hielten, wohl in der instinktiven Angst, ihre Männer und Söhne nach jahrelanger Abwesenheit entfremdet wiederkehren zu sehen, belastet oder bereichert, gleichviel, durch fremde Errungenschaften. Nur ein starkes Heimatsgefühl, nur ein strenges Reinerhalten der Eigenart konnte sie vor dieser Gefahr schützen.

Und nun kam der Henning mit seinem wilden, zigeunerhaften Kind, die Frucht einer Verbindung, vor der man sich eher bekreuzigen mußte, und wollte es in die Gemeinde einschmuggeln, daß es zuletzt die jungen Männer verzaubere mit seinen Hexenaugen und seinem sündhaften Gebaren.

Ja, sie hat schon einen verzaubert, den Lars, den lieben, prächtigen Jungen, dem niemand feind sein konnte. Nicht mehr zu kennen war er.

Und mit dem sprichwörtlichen Frieden bei den Götreks war es auch zu Ende. Die Alte sah man nur noch mit verweinten Augen. Der Knut blickte noch finsterer, als sonst seine Art, und selten sah man die beiden Brüder beisammen.

Das alles begriff der Henning, und so zog er mit Nizam in die Hütte auf Norderoog.

Er wollte dort nur das Frühjahr abwarten, bis die Schifffahrt wieder flott geht, dann fort um jeden Preis. Ihn selber drängte es und Nizam. Nur fort aus dem kalten Nebellande.

Es wunderte ihn nur, daß sie die freiwillige Verbannung so gelassen ertrug. Ja, seitdem sie das einsame Haus bezogen, blühte sie förmlich von neuem auf, inmitten endloser Schneemassen, die sich herabgesenkt auf Land und Meer.

Tagelang konnte sie am niederen Fenster sitzen und hinausstarren. Wenn er sie dann ansprach, ihr Trost zusprach, Hoffnung machte auf das Frühjahr, da lachte sie nur und tröstete ihn. Es gefalle ihr ganz gut da, seitdem sie das langweilige Volk von P... nicht mehr sehe und die dumpfe kalte Kirche und den schwarzen blassen Prediger, der sie immer so scheu angesehen, als fürchte er sich vor ihr.

„Geh nur, Vater, laß dich nicht aufhalten, suche deine alten Freunde auf, ich bringe mich schon durch.‟

Und dabei sah man vom Fenster aus nichts als die öden, ungeheuren Flächen des Weltmeeres und den alten zerfallenen Turm auf P..., der schwarz und düster vom Grau des Himmels sich abhob.

Aber gerade der Turm gefiel ihr, ja, er war ihr einziger Freund, wie sie dem Vater erklärte.

Wenn es stürmte und wetterte, dann mußte sie über die drollige Perücke lachen aus Tang und Seegras auf seinem geborstenen Kopfe, über das flatterige Zeug, das ihm aus allen Rissen und Spalten wuchs, das ihm das Ansehen eines zerlumpten Bettlers gab, während Möven, ihr gelles Geschrei ausstoßend, ihn umkreisten, die Wogen an seinem mächtigen Unterbau sich brachen, gierig ihre weißen Zungen immer höher reckend, und die bunten Algen und Schwämme, welche ihn, soweit die schwarze Feuchte reichte, umklammerten, glitzerten und gleißten vom triefenden Meerschaum. Schien die untergehende Sonne darauf, dann glühte und wallte es in ihm wie von unsichtbaren Feuern, die weißen Möven durchschnitten wie selige Geister in sanften Schwingungen das flammende Licht; in seinem geheimnisvollen Schlund, in welchen da und dort hohe Bogenfenster, willkürlich eingefügt, Einblick gewährten, spielten seltsame violette Lichter; oft kräuselte es sich heraus, wie feindurchglühter Rauch, bis plötzlich wieder alles erlosch, der Koloß im kalten blauen Licht erstarrte.

Am liebsten aber war er Nizam, wenn oft wochenlang rings dichter Nebel sich breitete, der bei jedem Atemzug im Freien ihre Kehle stach und ihre zarten Händchen erstarren machte.

Da wuchs er in das Unendliche; jede Einzelnheit verschwand, jede Form zerfloß, etwas Riesiges, Märchenhaftes stand da drüben, ein graues Dunstgebilde, das bald in allen Weiten sich verlor, bald greifbar nahe trat, als wolle es zu ihr in die Stube treten.

Ja, oft nahm er jede Gestalt an, die Nizam sich dachte. Bald war er ein riesiger Mann, der die Arme nach ihr breitete, bald ein stattliches Schiff, dessen Masten in den Nebel ragten, bald ein Baum, bald irgend ein Fabeltier.

Sie konnte nicht satt bekommen an der ständigen Wandlung.

Nur wenn das Mondlicht ihn beschien, hier grelle Lichter zauberte, dort schwere, schwarze Schatten, da schien er ihr unendlich traurig in seinem Zerfall, in seiner Verlassenheit, daß ihr oft die Thränen in die Augen kamen; dann aber wieder schreckte sie sich vor ihm, so drohend düster erschien er ihr, so recht ein Abbild des feindseligen Landes, in das sie der Vater geführt. Das war aber nur, wenn der Mond schien.

Heute schien der Mond nicht, stürmisch war es auch nicht, und die Sonne war längst untergegangen. Dicke, schwarze, lautlose Nacht umpreßte das kleine Haus auf Norderoog, nur der Schnee warf dicht am Boden einen bleichen Schein, und doch saß Nizam schon stundenlang am kleinen Fenster und starrte hinaus in die Leere.

Sie war allein; nein, nicht ganz allein, ihr alter Freund Babe kauerte auf der Stange, den Kopf zwischen den Flügeln, ein Kakadu. Das dritte lebende Wesen, welches vor zwei Jahren dem Schiffbruch entgangen. Die Mutter hatte ihn selbst aufgezogen. Es war die letzte Erinnerung an die Heimat.

Oft schwatzte sie mit ihm stundenlang, und er sah sie dann so traurig von der Seite an mit seinen schwarzen Augen. Er hatte wohl auch Heimweh nach dem Sonnenland, obwohl er wie sie auf dem Meere aufgewachsen, im dumpfen Schiffsraume, und von Palmenwäldern und Lotosblumen so wenig wußte, wie seine Herrin.

Sie liebte ihn doppelt, seit sie sich in diesem Lande befand. Sie liebte den rosigen Schimmer seines Gefieders, der so lebhaft abstach gegen alle die kalten, nüchternen Farben ringsum. Sie liebte seinen Zorn, wenn er den Kamm spreizte und die Augen boshaft rollte. Sie liebte selbst sein unharmonisches Gekreische; es war wenigstens eine Stimme in dem ewigen Schweigen ringsum.

Sie hatte gehört, daß er in dem Boudoir der Reichen zum Schmuck und Spielzeug diene, in goldenen Käfigen wohne. Auch das reizte sie, und sie schwelgte in Bildern von Pracht und üppigem Wohlleben inmitten der kahlen Dürftigkeit um sie her.

Auch sie war jung und schön und wollte sich schmücken, das Leben genießen.

Ohne daß sie je einen Blick geworfen in diesen Lebenskreis, sehnte sie sich danach, formten sich in ihr phantastische Bilder davon -- und Babe, der Kakadu, mußte ihr dazu verhelfen.

Jetzt leuchtete sein weißes Gefieder durch den dunklen Raum. Nizam hatte kein Licht angezündet. Nizam träumte. Von Lars träumte sie, dem blonden Jungen.

Einen Tag nach dem verunglückten Besuche bei Götrek hatte sie ihn getroffen, als sie in der Dämmerung nach Hause ging. Er hatte ihr den Weg abgepaßt, er konnte nur wenige Minuten verweilen, der böse Bruder bewachte ihn, ihr ärgster Feind; aber in diesen wenigen Minuten sprach er Worte zu ihr, die sie erbeben machten. Worte, die ihr plötzlich das ganze Land ringsum anders erscheinen ließen, durchaus nicht mehr kahl und traurig. Worte, die sie nie vernommen: daß er sie liebe, daß er nicht mehr leben könne ohne ihren Anblick, daß er bis an das Ende der Welt ginge für sie, daß ihm sein elterliches Haus, der Bruder, die Mutter, alles verhaßt sei, wenn sie fortgehe. Zuletzt küßte er sie! Und er war schön, wie der Prinz aus dem Märchen, welches die Mutter auf dem Schiffe erzählte. Soviel sie sich erinnern konnte, hatte sie kein Wort gesprochen. Das verdroß sie, als er fort war, es verdroß sie auch, daß sie sich hatte küssen lassen, ohne sich zu wehren.

Der Mensch glaubt wohl, bei dem armen fremden Mädchen, die alle verachten, von sich weisen, braucht er nicht lange zu fragen.

Ihr Stolz erwachte, etwas wie Haß gegen diesen blonden Mann, der ihr doch so fremd, so feindlich schien, wie alle die Männer hier zu Lande. „Im Turme, die erste finstere Nacht, wenn du Licht siehst --‟ flüsterte er hastig und entfloh.

Ein Mann kam des Weges, Knut, sein Bruder; er suchte ihn wohl, wollte nicht, daß er mit der Fremden zusammenkam.

„Hast du meinen Bruder Lars nicht gesehen?‟ fragte er im barschen, verächtlichen Tone.

„Was kümmert mich dein Bruder, ihr alle! Ich verachte euch, wie ihr mich verachtet.‟

„Ich verachte dich nicht -- _ich_ nicht,‟ flüsterte er dann und beugte sich vor, sie zu haschen.

Es war ein ganz anderer Ton der Stimme, gerade so, wie Lars sprach -- da floh sie lachend.

Er rief noch zweimal ihren Namen, ganz weich und zart, wie ein Mädchen, der grobe Knut. Das machte ihr Spaß. Ein Gedanke kam ihr. „Mit dem Haß ist es nicht so weit her, bei den Männern wenigstens nicht. Ich gefalle ihnen wohl.‟ Die ganze Nacht dachte sie darüber nach und fand keinen Schlaf.

Drei Wochen waren darüber vergangen, seit sie in Norderoog war, daß sie Lars nicht mehr gesehen, überhaupt keinen Mann, außer dem Vater.

„Im Turme, in der ersten finsteren Nacht, wenn du Licht siehst --‟ Wie oft tönten die Worte in ihrem Ohr. Heute war die dritte finstere Nacht.

Sie ging ja nicht -- aber doch wollte sie das Licht sehen im Turme, ihn drüben wissen, den Lars. Er fürchtete wohl den Bruder, den bösen Knut, der alle Weiber verachtet, wie ihr der Vater zum Troste damals sagte, als er ihm und ihr die Thüre gewiesen. Das wußte sie besser! Sie seufzte schwer auf in unklarem Verlangen.

„Babe, mein Liebling! Wo ist mein süßer Babe?‟

Babe erwachte, schlug unruhig mit den Flügeln und kreischte auf. Sie ging zu ihm, streichelte ihn, und Babe rieb sein Köpfchen an ihrer Brust. „Larrrs!‟ Ganz deutlich rief er den Namen, von dem ihr Herz voll war. Oft genug hatte sie ihm denselben vorgesprochen, aber so deutlich schnarrte er ihn noch nie.

Sie kraute ihm zum Danke das Köpfchen.

„Larrrs! Larrrs!‟

Da floh ein feiner, zitternder Lichtstrahl durch das Dunkel der Stube, er spielte in dem Perlauge Babes. Sie eilte an das Fenster. Ein rotes Fünkchen schwamm in der schwarzen Nacht. Bald zog es sich zusammen zu einem leuchtenden Punkte, bald vergrößerte es sich. Plötzlich sank es, wie ein fallender Stern, blieb wieder stehen -- im Turme!

„Larrrs! Larrrs!‟ schnarrte Babe.

Nizam schlug stürmisch das Herz, pochten alle Pulse. Was willst du von ihm? Was will er von dir, der Verachteten? Sein Spiel treiben, weiter nichts! Aber seine Stimme klang so weich, und die blauen Augen blickten so treu -- und hier war es so kalt und tot und -- da drüben im Turme lockte das Leben, war ein Mensch, der sie lieb hatte, der einzige Mensch weit und breit.

Sie warf ein Tuch um. Nachsehen wollte sie wenigstens, ob es keine Täuschung war.

Der schmale Wattstrom, der Norderoog von P.... trennt, war fest gefroren, in wenigen Minuten war sie drüben.

Babe spreizte die Federn, stellte den Kamm auf und rief immer zorniger: „Larrrs! Larrrs!‟

Sie eilte in die Nacht hinaus.

Kein Lüftchen regte sich, nicht die Hand vor den Augen war zu sehen, nur das Fünkchen, jetzt ganz ruhig, stand hoch über der Erde.

Das Eis stöhnte und knallte. Ihr kleiner Fuß berührte es kaum, hier und da erhob sich ein unsichtbarer Vogel mit schwerem Flügelschlag, den sie in seiner Ruhe gestört.

Das Fünkchen leitet sie. Allmählich vergrößert es sich, ein Fensterbogen trat aus dem Dunkel, der feurige Schein gaukelt über zerfallenes Mauerwerk. Der Turm hob sich aus der Nacht, ihr alter Freund!

„Lars!‟ rief sie mit trockener Kehle.

Das Licht bewegt sich.

„Nizam, ich komme!‟

Sie wartete vor dem gewölbten Eingang und starrt hinauf in den schwarzen Bauch des Turmes.

Angst erfaßte sie, heimliches Grauen --

Da gaukelte der Stern herab, den Windungen der Treppe nach, der Blondkopf Lars' erschien in seinem grellen Schein.

„Nizam, bist du's wirklich?‟ Er wollte sie umarmen. Sie wich zurück und schlang das rote Tuch dichter um sich. „Komm herauf! Ich habe dir ein warmes Stübchen bereitet, fürchte nichts.‟

Nizam zögerte. Sie reizte sich selbst zum Haß gegen diesen Mann. Mit seinem weißen, blühenden Antlitz, dem rötlichen Bartflaum um die roten Lippen, mit seinen mächtigen Gliedern in der blauen Wolljacke, den plumpen Stiefeln, war er das Abbild dieses verhaßten Volkes. Gerade so sahen sie alle aus, wenn sie Sonntags in die Kirche gingen, gerade so sah der Knut aus, der sie aus seinem Haus getrieben. Was war denn nun an diesem Lars anders? Daß er sie liebte? Das that der Knut ja auch, und beide sind zu feig, es offen einzugestehen. Beide wollten sich ihre Liebe stehlen in finsterer Nacht, von niemandem bemerkt.

Oh, die wenig Wochen haben sie alt und klug gemacht, hatten das Weib geweckt in ihr.

Das alles dachte sie in diesem Augenblick.

Da faßte er sie am Arm.

„Was hast du, Nizam? Warum bist du gekommen -- wenn du dich so vor mir fürchtest? Ich fürchte mich vor dir! Vor deinen schwarzen Augen! Vor deinem ganzen Wesen, das mir so fremd und doch -- -- komm! Ich will ja nur mit dir plaudern! Vielleicht zum letztenmal! Ich werde streng bewacht! Heute ist Knut in Amrum über Nacht, und die Mutter schläft. Wenn wir's versäumen -- die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.‟

Da folgte sie ihm. Der Frost schüttelte sie in dem kalten Gemäuer. Die morsche Treppe ächzte und wankte unter seinem schweren Tritt. Fledermäuse umflatterten das Licht, das wie eine Morgenröte seinen Schein aufwärts warf in die schwarze Höhlung. Zerfallene Gänge, aus denen widrige Luft strömte, führten seitwärts, verloren sich in kurzen Windungen. Da und dort blitzten massive eiserne Ringe in der Mauer.

Lars öffnete eine verrostete Eisenthüre.

Nizam staunte. Ein kleines, viereckiges Gemach lag vor ihr. Matten, Wolldecken verkleideten die Wände. Auf einem eisernen Rost brannte ein Kohlenfeuer, den ganzen Raum erwärmend. Ein behagliches Nest inmitten all des Moders. Lars freute sich über ihr Staunen.

„Nun, was sagst du jetzt? Es hat mir wahrlich Mühe genug gekostet, das alles zusammenzustehlen. Ist das nicht ein lauschiges Plätzchen? Friert dich noch? Fürchtest du dich noch?‟

„Nicht, solange du sprichst. Nur sprechen mußt du, Lars, sonst fürchte ich mich.‟

„Sprechen? Oh, das kann ich, hab' keine Sorge. Setze dich nur! Hast du Hunger? Durst? Ich hab' für alles gesorgt. Die Seeräuber, die hier einst hausten, waren nicht besser eingerichtet.‟

„Nein, mich dürstet und hungert nicht. Erzähle mir von den Seeräubern, Lars, ich bitte dich,‟ -- Nizam kauerte sich an das Feuer. Ihr Blick ruhte scheu auf Lars.

Und Lars erzählte von den Wogenmännern, die hier gehaust und ihre Beute geborgen, die kostbarsten Schätze, -- von Kressen Jacobs Söhnen, die von hier das ganze Meer beherrscht, von den Festen, die sie hier gefeiert mit ihren Geliebten, die sie sich hierhergebracht aus fernen Ländern, und wie das alles zuletzt endete, in Blut und Tod, -- wie Cort Wittrich, der letzte, der Schrecken aller Inseln des Nordmeeres, den verdienten Tod fand von der Hand der wackeren Strander und Eiderstedter, die den Turm belagerten.

Nizam hörte gespannt zu, ihre braunen Wangen glühten, und in ihren Augen spiegelten sich alle die lebendigen Vorgänge von neuem ab, das üppige Gelage der Räuber, das lüsterne Lachen der Mädchen, das Kampfgeschrei der Sieger, die Flammen der brennenden Burg -- und glühendes Verlangen sprach daraus nach Erlebnissen, was es auch sei, nur nicht diese tödliche Ruhe, nur Leben -- Leben! Ihr stummer Eifer riß Lars immer weiter. Er ahnte ihr Sehnen.

„Glaubst du nicht, daß ich dir zu Liebe auch so ein Räuber werden könnte, der die Schätze aller Länder dir zu Füßen legt? Gewiß könnte ich es! Alles, was du verlangst --‟

„Ja, das wäre schön! Du draußen auf dem Meere, der Schrecken all der bösen, verhaßten Menschen, ich hier in dem Turm. Ich erwarte dich dort am Fenster, ich sehe deine Segel leuchten, ich winke dir zu mit dem roten Tuche. Dein Schiff ist voll Gold und Edelgestein und kostbaren Gewändern -- du kommst und schmückst mich zur Hochzeit! Alle die Menschen beugen sich vor dir und mir, wie vor einem König, und der Turm wird ein marmorner Palast, wie ich ihn als Kind gesehen an dem großen Fluß in meiner Heimat. Und dann beginnt für uns erst das Leben.‟

Nizam glühte in dem kindischen Traum, von Feuersglut umwallt, und Lars, der arme, blöde Lars, der bis jetzt nichts gesehen von der Welt, als die rauhe Dünung und das öde Wattenmeer, Nebel und Wolken, der solche Dinge wohl geträumt, aber nie die Worte dazu gefunden in seiner harten armen Sprache, kniete zu ihren Füßen.

„Und du würdest mich lieben in dem marmornen Palast, nicht wahr?‟

„Ja, das würde ich, Lars, heißer, glühender, als je ein Mann geliebt wurde, in eurem kalten Land --‟

„Und jetzt in dem alten Turm, -- liebst du mich nicht?‟

„Lars!‟ Zwei geschmeidige Arme umschlangen ihn, schwarzes, duftiges Haar fiel über sein Antlitz, und zwei Lippen preßten sich auf die seinigen -- und das Gemach drehte sich, und die farbigen Muscheln, das krause Spielzeug des Meeres, das, von ihm gesammelt, in allen Ecken lag, leuchtete und glühte wie Edelgestein.

Plötzlich erwachte er aus seinem Taumel.

„Sieh' dort, Nizam!‟ Er wies auf das Bogenfenster. Der Mond war aufgegangen und leuchtete als weiße, strahlende Kugel durch den Nebel, der in durchsichtigem, flüssigem Schleier an ihm vorüberzog.

Land und Meer war in lichtvollem Dunst zerflossen. Alles wie entkörpert, schemenhaft, -- die Häuser auf den Werften, -- die weißen, unendlichen Schneeflächen der Wiesen, -- die schwarzen Klippen an der Landspitze, und weit draußen das Meer, das sich mit sanftem Rauschen an dem Eisgürtel der Insel brach.

Lars fühlte seine schwere Zunge gelöst.

„Was brauchen wir einen Marmorpalast und Gold und Edelgestein? Ist's hier nicht schön genug? Gehört die ganze Pracht da draußen nicht uns? Wird der alte Turm da nicht zum Palast, wenn wir uns nur lieben?‟

„Sie dulden es aber nicht, daß wir uns lieben!‟ Nizam schmiegte sich innig an ihn. „Dein Bruder, deine Mutter, alle --‟

„Dann verlassen wir alle, -- fliehen wir --‟

„Wohin?‟

„Wohin du willst, die Welt ist groß. Ich will arbeiten, kämpfen, das Glück suchen, das Gold, das du so ersehnst. Alles will ich thun für dich.‟

„Was hilft das Wollen, wir sind beide arm. Im Frühjahr muß ich fort mit dem Vater --‟

„Geh' nur fort, ich werde deine Spur nicht verlieren. Ich werde dich wiederfinden, ich werde reich sein, wenn ich dich wiederfinde, ich werde alle deine Wünsche erfüllen können. Lach' mich nicht aus, Nizam, ich bin stark und klug, und vor allem habe ich Mut!‟

„Ich lache dich nicht aus, ich lache nur, wenn ich denke, wie es kommen wird, -- ganz anders. Du wirst einen langen roten Bart bekommen, du wirst ein braves Halligmädchen heiraten, Grete Wittrich, oder so eine, du wirst die Schafe hüten auf den Wiesen und fischen im Wattstrome und handeln in Amrum wie dein Bruder Knut, und wirst gar nicht mehr an das braune Mädchen denken im alten Turm, an das Kind der bösen Hexe aus dem Zauberland, -- so wird's kommen, Lars.‟