Part 4
Als aber Tag für Tag verfloß, ohne daß der Geliebte ein Zeichen seines Daseins oder seiner Hilfsbereitschaft gab, flammte wieder die alte Empörung gegen dessen ganzes Wesen in ihr auf, und nun wandte sich ihr Sehnen und Denken der Gestalt des Junkers Emmerich zu, dem sie nun in hellem Trotz alle Mannesherrlichkeit, allen Wagemut und alle Liebestreue andichtete. Sie durchlebte noch einmal die Stunden des Festes der Grundsteinlegung mit sehnendem Gemüte, und der Ton der Stimme, die sie zu hören glaubte, drang wie ein Strahl himmlischer Wonne in ihr Herz. Sie zweifelte nicht, daß jener auf den ersten Ruf erscheinen werde, um sie aus diesem Kerker, in dem nur alte triefäugige Männer Zutritt hatten, hinwegzuführen. Doch die Tage vergingen, ohne daß ein Zeichen sorgender Liebe in das muffige Düster des Hexengemaches drang. Als einziges Liebeszeichen legte eines Abends der Stockmeister ein Stück Kuchen neben die blecherne Suppenschüssel; da wußte sie, daß die blinde Tante ihrer gedachte, und brach in bittere Tränen aus, die noch flossen, als sie wie in einem Traum den ersten Biß in den frischen Kuchen tat. --
In der Nische, wo sie tagsüber saß und in das Grün des nahen Waldhangs hinüberblickte, hausten Spinnen, kleine schwarze Tierlein. Als sie zum ersten Male ihrer gewahr wurde, hatte sie voller Abscheu ihre zarten Gewebe zerstört, die wie gebauschte Segel in den verstaubten Ecken hingen. Als aber die schwarzen Spinnerinnen sofort wieder daran gingen, einen Faden zu ziehen und ihr Fangnetz in der halben Dämmerung aufzuhängen, ließ sie die Emsigen gewähren und sah neugierig zu, wie zuweilen ein Mücklein in das gebauschte Netz geriet und von der Spinne zu künftigem Fraße eingewickelt wurde. Ja, es regte sich bei diesem Spiel eine seltsame Grausamkeit in ihr, und diese bösartige Regung wurde schwärend, als sie eines Tages von ihrer Nische aus drei ihrer besten Freundinnen erblickte, die Arm in Arm auf dem Waldpfad über dem Stadtgraben standen und nach dem Fenster des Gemaches herüberäugten, in dem Babette gefangen saß. Sie floh in den hintersten Winkel des Hexengemaches zurück, um diesem Anblick zu entgehen, und wünschte, voll jähen Grimms, wirklich eine Hexe zu sein, um diesen Docken jedes Übel anzutun; aber das helle Lachen ihrer Freundinnen trieb sie wieder ans Fenster zurück, und als bald darauf die Mädchen singend weitergingen und im Wald verschwanden, überfiel sie ein Frösteln, das nicht weichen wollte. Und wieder suchten ihre Gedanken Trost und Zuflucht bei dem Junker, dessen Gestalt bei dem Gedanken, daß er in Mainz in Glanz und Ehren weile, mit überwältigendem Zauber vor ihre Seele trat. --
Doch als auch dieser Seelentrost wie ein Schein erblich, regte sich in ihrer Seele ein seltsam Gären und Schwären: alles was sie an Spinnabenden von Knechten und Mägden über Hexen und Hexenbräuche, Marientänze, Salben und Wettermachen gehört hatte, begann ihr Denken in einen Hexenring zu ziehen. Und wenn sie voll heimlichen Grauens sich selber fragte, ob es wirklich Frauen gebe, die zum Heuberg oder zur Galgenweide führen, vermischte sich der Durst nach Rache an ihren Peinigern wie ein süßes Labsal mit diesem Denken und Sinnen. Und noch süßer als der Wunsch, die ganze Stadt in einem Kieselwetter zu ersäufen, erschien ihr der Gedanke, sich dem Geliebten, der sie in solchem Jammer schmachten ließ, als triumphierende Hexe zu zeigen und sich an seinem staunenden Entsetzen zu ergötzen und zu laben. Indessen nahm auch dieses Spiel mit Hohn und Bitterkeit ein Ende, und da der geifernde Hexentürmer wieder von der Folterung zu faseln begann, geriet sie in eine verzweiflungsvolle Erwartung unentrinnbar nahen Entsetzens.
Da fuhr sie, eines Tages, in aller Frühe aus einem bleiern schweren Schlummer auf: ganz deutlich hörte sie, aus naher Ferne her, das Horn des Kutschers, der das Lied von der jungen schönen Braut blies, unter dessen Klängen einst der Junker Emmerich Rüdt von Collenberg aus den Toren der Stadt gefahren war. Endlich war ihr Retter erschienen! Sie sprang von dem Schragen auf und lief an die verriegelte Türe und pochte mit den Füßchen an die dicken Bohlen. Und da der Ton des Posthorns laut und lauter näher kam, hielt sie fast den Atem an, und ein klarer Plan reifte jählings in ihrem Gemüt. Als der Hexentürmer gleich darauf mit dem gebrannten Morgensüpplein daherhumpelte, verlangte sie, stammelnd vor Hast, vor ihre Richter geführt zu werden. Der Alte, der ein Geständnis witterte und nun seinen Hexenschmaus ganz nah gerückt sah, schlurfte eilends davon, und eine Stunde darauf wußte schon die halbe Stadt, daß die Hexe Babette Glock endlich mürb geworden sei und ihre Hexereien gestehen wolle. Die Katholiken unter den Hexengläubigen hofften, endlich zu erfahren, ob nicht doch eine evangelische Hexe unter ihnen weile, und die Evangelischen versahen sich mit Stöcken und Prügeln, um lose Mäuler mit ungebrannter Asche zu stopfen. Um neun Uhr schon waren die zwölf Gerichtsherren und der ganze Rat auf dem Rathaus versammelt. Wie eine Mauer aber stand das Volk, der Hexe harrend, links und rechts auf dem Platze vor dem Hexenturm, und als endlich der Schlüssel knarrte und Babette, bleich und abgezehrt, wie ein Schatten, über die Schwelle trat, legte sich auf die Harrenden eine atemlose Stille, in die, über die nahen Dächer her, plötzlich wieder, klar und kräftig, das Posthorn hereinklang. Die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust, damit der Blick der Hexe ihnen kein Unheil antun könne, und die männliche Jugend, der beim Anblick der hübschen Babette das Wasser im Mund zusammenlief, blickte sich zwinkernd an.
Hinter der Hexe ging der Türmer, mit einem alten Hütchen auf dem Kopf, und hielt den Strick, an dessen Enden die Hände der Gefangenen gefesselt waren, in seinen zitternden Fäusten fest.
Da aber geschah etwas Unerwartetes: das bleiche Mädchen, das vor den Blicken der Menge den Blick niedergeschlagen und nur zögernd den Fuß auf die Gasse gesetzt hatte, erhob beim Aufklingen des Posthorns jählings den Kopf: dieser Ton bedeutete Heil und Rettung, und mit einem jähen Ruck riß sich Babette los und flog wie eine aufgescheuchte Taube zwischen der erstarrten Menge hindurch. Niemand wagte es, in der ersten Überraschung, nach der Fliehenden zu greifen, und erst als sie in einem Seitengäßchen verschwunden war, brach die Menge zusammenflutend in ein wildes Geheul aus. Ein altes Männlein schrie, es hätte den Atem des leibhaftigen Satans gespürt; den jungen Frauen tanzten schon die Höllenfunken vor den Augen, und die alten guckten gleich in die Höhe, denn sie zweifelten keinen Augenblick, daß die Hexe sofort ein Wetter machen werde, um die Stadt in einer Sintflut zu ersäufen.
Doch nichts von alledem geschah. Wie der Wind durcheilte Babette ein paar winkelige Gassen und Gäßchen, um den Marktplatz zu erreichen, wo der Gasthof „Zum Elefanten“ stand, in dem die vornehmen Fremden abzusteigen pflegten. Auf dem weiten Platze blieb sie einen Augenblick stehen, um zu verschnaufen. Ihr einziger Gedanke war gewesen, den Reisewagen des Junkers von Collenberg vor dem Gasthaus zu erreichen; da aber kein Fuhrwerk vor der Treppe hielt, flog sie weiter, um durch das Falkentor zu entkommen. Doch schon gellte der Volksruf: „Fangt die Hexe!“ hinter ihr her und erregte die Aufmerksamkeit einiger Fuhrknechte, die vor dem halbverschlossenen Tore beieinander standen und rasch die Arme ausstreckten, um die Fliehende abzufangen. Da bog sie wie der Wind in ein anderes Seitengäßchen ein; doch überall, wohin sie sich auch wenden mochte, überall begegnete sie feindseligen oder lachenden Gesichtern: denn den Frankenthalern war es inzwischen zum Bewußtsein gekommen, daß für die Hexe kein Türlein zum Entwischen offen stand, und nun gedachten sie die Atemlose wie eine Maus bis zu letzter Erschöpfung im Kreise herumzuhetzen und sie erst zu fangen, wenn sie keinen Fuß mehr heben konnte.
So gelangte sie in wilder Hatz ein zweites Mal vor das Falkentor, über dessen Zinnendach nun der Ton des Posthorns noch einmal wie ein ersterbender Hauch aus weitester Ferne hereinklang. Einen Augenblick stand die Atemlose still, um sich zu besinnen: da hörte sie, wie sich das Gejohl und Geschrei ihrer Verfolger nah und näher wälzte, wie es gellend und pfeifend aus allen Gassen zusammenbrauste und über den Dächern zusammenschlug. In jäher Todesangst floh sie in den Turm und stürmte die schmale Holztreppe empor, die aus der Torhalle auf den uralten Wehrgang hinter der Stadtmauer führte, und eilte unter der niederen Bedachung des Umgangs weiter. Und wie ein himmlischer Schutzort glänzte ganz plötzlich das Haus des Ratsherrn Kemmeter vor ihr her, dessen Garten, wie ihr nun einfiel, an die Stadtmauer grenzte. Sie mußte allerdings, um in den Garten zu gelangen, einen Sprung in die Tiefe wagen. Da sie aber schon die Tritte der Verfolger zu hören glaubte, ließ sie sich ohne langes Besinnen von der hölzernen Brüstung des Wehrganges auf ein umgegrabenes Beet fallen und gelangte, bis zum Tode erschöpft, vor die Hintertüre des Flures, deren Klinke dem Drucke ihrer Hand nachgab. Margret, die Schwester des Spitalpflegers, die gerade eine Windel für ein Waisenkindchen säumte, machte große Augen, als Babette Glock wie ein gehetztes Wild in die Stube stürzte und mit hauchloser Stimme um einen Zufluchtsort bat. Die alte Jungfer sah nicht gerade mit liebevollen Augen auf das Mädchen, das als keckes, mundfertiges Wesen in ihrem Gedächtnis lebte und nun, da sie als Flüchtige kam, vielleicht Sorge und Belästigung in das Haus brachte. Da sie nicht wußte, was der nächste Augenblick bringen würde, und sie gewohnt war, nichts ohne ihren Bruder zu tun, löste sie den Strick von den Händen der Erschöpften und sperrte, ohne ein Wort zu sagen, das still vor sich hinweinende Mädchen in eine Bodenkammer. Dann verschloß sie, der weiteren Dinge harrend, die Gassentüre des Hauses. Nach einer Weile hörte sie, wie eine johlende Menge in dem Wehrgang über dem Garten hin und her stürmte; aber es erschien niemand in dem Hause, um nach der Entflohenen zu spähen, und so hielt sie es für angebracht, die dumpf vor sich Hinbrütende zu heiligem Schweigen zu mahnen, da die Magd bald vom Markte heimkäme. Sie fragte unwirsch, ob Babette ein Gläschen Wein wolle, und brummte wie ein Hausdrache vor sich hin, als die Erschöpfte mit aufgehobenen Händen und erloschener Stimme nach dem Ratsherrn verlangte. --
Als der Spitalpfleger eine Stunde später nach Hause kam, ließ sich die Jungfer Margret erst die Flucht der Hexe erzählen, und dann geleitete sie, ohne einen Muckser von sich zu geben, ihren Bruder in die Kammer, wo Babette mit weiten Augen und schwer atmend auf einer niedern Truhe saß. Sie hatte in dem dunklen Gelaß jede Hoffnung auf Rettung verloren und war gewärtig, jeden Augenblick ergriffen zu werden.
„Du hast uns da ein hübsches Süpple eingebrockt,“ sagte der Ratsherr unwirsch, als er gewahrte, wie die Tränen über die Wangen der Gehetzten niederrannen. „Und ich soll’s ausessen, gelt? Aber so ist die Jugend: nur wenn sie uns braucht, kommt sie zu uns, damit wir die Fädchen, an denen sie zappelt, zu einem seidenen Stricklein drehen, um das Glück an ein rechtes Handgelenk zu binden. Wenn wir aber auch am Tischle sitzen wollen, wo sie aus vollen Bechern trinkt, dann heißt es: Geh, du hast dein Teil gehabt! Die Jungfer weiß vielleicht, daß ich französisch parlieren kann und zwei Jahre auf der Akademie in Straßburg gemeines und kirchliches Recht studiert hab? Aber Sie weiß nicht, daß ich mich da auch um andere Dinge gekümmert habe, die auf keinem Kirschbaum wachsen. Und einen Trost von da hab ich mitgebracht: Es kommt immer anders! Die Jungfer muß erst Großmutter werden, eh Sie versteht, was das besagen will. Was aber sollen wir mit Ihr anfangen? Nun, was das Hexensüpplein anbelangt, so soll mir der Rat beim Essen helfen und tüchtig blasen, damit er sich die Zunge nicht verbrennt und, ~vel votando vel consulendo~, lernt, wie Hexenmählchen schmecken. He, Jungfer Glock, Ihr könnt Euch rühmen, den alten Bienenkorb fein in Aufruhr gebracht zu haben. Hört Ihr den Lärm? Nun wird sich zeigen, ob Seine Ehrwürden der Propst recht hat, wenn er behauptet, die Zeit himmlischer Erleuchtung sei nie näher gewesen als heute, Apokalypse dies oder jenes Kapitel. Es wäre zum Lachen, wenn ein fliehendes Frauenzimmerchen den Herren dieses Lichtlein aufgesteckt hätte, damit sie auch sehen, welches Süpplein sie blasen. Und auch die Zunft der Bader wird heut zu tun bekommen.“
Da Babette schwieg, hob Christopher Kemmeter das Kinn der Sitzenden empor und lachte dann: „Was seht Ihr mich an? Habt Ihr vielleicht schon einen schöneren Jüngling gesehen? Was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch bei der keuschen Susanna im Bad ersuchte, meine liebwerte Ehefrau zu werden? Ich möchte auch einmal, wenn ich abends aus dem Ratskeller nach Hause komme, von weichen Pfoten gekrault werden. Meine Schwester ist ein altes Fegefeuer und hat nicht die Hand dazu.“
„Der Herr von Collenberg ist durchgefahren?“ fragte Babette, mit einem Blick, aus dem fast kein Leben leuchtete.
„Mit einer Braut, die sich der Batzenschmelzer aus Mainz geholt hat. Laßt ihn fahren; den seht Ihr niemals wieder.“
Babette Glock sank auf die Truhe zurück und starrte vor sich hin: was sie da vernahm, stieß sie wieder in den Jammer öder Hoffnungslosigkeit zurück, und doch wunderte es sie selbst, daß sie keinen tieferen Schmerz ob dieser Nachricht empfand. Der Spitalpfleger scherzte indessen weiter: „Und ich gefall Euch nicht?“
Da überkam die Reglose jählings ein Gefühl der Beruhigung, und plötzlich erwachte die Schelmin in ihr: „Ich will keine Wittib werden,“ sagte sie seufzend, während ihr die hellen Tränen in die Augen schossen.
Der Ratsherr zwinkerte mit den Äuglein unter seinen buschigen Brauen: „Ihr verurteilt mich ja zu einem raschen Sterben! Aber was habt Ihr, wenn Ihr einen verängstigten Hungerleider nehmt, der nicht lachen kann und seine Bettelsuppe mit saurem Gesicht ißt?“
„Ich hab zuviel gelacht,“ seufzte sie, worauf sie in ihre vorige Trübsal zurücksank.
„Wenn es der Geiß zu wohl wird, geht sie gern aufs Eis. Nichts für ungut, Jungfer: Ihr habt ein Schelmenaug, das schlimmere Dinge verrät, als ein roter Mädchenmund sagen kann. Ich würde Euch gern einen Mann schicken, der meine Sache führen soll; aber ich kenne keinen: zu Frankenthaler Kanzlern nimmt man niemals aufrechte Männer, weil man sie in diesem Amt nicht brauchen kann.“
„Ihr sollt nichts Schlimmes über ihn sagen,“ bat Babette mit leiser Stimme.
„Frauenwille, Gotteswille,“ drohte Christoph Kemmeter mit erhobenem Finger, und in ausbrechender Sorge fügte er hinzu: „Nun aber halt dich still. Es darf keine Seele erfahren, daß wir ein Hexlein beherbergen. Und muckse nicht, wenn unsere Magd, die alte Urschel, auf dem Speicher rumort: den Schlüssel zu der Kammer da hab ich verloren, wenn sie ihn verlangt. Und deiner Tante will ich zur Gemütsberuhigung sagen, sie soll uns doch noch einen Hochzeitskuchen, einen echten Frankenthaler Blatz mit Weinbeeren, backen.“
Da saß nun Babette zum zweiten Male in Gefangenschaft und hatte Muße, über das Wesen der Menschen nachzudenken. Von dem schmalen Giebelfensterchen aus konnte sie einen Teil des Gartens überblicken, der sich hinter dem Hause des Spitalpflegers bis an die Mauer erstreckte, und wenn sie das Köpfchen aus dem Fenster streckte, konnte sie den Duft der Blumen riechen, der aus der stillen Mauergartenwelt in ihre Kammer emporstieg. In dem ummauerten Garten herrschte ein geheimnisvolles Leben: die Amseln huschten zankend über die Beete, ein Brünnlein perlte in ein zerborstenes Becken, und die ersten Rosen glühten aus der grünen Tiefe. Einmal sah sie auch den alten Kemmeter, wie er mit einem Kännchen von Beet zu Beet ging und dann die Faust gegen den Wehrgang schüttelte, über dessen Brüstung von Zeit zu Zeit neugierige Gesichter lugten. Da zog sie sich in das Innere zurück. Sie hatte gehofft, der alte Ratsherr werde in einem Stündchen schon mit dem Geliebten daherkommen, damit sie gemeinsam berieten, wie sie zu ihrer Base in Zell entkommen könne; doch die Stunden zogen sich hin, und erst gegen Abend erschien der Ratsherr mit der Nachricht, der Herr Stadtschreiber habe sich bei einem Hexengespräch gegen jede Würde hinreißen lassen, in einer Weinstube die Hand gegen ein paar Laffen aus der Freundschaft des Bürgermeisters zu erheben, und liege nun mit einer Stirnwunde zu Bette.
„Sie hat den Heldengeist in ihm geweckt,“ scherzte der Alte, und Babette entgegnete leise, aber fest: „Ich werde noch ganz andere Dinge in ihm wecken.“ Aber sie zeigte, zum Erstaunen des Ratsherrn, weiter keine Neugier, Näheres über diese Schlägerei zu erfahren, sondern fragte nur: „Wann kann ich ihn sehen?“
Der Alte versprach, ihren Wunsch zu erfüllen; er habe ihr Versteck noch nicht verraten; aber er werde den Helden am nächsten Tage lebendig oder tot herbeischaffen, und Babette, die in dieser Nacht zum erstenmal wieder traumlos ruhig schlief, erbat sich am nächsten Morgen ein Nähzeug, um ihr Busentuch auszubessern. Die Jungfer Margret sah ihr dabei ein Weilchen zu und brachte dann ein paar Waisenhemdchen herbei, die Babette säumen sollte. Sie hatte sich vorgenommen, dem kecken Ding gehörig auf die Finger zu gucken; aber wenn Babette die leuchtenden Augen aufschlug, blieben der alten Jungfer die Scheltworte in der Kehle stecken, und nur ein Knurren der Abziehenden verriet, daß sie mit sich selber unzufrieden war.
Mit sinkender Nacht betrat Friedrich Lerch, den Dreispitz tief auf die Stutzperücke gedrückt, das Haus des Spitalpflegers. Dieser ließ sich zuerst des weiten und breiten berichten, was die Frankenthaler über die verschwundene Hexe hin und her redeten und wem das Fell von Prügeln juckte; dann ging er hüstelnd in dem Gemach auf und ab, guckte in ein Schränkchen und schloß es wieder zu, stopfte seine holländische Pfeife und holte endlich aus dem Keller eine Kanne Wein, aus der er dem Stadtschreiber fleißig einschenkte. Als er selbst ein paar Gläser getrunken hatte, fing er an: „Friedrich Lerch, ich hab Seinen Vater gekannt, und weiß Er, was mir mein guter Freund, der selige Kammerdirektor Lerch, eines Tages, auf einer Schweinshatz, sagte: ‚Ich hab sieben Buben, und einen, der ist zu allem unbrauchbar. Nicht einmal zum Haferschneiden weiß er sich anzuschicken.‘ -- Ich tröstete den Vater dieses Sorgenbuben und sagte: ‚Laßt ihn lateinisch lernen!‘ Hat Er’s gelernt? Weiß Er, was Horaz vom Tage sagt? ~Carpe diem!~“
Ein bitteres Lächeln umflog den Mund des unbestätigten Kanzlers; doch der Alte fuhr fort: „Hat Er so an den Kosttischen gelächelt, die Er in Altdorf ausgefressen? Nichts für ungut: daß Er mit Seinen Brüdern nicht aus dem Vollen schöpfen konnte, kam daher, daß sich mein getreuer Freund, Sein seliger Vater, zu früh aus dem Staub gemacht hat in ein besseres Jenseits. Nicht ohne Grund: denn ich könnte allerlei Geschichten erzählen, wie man an kleinen Höfen lebt und seine Leute preßt. Als ich das letztemal bei Seinem Herrn Vater in Weiningen weilte, gab er mir ein Reskript zu lesen, dessen Wortlaut ich mir eingeprägt habe. ‚Von Gottes Gnaden, Wir Ulrich Ernst, Fürst von Weiningen (und das und das und so weiter). Lieber, Getreuer! Nachdem Unsere Fürstliche Gemahlin Durchlaucht eine Reise ins Bad nach Pyrmont vorzunehmen gnädigst beschlossen haben, hiezu aber noch ein Reisezuschuß von 500 Dukaten in Gold unumgänglich erforderlich ist, also befehlen Wir dir in Gnaden, besagte Summe aus deiner Amtskasse, in Ermanglung deren aber aus eigenen Mitteln, binnen vierundzwanzig Stunden, bei Vermeidung der Exekution, herbeizuschaffen.‘
Und weiß Er, was Sein Vater tat? Er meldete, daß er aus seinem eigenen Säckel bereits 150 Gulden in die Hofküche gespendet, worauf ihm ein Schreiben zukam: ‚Wir u. s. w. Lieber, Getreuer! Nachdem Wir aus deinem untertänigen Bericht ~de dato hesterno et praesentato hodierno~ in Gnaden ersehen haben, daß ~Pars prima rescripti nostri~ nicht in Anwendung zu bringen, also hat es bei ~Pars secunda~ desselben sein unausbleibliches Bewenden.‘ Das wollte besagen, daß die besagten 500 Dukaten von dem Kammerdirektor Lerch beschafft werden mußten, und daß Seine Mutter später mit der Rentkasse im Streit lag, um ihren hungrigen Buben das Vorgeschossene zu erstreiten. Er weiß auch, daß Sein Vater längere Zeit gelähmt dalag und nur noch das eine Wort ‚Hundsfötter‘ hervorbringen konnte. Ich weiß nicht, wen er damit meinte, kann mir’s aber denken. -- Hundsfötter und Herrgötter gibt einen Reim, womit ich übrigens keine Blasphemie gegen unsern lieben alten Herrgott und Seligmacher an den Mann gebracht haben möchte. Doch nun frag ich Ihn: Was gedenkt Er zu tun?“
Friedrich Lerch zuckte die Achseln.
Doch der Alte fuhr fort, und aus seiner Stimme klang es wie Hohn und Grimm: „Er ist ein studierter Mann. Weiß Er nicht, daß alle Dinge an ein Fädchen geknüpft und so miteinander verstrickt und verwoben sind, daß man kein Mäschlein auflösen kann, ohne ein Löchlein in das Geweb zu machen? Und daß, wer A sagt, auch B sagen muß? Und daß des Herrgotts Boten so leis zur Tür hereinkommen, daß wir gar keine Zeit finden, sie hinauszuwerfen, ehe sie ihre Botschaft an den Mann gebracht haben? Er ist eine brave, aber furchtsame Seele. Hat Er sich’s schon überlegt, daß man damit den Weibsen nicht in die Augen sticht?“
Friedrich Lerch seufzte.
„So denkt Er immer noch an die Hexe? Schlag Er sich das Frauenzimmer aus dem Sinn. Er ist nicht gemacht, um mit Hexen zu leben. Ich rate Ihm, eine gestandene Jungfer zu nehmen, die eine doppelte Aussteuer in ihrer Kammer, einen Gültbrief in ihrem Laden und hundert Kronentaler in ihrem Strumpf versteckt hat. Zwölf Kinder soll Er bekommen, und beim dreizehnten kann Er mich zum Dot bitten.“
„Sie werden sie wieder fangen,“ seufzte der Stadtschreiber, der in einem fort an Babette dachte.
„O, la la,“ lachte der Alte.
„Und ich könnte sie alle an den Galgen bringen, wenn es noch Recht und Gerechtigkeit gäbe,“ schrie Friedrich Lerch, in dem nun der Wein zu wirken begann, ganz plötzlich auf. „Ich habe erst einen Blick in die Vetterleswirtschaft am Ort getan und weiß doch schon, daß sie alle, die hochmögenden Herren, Taschen mit doppelten Böden haben. Der hat einen Sohn und jener eine Tochter, die alle meinen, es schmecke kein Kuchen so süß als der, den sie aus dem Stadtmehl backen. --“